Assimilation (Soziologie)

Assimilation bezeichnet in der Soziologie die Anpassung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen aneinander. Empirisch bedeutet das überwiegend die Anpassung einer Minderheit an die Mehrheit. Assimilation kann auf kultureller (Übernahme von Sprache, Bräuche und Sitten), struktureller (Platzierung auf dem Arbeitsmarkt, im Schulsystem u.ä.), sozialer (Kontakt zu Mitgliedern anderer Gruppen) und emotionaler Ebene (Identifikation mit den anderen Gruppen) erfolgen.

Umstritten ist, ob es sich beim Konzept der Assimilation um ein gezieltes "Aufzwingen" der Eigenschaften und Einstellungen der dominanten Gesellschaft ("Dominanzkultur") handelt oder ob Assimilation lediglich empirische Voraussetzung zur Erreichung gleicher Lebenschancen darstellt, ohne dass damit eine Wertung der Eigenschaften von Minderheiten verbunden wäre.

Üblicherweise wird mit der Assimilation von Einwanderern die Annahme der Sprache (bei gleichzeitiger Aufgabe ihrer eigenen) und der Gebräuche ihres Aufnahmelandes verbunden. So wird, z.B. in Bezug auf das 19. Jahrhundert, auch von einer Assimilation eines Teiles der Juden in die Mehrheitsgesellschaften ihrer Heimatländer gesprochen.

Inhaltsverzeichnis

Theoretische Ansätze

Die wichtigste und nach wie vor als anerkannte Theorie der Assimilation stammt von dem amerikanischen Soziologen Milton M. Gordon, der sie 1964 in seinem Buch "Assimilation in American Life: The Role of Race, Religion and National Origins" aufstellte. Obwohl Gordon vom amerikanischen Beispiel ausging, ist es ihm gelungen, eine Theorie zu entwickeln, die sich auf andere Fälle übertragen ließ und sich in zahllosen Einzelstudien bewährt hat. Er unterteilte den Prozess der Assimilation in sieben Stadien: 1. kulturelle Assimilation (cultural assimilation) - dieses Stadium bezeichnet er synonym auch als Akkulturation (acculturation); 2. strukturelle Assimilation (structural assimilation); 3. eheliche Assimilation (marital assimilation); 4. identifikationale Assimilation (identificational assimilation); 5. attitude receptional assimilation; 6. behavior receptional assimilation und civic assimilation. Die fünf letztgenannten Stadien werden in der jüngeren Literatur durchgehend der strukturellen Assimilation zugerechnet und gelten nicht mehr als eigenständige Form. Anders steht es mit den beiden ersten Stadien – oder Formen – der Assimilation, der kulturellen und der strukturellen. Sie sind der Teil von Gordons Theorie, der breite Rezeption gefunden hat und in modifizierter Form nach wie vor als gültig erachtet wird.

Die Definition von Assimilation, die den heutigen Stand der Forschung zusammenfasst, stammt von J. Milton Yinger: „Assimilation ist ein Prozess der Entgrenzung [boundary reduction], der sich ereignen kann, wenn Mitglieder von zwei oder mehr Gesellschaften oder kleineren kulturellen Gruppen aufeinander treffen. Wenn man sie als abgeschlossenen Prozess betrachtet, ist sie [die Assimilation] die Vermischung von zuvor unterscheidbaren sozio-kulturellen Gruppen zu einer Einzigen. Wenn wir Assimilation jedoch als Variable ansehen, was meiner Ansicht nach unser Verständnis vertieft, stellen wir fest, dass Assimilation von den bescheidensten Anfängen von Interaktion und kulturellem Austausch bis hin zur gründlichen Verschmelzung der Gruppen reichen kann.“ ("Toward a Theory of Assimilation and Dissimilation", in: Ethnic and Racial Studies, Bd. 4, Nr. 3, Juli 1981, S. 249)

Literatur

  • Gordon, Milton M.: Assimilation in American Life: The Role of Race, Religion and National Origins, 1964
  • Yinger, J. Milton: Toward a Theory of Assimilation and Dissimilation, in: Ethnic and Racial Studies, Bd. 4, Nr. 3, Juli 1981
  • Robert D. Putnam: Gesellschaft und Gemeinsinn. Sozialkapital im internationalen Vergleich. Bertelsmann Stiftung, Juli 2001. - ISBN 3-892-04840-1

Weblinks

Siehe auch

Einwanderung, Ethnisierung, Anpassung, Germanisierung

Quelle:
Artikel Assimilation (Soziologie) aus der freien Enzyklopädie Wikipedia mit dieser Versionsgeschichte
Lizenz:
Kategorien:
Bookmarks
delicious wong linkarena google
Sponsoren