Benno Ohnesorg (* 15. Oktober 1940 in Hannover; † 2. Juni 1967 in Berlin) war Student der Romanistik und Germanistik in West-Berlin. Er war dort als Pazifist Mitglied einer evangelischen Studentengemeinde[1] und wollte Gymnasiallehrer werden.
Durch die Umstände seines Todes wurde Ohnesorg bundesweit bekannt: Am 2. Juni 1967 wurde der 26-Jährige bei einer Demonstration unter ungeklärten Umständen von dem Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras erschossen. Dies führte zu einer Ausbreitung und Radikalisierung der damaligen westdeutschen Studentenbewegung.
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Benno Ohnesorg war der zweite von drei Söhnen. Seine Mutter starb, als er neun Jahre alt war. Danach heiratete sein Vater erneut, und Benno bekam noch einen Halbbruder. Nach der mittleren Reife machte er eine Lehre als Schaufenster-Dekorateur, da sein Vater den Besuch einer höheren Schule nicht finanzieren konnte. Er sollte möglichst bald einen Beruf erlernen, um das väterliche Kürschnergeschäft in Hamburg übernehmen und selbstständig ausbauen zu können.
Anfang 1960 bewarb Benno sich wie sein älterer Bruder Willibald beim Braunschweig-Kolleg, um dort das Abitur nachzuholen. In seiner Bewerbung gab er Kunsterzieher als Berufswunsch an und beschrieb seine Interessengebiete: moderne Malerei, moderne Lyrik seit Baudelaire, Shakespeare, klassische griechische und gegenwärtige Dramen, Kammermusik. Er selbst erstelle Plastiken und Linolschnitte, besuche regelmäßig Klavierkonzerte und lese die Deutsche Zeitung für Kunst und Literatur: Panorama:[2]
Die Psychologin des Kollegs, Elisabeth Müller-Luckmann, bescheinigte ihm Sensibilität, Intelligenz, musisches Talent, Eigensinn und große Aufnahmefähigkeit. Er sei introvertiert und eher nachdenklich als tonangebend, habe aber „Ansätze, jemand zu werden, der nicht ganz alltäglich ist“. Er wurde als einer von vierzig aus vierhundert Bewerbern zugelassen, jedoch erst für 1961.
In der Zwischenzeit reiste er durch Europa und arbeitete in Südfrankreich als Erntehelfer bei der Weinlese. Im Oktober 1960 schrieb er von dort an seinen Schuldirektor:[3]
Im Abiturlehrgang freundete sich Ohnesorg mit Eckard P., seinem Zimmergenossen, an. Nach dessen Aussage war er damals nicht politisch, aber vielseitig literarisch und musikalisch interessiert. Er sammelte Schallplatten und hörte u. a. Carl Orff, Maurice Ravel, Dave Brubeck. Ein weiterer Freund unter seinen Mitschülern wurde der spätere Schriftsteller Uwe Timm. Nach dessen Erinnerung las Ohnesorg gern Werke französischer Dichter wie François Villon, Arthur Rimbaud, Guillaume Apollinaire und Stéphane Mallarmé und deutsche Autoren wie Rudolf Hartung, Helmut Heißenbüttel, Franz Mon. Mit Timm zusammen las und diskutierte er Werke von Albert Camus (Der Fremde), Jean Paul Sartre, Samuel Beckett (Molloy), Ernst Bloch (Spuren), Friedrich Nietzsche (Menschlich allzu Menschliches).
Er schrieb selbst Gedichte, veröffentlichte aber nur eines davon unter dem Kryptonym O'Neso:[4]
Das Gedicht erschien in einer von Ohnesorg und Timm gemeinsam herausgegebenen Literaturzeitschrift namens teils-teils, die nur einmal erschien.[5] Beide Freunde glaubten, dass Ohnesorg später ein Dichter, auf jeden Fall ein guter Lehrer werden würde.
1961 bereisten Timm und Ohnesorg London und studierten englische Dichter. Ohnesorg lernte dort eine Chinesin aus Hongkong kennen und begann danach mit ihr eine Brieffreundschaft. Er interessierte sich für Kalligraphie und lernte dafür Chinesisch. Im Sommer 1962 trampte er allein nach Marokko und begann danach, Arabisch zu lernen. 1963 bestand er sein Abitur. Zum Jahreswechsel 1963/1964 verbrachte er seinen Winterurlaub im Harz und betreute dort eine Kindergruppe. Nach Aussage von Eckart P., der ihn begleitete und später Schulleiter wurde, konnte er sehr einfühlsam mit Kindern umgehen.[6]
Nach dem Abitur bewarb sich Ohnesorg 1963 zuerst an der Westberliner Staatlichen Hochschule der Bildenden Künste, wurde dort aber abgelehnt. 1964 begann er in West-Berlin Romanistik zu studieren. Er fuhr öfter nach Ost-Berlin, um sich preisgünstige Bücher zu kaufen und im Theater am Schiffbauerdamm Bühnenstücke von Bertolt Brecht anzuschauen. Dabei lernte er Alex Schubert, einen Chilenen deutscher Abstammung, kennen, dem er die Brechtstücke erklärte und damit nach dessen Aussage sein politisches Interesse weckte. Beide nahmen 1964 am Pfingsttreffen der FDJ teil.
1965 lebte Ohnesorg ein Jahr lang in Paris, um sein Französisch zu verbessern, und arbeitete dort als Lehrer. Im April 1967 heiratete er seine bereits schwangere Frau Christa und wohnte mit ihr als Untermieter in der Prinzregentenstraße in Berlin-Wilmersdorf. Nach Aussagen seiner Freunde interessierte sich Ohnesorg für politische Vorgänge und empörte sich über Ungerechtigkeiten, war aber selbst weder aktiv noch radikal. Er war Mitglied im damaligen Diskussionsclub Argument. Einmal unterschrieb er eine Petition der Kampagne für Abrüstung der Ostermarsch-Bewegung[7], ein anderes Mal ging er zu einer Demonstration gegen die Bildungspolitik des West-Berliner Senats. An seinem Todestag bestellte er die von SPD-Linken wie Carl Guggomos neugegründete Zeitschrift Berliner Extra-Dienst.[8]
Seit der Festnahme von elf Mitgliedern der Kommune I am 5. April 1967, die zu Unrecht eines geplanten Sprengstoffattentats auf US-Vizepräsident Hubert Humphrey verdächtigt wurden, war das Verhältnis zwischen Studenten und West-Berliner Behörden gespannt. Bei einer Demonstration gegen die Festnahme setzte die Polizei erstmals zivilgekleidete „Greiftrupps“ ein, die einzelne Demonstranten aus der Menge griffen, oft dabei misshandelten und dann wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt der uniformierten Polizei übergaben.
In einem Brief an Innensenator Wolfgang Büsch sprach Polizeipräsident Erich Duensing am 13. April von einem „Studentenkrieg“, der nicht mit Polizei, sondern nur mit Staatsanwälten und Gerichten zu bewältigen sei. In seiner Antwort am 8. Mai erwartete Büsch dagegen verschärfte Konfrontation, die größere Polizeiaufgebote notwendig machen würde. Er versicherte Duensing, dass „ihre Vorgesetzten auch dann für sie eintreten, wenn sich bei der nachträglichen taktischen und rechtlichen Prüfung Fehler herausstellen sollten. Das setzt allerdings voraus, dass diese Fehler nicht als Dienstpflichtverletzungen angesehen werden müssen.“[9] Er unterstützte also vorab erwartete Polizeimaßnahmen und wollte diese nicht gerichtlicher Prüfung aussetzen.[10]
Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) organisierte seit dem 24. Mai 1967 an der Freien Universität Berlin (FU) Aktionen gegen den Staatsbesuch von Mohammad Reza Pahlavi, den Schah von Persien. Mit Plakaten, Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen sollten Studenten und Berliner Bevölkerung über dessen diktatorische Politik in Persien aufgeklärt werden. Drei Protestorte gegen den Schah wurden bekannt gegeben: Schöneberger Rathaus, Kurfürstendamm, Deutsche Oper.
Am 1. Juni 1967 beschrieb der Exil-Perser Bahman Nirumand im vollbesetzten Audimax der FU die undemokratischen Zustände in seiner Heimat. Diesen Vortrag hörte auch Ohnesorg und beschloss daraufhin, am Folgetag an Protesten teilzunehmen. Sein Interesse an Persien hatte bereits Nirumands Buch Persien. Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der freien Welt (Rowohlt 1967) geweckt.[11]
Am selben Tag trafen etwa 150 sogenannte Jubelperser mit Sonderflügen in West-Berlin ein. Sie wurden von der persischen Botschaft angeheuert und wahrscheinlich vom persischen Geheimdienst bezahlt.[12]
Am 2. Juni besuchte der Schah West-Berlin für einen Tag. Bei seinem Eintreffen am Schöneberger Rathaus demonstrierten dort rund 400 Schahgegner, riefen „Mörder, Mörder“ und forderten Amnestie für politische Gefangene in Persien.
Den Schahanhängern hatte die Polizei einen Sonderplatz vor den Sperrgeländern zugewiesen. Nach dem Eintritt des Schahs in das Rathaus griffen sie die Gegendemonstranten plötzlich mit Holzlatten, Schlagstöcken und Stahlrohren an und verletzten Dutzende von ihnen, einige schwer. Die anwesende Polizei griff bei der etwa dreißigminütigen Prügelei nicht ein. Der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz erhielt anschließend die Zusage, dergleichen werde abends nicht wieder vorkommen, die Schahanhänger werde man von den Studenten fernhalten.
Wegen dieser Vorfälle, über die der Rundfunksender RIAS direkt berichtete, beschlossen viele Augen- und Ohrenzeugen, abends erneut unangemeldet gegen den Schah zu demonstrieren. Unter ihnen waren Christa und Benno Ohnesorg, der ein Spruchband mit der Aufschrift Autonomie für die Teheraner Universität anfertigte.
Am Abend des 2. Juni besuchte das Schah-Ehepaar die Deutsche Oper. Die Polizei hatte davor Absperrgitter in der Bismarckstraße postiert, die den südlichen Bürgersteig frei ließen, um Passanten den Durchgang zu gewähren. Ein Bauzaun begrenzte diesen Korridor auf der Rückseite. Zwischen Absperrgittern und Bauzaun sammelten sich einige Tausend Demonstranten und Schaulustige.
Ein Räumungsbefehl des Polizeipräsidenten von 18:30 Uhr erreichte den Einsatzleiter Günter Wirth vor der Oper erst um 19:00 Uhr und wurde nicht umgesetzt, weil die Menge inzwischen zu groß geworden war und nicht mehr bis zum Eintreffen der Wagenkolonne des Schahs aufgelöst werden konnte. Daraufhin befahl Duensing dem Einsatzleiter um 19:50 Uhr die Räumung des Opernvorplatzes während der dreieinhalbstündigen Opernvorstellung.[13]
Zuvor griffen Polizeigruppen zu fünft immer wieder wahllos einzelne Zuschauer aus der Menge heraus und verprügelten sie vor aller Augen; darunter auch Sebastian W., der den Einsatzleiter um Mäßigung bitten wollte. Studenten, die auf Bäume oder den Bauzaun kletterten, um mehr sehen zu können, wurden von dort heruntergezerrt und ebenfalls geschlagen und getreten.
Mit der Wagenkolonne des Schahs trafen gegen 20:00 Uhr auch zwei städtische Busse mit persischen Schahanhängern ein. Sie wurden erneut zwischen Polizeigürtel und Zuschauern postiert. Als der Schah und seine Frau mit ihren Gastgebern, darunter Bundespräsident Heinrich Lübke, die Oper betraten, erschallten Sprechchöre wie „Schah, Schah, Scharlatan“, „Mo, Mo, Mossadegh“ , „Schah-SA-SS“. Damit protestierten die Rufer gegen den Sturz und Hausarrest des ehemaligen persischen Regierungschefs, Polizeigewalt und Folter in Persien. Einige Demonstranten warfen Farbbeutel, Mehltüten, Eier, Tomaten und Rauchkerzen, die die Staatsgäste und ihre Begleiter wegen eines Abstand von über 40 m jedoch nicht trafen. Nachdem das Schahehepaar die Oper betreten hatte, wollten die Demonstranten den Platz verlassen.
Albertz erklärte einem Einsatzleiter der Polizei beim Eintritt in die Oper: Ich hoffe, dass sich bei der Abfahrt dieses Schauspiel nicht wiederholt. Dies, so vermutete Albertz in seinen Erinnerungen, sei als Wunsch nach gewaltsamer Auflösung der Demonstration und Räumung der Bismarckstraße aufgefasst worden, obwohl er nicht direkt weisungsbefugt gewesen sei.[14]
Der Student Reiner L. konnte die Straße von einer Baumkrone aus einsehen und bezeugte, dass keine Steine geworfen worden seien. Kurz nach dem Eintritt der Staatsgäste in die Oper hätten sich die Beamten mit gezogenen Knüppeln zu drei Kolonnen in Zweierreihen in der Mitte formiert. Über einen Lautsprecherwagen habe ein Polizeisprecher etwa 20:05 durchgesagt, dass Demonstranten einen Polizisten erstochen hätten. Er habe den Eindruck gehabt, dass dies die Beamten aufstacheln sollte. Nach dem offiziellen Untersuchungsbericht (s.u.) erging diese Durchsage, die bis 23:00 Uhr auch auf dem Kurfürstendamm verbreitet wurde, erst ab 21:00 Uhr und habe keinen Einfluss auf den weiteren Verlauf gehabt. Doch Zeugen hörten vor dem Knüppeleinsatz, dass Polizisten sich darauf bezogen: Nachdem jetzt ein Kollege von uns durch Messerstiche von Demonstranten getötet ist, können Sie nicht erwarten, das wir Sie human behandeln. [15]
Nun begannen die Schahanhänger, mit Dachlatten, Holzknüppeln, Schlagringen und Eisenstangen auf die Demonstranten einzuschlagen; sie sollen auch Steine auf sie geworfen haben. Da Flucht nicht möglich war, brach Panik aus. Erneut wurden viele Beobachter verletzt, ohne dass die Polizei eingriff oder jemand festnahm. Sie ließ die Schläger nach einer Weile durch eine nahegelegene U-Bahnstation abziehen, blockierte dann diesen Ausgang für die Demonstranten und begann ihrerseits, auf diese einzuschlagen.[16]
Die Demonstranten im mittleren Bereich setzten sich spontan auf die Straße, wurden aber nun von allen Seiten verprügelt. Erst nach etwa 20 Minuten forderte die Polizei zum Verlassen des Platzes auf, wie viele Anwesende später berichteten. Ein Ausweichen war kaum möglich, da die Polizei auch das Gelände hinter dem Bauzaun besetzt hatte und Fliehende mit Polizeihunden wieder in den Kessel zurückdrängte. Studenten, die über die Sperrgitter kletterten, wurden zurückgeworfen und -geprügelt. Weitere Beamte verprügelten die Fliehenden am Rande des Kessels, setzten Wasserwerfer und Tränengas gegen sie ein. Eine Demonstrantin erhielt auf die Frage, wohin man denn gehen solle, die Antwort: Zu spät.[17]
Ein Polizist wurde gegen 20:15 Uhr durch einen Steinwurf verletzt. Der angebliche Steinewerfer, Fritz Teufel, war unter den Sitzenden und wurde bereits um 20:10 Uhr verhaftet, nachdem er Tritte in den Unterleib erhalten hatte.[18]
Greiftrupps verfolgten diejenigen, die aus dem Kessel entkamen, bis in Nebenstraßen und Häusereingänge hinein, um „Rädelsführer“ festzunehmen. Dies nannte die Polizei „Fuchsjagd“. Zu einem solchen Trupp in Zivilkleidung gehörte Karl-Heinz Kurras von der Abteilung I für Staatschutz. Er galt als bester Schütze seiner Einheit und war an diesem Abend unter die Demonstranten gemischt gewesen.
Ohnesorg trug an diesem Abend einen Schnurrbart, ein neues, hellrotes Hemd, das ihm seine Frau wenige Tage zuvor geschenkt hatte, dunkle Hosen und so genannte Jesuslatschen. Er beobachtete, wie mehrere Zivilbeamte einen Mann – Hartmut R. – in einen Häuserinnenhof in der Krumme Straße Nr. 66/67 (300 Meter von der Oper entfernt, heute Schillerstraße 29) zerrten. Er trennte sich an der Kreuzung Krumme Straße/Schillerstraße von seiner Frau und folgte mit weiteren Demonstranten dem Mann, um zu sehen, was ihm geschah, und gegebenenfalls zu helfen.
Dabei wurden etwa zehn Personen im Hinterhof von mindestens zehn zivilen und uniformierten Polizisten gestellt. Diese begannen auf sie einzuschlagen. Der Student Götz F. wurde am Boden liegend von drei Beamten verprügelt und getreten. Ein Demonstrant warf einen Taschenschirm auf einen Polizeibeamten, um ihn abzulenken. Dieser nahm den Schirm auf und schlug damit weiter. Die übrigen Studenten versuchten den Innenhof wieder zu verlassen.
Ohnesorg stand wenige Meter entfernt an einer Teppichstange und beobachtete die Szene. Nach anderen Augenzeugen gehörte er selbst zu denen, die der Greiftrupp zuvor als „Rädelsführer“ verdächtigt, deshalb aus der Menge herausgegriffen und in den Hof gebracht hatte. Nach Aussage des Demonstranten Reinhard B., der die Szene auf einer Mülltonne stehend beobachtete, trieb die Polizei dann alle Umstehenden hinaus; nur Ohnesorg habe sich noch im Hof befunden. Der Vorgesetzte von Kurras, Helmut Starke, bezeugte, Ohnesorg habe zu fliehen versucht, worauf Polizisten ihm den Weg abgeschnitten hätten. Erika S. sah, dass drei Polizisten um Ohnesorg herumstanden und ihn verprügelten, worauf er seine Hände halb erhoben habe. Sie habe dies als Zeichen der Ergebung und Beschwichtigung gedeutet. Der beteiligte Polizeibeamte Horst Geier sagte zunächst aus, Ohnesorg sei von drei Beamten im Griff gehalten worden.
Etwa 20:30 Uhr fiel ein Schuss, der Ohnesorg aus etwa eineinhalb Metern Entfernung in den Hinterkopf traf. Einige Zeugen hörten Ohnesorg zuvor schreien, andere hörten den entsetzten Ausruf:[19]Bitte, bitte, nicht schießen! Die Krankenschwester Annemarie K. hörte von der Straße aus den Ruf „nicht schießen“. Dies könnte auch ein Polizist nach dem Schuss gesagt haben, da andere Zeugen einen Wortwechsel zwischen dem Polizeibeamten Horst Geiger und Kurras hörten:
Der Musikstudent Frank Krüger sagte aus:[20]
Andere Zeugen bestätigten, sie hätten Mündungsfeuer in etwa 140–150 cm Höhe über dem Boden gesehen und Ohnesorg fallen gesehen.
Ein Tonband, aufgenommen von dem Toningenieur Rainer Bosch vom Süddeutschen Rundfunk, dokumentiert ein Schussgeräusch und gleich darauf einsetzende „Mörder, Mörder!“-Rufe in der Krummen Straße. Zudem ist darauf der Befehl einer männlichen Stimme hörbar:
Mehrere Journalisten – Uwe Dannenbaum, Bernard Larsson, Jürgen Hentschel – fotografierten die Vorgänge im Hof in diesen Minuten. Auf zwei dieser Fotos, wahrscheinlich Sekunden nach dem Schuss aufgenommen, ist Kurras allein stehend und unbedrängt im sauberen Anzug zu sehen. Die Polizisten – darunter der herbeigeeilte Einsatzleiter – drängten die Fotografen ab und brachten Kurras ins Polizeipräsidium.[21]
Die Augenzeuginnen Christa S., eine unbekannte Frau in Trenchcoat und mit Kopftuch und wenig später die Studentin Friederike Hausmann, geborene Dollinger, drehten den schwerverletzten Ohnesorg auf den Rücken und stützten seinen blutenden Kopf auf das Transparent, das er zuvor getragen hatte, und auf eine Handtasche. Ein berühmt gewordenes Foto von Jürgen Henschel hielt diese Szene fest.[22] Friederike Dollinger, die das Schussgeräusch zwar gehört, aber nicht als Schuss identifiziert hatte, schrie: Was habt ihr gemacht, ihr habt ihn erschlagen, er ist tot und guckt euch das an!
Einer der Journalisten forderte die Polizisten auf, einen Krankenwagen zu holen. Er bekam zur Antwort: Nee, wieso? Das hat Zeit. Alfred Alexander Mentschel hörte den Schuss und ging sofort zum Tatort. Obwohl er sich als norwegischer Schiffsarzt auswies, den Inhalt seiner Arzttasche zeigte und auf seine Berufserfahrung verwies, hinderten ihn Polizeibeamte, dem Verletzten Erste Hilfe zu leisten: Er sei noch nicht approbiert, Norweger dürften nicht in West-Berlin als Arzt arbeiten, der Krankenwagen sei unterwegs. Schließlich wurde er wegen eines Abzeichens der Resistance, der er im Zweiten Weltkrieg angehört hatte, und seiner Erwähnung, er habe in Ostberlin als Arzt arbeiten dürfen, als Kommunist verdächtigt. Der Wortwechsel dauerte zehn Minuten.
Nach weiteren fünf bis zehn Minuten, gegen 20:50 Uhr, traf der Krankenwagen ein. Die Fahrt dauerte ungewöhnlich lange, da mehrere näher gelegene Kliniken die Aufnahme Ohnesorgs verweigerten. Offenbar wurde seine Verletzung nicht als Schusswunde erkannt, oder die Notaufnahme war überfüllt. Der Sanitäter Gerhard G. und die Krankenschwester Jutta B., die selbst von Polizeiknüppeln blutig geschlagen worden war, bemühten sich während der Fahrt um Ohnesorgs Leben. Nach Jutta B.'s Aussage starb er in ihrem Beisein auf dem Transport.
Gegen 21:25 Uhr erreichte der Wagen das Krankenhaus Moabit. Ein Arzt untersuchte den Verletzten kurz und schrie die Sanitäter an, weshalb sie ihm einen Toten gebracht hätten. Laut Krankenhausakte trat Ohnesorgs Tod jedoch erst um 22:55 Uhr ein; als Todesursache wurde „Schädelbasisbruch“ vermerkt.[23]
Am Vormittag des 3. Juni fand im Beisein des Rechtsanwalts Horst Mahler die von Innensenator Büsch angeordnete Obduktion des Toten statt, die zuerst für Montag, 5. Juni, angesetzt worden war.
Dr. Krauland fand Prellungen und Hämatome am ganzen Körper; demnach stand fest, dass Ohnesorg verprügelt worden war.[24] Als tatsächliche Todesursache stellte er einen „Gehirnsteckschuss“ fest. Er zeigte sich überrascht, dass ein sechs mal vier Zentimeter großes Knochenstück der Schädeldecke mit der Einschussstelle herausgesägt worden und die Kopfhaut darüber zugenäht worden war. Dies deuteten Kritiker später als Versuche, die Todesursache zu vertuschen:
Eine sofort angeordnete polizeiliche Suche nach dem Knochenstück blieb ergebnislos. Das Krankenhaus Moabit verwahrte sich gegen die Verdächtigungen; im späteren Freispruch für Kurras (s.u.) wurde bestätigt, der behandelnde Arzt habe Einschuss, Schusskanal und Projektil im Gehirn nicht erkannt.[25]
Benno Ohnesorg wurde am 8. Juni aus Westberlin nach Hannover überführt. Zu Beginn fand eine Trauerfeier im Henry-Ford Bau der FU Berlin statt; danach zogen etwa 15.000 Menschen trotz eines vom West-Berliner Senat erlassenen Demonstrationsverbots zum Grenzübergang Dreilinden, um ihn zu verabschieden.[26] Der Berliner Theologe Helmut Gollwitzer sagte dort:[27]
Hunderte PKWs begleiteten Ohnesorgs Sarg dann durch die DDR, deren Behörden auf die üblichen Grenzkontrollen und Transitgebühren verzichteten. Eine Menge DDR-Bürger, darunter FDJ-Aufgebote und Betriebsdelegationen, grüßte den Konvoi an beiden Grenzübergängen.
Die Überführung auf dem Landweg war ein Wunsch Christa Ohnesorgs. Diese setzte sich damit gegen den Senat durch, der ihr eine Überführung per Flugzeug nahegelegt hatte und finanziert hätte. Die Sperrung der Transitstrecke für sonstigen Verkehr löste Unmut bei vielen westdeutschen LKW-Fahrern aus. Die Braunschweiger Polizei schützte den Konvoi jedoch vor deren Angriffen.
Am Folgetag wurde Ohnesorg auf dem Stadtfriedhof Bothfeld in Hannover beerdigt. Auch daran nahmen Zehntausende teil. In der ganzen Bundesrepublik demonstrierten vom 3. bis 9. Juni 1967 Hunderttausende, darunter etwa 40 Prozent aller Studenten, gegen das Vorgehen der Berliner Polizei.[28]
Im November 1967 gebar Christa Ohnesorg den gemeinsamen Sohn Lukas. Nach dem Tod ihres Mannes befreundete sie sich mit Gretchen Dutschke-Klotz, der Ehefrau des Studentenführers Rudi Dutschke, auf den am 11. April 1968 in West-Berlin ein Mordanschlag verübt wurde. Helmut Gollwitzer, ein enger Freund der Dutschkes, übernahm die Patenschaft für ihren Sohn. Christa Ohnesorg starb 1999.
Heinrich Albertz hörte schon während des Opernbesuchs das Gerücht, ein Student oder Polizist sei erschossen worden. Dennoch fuhr er danach zunächst nach Hause. In den Mitternachtsnachrichten des Rundfunks erfuhr er dann vom Tod Ohnesorgs, nicht aber von seiner Erschießung.[29] Gegen ein Uhr nachts am 3. Juni gab er eine vom Pressechef des Senats Hanns-Peter Herz vorbereitete Erklärung ab:[30]
Damit gab er den Demonstranten die Schuld am Polizeieinsatz und am Tod Ohnesorgs. Für die Angehörigen des Toten fand er auch in den Folgetagen kein Wort.
Polizeipräsident Duensing berichtete Albertz am Vormittag von einem „Querschläger“, der Ohnesorg tödlich getroffen habe. Der Senatssprecher erklärte diese Version auf einer Pressekonferenz, wurde dort aber bereits mit Zeugenaussagen zur Erschießung konfrontiert.
Der Berliner Senat beschloss in einer Krisensitzung am Nachmittag des 3. Juni eine allgemeine 14-tägige „Nichtgenehmigung von Demonstrationen“. Dieses verfassungswidrige faktische Demonstrationsverbot blieb bis zum 12. Juni in Kraft. Ferner forderte Jugendsenator Kurt Neubauer, alle als „Rädelsführer“ Festgenommenen aus Berlin abzuschieben und sich dafür eine entsprechende Anordnung der Alliierten zu besorgen. Andere wollten Demonstranten psychiatrisch begutachten lassen. Dem Vorschlag von Justizsenator Hans-Günter Hoppe folgend richtete der Senat Schnellgerichte für die Festgenommenen ein.[31]
Die SPD-Abgeordneten Gerd Löffler und Dietrich Stobbe, die selbst bei der Demonstration und in der Nähe des Tatorts in der Krumme Straße gewesen waren, drangen in die Senatssitzung ein und berichteten von ihren Beobachtungen. Sie wiesen darauf hin, dass erst die Räumung des Opernvorplatzes die Gewalteskalation beider Seiten bewirkt habe.
Am 8. Juni erklärte Albertz vor dem Abgeordnetenhaus:[32]
Etwa 20 leicht verletzte Polizeibeamten konnten das Krankenhaus am Abend des 2. Juni wieder verlassen. Über die etwa 45 in Krankenhäuser eingelieferten verletzten Studenten dagegen wurde eine tagelange Nachrichtensperre verhängt. Angehörige erfuhren zunächst nichts über ihren Aufenthaltsort und die Schwere ihrer Verletzungen. Schwerverletzten, die ihre Personalien nicht nennen wollten – darunter Jutta B., die Ohnesorgs Transport begleitet hatte –, wurde die Behandlung verweigert.
Die Berliner Polizeigewerkschaft verlangte am 3. Juni schärfere Maßnahmen gegen das „zügellose Treiben dieses Mobs“ und ein Abgehen vom Kurs der „weichen Welle“ bei der „Behandlung dieser Kriminellen.“ Die Polizei verhinderte weitere Demonstrationen mit Straßensperren und massiver Präsenz und riegelte auch den Campus der FU ab. Ein Polizeiplakat erklärte das Demonstrationsverbot wie folgt:[33]
Nach dem Polizeibericht, der sich ausschließlich auf Aussagen der anwesenden Polizisten stützte, sollte Kurras in Notwehr geschossen haben. Dieser gab in den Folgetagen drei verschiedene Versionen des Tathergangs an, die nur im ersten Punkt übereinstimmten: Er habe sich von den Demonstranten bedroht gefühlt, daraufhin seine Waffe gezogen und entsichert.
Die dritte Version vertrat er – ohne Widerspruch seitens der Behörden – monatelang in der Presse und später auch in seinem Prozess.
Polizeipräsident Duensing war spätestens gegen ein Uhr nachts am 3. Juni darüber informiert, dass ein Polizist den Studenten erschossen hatte. Er beschrieb am 5. Juni gegenüber Journalisten, man habe eine „Leberwurst-Taktik“ angewandt: Nehmen wir die Demonstranten wie eine Leberwurst, nicht wahr, dann müssen wir in die Mitte hineinstechen, damit sie an den Enden auseinanderplatzt.[35]
In West-Berlin beherrschten die Zeitungen des Verlages Axel Springer AG mit 66,5 Prozent Anteil den Printmedienmarkt. Von sechs Journalisten, die sich in der Krummen Straße nahe beim Tatort aufhielten, berichtete Michael Müller, ein Reporter der Berliner Morgenpost, als Erster, dass es einen Toten gegeben habe. Von einem Schuss erfuhr er nichts. In einem Teil der Auflage vom 3. Juni hieß es daraufhin:[36]
Die Berliner Bildzeitung berichtete am Folgetag unter der Schlagzeile „Blutige Krawalle: 1 Toter“:
Abgebildet wurde daneben ein blutender Polizist. Der Kommentar lautete:
Die B.Z. schrieb im Leitartikel:
Darunter war eine nachweislich durch Polizeiknüppel am Kopf verletzte Studentin, die von Polizisten abgeführt wird, abgebildet mit der Bildzeile: Eine blutüberströmte Frau wird in Sicherheit gebracht. Der Kommentator schrieb:
Am 4. Juni war der Todesschuss allgemein bekannt geworden. Im Kommentar der Berliner Morgenpost hieß es nun:
Die Welt am Sonntag schrieb zum Tathergang:[38]
Diese Version vertraten nun alle Zeitungen des Springerverlages. Am 5. Juni schrieb die Bild-Zeitung unter der Schlagzeile „Studenten drohen: Wir schießen zurück“:
Der Autor des Artikels erklärte, Überschrift und angebliches Zitat seien dem Text ohne sein Wissen hinzugefügt worden.[39]
Nur die Zeitschrift Der Abend vertrat in West-Berlin eine differenziertere Sicht und bemühte sich um Unparteilichkeit.[40]
Karl Heinz Bohrer kritisierte für die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 12. Juni 1967 den Polizeieinsatz scharf:[41]
Heinz Grossmann kommentierte Ende Juni in der Zeit im Blick auf die Mitwirkung der „Jubelperser“:[43]
Sebastian Haffner schrieb als Kolumnist für den Stern einen äußerst scharfen Kommentar unter dem Titel Nacht der langen Knüppel:[44]
Am 3. Juni um 15:00 Uhr wollten die Studenten vor dem Schöneberger Rathaus eine Trauerkundgebung durchführen. Nachdem ein Polizeiaufgebot dies verhinderte, versammelten sich nach und nach über 6.000 trauernde Studenten auf dem FU-Gelände zu einem Sit-in. Während der Hochschulrektor die Polizei rief, um die Versammlung gewaltsam aufzulösen, öffnete der Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät den Studenten die Hörsäle. Einen Räumungsbefehl des Senats zog Albertz kurzfristig zurück.
Rudi Dutschke verlangte dann den Rücktritt des Regierenden Bürgermeisters, des Polizeipräsidenten und Innensenators sowie eine „Entfaschisierung“ der West-Berliner Polizei und die Löschung aller behördlichen „schwarzen Listen“ über potentielle politische Oppositionelle. Klaus Meschkat forderte die Enteignung des Springerkonzerns aufgrund verfassungsrechtlicher Bestimmungen West-Berlins und des Grundgesetzes. Der Mörder Ohnesorgs solle bestraft, Staatsempfänge für Diktatoren sollten verboten werden.
Diesen Forderungen stimmten die Versammelten zu. Unter ihnen waren Günter Grass und die Professoren Erich Kuby, Richard Löwenthal, Helmut Gollwitzer, Margherita von Brentano und Jakob Taubes. Der AStA der FU setzte einen „Vorbereitenden Untersuchungsausschuss“ ein, der Ursachen, Tatbestände und Konsequenzen der Vorfälle ermitteln sollte.
Zum Schah-Besuch in Hamburg am 3. Juni kam es dort zu schweren Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei.
Die Vollversammlung aller Fakultäten der FU beschloss am 5. Juni, neben einem Ermittlungsausschuss auch ein Komitee zur Aufklärung der Bevölkerung sowie ein Aktionskomitee zur Organisierung der Trauerfeierlichkeiten zu bilden. Letzteres traf sich in Christa Ohnesorgs Wohnung. Der studentische Ermittlungsausschuss bat Zeugen, sich nur bei ihm zu melden und weder bei der Polizei noch vor anderen offiziellen Gremien auszusagen, da man Manipulationen ihrer Aussagen und Strafverfolgung fürchtete. Etwa 600 Personen folgten dem Aufruf. Fast alle widersprachen den von der Polizei vertretenen Tathergangsversionen. Sie versuchten zudem, Polizisten, die Ausschreitungen begangen hatten, anhand von Fotos und Wiedererkennung namhaft zu machen und anzuzeigen.
Der nichtstudentischen Öffentlichkeit wurden diese Maßnahmen und Forderungen wegen des Demonstrationsverbots und der Stellungnahme fast aller Berliner Zeitungen gegen die Studenten zunächst nicht bekannt. Daraufhin beschloss die Studentenvollversammlung der FU am 7. Juni, den Lehrbetrieb eine Woche lang durch Diskussionen über die Vorgänge und weitere Schritte dazu zu ersetzen. Erst durch Sonderausgaben der ZEIT, des SPIEGEL und der Frankfurter Rundschau fanden die studentischen Forderungen in den Folgetagen öffentliche Resonanz.[45]
Das Aufklärungskomitee versuchte die Bevölkerung über Falschdarstellungen von Behörden und Medien zu informieren und eine Gegenöffentlichkeit dazu zu schaffen. Mit Flugblättern, Straßenständen und öffentlichen Diskussionen gelang dies auch zum Teil.[46]
Die Zeitschrift konkret gab am 7. Juli 1967 einen ersten umfassenden Sonderbericht unter der Überschrift „Bitte, bitte, nicht schießen!“ heraus, der Eindrücke von etwa einem Dutzend Zeugen der Vorgänge im Hinterhof Krumme Straße 67 schilderte. Diese Aussagen hatte Horst Mahler gesammelt, der die Witwe Ohnesorgs vertrat. Auch der Spiegel und die Zeit sammelten Zeugenaussagen zum Verlauf des Geschehens vor und nach dem tödlichen Schuss auf Ohnesorg (wiederaufgelegt in Der Spiegel spezial, Juni 1988 und Die Zeit, Magazin Nr. 25, 1992).
Am Abend des 9. Juni fand in der Niedersachsenhalle in Hannover ein kurzfristig einberufener Kongress zum Thema Hochschule und Demokratie mit etwa 5.000 Teilnehmern statt.[47] Dort wurden Folgerungen aus der Tötung Ohnesorgs und den Erfahrungen mit Polizei, Behörden und Medien diskutiert. Bei diesem Anlass rief Dutschke zur Bildung von Aktionszentren in allen Universitätsstädten auf, die Sitzstreiks gegen Demonstrationsverbote organisieren sollten.
Abends nach Dutschkes Abreise sprach Jürgen Habermas von einem „begründeten Verdacht auf Terror“ seitens der Staatsbehörden, der juristische und politische Folgen haben müsse, da anderenfalls die Einschränkung der Demokratie für jeden Bürger manifest sei. Er warnte aber vor Gegengewalt seitens der Studenten, deren „voluntaristische“ Begründung er als Linksfaschismus bezeichnete.
Der am 7. Juni vom Westberliner Abgeordnetenhaus eingesetzte parlamentarische Untersuchungsausschuss begann am 23. Juni seine Arbeit und tagte unter dem Vorsitz von Gerd Löffler bis September. Seine Aufgabe war, 1. Verursacher von „Zwischenfällen und Unruhen“ an der FU und in der Öffentlichkeit festzustellen und 2. das Verhalten von Demonstranten und Polizei beim Schahbesuch „unter Hinzuziehung staatsanwaltlicher Ermittlungsergebnisse“ zu untersuchen. Ab der zweiten Sitzung wurde die zweite Aufgabe vorgezogen.
Der Ausschuss versuchte die Entscheidungsabläufe aufzuklären, die zur Einrichtung eines Korridors vor der Oper, Postierung von Schahanhängern vor der Polizei und zum Prügeleinsatz geführt hatten. Innensensator Büsch hatte die Freigabe des südlichen Gehwegs vor der Oper bereits am 30. Mai mit dem Kommandeur der Schutzpolizei, Hans-Ulrich Werner, besprochen, um „die Störer auf einem Haufen zu haben“. Georg Moch, der stellvertretende Polizeipräsident, hatte diesen Plan abgelehnt.
Albertz und Staatssekretär Ernst Benda vom Bundesinnenministerium hatten mit dem Protokollchef des Senats und dem Bundespräsidenten verabredet, den Vorplatz der Oper weiträumig zu sperren. Albertz ließ dies der Senatsinnenverwaltung mündlich und schriftlich mitteilen. Doch der zuständige Senatsrat Hans-Joachim Prill gab dies nicht weiter: Der Dienstweg sei nicht eingehalten worden; der Regierende Bürgermeister habe kein direktes Weisungsrecht gegenüber der Polizeibehörde. – Weshalb Prill seinen Vorgesetzten Duensing nicht informiert hatte, blieb ungeklärt. Zudem kam heraus, dass er die Berliner Polizeiführung nicht über das Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes vom Februar 1967 informiert hatte, das die Verhältnismäßigkeit der Mittel auch im Fall von Krawallen anmahnte.
Duensing hatte die Weisung des Regierenden Bürgermeisters ebenfalls abgelehnt, warf dem Protokollchef Ruprecht Rauch vor dem Ausschuss aber vor, er habe ihn nicht über die gewünschte weiträumige Absperrung unterrichtet. Er habe erst am 1. Juni von den „Jubelpersern“ erfahren; wer ihre Sonderflüge nach Berlin gebucht hatte, blieb ungeklärt. Er habe angeordnet, sie nicht vor den Gegendemonstranten, sondern „gut verpackt“ (hinter dem Polizeigürtel) am Rand zu postieren. Wer dies missachtete, blieb ungeklärt. Kriminaloberst Hans Kaiser hatte vormittags am 2. Juni vergeblich auf die Gefahr aufmerksam gemacht, die von den direkt vor den Studenten postierten „Jubelpersern“ ausgehe. Ungeklärt blieb ferner, warum Pflastersteine und Hartgummiringe auf dem Bauplatz südlich des Gehwegs zugänglich waren, obwohl die Polizei diesen Bereich kontrollierte, und wer über 100 Krankenwagen an den Ort der erwarteten Proteste bestellt hatte.[48]
Der Ausschuss verhörte einige der festgenommenen Studenten und warf ihnen Beleidigung, Körperverletzung, Sachbeschädigung, Landfriedensbruch, Strafbegünstigung und Widerstand gegen die Staatsgewalt vor, auch wenn sie dieses bestritten und andere Augenzeugen von widerstandslosem Verhalten berichteten. Im Blick auf die Polizei rügte der Ausschuss nur unterbliebene Ermittlungen gegen die Schahanhänger und das Verhalten einzelner Polizeibeamter. Er billigte das Vorgehen der Einsatzkräfte und stellte fest, es sei rechtmäßig, wenn auch nicht immer verhältnismäßig erfolgt. Er empfahl, den Einsatzleiter der Abteilung III in der Senatsverwaltung für Inneres zu entlassen und den Polizeipräsidenten vorzeitig zu pensionieren. Damit räumte er deren Mitverantwortung ein. Weitere Konsequenzen forderte er nicht.
Der AStA warf dem Ausschuss in seinem eigenen Untersuchungsbericht vor, er habe studentische Zeugenaussagen kaum berücksichtigt, führe fast nur Behauptungen und kaum Beweise auf und sei in seinen wichtigsten Thesen fragwürdig und falsch. Diese Kritik überging das Berliner Abgeordnetenhaus und nahm den Ausschussbericht ohne Einwände an.[49]
Nach der Veröffentlichung des parlamentarischen Untersuchungsberichts trat Berlins Innensenator Wolfgang Büsch, der seinen Amtsverzicht zuvor zweimal angeboten hatte, als für den Polizeieinsatz am 2. Juni Verantwortlicher am 19. September 1967 zurück. Polizeipräsident Erich Duensing, der den Einsatz vorbereitet hatte, wurde am 7. Juni auf eigenen Wunsch beurlaubt und am 22. September vorzeitig in Pension geschickt.
Heinrich Albertz war in den Zwischenmonaten – nicht zuletzt durch intensive Gespräche mit Helmut Gollwitzer und Bischof Kurt Scharf, der den Studenten Kirchenräume für Diskussionstreffen zur Verfügung stellte – allmählich von seinem bedingungslosen Rückhalt für die Polizei abgerückt. Am 15. September 1967 im Abgeordnetenhaus führte er den Polizeieinsatz auf falsche Ost-West-Front-Denkmuster zurück und erklärte auf Vorhaltungen, er habe eine zu weiche Haltung gegenüber den Studenten eingenommen:[50]
Dies bezog sich auf seine nächtliche Rechtfertigung des Polizeieinsatzes und Schuldzuweisung an die Studenten. Wegen Intrigen des rechten Parteiflügels, der ihn seit seinem Amtsantritt im April 1967 stürzen wollte, fand eine Neubesetzung des Innenressorts keine Mehrheit. Daraufhin trat Albertz am 26. September 1967 zurück.[51]
Karl-Heinz Kurras blieb im Polizeidienst. Gegen ihn wurde ein Verfahren wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung eingeleitet; eine Anklage auf Totschlag wurde nicht zugelassen. In der Hauptverhandlung sagte er aus, er sei in dem Hinterhof von „zwei jungen Männern mit blitzenden Messer“ bedroht worden. Darauf habe er aus seiner Dienstpistole einen Warnschuss abgegeben. Dann sei er „brutal niedergeschlagen“ worden. Dabei habe sich „durch das Zerren und Ziehen der verhängnisvolle zweite Schuss gelöst“, der Ohnesorg traf.[52]
Keiner von 83 Zeugen – auch keiner der beteiligten Kollegen von Kurras – hörte einen Warnschuss, sah Messer, ein Handgemenge und Kurras am Boden liegen. Keiner der Festgenommenen hatte Messer oder andere Waffen bei sich gehabt. Ein zweites Projektil und eine Hülse blieben unauffindbar. Eine Spurensicherung am Tatort hatte nicht stattgefunden; das Pistolenmagazin von Kurras war sofort ausgetauscht worden. Auch das von der tödlichen Kugel durchschlagene herausgesägte Schädelstück blieb verschwunden. Während Duensing behauptete, Kurras habe bei seiner Ankunft im Präsidium ausgesehen wie „zweimal durch den Dreck gewälzt“, sagte der Abteilungsleiter Alfred Eitzner aus, er habe gegen 23 Uhr am Anzug von Kurras weder Blut noch Grasflecken bemerkt.
Nur die Ehefrau eines Polizisten, die im Haus über dem Innenhof wohnte, bestätigte die Tathergangsversion des Angeklagten. Sie meldete sich erst kurz vor Prozessende und behauptete, sie sei bei der Vernehmung nicht nach ihren Beobachtungen auf dem Hof gefragt worden. Der Vernehmungsbeamte bestritt dies. – Die Aussage eines neunjährigen Jungen wurde als unglaubwürdig eingestuft: Er hatte den Todesschuss vom Küchenfenster seiner Wohnung aus beobachtet und konnte Kurras und Ohnesorg eindeutig an ihrer Kleidung identifizieren. Er sah weder Messer noch einen Kampf zwischen Kurras und Studenten. – Auch das Tonband von Rainer Bosch wurde nicht als Beweismittel zugelassen, der Befehlsgeber an Kurras nach dem Schuss wurde nicht ermittelt.
Die Beweisaufnahme ergab zweifelsfrei, dass keine Notwehrsituation vorlag und Ohnesorgs Tötung rechtswidrig war. Einen psychologischen Test verweigerte Kurras. Die Gutachterin – diesselbe Psychologin, die Ohnesorg bei seiner Bewerbung am Braunschweigkolleg beurteilt hatte – konnte daher nichts Sicheres über eine „potenziell aggressive Verhaltensweise“ des Angeklagten feststellen.
Am 21. November 1967 sprach die 14. Große Strafkammer des Landgerichts Moabit ihn frei. In der Urteilsbegründung stellte der Richter fest: Kurras weiß mehr als er sagt, und er hinterlässt den Eindruck, als wenn er in vielen Dingen die Unwahrheit gesagt hat.[53] Ohnesorg habe selbst am Boden gelegen und sei wahrscheinlich sogar noch nach dem Todesschuss verprügelt worden.[54] Doch das Gericht habe „keine Anhaltspunkte für eine vorsätzliche Tötung oder eine beabsichtigte Körperverletzung durch einen gezielten Schuss“ gefunden:[55]
Es sei auch „nicht widerlegbar, dass er sich in einer lebensbedrohlichen Lage glaubte“.[56] Die Reaktion des Angeklagten auf eine subjektive empfundene Lebensgefahr nannte der Richter „putative Notwehr“.
In einer Revisionsverhandlung des Bundesgerichtshofs, die Otto Schily als Vertreter des Nebenklägers, Benno Ohnesorgs Vater, erreichte, wurde Kurras erneut aus Mangel an Beweisen freigesprochen. [57]
Nach einem Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts gab es für den Schlagstockeinsatz vor der Oper keine Rechtsgrundlage. Auch der Einsatz von Greiftrupps sei von vornherein nur zur Konflikteskalation geeignet gewesen.
Dennoch wurden nur 13 von 200 angezeigten beteiligten Polizeibeamten angeklagt. Drei Polizeihauptwachtmeister wurden wegen Körperverletzung im Amt zu je sechs Wochen Gefängnis verurteilt. Drei von sechs angeklagten persischen Geheimdienst-Beamten wurden bestraft. Die übrigen Verfahren wurden meist wegen unmöglicher Tatsachenfeststellung eingestellt: darunter die gegen Thomas Haase, Ulrich Kremkus und Klaus Nickstat, die Ohnesorg und andere im Innenhof verprügelt hatten.[58] Die Untersuchungsergebnisse des AStA-Ausschusses wurden bei der Beweisaufnahme nicht berücksichtigt.[59]
45 festgenommene Studenten wurden meist nach wenigen Tagen wieder auf freien Fuß gesetzt. Nur Fritz Teufel blieb bis zum 10. August 1967 in Untersuchungshaft und wurde einen Monat später erneut in Haft genommen. Der Staatsanwalt versuchte, ihn in die Psychiatrie einzuweisen. Am 27. November 1967 wurde der Prozess gegen ihn eröffnet. Die Anklagevertreter forderten eine mehrjährige Haftstrafe wegen Landfriedensbruchs. Doch sein Anwalt Horst Mahler konnte nachweisen, dass Teufels Festnahme fünf Minuten vor dem angeblichen Steinwurf stattfand. Am 22. Dezember 1967 wurde er freigesprochen.
Für viele damalige Studenten war die Erschießung von Benno Ohnesorg ein unmissverständliches Zeichen der Gewaltbereitschaft staatlicher Behörden und für die Unterdrückung von Protest für Menschenrechte. Sie brachten den geplanten Prügeleinsatz mit der Vorbereitung der Notstandsgesetze in Zusammenhang und betrachteten ihn als „Notstandsübung“ des Staates gegen kritische Minderheiten.[60] [61]
Diese Sicht vertrat auch Klaus Rainer Röhl, Herausgeber der Zeitschrift konkret:[62]
Ohnesorgs Tod wurde daher zum Signal für die Radikalisierung der APO. Seine Erschießung markiert eine deutliche Zäsur in der politischen Auseinandersetzung im Westdeutschland der 1960er Jahre.[63] [64] Unmittelbare Auswirkungen hatte dieses Ereignis auf die außerparlamentarische Kritik an der Justiz, auf die Kampagne gegen den Axel Springer Konzern und die Kritik an der Pressekonzentration, sowie auf die Kampagne gegen die Notstandsgesetze. Die Arbeit des studentischen Aufklärungskomitees führte im Februar 1969 zur Gründung der Zeitschrift agit 883. In den folgenden anderthalb Jahren schwoll auch die internationale studentische Protestwelle enorm an. In der Bundesrepublik kam es nun häufiger zu teils gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei. Zugleich nahmen die Aufklärungs- und Reformversuche an den Hochschulen zu. Erstmals gerieten auch die Polizeiausbildung und die von ihr angewandten Methoden in die öffentliche Kritik.
Die Debatte über die Lehren aus Ohnesorgs Tod begünstigte den Zerfall des SDS in undogmatische linke Gruppen, die sich teilweise für die „Dritte Welt“ einsetzten, und viele dogmatisch verfeindete sogenannte K-Gruppen.
Der Todestag Ohnesorgs wurde auch zum Ausgangspunkt des westdeutschen Terrorismus der 1970er Jahre. Bereits am Abend des 2. Juni 1967 und noch vor Bekanntwerden des Todesschusses verlangte Gudrun Ensslin im SDS:[65]
Zwar fand dies keine Zustimmung, doch wurde „Widerstand“ für manche nun tendenziell mit Gewaltaktionen gegen Sachen, später auch Personen, gleichbedeutend. So erklärt Ralf Reinders die Namensgebung der Bewegung 2. Juni wie folgt:[66]
Auch die RAF bezog sich ausdrücklich auf Ohnesorgs Todesdatum, leitete daraus ihre prinzipielle Staatsfeindschaft ab und rechtfertigte ihre Gewalt damit.[67]
Am 8. Juni 1967 stellten Studenten vor der Oper ein Holzkreuz zum Gedenken an Benno Ohnesorg auf, das die Polizei zunächst wieder entfernte. In der Nacht des 17. Juni 1967 benannten einige SDS-Mitglieder, darunter Rudi Dutschke, die Straße des 17. Juni in „Straße des 2. Juni“ um.
1971 schuf der Bildhauer Alfred Hrdlicka das Bronzerelief „Der Tod des Demonstranten“, das erst 1990 vor der Deutschen Oper aufgestellt werden durfte. An seinem Fuß findet sich eine Gedenktafel mit folgender Inschrift:[68]
Am Ort des Todesschusses selbst fehlt jedoch jeder Hinweis auf das Ereignis.[69]
Wiglaf Droste gründete 1991 das Benno-Ohnesorg-Theater für satirische Lese- und Liederabende.
In seiner Heimatstadt Hannover ist seit 1992 eine Brücke über die Ihme nach Ohnesorg benannt, die allerdings trotz Denkmalschutz einem neuen Brückenbau weichen soll.[70]
Zum 30. Todestag Ohnesorgs 1997 fand im Audimax der Technischen Universität Berlin ein dreitägiger Ohnesorg-Kongress statt, der sich dem Rückblick auf Entwicklung und Wirkung der Studentenbewegung widmete.[71]
Der Schriftsteller Uwe Timm hat seinem ehemaligen Braunschweiger Mitschüler 2005 mit der Erzählung Der Freund und der Fremde ein literarisches Denkmal gesetzt.
Zum 40. Todestag Ohnesorgs erschien eine detaillierte Recherche zum Tathergang von Uwe Soukup, für die er fünf Jahre lang Zeugen befragte und Quellen studierte. Zahlreiche Medien erinnerten an die damaligen Ereignisse und warnten vor ähnlicher Gewalteskalation bei Demonstrationen zum G8-Gipfel in Heiligendamm 2007.
Die Berliner Polizei ehrte Ohnesorg erstmals am 2. Juni 2007 bei einer Gedenkfeier an der Deutschen Oper mit einem Kranz.[72]
Die Bezirksverordnetenversammlung von Charlottenburg-Wilmersdorf hat die Bezirksverwaltung zweimal mehrheitlich aufgefordert, den Platz am nordöstlichen U-Bahn-Eingang „Deutsche Oper“ (Ecke Krumme Straße/Bismarckstraße) „Benno-Ohnesorg-Platz“ zu nennen. Der CDU-Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler verweigerte dies zusammen mit dem Stiftungsrat der Oper, die Eigentümerin des Platzes ist, und der Kulturverwaltung im Roten Rathaus bisher.[73][74]
Recherchen zum Ablauf
Foto- und Tondokumente
Darstellungen im Kontext der Studentenbewegung
Fiktion
Zeitgeschlichtlicher Kontext
Verlauf
Bilder
Zeitzeugen
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