Binnendüne

Binnendüne in der Oberrheinebene
Binnendüne in der Oberrheinebene

Binnendünen und Flugsandfelder werden in Mitteleuropa räumlich von den Küstendünen an der Nord- und Ostseeküste abgegrenzt. Sie sind vom Wind hervorgebrachte (äolische) Bildungen aus Sand (Dünen). Sie wurden überwiegend unter kaltklimatischen (periglazialen) Bedingungen am Ende der Weichsel- beziehungsweise Würm-Eiszeit, also vor etwas mehr als 10 000 Jahren, aufgeweht. Ihre Entwicklung in der Nacheiszeit basiert überwiegend auf den Einfluss des Menschen.

Inhaltsverzeichnis

Entstehung der Binnendünen

In Mitteleuropa war es in der ausgehenden Weichsel- beziehungsweise Würm-Eiszeit ca. 10 Grad kälter als heute. Es gab daher keinen Baumwuchs und auch nur eine lückenhafte Vegetationsdecke in Form der Tundra. Zudem musste sich in den von den Gletschern erreichten Gebieten mit dem Rückschmelzen des Eises die Vegetation erst wieder neu etablieren. Somit konnte die Kraft der Winde nahezu ungebremst wirken. Leichte, feinkörnige Bodenpartikel, vor allem Schluff und Sand wurden von den Luftströmen erfasst, oft kilometerweit verfrachtet und an anderer Stelle wieder abgelagert. Durch die sortierende Wirkung des Windes - Schluff wird deutlich schneller transportiert als Sand - entstanden so im Laufe der Zeit vielerorts Flugsandflächen und Dünen, während der Schluff weiter transportiert wurde und, beispielsweise am Nordrand der Mittelgebirge, als Löss wieder abgelagert wurde.

Die Dünen waren bei starken Winden in der Lage zu „wandern“. Die meisten der heute existierenden Binnendünen wurden zu dieser Zeit angelegt. Mit dem Ende der Eiszeit kam die Aktivität der Dünen in Folge der Wiederbewaldung schnell zum Erliegen.

Die Form der Binnendünen schwankt je nach den herrschenden Windrichtungen und -stärken. Meist handelt es sich um eher unregelmäßige Dünen oder Flugsanddecken. Es kommen aber auch sehr gut ausgebildete Parabeldünen und Längsdünen vor.

Nahezu alle jüngeren Phasen, in denen es zur Weiterentwicklung der Binnendünen kam, sind mit den Eingriffen des Menschen auf die Vegetationsdecke verbunden. Durch gewollte oder ungewollte Rodung des Waldes wurden festgelegte Binnendünen wieder aktiviert. Anhand der in den Dünen eingeschlossenen Holzkohlepartikel und ihrer Datierung mit der Radiokohlenstoffmethode konnte festgestellt werden, dass bereits mit den Siedlern der Jungsteinzeit Dünen wieder reaktiviert wurden. Aber auch in der Bronze- und Eisenzeit gab es durch den Menschen bedingte Dünenaktivität.

Binnendünen im Mittelalter und in der Neuzeit

Nach der Völkerwanderungszeit begann im Mittelalter einer der Hauptphasen der Waldzerstörung und damit der Aktivierung von Dünen. Die Sandverwehungen wurden für viele Siedlungen zu einem ernsten Problem. Um ihre Weideflächen und Siedlungen vor den Sandverwehungen zu schützen, begannen die Menschen während des Mittelalters die Dünen mit genügsamen und tiefwurzelnden Gehölzen, z. B. mit Kiefern zu bepflanzen. Dennoch setzte sich, auf Grund der starken Beweidung, die Aktivität der Binnendünen bis in die Neuzeit fort. Erst ab dem 18. Jahrhundert begannen systematische Aufforstungen der Dünengebiete, so dass aktuell in Deutschland nur noch ganz vereinzelt Binnendünen aktiv sind. Die Wald-Kiefer (Pinus sylvestris) ist heutzutage der charakteristische Waldbaum (Leitart) für Flugsandgebiete und Binnendünen.

Bedeutung und Gefährdung der Binnendünen

Silbergras (Corynephorus canescens)
Silbergras (Corynephorus canescens)

Großflächige Sandabgrabungen für bauliche Maßnahmen (z. B. Siedlungs- und Straßenbau) sowie die seit dem 19. Jahrhundert sprunghafte Ausdehnung des Spargelanbaus und die allgemeine Zersiedelung und Verbauung der Landschaft haben in den letzten Jahrhunderten zu einem spürbaren Rückgang dieses bereits seltenen Biotoptyps geführt. Die Gefährdung ist dabei in Deutschland regional unterschiedlich. Während es im dünnbesiedelten und sandreichen Brandenburg noch zahlreiche Trockenbiotope auf Dünen gibt, gelten sie in Nordrhein-Westfalen als extrem bedroht. Auch die außerhalb der Kernbereiche der Binnendünen liegenden Flugsandflächen sind aus artenschutzrechtlicher Betrachtung unbedingt schützens– und erhaltenswert.

Die hohen Temperaturen und Verdunstungsraten während der Sommermonate sowie die allgemeine Nährstoffarmut bedingen ein reiches Arteninventar an wärme- und trockenliebenden Pflanzen- und Tierarten (z. B. Sandrasenvegetation, Heuschrecken, Wildbienen).

Der sandige Boden ist nicht in der Lage, größere Mengen an Wasser zu speichern. Charakterarten der Dünen sind der Sandthymian (Thymus serpyllum), das Silbergras (Corynephorus canescens), die Blaugraue Kammschmiele (Koeleria glauca), das Sand-Hornkraut (Cerastium semi-decandrum) und die Sand-Strohblume (Helichrysum arenarium). So erfolgreich die Dünenpflanzen auf trockenwarmen Standorten gedeihen, so wenig Chancen hätten sie auf normal durchfeuchteten Böden, wo sie der Konkurrenz schnellwüchsiger Arten stets unterliegen würden. Somit haben die meisten der oben genannten Pflanzen eine sehr enge ökologische Bindung an Dünen und Flugsandflächen. Die meisten Arten der Sandrasengesellschaft gelten als gefährdet und stehen durch die BArtSchV unter gesetzlichem Schutz.

Kaninchenröhre  - grabende Kaninchen sorgen für offene Areale innerhalb des Sandrasens
Kaninchenröhre - grabende Kaninchen sorgen für offene Areale innerhalb des Sandrasens

Sandrasen können sich auf größeren offenen bzw. unbewachsenen Sandflächen relativ rasch einstellen. Meist sind Gräser und Kräuter die Erstbesiedler, danach folgen im Laufe der Zeit an trockene Standorte angepasste Moose und Flechten. Nach mehreren Jahren erreichen diese ihre optimale Ausbreitung. Bleiben Bodenstörungen aus werden die Sandrasen in der heutigen Situation des Klimawandels sehr rasch von natürlicher Sukzession durch Halbtrockenrasen oder von Gehölzen überwachsen. Nur an Stellen, wo durch Tritt und Beweidung wieder offene Sandflächen entstehen, können die Pflanzengesellschaften der Sandrasenflur weiterhin überleben.

Größere Dünenareale benötigen in der Regel wenig Pflege. Mittelfristig liegt der Pflegeschwerpunkt überwiegend in der Vermeidung von allzu starkem Aufwuchs von Gehölzen und Bäumen. Bewährt haben sich u. a. Maßnahmen des amtlichen und ehrenamtlichen Naturschutzes verfilzte und verbuschte Sandrasen abzuplaggen, das heißt die oberste meist humöse Bodenschicht abzutragen, damit sich wieder offene Sandflächen bilden. Diese Pflegemaßnahme sollte jedoch immer unter Aufsicht fachkundiger Personen vorgenommen werden. Auf Dünenflächen wo größere Kaninchenpopulationen existieren, tragen die Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus) durch ihr ständiges Scharren und Buddeln dazu bei, auf natürliche Art und Weise kleine Areale freizuhalten.

Im Bereich von empfindlichen Flugsandfeldern sollten Spaziergänger generell auf Pfaden und Wegen bleiben und keine Abfälle in der freien Landschaft zurücklassen (Nährstoffeintrag). Auch Hundekot ist in diesem Zusammenhang eine Gefahr für die Sandrasengesellschaften.

Binnendünengebiete in Deutschland

Sand-Strohblume (Helichrysum arenarium)
Sand-Strohblume (Helichrysum arenarium)

Die flächenmäßig größten Binnendünengebiete gibt es, bedingt durch die sandreichen Ablagerungen der pleistozänen Vergletscherungen, in Norddeutschland. Die Verteilung ist aber auch dort regional unterschiedlich und kann auch kleinräumig wechseln. Als ausgesprochen dünenreich gelten Sander und trockene Urstromtäler. Es ist dabei unerheblich, ob sie im Alt- oder Jungmoränengebiet liegen. Bekannte dünenreiche Landschaften sind unter anderem die Lüneburger Heide und das südliche Brandenburg.

Eine der letzten aktiven Wanderdünen im deutschen Binnenland gibt es im Naturpark Nuthe-Nieplitz in Brandenburg. Auf einem ehemaligen sowjetischen Truppenübungsplatz, dem heute gesperrten Naturschutzgebiet Forst Zinna Jüterbog-Keilberg, wurde die Düne durch Waldbrände auf Grund der militärischen Nutzung wieder reaktiviert und ist zur Zeit noch aktiv. Die, allerdings illegale, Nutzung als Crossstrecke für Fahrräder und zum Teil Motorräder verhindert effektiv ihren Wiederbewuchs.

In der Oberrheinischen Tiefebene erstreckt sich ein etwa 130 Kilometer langes Band von Dünenflächen von Rastatt bis Mainz. Hier stehen verschiedene Binnendünen unter Naturschutz wie etwa die „Sandhausener Dünen“ oder der „Mainzer Sand“. Dünen mit bis zu etwa 20 Meter Höhe gibt es in den „Iffezheimer Sanddünen“, der „Hockenheimer Hardt“ sowie im „Schwetzinger Sand“.

Literatur

  • Philippi, G. (1973): Sandfluren und Brachen kalkarmer Flugsande des mittleren Oberrheingebietes. Veröff. Landesst. Naturschutz und Landschaftspflege Bad.-Württ. 41: 24-62.
  • Volk, 0. H. (1931): Beiträge zur Ökologie der Sandvegetation der Oberrheinischen Tiefebene. Zeitschr. f. Botanik 24: 81-185, Jena.

Weblinks

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