| Klassifikation nach ICD-10 | ||
|---|---|---|
| F31.0 | Bipolare affektive Störung, gegenwärtig hypomanische Episode | |
| F31.1 | Bipolare affektive Störung, gegenwärtig manische Episode ohne psychotische Symptome | |
| F31.2 | Bipolare affektive Störung, gegenwärtig manische Episode mit psychotischen Symptomen | |
| F31.3 | Bipolare affektive Störung, gegenwärtig leichte oder mittelgradige depressive Episode | |
| F31.4 | Bipolare affektive Störung, gegenwärtig schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome | |
| F31.5 | Bipolare affektive Psychose, gegenwärtig schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen | |
| F31.6 | Bipolare affektive Psychose, gegenwärtig gemischte Episode | |
| F31.7 | Bipolare affektive Psychose, gegenwärtig remittiert | |
| F31.8 | Sonstige bipolare affektive Störungen | |
| F31.9 | Bipolare affektive Störung, nicht näher bezeichnet | |
| ICD-10 online (WHO-Version 2006) | ||
Bipolare affektive Störung (auch bekannt unter dem Begriff „manisch-depressive Erkrankung”) ist eine psychische Erkrankung, die sich bei den betroffenen Menschen durch eine willentlich nicht kontrollierbare und extreme Auslenkungen des Antriebs, der Aktivität und der Stimmung zeigt, die weit außerhalb des Normalniveaus in Richtung Depression oder Manie schwanken. Die bipolare affektive Störung ist durch einen episodischen Verlauf mit depressiven, manischen, hypomanischen oder gemischten Episoden gekennzeichnet, bei denen zeitweise sowohl die Kriterien einer Manie als auch die einer Depression erfüllt sind.
Depressionen zeichnen sich durch überdurchschnittlich gedrückte Stimmung und verminderten Antrieb aus. Manische Phasen gehen immer mit gesteigertem Antrieb und Rastlosigkeit, oft mit inadäquat euphorischer oder gereizter Stimmung einher, mitunter aber auch mit teilweise depressiver Symptomatik (gemischten Phasen). Unter einer Hypomanie versteht man eine nicht stark ausgeprägte Manie, typischerweise ohne gravierende soziale Konsequenzen. Eine Hypomanie liegt jedoch bereits deutlich über einem normalen Aktivitäts- und/oder Stimmungsausschlag. Zwischen den Krankheitsepisoden tritt in der Regel eine Rückkehr zum unauffälligen Normalzustand ein. Antrieb und Gemüt befinden sich dann wieder innerhalb der Normalschwankungen zwischen beiden Extrempolen. Meist beginnt eine bipolare Störung in der Adoleszenz oder dem frühen Erwachsenenalter. Bei starker Ausprägung der Beschwerden kann die Fähigkeit zur angemessenen Prüfung der Realität eingeschränkt sein und es können psychotische Symptome auftreten. Es handelt sich um eine schwere Erkrankung mit erhöhtem Suizidrisiko. Bei längerem Verlauf mit mehreren Episoden können Residual-Symptome auftreten, wenn auch vergleichsweise mit anderen Psychosen selten.
Inhaltsverzeichnis |
Sowohl für manische als auch für hypomanische und depressive Episoden gibt es Kriterien-Kataloge, bei denen einige Symptome erfüllt sein müssen und auch über eine definierte Zeit lang anhalten müssen, um eine Diagnose zu treffen.
Eine solche Auflistung von Symptomen findet sich beispielsweise in der ICD-10, einer von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegebenen internationalen Klassifikation der Krankheiten und verwandten Gesundheitsproblemen. Die verschiedenen Formen der bipolaren affektiven Störung werden in der ICD 10 unter dem Schlüssel F31 klassifiziert, dabei wird zwischen zehn verschiedenen Ausprägungen unterschieden.[1]
Ein nationales (US-amerikanisches) Klassifikationssystem findet sich im „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen, abgekürzt als DSM-IV).
Bis vor einigen Jahren wurde für bipolare Störungen meist der Begriff „manisch-depressive Erkrankung“, „manisch-depressive Psychose“ oder (von dem Psychiater Emil Kraepelin Ende des 19. Jahrhunderts geprägt) „manisch-depressives Irresein“ verwendet. Umgangssprachlich wird sie mitunter als „manische Depression“ bezeichnet, was missverständlich ist. Auch die Bezeichnungen „manisch-depressive Erkrankungen“ oder „manisch-depressive Krankheit“ sind heute als Synonyme gebräuchlich und werden in der Öffentlichkeit in der Regel besser verstanden. Ein unter Ärzten und Behörden oft als Synonym für die bipolare Störung verwendeter Begriff ist bipolare Psychose oder affektive Psychose.
Der Begriff „Psychose“ wird in der Fachwelt unterschiedlich verwendet: Einige subsumieren nur „Wahn“ darunter, andere verwenden den Begriff für gravierende psychische Störungen, zu denen bipolare Störungen − trotz des vielleicht „harmlos“ erscheinenden Wortes „Störung“ − sicher gehören.
Hauptartikel: Manie
Während einer Manie konzentriert der Betroffene oft seine volle Kapazität auf meist angenehme Teilaspekte seines Lebens, wobei andere Aspekte vernachlässigt oder völlig ignoriert werden. So kann es vorkommen, dass der Betroffene seine gesamte Energie auf sein berufliches oder freiwilliges Engagement, für einen neuen Partner oder auf Sexualität fokussiert, gleichzeitig aber wichtige oder wichtigere Dinge wie z.B. seinen Haushalt oder seinen Beruf oder seine Familie völlig vernachlässigt. Die vermehrte Leistungsbereitschaft kann zunächst auch zu Erfolgen führen. So kann der Erkrankte während einer Manie, mehr noch aber bei einer Hypomanie, bei vorhandener Begabung sehr respektable Leistungen vollbringen. Auch die übersteigerte Geselligkeit und Schlagfertigkeit kann gut ankommen. Der Schlaf reduziert sich jedoch extrem und der Körper wird entsprechend überanstrengt.
Bei stärkeren Ausprägungen kann es zu Realitätsverlust und Wahn kommen. Dies ist in postmanischen Mischzuständen häufig der Fall. Die Selbstüberschätzung und die Grandiositätsgefühle während der Manie können in einen Größenwahn umschlagen (Megalomanie und/oder Cäsarenwahn). Dabei kann ein religiöser Wahn, auch religiöser Größenwahn auftreten. Auch wegen des durch die Manie hervorgerufenen teils extremen Schlafmangels können Halluzinationen hervorgerufen werden.
Vielen Betroffenen fällt es schwer, einen „Normalzustand“ oder „Normalität“ als erstrebenswert anzusehen. Es kommt deshalb in einigen Fällen zu einer Bevorzugung des hypomanischen Zustands, was einer Phasenprophylaxe entgegensteht.
Hauptartikel: Hypomanie
Die Hypomanie ist die abgeschwächte Form der Manie. Besondere Merkmale sind die gehobene Grundstimmung und gesteigerter Antrieb, die mit gleichzeitigen Veränderungen im Denken im Sinne eines sprunghafteren, unkonzentrierteren Denkens (Ideenflut) und einer Veränderung der Psychomotorik verbunden sein können. Durch die gehobene Stimmung kommt es zu einem größeren Selbstbewusstsein, einer erhöhten Risikofreudigkeit und zu Grenzverletzungen. Die Leistungsfähigkeit ist in diesem Zustand am höchsten. Siehe auch: Kreative und berühmte Bipolare
Hauptartikel: Depression
Die Depression verkehrt alle Aspekte der Manie ins Gegenteil und zwingt den Betroffenen zu Apathie und Lustlosigkeit. Bei dieser Erkrankungsphase höchsten Leidens erscheint sehr oft der Tod als besserer Zustand. Auch beschämen dann oft Dinge, die man in der Manie gemacht hat. Eine Depression wird als viel schlimmer empfunden als das „Depressiv-Drauf“-Sein, das auch viele gesunde Menschen gelegentlich durchmachen. Depressive Episoden kommen im fortgeschrittenen Alter häufiger vor.
Manische oder depressive Episoden treten häufig, aber nicht ausschließlich nach einem belastenden Lebensereignis auf. Das erstmalige Auftreten der Krankheit kann in jedem Alter geschehen. Die ersten Symptome treten jedoch meist zwischen 15 und 30 Jahren auf. Die Betroffenen durchleben in den ersten 10 Jahren meist vier verschiedene Phasen. Häufigkeit und Dauer der einzelnen Phasen sind sehr unterschiedlich. Generell lässt sich jedoch sagen, dass manische Phasen in der Regel etwas kürzer dauern als depressive Episoden, dass die Intervalle zwischen den Phasen im Lauf der Zeit kürzer werden und dass mit zunehmendem Lebensalter häufiger depressive Phasen auftreten und diese länger andauern. Nach einigen Phasen der Krankheit können sich innere Rhythmen ausbilden, die auch unabhängig von äußeren Ereignissen wirken. Während mitunter - vor allem wenn schnell erkannt und richtig behandelt - nach der ersten oder den ersten Episoden keine weiteren mehr auftreten, tritt die bipolare Störung bei vielen als eine lebenslange, chronische Erkrankung in Erscheinung.
Gemäß den neuesten Studien erreichen bis zu 40 % nach Phasen von Manie oder Depression ihr ursprüngliches Funktionsniveau nicht mehr. Lediglich 40 % der Betroffenen haben einen günstigen psychosozialen Verlauf bzw. können ihr soziales Umfeld bzw. ihre Position in der Gesellschaft erhalten. Im Fall bleibender Symptome wie Konzentrationsschwäche oder Müdigkeit spricht man von residualen Symptomen. Mit anhaltender Dauer der Krankheit mit ihren verschiedenen Phasen nimmt die Fähigkeit zur Wahrnehmung der Außenwelt (kognitive Wahrnehmung) immer mehr ab.
Dauert die Krankheit länger mit mehreren längeren Klinikaufenthalten, geht der betroffenen Person der soziale Halt verloren, oft auch der Arbeitsplatz. Eventuell zerbricht die Familie, und meist wendet sich der Freundeskreis hilflos ab.
Die bipolaren Störungen werden unterteilt in „Bipolar I“ und „Bipolar II“.
Als „Bipolar I“ wird eine 7 - 14 Tage oder seltener auch länger andauernde manische Episode (Hochphase) bezeichnet, gefolgt von mindestens einer depressiven Episode. Die Bipolar-I- Störung kommt bei ca. 1 bis 2 % der Bevölkerung vor. Frauen und Männer sind gleich häufig betroffen.
„Bipolar II“ beinhaltet eine mindestens 14 Tage andauernde depressive Episode, gefolgt von mindestens einer Hypomanie (leichtere Form der Manie). Die Bipolar-II- Störung kommt bei ca. 4 % der Bevölkerung vor.
Rezidivierende Depressive Störungen (Depressionen, die nach einem Zwischenzustand des Normalen immer wieder auftreten) können mit einer „Bipolar II“-Störung verwechselt werden, wenn die hypomanen Phasen nicht erkannt werden.
„Switching“ (Polaritätswechsel) wird der übergangslose Wechsel zwischen Manie (oder Hypomanie) und Depression genannt.
Bei einer Zyklothymia ICD-10 sind die Betroffenen mindestens zwei Jahre lang leichten manischen und depressiven Schwankungen ausgesetzt, die allerdings immer noch deutlich über den normalen Stimmungsschwankungen liegen. Nach ICD-10 wird die Zyklothymia nicht zur bipolaren Störung gerechnet.
Von Rapid Cycling (RC) wird bei mindestens vier Stimmungsumschwüngen im Jahr gesprochen, Ultra Rapid Cycling (URC) beschreibt Stimmungsumschwünge innerhalb von wenigen Tagen und Ultra Rapid Ultradian Cycling (URUC) die Umschwünge innerhalb von wenigen Stunden. Patienten mit einem Rapid-Cycling-Verlauf werden häufig in einer Klinik behandelt. Rapid Cycler benötigen eine spezielle Therapie, weil der häufige Episodenwechsel mit klassischen Medikamenten oftmals nicht ausreichend behandelbar ist, und daher üblicherweise zu Stimmungsstabilisatoren gegriffen wird. Die Ursachen sind bis zum jetztigen Zeitpunkt ungeklärt. Das Selbsttötungs-Risiko ist bei „Rapid Cycling“ hoch und die Prognose schlecht.
Wenn während einer bipolaren Krankheitsepisode depressive und manische Symptome in rascher Aufeinanderfolge auftreten, oder wenn sich depressive und manische Symptome durch gleichzeitiges Auftreten mischen, nennt man das einen manisch-depressiven Mischzustand oder eine gemischte Episode. Die betroffenen Patienten können z.B. sehr schnell denken oder sprechen, wie es für eine manische Episode typisch ist. Gleichzeitig können sie aber sehr ängstlich sein, Selbstmordgedanken haben und unter gedrückter Stimmung leiden; auch URC und URUC lassen sich in diese Episoden bei Patienten feststellen, die sonst nicht von dieser Art des Switching betroffen sind. Mischzustände treten häufig in der postmanischen Phase auf und sind auch darin begründet, dass Betroffene in der manischen Phase nicht mehr fähig sind, richtig zu schlafen. Sie sind häufig und kommen mindestens so oft vor wie „klassische“ Manien. Der erhöhte Antrieb kann verursachen, dass depressive Gedanken in die Tat umgesetzt werden, so dass das Suizidrisiko in diesen Zuständen wesentlich höher ist als in der reinen Depression, in der der Antrieb gelähmt ist. Wie bei Rapid Cycling finden hier oft stimmungsstabilisierende Psychopharmaka Anwendung. Es handelt sich um schwere Episoden, die schwieriger zu behandeln sind als die klassischen Phasen der bipolaren Erkrankung.
An bipolaren Störungen Leidende haben generell ein um ein Vielfaches erhöhtes Selbsttötungsrisiko. Durchschnittlich begehen 15 bis 30 % Selbsttötung. In manchen Gegenden - wie für Schottland nachgewiesen - ist die Selbsttötungsrate von Betroffenen 23 Mal höher als im Bevölkerungsdurchschnitt, und in manchem Lebensabschnitt - beispielsweise im Zeitraum von zwei bis fünf Jahren nach der Erstmanifestation - ereignen sich besonders viel Suizide.[2]
Besonders riskant sind Depressionen, bei denen die Lähmung des Antriebs noch nicht da ist oder bereits wieder etwas verbessert ist, so dass die Selbsttötung umgesetzt werden kann. Auch gemischte Phasen (Mischzustände), bei denen in quälender Weise manische und depressive Symptome zugleich auftreten, bergen infolge der dysphorischen bzw. verzweifelten Stimmung und des enorm hohen Antriebsniveaus ein Selbsttötungs-Risiko. Ein weiterer Grund kann sich sogar bei klarer Überlegung zwischen den Phasen halten: Viele Experten halten die Depression für die Krankheit, bei der man am meisten leidet. Bipolare mit ungünstiger Prognose und vielen Phasen zuvor wissen darum, dass wieder und wieder Depressionen kommen werden.
Die Hypomanien nehmen Ärzte oft nicht zur Kenntnis, oder sie erfahren in der meist kurzen Anamnese nichts davon, so dass Bipolare Störungen dann nicht angemessen behandelt werden. Oft werden ebenfalls nicht einmal Depressionen erkannt. Nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch unter Ärzten sind die Symptome manisch-depressiver Krankheiten immer noch sehr wenig bekannt, obwohl viele - in Deutschland mindestens 2 Millionen Menschen - von bipolaren Störungen betroffen sind.
Obwohl die bipolare affektive Störung weit verbreitet und eine sehr ernste Krankheit ist, sind Informationen darüber in der Öffentlichkeit bis jetzt eher selten. Auch Allgemeinmediziner übersehen oft die Anzeichen dieser Krankheit. Für eine lange Anamnese steht ihnen auch meist nicht genügend Zeit zur Verfügung.
Nur ein geringer Teil aller bipolar Erkrankten wird derzeit korrekt diagnostiziert (Grunze & Severus 2005).
Folgende Hürden erschweren eine Diagnose:
Aufgrund mitunter mangelnder Krankheitseinsicht der Betroffenen, insbesondere in manischen Episoden oder bei akuter Suizidgefahr, muss eine Behandlung in der akuten Krankheitsphase bei Manien oder schweren Depressionen manchmal gegen den Willen der Patienten als Zwangsbehandlung erfolgen. In den meisten Fällen zeigen Betroffene jedoch Einsicht und lassen sich auch wegen ihres hohen Leidensdrucks freiwillig behandeln. Wenn allerdings manische Phasen erstmals auftreten, können Betroffene keine Einsicht haben, da sie noch keine Erfahrungen über die schweren negativen Folgen gesammelt haben. Bei vielen kommt die Einsicht erst nach mehreren Phasen. Sehr hilfreich für eine erfolgreiche Behandlung ist, wenn sich die Betroffenen über ihre eigene Krankheit informieren und viel darüber lesen, damit sie selbst nachvollziehen können, welche Behandlung in welcher Phase am besten ist, und damit sie auch das rechtzeitige Gegensteuern, welches für ein geregeltes Leben zwingend notwendig ist, lernen.
In den verschiedenen Episoden ist unterschiedliche Medikation notwendig.
Bei akuten Manien oder dem Vorherrschen starker Manien sollen Neuroleptika verabreicht werden. Risperidon eignet sich besonders gut zur Behandlung einer manischen Phase, Clozapin und ähnliche, die als Nebenwirkung keine extrapyramidal-motorischen Störungen auslösen können, eignen sich wegen zu gefährlicher Nebenwirkungen wie Agranulozytose, weniger gut. Neuroleptika können auch eingesetzt werden wenn sich eine manische Episode anbahnt, das kann den vollständigen Ausbruch verhindern.
Benzodiazepine werden von unerfahrenen Ärzten zur Bekämpfung einer Manie eingesetzt. Diese sedierenden und angstlösenden Mittel führen in einer starken Manie selbst in hohen Dosierungen nachweislich nicht zum Erfolg und sind deshalb ungeeignet. So sind Patienten trotz Einnahme der Benzodiazepine stark ruhelos und umtriebig. Durch höhere Dosierungen kann eine Art Rausch entstehen, der einem Alkoholrausch sehr ähnlich ist. Psychotische Manien werden durch diese Medikamente noch unterstützt und der Schlaf reduziert sich extrem, so dass physische Schäden am Nervensystem die Folge sind, die irreversibel sein können. Auf jeden Fall dauert die Genesung dann mehrere Jahre oder sie bleibt ganz aus. Siehe auch: Behandlung der Manie
Mischzustände können mit neueren atypischen Neuroleptika wie zum Beispiel Ziprasidon behandelt werden. Es kann vorkommen dass die Einnahme über einen längeren Zeitraum notwendig ist, weil die psychotischen Symptome beim Absetzen sofort wiederkehren. Diese Phasen können nach starken Manien, die nicht sofort richtig behandelt wurden, auftreten. In einigen Fachkreisen wird die Behandlung mit „Atypika“ als Phasenprophylaxe angesehen und demzufolge eine Dauerbehandlung mit Arzneimitteln dieser Gruppe angestrebt. Die Wiederherstellung der vollen Leistungsfähigkeit und Lebensqualität ist allerdings mit dieser Methode nicht möglich.
Antidepressiva, insbesondere Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, die die Konzentration des Dopamin nicht erhöhen, werden bei akuten Depressionen oder bei rasch wiederkehrendem (rezidivierendem) Erscheinen vieler Depressionen empfohlen. Durch viele Antidepressiva kann es bei Betroffenen zu einem Umschlagen in die Manie oder Hypomanie kommen („Switch“, „Switch-Risiko“); deswegen sind nicht alle Antidepressiva bei Bipolaren gleichermaßen geeignet. Oftmals wird in Deutschland die Kombinationstherapie mit atypischen Neuroleptika empfohlen, obwohl belegt ist, dass bei einer Kombination mit SSRI das Risiko eines Serotonin-Syndroms sehr hoch ist.[3] Am naheliegendsten ist die Kombination von SNRI bzw. SSRI mit Stimmungsstabilisierern, siehe Phasenprophylaxe.
Eine vorbeugende Behandlung der bipolaren Störung geschieht mit Stimmungsstabilisierern wie Lithium oder Antiepileptika wie Carbamazepin, Valproinsäure oder Lamotrigin. Die genauen Wirkungsweisen, insbesondere die des Lithiums, in Form von Lithiumcarbonat eingenommen, sind bisher noch ungeklärt.
Gerade für Bipolar II-Patienten mit starken Depressionen und nur leichten manischen Zuständen (Hypomanien) erweisen sich Carbamazepin, Valproinsäure und Lithium jedoch als wenig wirksam, weil diese Medikamente vor allem manischen Zuständen vorbeugen. Eine Ausnahme ist Lamotrigin, das eine bessere Prophylaxe gegen depressive Zustände verspricht. Da es kaum antimanisch wirkt, werden auch die für manche als angenehm und eher anregend empfundenen Hypomanien kaum beeinträchtigt. [4]
Neuroleptika (inkl. atypische Neuroleptika) sind generell nicht zur Phasenprophylaxe geeignet, da sie extrapyramidal-motorische Störungen auslösen können und im Gegensatz zu den Stimmungsstabilisierern nicht phasenprophylaktisch wirken. Sie sollten deshalb nur in manischen Phasen oder Mischzuständen angewendet werden. Da in der Manie keine Möglichkeit einer Erholungsphase mehr gegeben ist, ist eine künstliche Dämpfung erforderlich. Eine Dauerbehandlung mit Neuroleptika ist nicht notwendig und verursacht zudem unverhältnismäßig viele Nebenwirkungen und schränkt die Lebensqualität Betroffener erheblich ein. Neuroleptika unterstützen in der Regel depressive Phasen. Es wurde allerdings bekannt, dass Neuroleptika bei bipolaren Depressionen sehr geringe antidepressive Wirkung haben könnten, das wurde aber nicht durch Langzeitstudien bestätigt - die negativen Nebenwirkungen stehen in keinem sinnvollen Verhältnis zur angeblichen antidepressiven Wirkung. Unter der Dauerbehandlung mit Ziprasidon kann sich ein depressiver Wahn oder Versündigungswahn manifestieren, es kommt zur geistigen Degeneration. Außerdem kann es zu Ausfällen von Organfunktionen kommen. Wenn Mischzustände länger andauern und deshalb eine längere Gabe von dopaminsenkenden Mitteln notwendig wird, ist dies nicht als Phasenprophylaxe zu betrachten sondern als Behandlung einer lang andauernden Phase. Quetiapin steigert die Sucht nach Nikotin in dem Maße, dass Patienten die das Rauchen bereits aufgegeben haben wieder anfangen exzessiv zu rauchen. Oftmals kommen ganze Cocktails von Medikamenten zum Einsatz, so wird zum Beispiel bei manchen Betroffenen Lorazepam, Quetiapin, Mirtazapin, Ziprasidon, Levomepromazin und Nikotin gleichzeitig über einen langen Zeitraum eingesetzt ohne dass sie eine wirkliche Verbesserung der Situation bewirken können. Die Verhinderung einer Manie mit Akuteinsatz von Neuroleptika und eine Stabilisierung mit Valproinsäure außerhalb von Manie und Depression ist ein besserer Weg zur Stabilisierung von Betroffenen, der leider aufgrund von Versäumnissen bei vielen Betroffenen nicht gewählt wird.
Neben Stress und Schlafmangel wirken sich auch Koffein, Alkohol, Tabakrauch und andere Drogen bei Bipolaren sehr ungünstig aus. Oftmals sind zudem schwerwiegende Wechselwirkungen mit den verordneten Medikamenten zu erwarten, weswegen ein vollständiger Verzicht auf Kaffee, Alkohol und andere Drogen von Vorteil ist.
Sinnvoll ist eine auf die Krankheit abgestimmte kognitive Verhaltenstherapie (Psychotherapie) und/oder Soziotherapie und/oder Psychoedukation. Empfehlenswert sind außerdem Selbsthilfegruppen, wie sie sich etwa im „Bipolar-Netzwerk“ zusammengeschlossen haben.
Die Betroffenen müssen eigene Warnsysteme entwickeln, um nicht wieder in extreme Phasen zu geraten, mit Selbststeuerungskonzepten, Stress-Management-Training, Selbstbeobachtung, Selbstregulation und Selbstmanagement. Das Erkennen der persönlichen Frühwarnzeichen der depressiven, manischen oder gemischten Phasen und ein rechtzeitiges Gegensteuern durch entsprechendes Verhalten (z. B. antidepressive Tätigkeiten bei Gefahr einer Depression; antimanisches Verhalten, wie genügend Schlaf, Beschränkung, Reizabschirmung bei der Gefahr einer Manie sowie die richtige Medikation zum richtigen Zeitpunkt) kann den Ausbruch einer neuen Episode verhindern. Ein geregeltes stressfreies erfülltes Leben mit ausreichend Schlaf kann neue Episoden verzögern, oder seltener auch, ganz verhindern. Voraussetzung dafür ist, dass sich Betroffene von den Folgen der letzten Episode erholt haben.
Die Wahrscheinlichkeit, in seinem Leben an einer bipolaren affektiven Störung zu erkranken (Lebenszeitrisiko), liegt in den unterschiedlichsten Ländern bei 1–1,6 %, das ist mindestens jeder Hundertste. Es besteht kein Unterschied des Erkrankungsrisikos zwischen Männern und Frauen. Das Risiko, eine hohe Phasenfrequenz (schneller Wechsel zwischen gehobener und gedrückter Stimmung) zu entwickeln, steigt mit der Dauer der Erkrankung. Etwa 10 % der Betroffenen entwickeln Krankheitsformen mit vier und mehr Episoden pro Jahr. Dies geht mit einer ernsteren Prognose einher. Ersten Untersuchungen zufolge scheinen 80 % der so genannten Rapid Cycler Frauen zu sein. Etwa ein Drittel der Patienten erreichen im Rahmen ihrer Erkrankung keine Vollremission (symptomfreies Intervall). 75 % der Patienten erleiden ihre erste Krankheitsepisode bis zum 25. Lebensjahr. 10 - 15 % der Betroffenen durchleben mehr als 10 Episoden in ihrem Leben. 39 % der Patienten haben eine weitere psychiatrische Diagnose. Die sozioökonomischen Auswirkungen von affektiven Störungen auf die Volkswirtschaft belaufen sich allein in den USA auf 45 Milliarden Dollar (Studie von 1991). Bipolare Störungen gehören laut WHO zu den 10 Krankheiten, die weltweit am meisten zu dauernder Behinderung führen. Laut einer deutschen Erhebung werden bipolar Erkrankte in Deutschland durchschnittlich zwischen dem 46. und dem 46,8. Lebensjahr berentet. Ungefähr 25 - 50 % aller bipolar Erkrankten unternehmen mindestens einen Suizidversuch. Etwa 15 - 30 % der Patienten suizidieren sich.
Bis jetzt wird die Häufigkeit des Auftretens einer manisch-depressiven Episode im Kindheits- und Jugendalter mit einem Wert von unter 0,1 % als relativ gering eingeschätzt. Es spricht allerdings einiges dafür, dass dieser Wert die tatsächliche Auftretens-Häufigkeit unterschätzt, da nach Vermutung einiger Psychiater in der kinderpsychiatrischen und psychologischen Praxis Fehlinterpretationen des Beschwerdebildes bei Hypomanie und Manie in Richtung ADHS und Verhaltensstörungen vorkommen. Häufige Komorbiditäten sind Angststörungen und aggressive Verhaltensstörungen.
Besonders jugendliche männliche Erkrankte weisen in 30 % der Fälle stimmungsinkongruente psychotische Merkmale auf. In Bezug auf ADHS überlappen sich viele Symptome. Hinweise auf die bipolare Störung ergeben sich vor allem: aus einem episodenhaften Verlauf, einer signifikant höheren Beeinträchtigung, und - im Fall einer Manie - durch Größenideen und Selbstüberschätzung sowie rücksichtsloses Verhalten. Eine genaue Anamnese ist somit unerlässlich. Fehlbehandlung durch Stimulanzien wie Methylphenidat oder Modafinil können die Symptome der Hypomanien und Manien verstärken was zu schlimmen Zuständen und sogar zu physischen Schädigungen führen kann. Gegenüber rein unipolar Depressiven besteht bei bipolaren Jugendlichen ein höheres Suizidrisiko.
Bipolare sind in ihrem Alltag durch ihre Krankheit starken Beeinträchtigungen und Leiden ausgesetzt. Aber auch Angehörige haben stark zu leiden, ob unter „Fremdgehen“ oder finanziellem Ruin, distanzlosem, ruhelosem oder auffälligem Verhalten im Rahmen einer Manie, ob unter der Berufsunfähigkeit oder ob unter dem Ausfall partnerschaftlich-unterstützender Verhaltensweisen bei Depressionen und der zermürbenden Wiederkehr solcher Phasen, noch verstärkt durch Komorbidität wie Alkoholabusus. Dazu kommt die Stigmatisierung. Wenn psychisch Kranke eine akute Bedrohung oder Gefährdung für sich und/oder andere darstellen, können sie auch gegen ihren Willen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden (z.B. durch den sozialpsychologischen Dienst). Im Falle einer Manie sind jedoch nur geschulte Fachleute in der Lage einzuschätzen, ob eine Zwangseinweisung notwendig ist. So wurden schon Fälle bekannt, in denen Patienten, die sich nachweislich in äußerst kritischen Phasen befanden, sich von Richtern aus Kliniken haben entlassen lassen, und dadurch einer unverantwortbaren Selbst- und Fremdgefährdung ausgesetzt waren. Da die Manie für sie persönlich eine Hochphase der Gefühle bedeutet, weigern sie sich häufig, freiwillig Medikamente einzunehmen, die diese Hochphase bekämpfen würden. So müssen Angehörige die Krankheitsphase „aussitzen“, was mehrere Wochen dauern und bleibende soziale Schäden verursachen kann. Kinder und Jugendliche leiden beispielsweise darunter, dass Mütter oder Väter in ihren Krankheitsphasen ganz oder teilweise bei der Erziehung und im Haushalt ausfallen. Als sehr wichtig hat sich erwiesen, dass Angehörige, die häufig so sehr unterstützend tätig sein müssen, nicht vergessen, immer wieder auch einmal an sich zu denken. In den Selbsthilfegruppen ist oft auch Platz für Angehörige und mittlerweile gibt es auch eigene Angehörigengruppen.
Die Entstehung einer bipolaren Störung ist höchstwahrscheinlich multifaktoriell bedingt (Vulnerabilität). Sowohl genetische Faktoren als auch psychosoziale Auslöser dürften eine Rolle spielen, d. h. das Erbgut setzt einen Rahmen für die Erkrankungswahrscheinlichkeit (Prädisposition) und die Umfeldfaktoren beeinflussen Entstehung, Verlauf und Ende der Erkrankung.
Bipolare Störungen sind bis zu einem gewissen Grad erblich veranlagt. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass Verwandte ersten Grades von Menschen mit einer Bipolar-I-Störung ebenfalls daran erkranken, ist gegenüber der normalen Bevölkerung siebenfach erhöht. Deren Risiko, an irgendeiner Form von Gemütsleiden - an einer affektiven Störung also - zu erkranken, ist sogar um das 15- bis 20fache erhöht.[5] Bei eineiigen Zwillingen ist bei 60 Prozent der Fälle der zweite Zwilling ebenfalls von der bipolaren Störung betroffen, falls der erste erkrankt ist. Allerdings wird daraus auch deutlich, dass trotz 100prozentig gleichen Erbguts keine 100prozentige Übereinstimmung bei der Krankheit besteht.[5]
Bipolare Erkrankungen sind keine klassische, reine Erbkrankheit, die etwa gemäß der mendelschen Regeln dominant oder rezessiv vererbt würde. Dennoch tragen nach heutigem Wissensstand verschiedene Gene zum Erkrankungsrisiko bei. So wurden bei manisch-depressiven Menschen Veränderungen vor allem auf den Chromosomen 18, 4 und 21 festgestellt.[6] So z.B. an einem Gen, das auf Wirkungen von Stress auf das Nervensystem Einfluss ausübt. Auch genetische Codierungen für das episodenhafte Denken können betroffen sein. Weiter ist ein Gen wirksam, das für Stoffe zur Ausbildung von Nervenscheiden und auch bei Veränderungen in der Pubertät verantwortlich ist. Gene für Monoaminoxidase (MAO), für Serotonin-Transport, für den Aufbau des Noradrenalin-Stoffwechsels sind ebenfalls betroffen.
Jedes einzelne Gen bzw. jeder einzelne genetische Defekt hat hierbei nur einen relativ geringen Effekt. Solche Anlagenträger sind recht verbreitet. Kommen allerdings viele solcherart wirkende Gene bei einer Person zusammen, so hat sie eine große Disposition, bei auslösenden Faktoren im Laufe des Lebens an der bipolaren Störung zu erkranken.[7]
Die Neurotransmitter (die chemischen Botenstoffe), die in Synapsen zwischen den Nervenzellen des Gehirns bei der Informations-Übermittlung hemmend oder verstärkend wirken, zeigen bei Bipolaren mengenmäßige Abweichungen von dem Zustand bei Nichtbetroffenen. Besonders die Überträgerstoffe Serotonin, Dopamin und Noradrenalin sind hier zu nennen, die auch bei anderen psychischen Störungen eine Rolle spielen.
Auch der Stresshormon-Gehalt im Blut Erkrankter scheint erhöht zu sein (Cortisol, Adrenalin, Noradrenalin).
Neben genetischen spielen unterschiedliche Faktoren aus der Umwelt eine große Rolle, die in der Lebensgeschichte wirken, wie traumatische Ereignisse (Trennungen, Mobbing und Bossing, Verlust des Arbeitsplatzes, Vertreibung und Verfolgung, Folter, sexueller Missbrauch/ Vergewaltigung und körperliche Misshandlung im Kindes- und Jugendalter, sowie der Verlust eines geliebten Angehörigen), sind hier von Bedeutung. Ebenso verheerend wirkt sich auch sonstiger Stress wie auch alle angstauslösenden Veränderungenen aus (hierbei sind Bipolare viel verletzlicher als Nichtbetroffene, so kann z.B. ein Wohnungswechsel Phasen auslösen), vor allem auch psychosozialer Stress, Konflikte in der Partnerschaft, in Familie und Beruf (auch hier sind Betroffene viel mehr gefährdet).
Diskutiert wird auch eine Schwächung des Selbstwertgefühls, bei der eine tragende Säule des gesunden Zustandes wegfällt (Stavros Mentzos). Eine große Rolle bei auslösenden Faktoren spielt ein unregelmäßiger Tag-/Nacht-Rhythmus z. B. durch Schichtarbeit oder Lebenswandel, Schlafmangel, Überarbeitung, Alkohol - und sonstiger Drogenmissbrauch. Schlussendlich können jegliche Veränderungen phasenauslösend wirken. Bis zu 75 % der Betroffenen berichten im reflektierenden Rückblick, dass sie unmittelbar vor der ersten spürbaren Krankheitsepisode intensiven Stress hatten - Stress allerdings, der bei nicht vulnerablen (solcherart verletzlichen, von Vulnerabilität betroffenen) Menschen keine manische oder depressive Episode ausgelöst hätte, da sie Stress besser körperlich verarbeiten.
Spätere Krankheits-Phasen können immer weniger mit stressenden Ereignissen erklärt werden, bzw. minimaler Stress kann sie bereits auslösen.
Bipolare Störungen sind schon seit langem bekannt. Erste Schriftzeugnisse aus der Antike belegen bereits die Kenntnis der beiden Zustände, zunächst als gesonderte Krankheiten durch den berühmten Arzt Hippokrates von Kós. Bereits einige Jahrhunderte danach erkannte Aretaeus von Kappadokien die Zusammengehörigkeit von Depression und Manie.
Hippokrates von Kós beschrieb im 5. Jahrhundert vor Christi Geburt die Melancholie (entspricht der heutigen Depression). Er nahm an, dass sie durch einen Überschuss an „schwarzer Galle“ entstehe, die von der organisch erkrankten Milz ins Blut ausgeschieden werde, den gesamten Körper überflute, ins Gehirn eindringe und Schwermut verursache. Mit dieser Vorstellung ist der griechische Begriff „Melancholia“ eng verzahnt (griechisch: μελαγχολια von μελας, melas, „schwarz“, + χολη, cholé, „Galle“). Hippokrates verwendete auch bereits den Begriff „Mania“ (Manie), um einen Zustand der Ekstase und Raserei zu beschreiben. Dieser griechische Begriff (griech. μανία manía = Raserei) hielt sich seitdem bis heute in der Wissenschaft. Statt des griechischen Wortes „Melancholie“ wird heute der Fachbegriff „Depression“ für den anderen Extrempol dieser Erkrankung verwendet, der aus der lateinischen Sprache stammt (lat. depressio „Niederdrücken“).
Der griechische Arzt Aretaeus von Kappadokien vermutete ähnliche körperliche Ursachen, erkannte aber bereits im 1. Jahrhundert nach Christus eine Zusammengehörigkeit der beiden extremen Zustände, die als Gegenpole so weit auseinander liegen und beschrieb somit als erster die bipolare Störung: Meiner Ansicht nach ist die Melancholie ohne Zweifel Anfang oder sogar Teil der Krankheit, die Manie genannt wird… Die Entwicklung einer Manie ist vielmehr eine Zunahme der Krankheit als ein Wechsel in eine andere Krankheit.[8]
Während des Mittelalters geriet dieses rationale Konzept in Vergessenheit, ebenso die Ursachensuche auf körperlich bedingte Faktoren. Dämonen und Hexen galten nun als Ursache der Erkrankung, und nicht wenige derer, die der Hexerei bezichtigt waren, fielen diesem „Irrsinn“ der „normalen“ Bevölkerung und Instanzen zum Opfer. Auch Betroffene wurden als „Besessene“ verteufelt, verfolgt und umgebracht.
In der Katholischen Kirche, die für das Abendland in jener Zeit bestimmend war, zählten „Superbia“ (Stolz, Eitelkeit, Hochmut, Arroganz), „Ira“ (Zorn, Wut) und „Luxuria“ (Wollust, Unkeuschheit) zu den sieben Hauptlastern oder „Wurzelsünden“, die zu Todsünden führen konnten. Die Symptome der Manie sind hier in hohem Grade deckungsgleich. In der „Acedia“ (Faulheit, Trägheit, Trägheit des Herzens) war die „Melancolia“ mit eingebunden. Symptome der Depression wurden hier als Wurzelsünde eingestuft.
Das wesentlich modernere und aufgeklärtere Konzept des Aretaeus von Kappadokien, der wie Hippokrates von körperlichen Ursachen ausging, griffen erst französische Forscher wieder auf. Jean-Pierre Falret beschrieb im Jahr 1851 „la folie circulaire“ (= zirkuläres Irresein) als einen Wechsel von Depressionen, Manien und einem gesunden Intervall, Jules Baillarger drei Jahre später sein Konzept der „folie à double forme“ als unterschiedliche Erscheinungsformen der selben Krankheit, wobei nicht unbedingt ein freies Intervall zwischen diesen beiden Extremzuständen liegen muss.
Der deutsche Psychiater Emil Kraepelin nannte 1899 diese Erkrankung des „circulären Irreseins“ auch „manisch-depressives Irresein“, wobei er auch schon Mischzustände erkannte, bei denen manische und depressive Symptome gleichzeitig vorkommen. Auch für Kraepelin waren Manien und Depressionen Ausdrucksformen ein- und derselben Krankheit.[9]
In der Zeit des Nationalsozialismus machten sich Psychiater zu Helfershelfern des Nazi-Rassenwahns. Enthusiastisch trugen prominente deutsche Psychiater zur „Vernichtung unwerten Lebens“ bei. Nicht wenige stießen diese Entwicklung sogar an und brachten sie vorwärts. Manisch-Depressive („zirkulär Irre“) wurden als „erbkrank“ eingestuft, und zwangssterilisert oder gar - dann mit der Diagnose „Schizophrenie“ - ermordet. Zehntausende geistig behinderter und psychisch kranker Menschen wurden in den Vergasungs-Anstalten der „Aktion T4“ ermordet. Es hieß, man habe ihnen „Euthanasie“ angedeihen lassen, einen „schönen Tod“, der für sie „Erlösung“ gewesen wäre und man habe den „Volkskörper“ von kranken, schwächenden, unwerten Elementen und Erbgut gereinigt.
1949 traf Karl Kleist eine erbbiologische Unterscheidung unipolarer und bipolarer Krankheitsformen und 1966 unterschieden Jules Angst und Carlo Perris bipolare Erkrankungen und unipolare Depressionen. „Bi-“ ist hierbei eine Vorsilbe lateinischen Ursprungs mit der Bedeutung „zwei“, unter „Pol“ versteht man eines von zwei (äußersten) Enden. Das eine Ende wird hierbei als das extreme Gegenteil des anderen Endes betrachtet.
Während einer Manie kommt es schnell zu einem seelischen Chaos. Durch die Überdrehtheit während dieser Phase richten Betroffene Schaden an und sind nicht mehr in der Lage Vernünftiges zu leisten. Depressionen und gemischte Episoden, die bei Bipolaren besonders quälend sind, werfen Betroffene regelrecht aus der Bahn und lähmen diese.
Die Kreativitätsschübe erfolgen vorwiegend in der hypomanen Phase. Durch moderne Behandlungsmethoden (Medikation, Therapien wie kognitive Verhaltenstherapie, Gestaltungstherapie, Kreativ-Atelier, manchmal auch nur einfache Betreuung als Ausgleich für evtl. erlittene Schockerlebnisse in der Kindheit und Jugend) kann die Kreativität meist erhalten bleiben, so dass sie als positiver Aspekt dieser schlimmen und zerstörerischen Krankheit wirken kann.
Manisch-Depressive Menschen sind in ihrem manisch anmutenden Arbeiten bei entsprechender Therapie und Betreuung dann zu Werken fähig, die Menschen ohne manische Erfahrung oftmals für unmöglich halten. Visionen zu verwirklichen setzt in diesem Sinn allgemein einen manischen Antrieb voraus. Die kreative Umsetzung der manisch anmutenden Energie ist somit jeweils ein Glücksfall und ist in diesem Sinne auch anzustreben, wobei dann die körperliche Konstitution wiederum Grenzen setzt, z.B. Sehnenscheidenentzündungen an Armen und Händen oder Rückenbeschwerden.
Nach einer Untersuchung von Kay Redfield Jamison von 1994 beträgt die Häufigkeit bipolarer Erkrankungen bei kreativen Persönlichkeiten das 10fache der Häufigkeit bei der Allgemeinbevölkerung. Mehr als ein Drittel aller zwischen 1705 und 1805 geborenen englischen und irischen Dichter litten gemäß Jamison an bipolaren Erkrankungen, mehr als die Hälfte an Stimmungsstörungen.[10]
Ernest Hemingway wurde als bipolar diagnostiziert, sowie Edvard Munch,[11] Hermann Hesse und Thomas Alva Edison.[10]
Goethe kannte depressive Episoden aus eigenem Erleben (vgl. die Selbstdarstellung der Allegorie „Sorge“ am Ende von Faust II). Der Heiratsantrag des 74-jährigen Goethe an die 19-jährige Ulrike von Levetzow dürfte während einer hypomanen Phase erfolgt sein.
Manche Kreative sind sich ihrer Krankheit nicht bewusst oder sie bekennen sich nicht dazu. Ein gegenteiliges Beispiel ist der Musiker Gordon Matthew Sumner, bekannt als Sting, der sich in einem Interview als manisch-depressiv bezeichnete und einen Song namens „Lithium Sunset“ veröffentlichte.
Der kanadische Musiker und Produzent Devin Townsend bekennt sich ebenfalls seit Jahren offen zu einer bipolaren Störung und nimmt nach eigenen Angaben Medikamente dagegen ein. Townsend ist bekannt dafür, seine Gemütsschwankungen in sehr unterschiedlicher Musik zu verarbeiten, deren Bandbreite von sanft-melodisch bis hin zu extrem aggressiv reicht. Für die Aufnahmen zu dem Album „Alien“ seiner Band Strapping Young Lad setzte er die Medikation nach eigenen Angaben zeitweise ab. [12]
Die Liste berühmter Künstler, Wissenschaftler, Entdecker und Politiker, bei denen eine bipolare Störung bekannt ist oder vermutet wird, ist lang. Einige suizidierten sich vermutlich in Folge dieser Krankheit. Bekannteste Beispiele sind David Strickland, Kurt Cobain, Virginia Woolf, Sylvia Plath, Robert Schumann und Vincent van Gogh,[13] um jeweils Beispiele aus den Bereichen Prosa und Lyrik, Musik und Bildende Kunst zu nennen.
In seinen Tagebüchern und Briefen berichtete beispielsweise Vincent van Gogh über seine zerrissene Persönlichkeit, seine Depressionen und sein „Irresein“ („d'exaltation ou de délire“, „tristesse“, „accès“, „crises“ und „maladie mentale“). Über seine Manien schreibt van Gogh unter anderem in seinem „Brief 607“ aus dem Jahr 1890: Ich bin selbst erstaunt,… dass mir derartig wirre und grässliche religiöse Vorstellungen kommen…. In den Monaten Mai bis Juni 1889 − kurz vor seinem Psychiatrie-Aufenthalt – hatte van Gogh eine erstaunlich große Zahl von Meisterwerken gemalt (Arnold), u.a. seine bekannte und intensiv farbige „Sternennacht“ mit Zypressen, die sich als bipolares Bild „mit entgegengesetzten Farben“ auszeichnet (Vincent van Gogh aus der psychiatrischen Anstalt von Saint-Rémy-de-Provence in einem Brief vom 21. Mai 1889 an Bruder Theo).
Vincent van Goghs Bild „Sternennacht“ kann man, wie manch andere seiner Gemälde, in seinen Farben, Kontrasten und Symbolen auch als Chiffre für eine Bipolare Störung sehen. In einem handgeschriebenen Gedicht seines „Antwerpener Skizzenbuchs“ schreibt Vincent van Gogh: Mein Herz ist wie das Meer / Hat Sturm und Ebb und Fluth…. Auch damit drückt er starke Gegensätze und extreme innere Gefühlsschwankungen aus.
Solche Phasen, die als Manie mit überflutender Aktivität und nachfolgender Depression erklärbar sind, und von vielen Fachleuten als solche angesehen werden, brachten ihn bis ins „Irrenhaus“, wohin ihn sein Vater schon früher bringen wollte. Auch seine Familie war belastet. Sein Bruder „Cor“ (Cornelius Vincent) beging Suizid, seine Schwester „Wil“ (Wilhelmina Jacoba) war nachweislich psychisch erkrankt, sein Bruder Theo erkrankte ebenfalls psychisch. Wichtigste Quellenbelege seiner Krankheit sind die zahlreichen Briefe zwischen seinem Bruder Theo, Vincent van Gogh selbst und Doktor Théophile Peyron, dem Psychiater der Anstalt in Saint-Rémy-de-Provence.
Der Künstlerkollege Paul Gauguin, mit dem van Gogh eine kurze Zeit zusammen lebte, war möglicherweise ebenfalls bipolar, was mutmaßlich in dem nie geklärten Streit zwischen van Gogh und Gauguin eskalierte, in dessen Verlauf sich van Gogh das Ohr abschnitt. Gauguin selbst unternahm in späteren Lebensjahr einen Selbstmordversuch und neigte zunehmend zu depressiven Schüben.[10]
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