Britisch-Indien war die Bezeichnung für die meisten Länder des indischen Subkontinents bzw. das heutige Indien, Pakistan, Bangladesch während der Periode der britischen Kolonialherrschaft. Darüber hinaus unterstanden der britisch-indischen Verwaltung auch einige Stützpunkte auf der arabischen Halbinsel, besonders Aden.
Die Engländer gründeten im 17. Jahrhundert erste Handelsstützpunkte und im 18. Jahrhundert stieg die Britische Ostindien-Kompanie zur führenden Macht des Subkontinents auf. 1858 wurden ihre Rechte an die britische Krone übertragen und 1877 wurde das „Kaiserreich Indien“ gegründet. Von 1886 bis 1937 enthielt dieses auch Birma (heute Myanmar). Die britische Herrschaft endete 1947 mit der Unabhängigkeit der beiden Nachfolgestaaten.
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vgl. Britische Ostindien-Kompanie
Nach dem Zerfall der Mogulmacht unter Aurangzeb im Jahr 1707 stieg das Reich der Marathen (1674–1818, gegründet von Shivaji) in Südwestindien auf. Die Marathen waren die letzte indische Großmacht vor der britischen Herrschaft, neben ihnen spielten noch die Machthaber von Hyderabad und Mysore eine Rolle in der indischen Politik, wobei die Fiktion eines weiter bestehenden Mogulreiches bis 1857 aufrechterhalten wurde, weil es den legalen Rahmen jeder Herrschaft bildete.
In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts dehnten die Briten bzw. die Britische Ostindien-Kompanie nach Verdrängung der Franzosen (Karnataka-Kriege) und Portugiesen (Goa) ihren Machtbereich aus. Zunächst sicherten sie unter Robert Clive nur ihre Handelsinteressen in Bengalen ab. Doch aus einem reinen Engagement im Handel wurden schnell auch handfeste Machtinteressen. Die Kompanie mischte sich in die Streitigkeiten der indischen Fürsten ein (Schlacht bei Plassey 1757) und übernahm das Steuerprivileg in Bengalen von den Mogulkaisern.
Bald aber erwiesen sie sich als ehrgeizige und flexible Machthaber. 1769 kam Warren Hastings, er wurde 1771 Gouverneur von Bengalen und wies seine Leute an, die Verwaltung zu übernehmen: zuvor hatte sich die Kompanie immer hinter der fiktiv aufrechterhaltenen Herrschaft des Nawabs versteckt. Er und seine Nachfolger verknüpften indische Soldaten mit europäischer Kriegsführung und britische Handelsgewinne mit indischen Steuern, bekämpften die (bei Indern und Briten gleichermaßen weitverbreitete) Korruption, schlossen Schutzverträge ab und übernahmen Landstrich um Landstrich. Wo sie nicht selbst an der Macht waren, dienten Beamte der Ostindien-Kompanie als Berater.
Aber der Erfolg der Engländer war mühsam erkauft, sie konnten die auseinandergehenden kulturellen Vorstellungen von Verwaltung zunächst nicht verbinden. So ließ Warren Hastings das islamische Strafrecht bestehen, weil es einfach zu handhaben war. Ab 1774 gab es dann einen Obersten Gerichtshof nach englischem Gesetz, der aber nach einer Festlegung von 1781 nur für Europäer galt. Die grausamsten Strafen des islamischen Gesetzes (Pfählen, Verstümmeln) wurden abgeschafft, aber bis 1861 gab es kein verbindliches Strafgesetzbuch, sondern die Briten verließen sich auf einheimische Rechtsexperten.
Auch bemühte man sich in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts, das altehrwürdige Landwirtschaftssystem Indiens dem europäischen System des Grundbesitzes anzupassen. Mit diesen Maßnahmen wurde eine Verschuldung des Bodens durch Spekulantentum eingeleitet (Boden konnte unter den Briten bei Zahlungsunfähigkeit verkauft werden, 1793 „dauerhafte Verpachtung“ schafft neue Grundeigentümer).
Ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts konnte die Ostindische Kompanie immer weitere Teile Indiens unter ihre Kontrolle bringen. 1803 fiel Delhi an die Briten, damit unterstand der Mogulkaiser (nach wie vor der fiktive Herrscher Indiens) unter ihrer Kontrolle.
Unter der Herrschaft der Ostindischen Kompanie sank Indien immer mehr zum wirtschaftlichen Ausbeutungsobjekt herab. Die indische Weberei als Industriezweig wurde z. B. durch die beginnende Maschinenproduktion in Europa ruiniert: Der europäische Markt war verschlossen, zur gleichen Zeit führte England Fertigkleidung in Indien ein. 1835 fielen die Inlandszölle weg und der Binnenhandel wuchs an. Die wirtschaftlichen Privilegien der Ostindischen Kompanie wurden schon 1813 abgeschafft, sie hatte aber nach wie vor die Verwaltung inne. Aber die Investitionen hielten sich in engen Grenzen, denn der europäische und amerikanische Markt waren sicherer und hatten bessere logistische Voraussetzungen vorzuweisen. Als Gegenmaßnahmen begann man 1839 mit dem Ausbau der Grand Trunk Road, einer schon seit der Mogulzeit bestehenden Straße von Delhi weg, die bis Kalkutta geführt wurde. Banken wurden eingerichtet, Dampfer auf den Flüssen eingesetzt und ab 1853 begann man mit dem Bau der ersten (schon in den 1840ern projektierten) Eisenbahnlinie.
Im sozialen Bereich kam es zu weiteren Veränderungen. Sklaverei wurde abgeschafft und Witwenverbrennung wurde 1829 zumindest im Gebiet unter direkter britischer Verwaltung verboten. 1829 ging die Regierung auch gegen die Thugs vor, eine Mördersekte der Göttin Kali. Einer der Vorkämpfer einer Art geistigen Erneuerung Indiens war der Brahmanensohn Ram Mohan Roy (1772–1833), der sich gegen das Kastenwesen, Witwenverbrennung und Unterdrückung der Frauen wandte. Sein Ziel war es, Hinduismus und Christentum in Einklang zu bringen, denn er ging davon aus, dass beide Glaubensrichtungen im Kern moralisch und rational waren.
vgl. Indischer Aufstand von 1857
Lord Dalhousie übte 1848–1856 das Amt des Generalgouverneurs aus. Er schuf mit großer Energie ein enges Gewebe einer straff organisierten Verwaltung. Die alten Freiräume der Art „Schafft Ordnung im Land, macht die Leute glücklich und sorgt dafür, dass es keinen Spektakel gibt“ gab es für die Beamten (viele davon auch im zivilen Bereich arbeitende Offiziere) nun nicht mehr. Die in Indien gültige Praxis der Adoption von Thronfolgern wurde dem Einspruchsrecht des Generalgouverneurs unterworfen und Lord Dalhousie annektierte so eine Handvoll dieser abhängigen Fürstenstaaten. Daneben gab es in Awadh (Hauptstadt: Lucknow, heute Teil von Uttar Pradesh) eine wiederholt angeprangerte Misswirtschaft, die ihm zum Vorwand diente, es 1856 ebenfalls zu annektieren (wenn auch diesmal auf Anweisung seiner Direktoren in London hin).
Die Klasse der Grundeigentümer war ebenfalls von den Reformen des Lords betroffen. Im Dekkan wurden rund 20 000 Grundstücke teils unter zweifelhaften Ansprüchen enteignet, ohne dass man althergebrachte Werte und Sitten respektierte und Ungerechtigkeiten ausglich. In den Gefängnissen wurde die Kastentrennung aufgehoben, indem man alle miteinander essen ließ. Die Brahmanen wurden durch moderne westliche Erziehung um ihre Autorität gebracht.
Die Folgen dieser energischen Politik spürte man im Sepoy-Aufstand. Der Sepoy-Aufstand wird verschiedentlich als erste Befreiungsbewegung gegen die Briten gesehen, da er auf einem Widerstand gegen Beschneidung angestammter Rechte und Traditionen beruhte. Es gab nicht nur eine Unzufriedenheit, die sich durch alle Kasten zog, sondern auch die angestammte Führerschaft für einen Aufstand: Nana Sahib, verantwortlich für das Massaker an englischen Frauen und Kindern in Kanpur, war z. B. der Adoptivsohn des letzten Peshwas Baji Rao II. und wurde durch Dalhousies Politik um seine Rente gebracht. Er hatte einen fähigen General namens Tantia Topi. Die Rani von Jhansi, eine legendäre Aufstandsführerin, war um die Nachfolge ihres Adoptivsohnes gebracht worden. Auch der Exkönig von Awadh hatte seine Agitatoren in den Sepoy-Regimentern.
Die nach europäischem Vorbild ausgebildeten indischen Soldaten (Sepoy) waren damals die tauglichsten in Asien, sie wurden von Briten befehligt und zählten 1830 187.000 Mann gegenüber 16.000 Briten. Inder konnten bloß bis zum Kompanieführer aufsteigen. Das Kräfteverhältnis am Vorabend des Sepoy-Aufstandes war wie folgt: 277 746 Sepoys gegen 45 522 britische Soldaten. Trotzdem siegten die Briten und im Nachhinein begründete die selbstgerechte Politik von Lord Dalhousie nicht nur die Zeit des imperialistischen Britisch-Indien, sondern auch den modernen indischen Einheitsstaat.
Nach dem Sepoy-Aufstand 1857/58 endete die Herrschaft der Englischen Ostindien-Kompanie, ihre letzten Machtbefugnisse bzw. Sonderechte wurden an die Krone übertragen. Gleichzeitig wurde der letzte Mogulkaiser Bahadur Shah II. abgesetzt. Von nun an regierte der Rat des Generalgouverneurs, welcher dem „India Office“ in London unterstand. Den Indern wurden dieselben Rechte wie den Briten zugesagt, auch (bei entsprechender Befähigung) der Zugang zu allen Regierungsposten. Das hatte den Aufstieg vieler modern ausgebildeter Inder in der Verwaltung zur Folge, auch in höhere Posten bei der Armee. Die Fürstenstaaten konnten wieder durch Adoption weitervererbt werden.
1877 nahm Königin Victoria von England den Titel „Kaiserin von Indien“ an und dokumentierte damit, daß Indien zur Hauptstütze des britischen Weltreiches geworden war. Der Kaisertitel wurde nicht zuletzt geschaffen, um eine Art legale Basis für die britische Herrschaft zu schaffen: schließlich hatte die Ostindische Kompanie bis zuletzt im Namen des Mogulkaisers regiert. Das „Kaiserreich Indien“ war geteilt in die Gebiete unter direkter Kontrolle (etwa 2/3 des Landes) und in die abhängigen Gebiete unter einheimischen Fürsten, den so genannten „Princely States“. Daher wurde für den Generalgeouverneur 1858 der zusätzliche Titel Vizekönig eingeführt: Generalgouverneur war er in den direkt beherrschten Gebieten, Vizekönig gegenüber den einheimischen Fürsten.
Birma wurde in mehreren Kriegen (1852, 1866 und 1886) von Großbritannien besetzt und ebenfalls an das Kaiserreich Indien angeschlossen (bis 1937). Auch gab es immer wieder langwierige Kämpfe an der Nordwestgrenze gegen Afghanistan, wo auch dem russischen Vordringen in Zentralasien begegnet werden sollte. Eine direkte Kontrolle über Afghanistan erwies sich aber als undurchführbar. 1893 wurde die Durand-Linie gezogen, die bis heute die Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan bildet und von afghanischer Seite nach wie vor nicht anerkannt ist.
1885 wurde der Indische Nationalkongress gegründet, der für die Unabhängigkeit Indiens eintrat. Wegen des wachsenden Einflusses der Hindus im INC kam es 1906 zur Gründung der rivalisierenden Muslimliga. Indischer Nationalkongress und Muslimliga verfassten 1916 gemeinsam eine Erklärung mit Forderungen nach indischer Unabhängigkeit. Diese wurde von der britischen Regierung im August 1917 mit einer politischen Absichtserklärung beantwortet, Indien einen allmählichen Übergang zur Selbstregierung zuzugestehen. Unter der Führung Mahatma Gandhis kam es in der Zwischenkriegszeit zum passiven Widerstand gegen die britische Herrschaft. Gandhi bemühte sich dabei um die politische Einheit zwischen Hindus und Muslimen.
1947 erreichte Britisch-Indien die Unabhängigkeit. Nach der Zwei-Staaten-Theorie wurde das Land dabei in einen hinduistischen Teil, das heutige Indien, und einen muslimischen Teil, dem heutigen Pakistan aufgeteilt. Zum damaligen Pakistan gehörte auch das heute unabhängige Bangladesch.
Unter der britischen Herrschaft fand eine gesteuerte Entwicklung der Kolonie statt, die dem Prinzip folgte, Rohstoffe in der Kolonie zu gewinnen, diese im Heimatland zu verarbeiten und die Kolonie gleichzeitig als Absatzmarkt für Fertigprodukte zu verwenden. Daher wurde Indien kaum industrialisiert, es fand nur ein Ausbau der Infrastruktur, insbesondere der Eisenbahn statt. Hauptprodukte der Kolonie waren Baumwolle und Tee; auch große Mengen an Getreide (Weizen) wurden nach England exportiert.
Die Nutznießer der Modernisierung Indiens (Straßen, Kanäle, Eisenbahnen, Fabriken, Colleges und Universitäten, Zeitungen usw.) waren trotz allem in erster Linie die Briten. Denn letztendlich unterstand die indische Verwaltung der Kontrolle des „India Office“ in London und damit dem britischen Parlament, nicht den Indern. Die Sprache der Oberschicht war Englisch. Die Gesetze galten zwar für alle, wurden jedoch von den Briten gemacht und die wirtschaftlichen Gewinner waren zunächst sie, dann erst die entstehende indische Mittelschicht.
Technische Errungenschaften wie etwa der Buchdruck wurden von den Indern selbst aufgenommen, und es entstand eine lebhafte indische Presse.
An der Masse der Bauern (oft ungebildet und verschuldet) und Handwerker ging die Modernisierung vorbei, sie war für sie ein Fremdgut ohne Beziehung zur eigenen Tradition. Dafür verschärften die Umstellung auf den Anbau von Exportprodukten wie Baumwolle anstelle von Grundnahrungsmitteln und die hohe Steuerbelastung die Armut auf dem Land. Dürre und Hochwasser verursachten immer wieder Hungersnöte mit Millionen Opfern. Entsprechend ihrer laissez faire-Wirtschaftspolitik unternahmen die Briten wenig, um den Hungernden beizustehen.
Brockhaus-1809: Indien, Indostan
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