Vorlage:Linkbox Bücher der Propheten im Alten Testament
Amos war ein sozialkritischer Prophet aus dem Südreich Juda, der im 8. Jahrhundert v. Chr. im Nordreich Israel predigte. Das ihm zugeschriebene Buch gehört zur Reihe der Zwölf kleinen Propheten im Tanach, der Hebräischen Bibel. Amos ist der erste der Schriftpropheten, dessen Worte aufgezeichnet und in Buchform überliefert wurden.
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Amos war nach Am 1,1 und 7,14 Schafzüchter und Maulbeerfeigenritzer. Demnach war er in der Landwirtschaft tätig und veredelte Maulbeerfeigen während der Reife. Dies spricht für seine Stellung als Landarbeiter oder Knecht von Großgrundbesitzern. Denn seine Predigten kritisieren besonders deren Verhalten den abhängig arbeitenden Armen gegenüber.
Von Amos ist erstmals in der Geschichte der schriftlichen Prophetie eine Berufung überliefert: Er selbst berichtet, er habe bei dem Dorf Tekoa (17 km südlich von Jerusalem) in der benachbarten Wüste Juda Schafe gehütet, als JHWH ihn von dort „genommen“ und beauftragt habe, im Nordreich sein Wort zu verkünden. Er war also keiner der dort amtierenden Hofpropheten, mit denen er dann in Konflikt geriet, und auch keiner nordisraelischen Opposition verbunden, sondern stand ihnen schon seiner Herkunft nach distanziert gegenüber.
Manche Exegeten vermuten jedoch, Tekoa habe in Galiläa gelegen, da Amos offenbar gute Kenntnisse von der nordisraelitischen Kultpraxis besaß, wie sie bei einem Schafhirten aus dem Südreich nicht anzunehmen seien. Unabhängig von der Frage seiner Herkunft richtete sich seine Verkündigung jedoch von vornherein an ganz Israel, gegen seinen Kult und seine sozialen Verhältnisse. Denn „Israel“ stand auch nach der Reichsteilung weiterhin für die Gesamtheit des erwählten Volkes aller Israeliten.
Laut Am 1,1 wirkte der Prophet während der Regierungszeit zweier Könige: von Usija, der das Südreich Juda von 767 bis 740 v. Chr. regierte, und Jerobeam II., der das Nordreich Israel von 782 bis 753 v. Chr. beherrschte. Die zusätzliche Angabe eines Erdbebens lässt sich nicht mehr datieren.
Amos wirkte wahrscheinlich in der zweiten Regierungshälfte Jerobeams, also 760-750 v. Chr. Er trat gegen die Korruption der Richter und Priester und die Ausbeutung der Landbevölkerung durch den Königshof und die Jerusalemer Oberschicht auf. Er gehört mit Hosea, Micha, Obadja und dem ersten Jesaja in die Zeit des 8. Jahrhunderts v. Chr., als sich eine tiefe politische Krise und Gefährdung der staatlichen Gebilde Israels durch die neue Großmacht Assyrien abzeichnete. Die Assyrer hatten die Aramäer und deren Hauptstadt Damaskus schon unterworfen, unternahmen aber zunächst keine weiteren Versuche, ihren Machtbereich auszudehnen. So konnte das Nordreich unter Jerobeam eine Blütezeit erleben.
Da es die Handelswege zwischen Assur und Ägypten kontrollierte, nahm das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung. Diesen versuchte Jerobeam offenbar zum Ausbau seiner Macht und seines Verwaltungsapparats zu nutzen. Dazu erlegte er der Landbevölkerung hohe Abgaben auf und eignete dem Königshof zunehmend Ländereien an, die zuvor freien unabhängigen Bauern gehört hatten. Das Bevölkerungswachstum beschleunigte die Entwicklung zu einer sozial zerklüfteten Gesellschaft. Nur eine Minderheit hatte Anteil am Wohlstand, der auf Kosten vor allem von Kleinbauern (dallim) ging, die sich verschulden mussten und dann ihr Land und somit ihre Existenzgrundlage verloren.
Zudem hatte die Urbanisierung zunehmend die bisherigen Sippen- und Stammesstrukturen abgelöst: Die ehemals selbstständigen, nun verarmten und landlosen Kleinbauern mussten als Landarbeiter für Großgrundbesitzer und städtische Oberschicht arbeiten. Zu ihr gehörte neben der Königsfamilie vor allem das Priestertum (der Klerus). Auf diese Klassengesellschaft bezog sich die scharfe Kritik der von den Kultorten unabhängigen Prophetie des Amos und späterer Propheten.
Anders als andere Prophetenbücher ist das Buch Amos relativ klar und überschaubar gegliedert:
1. Die Gerichtsworte an die Nachbarvölker betreffen Damaskus (Aram) und das Königshaus Hasaels, Gaza, Tyrus, die Edomiter, Ammoniter, Moabiter und das Südreich Juda. Sie sind alle parallel aufgebaut und ergeben zusammen eine Art Gedicht. Jedes einzelne Gerichtswort hat die Struktur a. Anklage und deren Begründung, b. Ankündigung von Gottes Eingreifen und dessen Folgen.
Es fällt auf, dass die Moabiter nicht wegen eines Vergehens gegen Israel, sondern gegen die Edomiter gerichtet werden sollen: JHWH ist für Amos Herr der Geschichte aller Völker und gebietet auch ihnen Recht, das heute Völkerrecht genannt wird. - Der Spruch gegen Juda wurde ergänzt, nachdem Amos aus Israel vertrieben worden war und seine Worte im Südreich tradiert wurden. Daran zeigt sich die Bedeutung dieser Prophetie über die lokalen Entstehungsumstände hinaus. - Der abschließende längere Spruch gegen Israel ist eine Art vorangestellte Zusammenfassung der folgenden ausführlichen Kult- und Sozialkritik gegen das Nordreich:
Die daraus folgende Gerichtsankündigung nimmt auf das einleitend erwähnte Erdbeben Bezug und kündet eine vernichtende Fremdmacht an, der niemand der wehrfähigen Israeliten entfliehen werde.
2. Der Hauptteil Am 3-6 wird mit einer in der Bibel einzigartigen Haftbarmachung eröffnet:
Israels Erwählung im Exodus aus Ägypten ist kein Vorzug unter den Völkern und keine Heilsgarantie, sondern begründet Gottes Strafgericht gerade an ihm. Diese Zentralaussage, die die als Heilsgarantie missverstandene Erwählungssicherheit angreift, greift der ursprüngliche Schluss des Amosbuchs (Am 9,7-10) wieder auf:
In rhetorischen Fragen deutet Am 3,3-8 die Berufungserfahrung des Amos an, die ihn nötigte, Gottes Wort zu verkünden: Der Löwe brüllt, wer sollte da nicht fürchten? JHWH redet, wer sollte da nicht prophezeien? Darauf folgt die große Anklagerede gegen die Oberschicht in Samaria (Am 3-4). Die Ausländer sollen das Unrecht bezeugen, das in Israel geschieht (Am 3,10): Sie sammeln Schätze von Frevel und Raub in ihren Palästen. Die kommende Bedrängnis werde sowohl die Kultorte - genannt wird Bethel, später auch Gilgal, Beersheba, Dan - als auch die Winter- und Sommerresidenzen der Königsfamilie zerstören (Am 3,14f). Er greift die reichen Frauen, die sich von Sklaven bedienen lassen und diese schinden, als „fette Kühe“ an (Am 4,1): Sie würden an Haken wie Fischköder deportiert werden (4,1-3). Sarkastisch fordert er das Volk auf, noch mehr Opfer darzubringen und so Schuld auf sich zu häufen. Denn in all dem frommen Treiben habe es Gottes unübersehbare Warnungen - Hunger, Dürre, Missernten, Pest, Kriegsniederlagen - missachtet: Dennoch kehrt ihr nicht um zu mir! Daher solle es sich auf die Begegnung mit dem Schöpfer der Elemente gefasst machen, den Amos JHWH Zebaot nennt.
Die manchmal zu findende exegetische Einteilung der Worte Amos' in sozialkritische und kultkritische kann also nur eine operante sein, ist es doch das dem ganzen Volke Israel JHWH-gegebene Land, für das als Erfüllung der Väterverheißungen in den Kultfeiern gedankt wird - an Kultorten, die als die Symbole der Landnahme und Landgabe als vollzogene Heilsgeschichte gelten und die zudem nach altem israelitischen Denken mit einer besonderen JHWH-Präsenz versehen waren: Wurde JHWH doch kein »transzendentaler« Gott im Himmel, sondern als eine alles durchwirkende und so an heiligen Stätten nahezu personal gegenwärtige Macht vorgestellt. (Das gleiche Lexem migdasch steht für das (konkrete) Heiligtum und die (abstrakte) Heiligkeit JHWH, so wie es auch gänzlich unproblematisch war, wenn JHWH in der ersten Prophezeiung neben dem Altar in Bethel erschien).
Daher scheint es für Amos auch der größte Frevel gewesen zu sein, dass die, die JHWHs Gebote und die ihnen auferlegte Verpflichtungen missachteten, die ihre Volksgenossen in die Armut oder Versklavung trieben, indem sie ihnen ihr Land nahmen, sich dann in Bet-El und an anderen Kultstätten trafen, um JHWH für das dem Volke gegebene Land feierlich zu danken.
Dabei traten die Kritisierten nicht etwa heuchlerisch an den Heiligtümern JHWH gegenüber, sondern feierten vielmehr einen längst zum hohlen Ritus verkommenes Fest, in dem der innere Widerspruch schon nicht mehr erfahrbar war. Auch Bet-El, von dem aus sich das »schwärendes Unheil« (awän) sich über das Land ausbereitete, stand daher letztlich pars pro toto für den verderbten Kult an sich.
So zeigt diese Position des Amos, dass es weder um eine Kritik des Kultes als solchem, noch um eine Demokratisierung des israelitischen Staatengefüges geht. (Es blieb bspw. dem König in seiner besonderen Machtposition auch eine besondere Verantwortung erhalten, auf die hin er von JHWH zur Rechenschaft gezogen wurde). Amos Motivation ist vielmehr das Vergehen an den in Erwählung, Verheißung und Landgabe liegenden Verpflichtungen zu kritisieren, das als »frevlerische (bewusste) Auflehnung« (päscha) gegen JHWH verstanden werden musste und so den geschauten Unterganges des Volkes Israel als Strafe Gottes (oder zumindest als Aufkündigung der Exklusivität der Stellung Israels) erklärte.
Die Prophetie des Amosbuches ist die Botschaft vom kommenden Gott, der die von ihm „gegründete“ Gesellschaft retten will - durch Umkehr oder Gericht. Sein Ziel: Dass die Menschen die Gaben der Erde und den Ertrag ihrer Arbeit in messianischem Frieden gemeinsam genießen können. So entscheidet sich die „Wahrheit“ des biblischen Gottes an der „Wahrheit“ des gesellschaftlichen Zusammenlebens, d.h. die Praxis der gesellschaftlichen Solidarität. Darum hält das Amosbuch in Kritik und Vision die Utopie der biblisch bezeugten Anfänge Israels fest. Denn die Verwirklichung von Recht und Gerechtigkeit ist gelebter Gottesbund.
Die Wirkungsweite der Prophezeiungen erstreckte sich von Dan über Betel als Mitte Israels bis Beerscheba. Besonders intensivem heimsuchenden Wirken JHWH sah Amos Bethel und (weniger bedeutend) Gilgal ausgesetzt. In einem zweiten Kreis wurde dann Beerscheba (das judäisch war) und Dan genannt. Einzig Jerusalem schien unter den größeren Heiligtümern des Volkes nicht explizit bedacht worden zu sein.
Amos trat nach der Überlieferung nur in der Nordreich-Hauptstadt Samaria und danach im Nationalheiligtum Bet-El auf, bevor er, vom Oberpriester Amazija dem König Jerobeam II. angezeigt, wieder nach Juda verschwand und seine Geschichte aufschrieb (?). (Dieser Weg des Amos von Norden nach Süden spräche für die Annahme, Amos käme aus Galiläa (K.Koch)). Während seines öffentlichen und überlieferten Auftretens grenzte Amos sich mehrfach von einem institutionellen (Kultstätten-)Propheten (nabi) ab, der mit seiner Tätigkeit seinen Lebensunterhalt zu finanzieren hat. Ein solcher nabi - oftmals waren mehrere in Gruppen oder (/und?) einer kultischen Institution zusammengeschlossen - unterlag dem ökonomomischen Zwang zur Prophetie. Amos hingegen nannte sich einen (mit gesichertem Lebensunterhalt von JHWH berufenen) Seher (?) (chosä).
Das Buch wurde in den Generationen nach Amos Auftreten stark bearbeitet. Ursprüngliche Worte des Amos werden sich am ehesten im Völkerspruchzyklus (Amos 1,2-2,16) oder im Visionenzyklus (Amos 7-9) finden.
722 v. Chr. wurde das Nordreich Israel von den Assyrern zerstört: Sie verschleppten große Teile der Bevölkerung. Andere Gruppen flohen aus dem Nordreich ins benachbarte Juda und nach Jerusalem. Sie nahmen vermutlich die aufgeschriebenen Worte Amos mit und tradierten sie in Juda weiter, wo sie theologische Wirksamkeit auf die hier entstehenden Bücher des Alten Testaments entfalteten. So galten die Worte Amos den nachfolgenden Generationen als Mahnung und Erinnerung an den Bund Gottes mit Israel und seine Gerechtigkeit.
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