Gaius Valerius Catullus, deutsch kurz Catull genannt, war ein römischer Dichter des 1. Jahrhundert v. Chr. Er stammte aus Sirmione in der Nähe von Verona. Catull gehörte zum Kreis der Neoteriker und orientierte sich wie diese vor allem an dem berühmten hellenistischen Dichter Kallimachos. Aber auch die griechische Dichterin Sappho hatte einen sehr großen Einfluss auf ihn. Seine carmina (lat.: Gedichte) wurden u.a. von Carl Orff (Catulli Carmina) vertont.
Das wohl berühmteste Gedicht Catulls ist das carmen 85:
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Über Catulls Leben ist nur sehr wenig bekannt. Einiges lässt sich aus seinen Gedichten erschließen, anderes wird von antiken Autoren berichtet, doch gibt es Widersprüche zwischen beiden Quellenarten. So weiß man noch nicht einmal genau, wann genau Catull gelebt hat. Hieronymus gibt in seinem Chronicon als Geburtsjahr das Jahr 86/87 v. Chr. an und verzeichnet Catulls Tod für das Jahr 58/57. Auch Sueton schreibt in seinem Werk De poetis, dass Catull nur dreißig Jahre alt wurde. Die Lebensdaten widersprechen aber Angaben in Catulls Gedichten, die sich auf spätere Ereignisse beziehen. So spielt carmen 11 auf Caesars Exkursion nach Britannien im Jahre 55 an, carmen 111 erwähnt das zweite Konsulat des Pompeius, in carmen 53 wird eine Rede des Freundes Gaius Licinius Macer Calvus gegen den Caesarianer Publius Vatinius erwähnt, die entweder im Jahr 56 oder 54 gehalten wurde. In der Forschung werden daher verschiedene Lebensdaten diskutiert, wobei Konsens nur über seine Lebensdauer besteht. Manche Forscher glauben, er sei im Jahre 54 gestorben, andere nehmen ein Todesdatum erst für das Jahr 50 an.
Catulls Vater war ein Eques, d.h. ein wohlhabender Bürger, in dessen Haus in Verona nach Angaben Suetons (Divus Iulius 73) sogar Caesar während seiner Zeit als Proconsul von Gallia Cisalpina verkehrte. In relativ jungen Jahren gehörte Catull zum persönlichen Stab des Proconsuln Gaius Memmius und begleitete ihn in seine Provinz Bithynien. Später lebte Catull zumeist in Rom. Sein Auskommen scheint durch sein väterliches Vermögen gesichert gewesen zu sein, denn er hatte anscheinend keinen Patron und konnte es sich leisten, auch hochgestellte Personen mit beißendem Spott anzugreifen, so zum Beispiel Marcus Tullius Cicero oder Caesar. Durch beleidigende Gedichte auf ihn und besonders auf seinen ehemaligen praefectus fabrum Mamurra, der in Catulls Gedichten als mentula (Pimmel) apostrophiert wird, erregte der Dichter den Zorn des mächtigen Triumvirn, der eine Entschuldigung verlangte. Als die eintraf, lud er nach Angaben seines Biographen Sueton (Kap. 73) gar nicht nachtragend den Dichter zum Essen ein. Befreundet war Catull neben Calvus mit Caesars General Gaius Asinius Pollio und mit dem Historiker Cornelius Nepos, dem er auch die Sammlung seiner Gedichte widmete.
Catulls erhaltenes Werk umfasst 116 carmina (Gedichte), die in drei Gruppen unterteilt sind:
Denkbar ist auch eine Aufteilung, die nach den Polymetra die carmina 61-64 von den anschließenden Gedichten im elegischen Distichon abtrennt. Diese Aufteilung ergibt auch ein recht gutes Gleichgewicht zwischen den Längen der einzelnen Abschnitte.
Inhaltlich können die Gedichte drei thematischen Gruppen zugeordnet werden:
Die Forschung hat sich große Mühe gegeben herauszufinden, wen Catull mit Lesbia meinte. Am besten passen die spärlichen Angaben, die von Catull selbst und von Apuleius (Apologia 10)überliefert wurden, noch auf die zehn Jahre ältere Clodia, die Gattin des Konsuls des Jahres 60 v. Chr. (Q. Caecilius Metellus Celer) und Schwester des Publius Clodius Pulcher. Es könnte aber auch ihre Schwester oder eine uns heute gänzlich unbekannte Frau gewesen sein - immerhin sind ja die größten Teile der antiken Literatur verloren, und von den meisten Bewohnern des antiken Roms kennen wir nicht einmal den Namen.
Hinter der Suche nach der historischen Lesbia steckt ein biographistischer Interpretationsansatz: Man hofft, die Gedichte dadurch besser verstehen zu können, dass man ihren biographischen Hintergrund versteht. Dieser Ansatz ist aber aus zwei Gründen verfehlt: Zum einen bewegt sich diese Interpretationsweise in einem engen Zirkelschluss: Aus den Gedichten zieht man Informationen über Catulls Leben, die dann wieder dazu dienen sollen, eben diese Gedichte zu verstehen. Dass aber tatsächlich gelebtes Leben und nicht literarische (aber leider verlorene) Tradition der Anlass von Catulls Dichten war, dass er sich seine Lesbia also nicht etwa nur ausgedacht hat, wie es wenige Jahrzehnte später Ovid mit seiner Corinna getan hat, ist keineswegs zweifelsfrei bewiesen.
Der zweite Grund dagegen, aus Catulls Gedichten Schlüsse auf sein Leben zu ziehen, stammt von ihm selbst: In carmen 16 verwahrt sich der Dichter persönlich dagegen, von seiner Lyrik auf seinen Lebenswandel zu schließen: In diesem bemerkenswerten Gedicht droht Catull zwei Freunden orale und anale Vergewaltigung an, weil sie auf Grund seiner Kussgedichte (carmina 5 und 7) behaupten, ihm mangele es an Sittlichkeit. Catull betont, dass der Dichter stets keusch und züchtig sein müsse, nicht aber seine Gedichte, die er ironisch als Masturbationsvorlagen für ältere Herren beschreibt („qui tum denique habent salem ac leporem, si ... quod pruriat incitare possunt, non dico pueris, sed his pilosis, qui duros nequeunt movere lumbos“); abschließend wird die derbe Drohung des Anfangs wiederholt.
Offensichtlich geht es Catull hier weniger um das vordergründige Vergnügen an Obszönität als um Paradoxien: Nicht nur, dass er die beiden Freunde mit groben Schimpfworten für Homosexuelle belegt, obwohl er es doch ist, der gleichgeschlechtliche Handlungen ankündigt, er betont auch im selben Atemzug seine eigene „Keuschheit“, von der, würde er seine Drohung wahrmachen, keine Rede mehr sein könnte. Welche der in dem Gedicht erwähnten Handlungen nun zum Bereich der poetischen Fiktion, welche zum realen Leben des Dichters zu rechnen sind, wird so undurchschaubar: Ein Rückschluss vom lyrischen Ich auf die Person Catulls ist demnach ausgeschlossen - und er ist auch gar nicht nötig, da sich die poetische Kraft, der anfangs verliebte Taumel und die spätere tiefe Traurigkeit der „Lesbia“-Gedichte, dem Leser auch unabhängig von der Frage erschließt, wer die Dame war und ob es sie in Wirklichkeit je gegeben hat.
Catull war Anhänger der Lehre Epikurs. Dieser lehrte, dass das höchste Gut eine als Abwesenheit von Schmerz verstandene Lust sei, die erreicht werde durch Unverwirrtheit und Leidenschaftslosigkeit, das heißt durch Vermeidung aller Dinge, die zu Verwirrung und Leidenschaft führten. Als optimale zwischenmenschliche Beziehung wird dementsprechend die Freundschaft empfohlen. Die Folgen einer solchen Weltanschauung für einen Liebesdichter liegen auf der Hand: Nimmt er die Lehre Epikurs ernst, muss eine leidenschaftliche Liebe notwendig in Schmerz, Verzweiflung und tiefem Unglück enden, und genau so schildern Catull und übrigens die Elegiker Tibull und Properz, die ihm folgten, die Liebe: Nicht einmal ein Drittel der Lesbia-Gedichte spricht in positiven Worten von der Liebe; auffällig dabei ist, dass gerade über den ersten beiden dieser positiven carmina ein Schatten liegt: Sie handeln von Lesbias niedlichem „passer“ (das Wort wird meist mit Sperling übersetzt, es kann aber wohl jeder andere Käfigvogel sein), der sowohl dem Dichter als auch seiner Freundin (beide scheinen räumlich getrennt zu sein), ein „solaciulum“ bringe, einen kleinen Trost. In Gedicht 3 schließlich wird der Tod des geliebten Tieres beklagt - Vorzeichen auf den Tod der Liebe zwischen Lesbia und Catull? In den übrigen 18 von Lesbia handelnden Gedichten klagt Catull über ihre Treulosigkeit und ihr nachgerade nymphomanisches Verhalten (in carmen 58 beschwert er sich, dass Lesbia in Roms Gassen und Straßenecken wie eine Hure „glubit magnanimi Remi nepotes“ „des Remus stolze Enkel abschält“). Er zeigt sich zutiefst verletzt, das Dasein ist ihm vergällt, seine Liebe zu ihr wird geschildert als Unsinn, als Feuer, als ekelhafte Krankheit, gar als Folter. So könne er sie zwar nicht mehr achten, aber auch nicht aufhören, sie zu begehren. Das letzte Gedicht der Sammlung, das an Lesbia gerichtet ist, carmen 109, spricht wieder positiv von der Hoffnung auf Lesbias Liebe; aber nicht von Ehe, von einer romantischen Beziehung oder leidenschaftlicher Erotik, sondern bezeichnenderweise von „aeternum hoc sanctae foedus amicitiae“, „diesem ewigen Bunde heiliger Freundschaft“ - der Einfluss Epikurs ist hier mit Händen zu greifen.
Erneut stellt sich die wiederum unbeantwortbare Frage nach dem biographischen Hintergrund: Wenn das Leiden an dieser Liebe einer philosophischen Überzeugung und nicht gelebter Erfahrung entsprang, wie authentisch sind dann die in den Gedichten geäußerten Gefühle? Der poetischen Wirkung tun diese Zweifel allerdings keinen Abbruch: Die eingangs zitierte Klage des carmen 85 über eine enttäuschte Liebe, die nicht loslassen kann, ist in ihrer Reduktion und extremen Gedrängtheit (acht Verben und kein Nomen in einem einzigen Distichon) ein bleibender Höhepunkt der Weltliteratur.
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