Chicagoer Schule (Soziologie)

Die soziologische Chicagoer Schule bezieht sich auf die Forschungsarbeit, die seit dem frühen 20. Jahrhundert am Institut für Anthropologie und Soziologie and der University of Chicago betrieben wurde. Behandelte Themen sind u.a. Stadtsoziologie, Minderheiten- und Subkulturstudien. Begründer der Chicagoer Schule sind Robert E. Park und Ernest W. Burgess. Wesentliche weitere Vertreter dieser soziologischen Richtung sind u.a. William I. Thomas, George Herbert Mead, Louis Wirth und Roderick D. McKenzie. Trotz der ursprünglichen Vielfalt der Ansätze steht „Chicago“ für ein definitives (positivistisches) Programm. Sie war bis etwa 1930 dominierende Schule der Soziologie in Amerika. In ihren Anfängen war sie hauptsächlich sozialreformerisch orientiert und interessierte sich für die praktische Nutzung der Soziologie im Sinne einer »Sozialtechnologie«.

Sozialökologie

Innerhalb der Chicagoer Schule wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter dem Etikett der „Sozialökologie“ von Robert E. Park und seinen Schülern zunächst Prozesse der wechselseitigen Anpassung zwischen menschlichen Gemeinschaften und ihrer physisch-räumlichen Umwelt untersucht. Typisch sind zunächst qualitativ-empirische, ethnographische Studien, die oft um soziale Desintegration kreisten (z.B. festgemacht an Scheidungen, Selbstmord, Jugendbanden, Obdachlosen, Prostitution). Park rief seine Studenten auf, sich die Stadt Chicago zu erwandern. Eine Stärke dieser Untersuchungen war, dass deren Vertreter den direkten Kontakt zu den Menschen suchten. Charakteristisch für die Feldforschung in dieser Tradition ist die Überlegung, dass eine Gesellschaft nichts Einheitliches ist, sondern wie ökologische Nischen jeweils spezifisch besetzt werden.

Vor dem Hintergrund der schnellen Verstädterung und der damit zusammenhängenden sozialen Probleme war von besonderem Interesse, wie unter den Bedingungen unterschiedlicher städtischer Lebensräume, Subkulturen und Milieus abweichende Handlungen und soziale Desintegration zustande kommen. Dabei ging es vor allem um die Entstehung (groß-)städtischer Siedlungssysteme, um deren Wachstum und innere Differenzierung. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass Desintegration und abweichendes Verhalten in bestimmten Gegenden besonders gehäuft auftraten. Als „natural areas“ wurden solche Gegenden bezeichnet, in denen abweichendes Handeln besonders leicht zu „gedeihen“ schien.

Sozialökologisch war der Ansatz, weil Relationen zwischen Stadtraum, Nachbarschaften und den dort lebenden Menschen hergestellt wurden. Besonders prominent ist die „concentric zone theory“ (Park, Burgess, McKenzie, Shaw, McKay). Sie beschreibt das Modell einer Stadt, deren Geschäftszentrum der Kern ist, umgeben von weiteren Stadtgebieten in konzentrischen Kreisen. Das Geschäftszentrum dehnt sich aus und die direkt umgebende Zone, in der sich die Wandlungsprozesse unmittelbar auswirken, ist die so genannte „transition zone“. Empirisch ist hier eine besonders heterogene Bevölkerungsstruktur festzustellen, die zumeist in qualitativ schlechten Wohnungen, instabilen Familienverhältnissen und mit niedrigem sozioökonomischem Status leben. Erhöhte Kriminalitätsraten in den Übergangszonen wurden damit erklärt, dass durch die stadträumlichen Wandlungsprozesse das soziale Gefüge desorganisiert werde und der Norm- und Wertekonsens, auf dem das alltägliche Miteinander aufbaut, fehle. Traditionelle Institutionen wie Nachbarschaft, Schule und Familie würden keine tragenden Rollen mehr spielen. Umso leichter würden kriminelle Einstellungen und Verhaltensweisen von jenen, die sie bereits praktizieren, übernommen und erlernt. In den Wohngebieten, welche wiederum die Übergangszone umgeben, waren dagegen niedrigere Kriminalitätsraten festzustellen. Im Zonenmodell wird das Desintegrationsproblem im Wesentlichen einerseits auf ein Versagen herkömmlicher Mechanismen sozialer Kontrolle und andererseits die Wirkung sozialer Lernprozesse zurückgeführt. Allerdings kann dieser Ansatz nicht ohne Weiteres erklären, wieso manche Menschen aus dem kriminalitätsaffinen Milieu, den gleichen sozialen Umweltbedingungen ausgesetzt, dennoch nicht kriminell werden.

Symbolischer Interaktionismus

Die soziologische Chicagoer Schule begründete auch den Theorieansatz des symbolischen Interaktionismus, aus dem später auch die für die Kriminologie bedeutsame Etikettierungstheorie hervor ging. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte die sog. zweite Chicagoer Schule unter Herbert Blumer insbesondere Meads symbolischen Interaktionismus weiter. Berühmte Studien sind etwa „Becoming a Marihuana User“ (1953) von Howard S. Becker und „The Moral Career of the Mental Patient“ (1959) von Erving Goffmann.

Literatur

  • Martin Bulmer: The Chicago School of Sociology. The University of Chicago Press, Chicago, London 1984.
  • Lee Harvey: Myths of the Chicago School of Sociology. Avebury. Hants (UK), Vermont (US) 1987.
Quelle:
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