Coming-Out (von engl. "to come out of the closet", wörtlich: aus dem Kleiderschrank herauskommen) bezeichnet im Zusammenhang mit Homosexualität einen Prozess, im Verlauf dessen sich eine lesbische Frau oder ein schwuler Mann persönlich bewusst wird, homosexuell zu sein und gegebenenfalls in der Folge diesen Umstand auch dem sozialen Umfeld offenbart, sich outet.
Analog zu Homosexuellen sind beispielsweise auch Sadomasochisten, Transgender und androgyne Menschen von diesem Phänomen betroffen (ohne zwangsläufig homosexuell oder bisexuell zu sein). Hieraus ergeben sich teilweise weitere Fragekomplexe wie die nach Geschlechterrollen und Identitätsgeschlecht. Bei transgender Menschen werden gegebenenfalls zusätzliche Themen wie geschlechtsangleichende Maßnahmen und das Transsexuellengesetz aktuell[1]. Im Folgenden erfolgt vereinfachend eine überwiegende Beschränkung der Betrachtung auf homosexuelle Menschen.
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Die meisten Menschen werden heteronormativ oder gar heterosexistisch erzogen, das bedeutet, dass man sie so erzieht, als wären sie heterosexuell, ungeachtet der tatsächlich vorhandenen sexuellen Orientierung. Das ist vergleichbar mit der Erziehung von Linkshändern in früheren Tagen, denen dasselbe Verhalten beigebracht wurde wie Rechtshändern. Für die Gesellschaft ist das einfacher, da man sich die Differenzierung spart, für die Betroffenen hingegen verursacht das erhebliche Schwierigkeiten.
Die sexuelle Orientierung eines Menschen ist schon im frühesten Kindesalter unabänderlich festgelegt. Es ist durch verschiedene Studien zweifelsfrei erwiesen, dass die sexuelle Orientierung zu einem großen Teil von genetischen Faktoren bestimmt wird [2] [3]. Es ist bisher noch unzureichend erforscht, ob und welche weiteren Faktoren nach der Zeugung noch hinzukommen können [4]. Bisher sind keine seriösen Fälle bekannt, in der die sexuelle Orientierung erfolgreich verändert wurde, trotz umfangreicher Versuche vor allem durch Aktivisten der Ex-Gay-Bewegung. Man kann daher sagen, dass die sexuelle Orientierung unveränderlich ist. [5]. Dies wird gelegentlich verdeutlicht durch die Redewendung: "Schwul wird man nicht, schwul ist man!". Im Zuge des Coming-out wird also eine vorhandene homosexuelle Neigung nicht etwa entwickelt, sondern nur entdeckt.
Im Coming-out unterscheidet man zwei Phasen, das innere Coming-out und das äußere Coming-out [6] [7]. Das innere Coming-out umfasst den Teil des Prozesses bis zur Bewusstwerdung über eine bei der eigenen Person vorhandene homosexuelle Neigung. Die Feststellung "Ich bin homosexuell!" erfolgt zunächst für sich selbst. Diese Phase kann individuell unterschiedlich lange dauern, beginnt meist mit der Pubertät und kann sich teilweise über viele Jahre hinziehen.
Das äußere Coming-out ist dadurch geprägt, dass man allen oder ausgewählten Menschen des sozialen Umfeldes (oder manchmal auch darüber hinaus), meist beginnend mit nahen Verwandten und Freunden, die eigene sexuelle Orientierung explizit offenbart, die Feststellung "Ich bin homosexuell!" erfolgt dann gegenüber anderen Menschen. Viele Homosexuelle informieren allerdings nur einen Teil ihres sozialen Umfeldes.
Der Coming-out-Prozess ist nicht an ein bestimmtes Alter gebunden. Es gibt Fälle, wo Menschen in relativ hohem Alter ihre Homosexualität ihren Familien, Kollegen oder ihrem Freundeskreis offenbaren. Obwohl diese Menschen, im Gegensatz zu jüngeren, meist finanziell unabhängig sind und nicht von Pubertätsproblemen geplagt werden, haben sie andere Probleme, weil sie meist sehr lange ihrer Umgebung eine Fiktion gezeigt haben, die nur sehr schwer zu widerrufen ist. In vielen Fällen sind sie sogar verheiratet oder haben Kinder.
Wann immer ein Betroffener in eine fremde Umgebung kommt (neuer Arbeitsplatz, Wohnort oder fremde Menschen, die er nicht auf Anhieb abschätzen kann, weil sie zum Beispiel aus anderen Kulturkreisen stammen), stellt sich für ihn die Frage, ob und wie er seine sexuelle Identität seiner Umgebung offenbart.
Es gibt kein definiertes Ergebnis für einen Coming-out-Prozess. Vom völlig offenen bis zum weitgehend zurückgezogenen Leben reichen die Schattierungen. Kriterium ist, ob der Betroffene innerlich seine sexuelle Orientierung akzeptiert hat und sich selbst nicht verleugnet. Jemand kann sich seiner homosexuellen Veranlagung bewusst sein oder sogar sexuelle Beziehungen zum selben Geschlecht haben und trotzdem Schuldgefühle oder Selbsthass empfinden (in der psychiatrischen Diagnostik „ichdystone Sexualorientierung“ genannt[8]).
Auf dem Land in Deutschland, Schweiz oder Österreich lebende homosexuelle Menschen haben es im Vergleich zu homosexuellen Menschen in den deutschen, schweizerischen, österreichischen Mittel-/Großstädten schwerer und suchen daher zunächst Informationen über Medien (Internet, Fernsehen,...). Erst wenn sie sich selbstsicher genug fühlen, offenbaren sie sich Vertrauenspersonen oder engen Freunden. Ein offenbarendes Gespräch mit Eltern oder Verwandten erfolgt häufig später und ist von den jeweiligen Familienverhältnissen abhängig.
Aufgrund der normativen Erziehung entstehen bei homosexuellen Menschen z.T. erhebliche Spannungen zwischen den Erwartungen der Umgebung an ihre Gefühle und den tatsächlich vorhandenen Gefühlen. Während z.B. andere Jungs eine sexuelle Erregung beim Anblick von Mädchen verspüren, empfinden schwule Jungs in derselben Situation ganz anders. Das führt oft zu einem subjektiven Gefühl des Andersseins und auch des Alleinseins. Viele Homosexuelle glauben zunächst, ganz alleine zu sein mit diesen Gefühlen.
Vorausgesetzt, dass keine Verfolgung von Homosexuellen droht, können Lesben und Schwule dieses emotionale Dilemma dadurch auflösen, dass sie einsehen und akzeptieren, tatsächlich anders zu sein und darüber hinaus zu erkennen, dass die an sie herangetragenen Erwartungen für sie nicht bindend sind. Die Betreffenden lösen sich von den Rollenerwartungen ihrer Umgebung, sie emanzipieren sich von der Rolle als Heterosexueller. Das erfordert ein erhebliches Maß an Mut und Selbstvertrauen, da es auch das Eingeständnis der Zugehörigkeit zu einer Minderheit bedeutet, die z.T. noch immer mit erheblichen Widerständen zu kämpfen hat.
Homosexuelle müssen je nach Region und Kulturkreis mit unterschiedlich großen Widerständen rechnen, die die Selbstfindung sehr erschweren können. Diese reichen von einfachen Ressentiments bis hin zu akuter Lebensgefahr[9] vor allem in von der Scharia geprägten Regionen. Eine negative Reaktion der Umwelt oder auch nur die Erwartung einer solchen kann Stressreaktionen bei den Betroffenen auslösen, die bis zu extremen Konsequenzen führen können. Eines der prominentesten Opfer, welches sich nach seinem unfreiwilligen Outing das Leben nahm, war der Mathematiker Alan Turing.
Besonders Jugendliche sind in solchen Fällen gefährdet: Zu den Pubertätsproblemen gesellen sich Fragen wie „Bin ich normal?“, „Bin ich allein so?“ Dies verdeutlicht auch die erhöhte Suizidversuchsrate[10] bei jungen homosexuellen Menschen.
Es erfordert daher ein erhebliches Vertrauen der Betroffenen in die Umwelt, um die eigene sexuelle Orientierung anderen zu offenbaren. Manchmal schrecken Betroffene aus Angst vor einer negativen Reaktion vor dem Outing zurück, obwohl eine solche negative Reaktion tatsächlich gar nicht droht.
Anspielend einerseits auf die erheblichen emotionalen Belastungen, die mit dem Coming-out verbunden sind, und andererseits auf den Umstand, dass Homosexualität teilweise angeboren ist, pflegen manche Betroffenen die Redewendung: "Schwul ist man nicht, das hat man sich hart erarbeitet!".
Weltweit nimmt die Intensität der Verfolgung von Homosexuellen ab, insbesondere die staatliche Verfolgung ist in den vergangenen 50 Jahren besonders in Europa stark zurückgegangen. Daher ist das Coming-out heute leichter als früher.
Gleichzeitig existieren heute im Internet Plattformen mit hoher Reichweite und umfangreichem Informationsangebot. Hier können Betroffene bequem und anonym Informationen einholen. Das war früher nicht möglich, da man sich oft schon mit dem Wunsch nach Informationen über Homosexualität angreifbar gemacht hatte.
Durch die Internetplatformen ist ebenfalls die Notwendigkeit eines Outings gesunken. Um einen Partner zu finden, ist es heute nicht mehr zwingend notwendig, sich durch Besuch einschlägiger Orte selbst zu outen.
Die aus dem Englischen übernommene Redewendung "Coming out", die im englischen Ursprung sowohl den Auftritt einer Debütantin bei ihrer Volljährigkeit als auch den Prozess, ein Versteck (Schrank) zu verlassen („Coming out of the closet“), bezeichnet, hat in der deutschen Sprache eine feste Bedeutung erlangt, die durch keine anderen deutschen Wörter zu ersetzen ist. Dabei hat das eingedeutschte Wort outen auch eigene, weitere Bedeutungen erhalten:
Eine positive Reaktion der Umwelt wirkt auf die Betroffenen erleichternd. Sie fühlen sich oft befreit und in ihrem Selbstvertrauen bestätigt. Sie neigen dazu, optimistisch in die Zukunft zu blicken.
Deswegen gibt es mittlerweile im deutschsprachigen Raum in allen größeren Städten Gruppen und Organisationen, die Hilfe und Selbsthilfe anbieten. Für ländliche Gegenden sind überregionale Organisationen, meist über Webseiten oder Telefondienste, tätig.
Für homosexuelle und sadomasochistische Jugendliche werden oft spezielle Coming-out-Gruppen angeboten, in denen informations- und hilfesuchende Jugendliche alle Fragen zum Thema besprechen können und darüber hinaus oft auch Anschluss zu Gleichgesinnten finden.
Öffentliches Outing wie das des Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit findet eher selten und dann oft bei Prominenten, allerdings meist unter Druck statt. Mit seinem „Ich bin schwul, und das ist auch gut so“ wurde er in Deutschland sehr bekannt. Nach seinem öffentlichen Bekenntnis, das rasch zum geflügelten Wort wurde, bekannten sich relativ schnell weitere namhafte Politiker wie Ole von Beust oder Guido Westerwelle zu ihrer Homosexualität. Rosa von Praunheim offenbarte im Jahr 1991 einige homosexuelle Kollegen von Film, Funk und Fernsehen. Dazu gehörten u.a. Alfred Biolek und Hape Kerkeling. Das Bekanntwerden des ehrenamtlichen BDSM-Engagements des UN-Waffeninspekteurs Jack McGeorge führte im angelsächsischen Sprachraum zu einer umfangreichen gegen ihn gerichteten Medienkampagne, in deren Verlauf sich Hans Blix und Hua Jiang, Pressesprecherin des UN-Generalsekretärs Kofi Annan, eindeutig auf McGeorges Seite stellten.
Filme, die sich mit Homosexualität, im speziellen mit dem Coming-out, beschäftigen.