Die Demografie (auch Demographie geschrieben, griechisch δημογραφία, von δήμος, démos – Volk und γραφή, graphé – Schrift, Beschreibung) bzw. Bevölkerungswissenschaft ist eine wissenschaftliche Disziplin, die sich mit dem Leben, Werden und Vergehen menschlicher Bevölkerungen befasst, sowohl mit ihrer Zahl als auch mit ihrer Verteilung im Raum und den Faktoren, insbesondere auch sozialen, die für Veränderungen verantwortlich sind. Die Erforschung der Regelmäßigkeiten und Gesetzmäßigkeiten in Zustand und Entwicklung der Bevölkerung wird vor allem mit Hilfe der Statistik erfasst und gemessen, dazu werden Beschreibungs- und Erklärungsmodelle entwickelt.
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Die Demografie beschreibt, analysiert und erklärt (bzw. versucht zu erklären) insbesondere:
Ihre Daten bezieht die Bevölkerungswissenschaft aus der laufend fortgeschriebenen Statistik, aus Stichproben und aus Volkszählungen.
Zur Untersuchung demografischer Prozesse (also der Bevölkerungsbewegung) werden neben verschiedenen, statistischen Kennziffern wie Geburtenrate, Fruchtbarkeitsrate, Sterberate, Migrationsrate, Lebenserwartung, etc. auch graphische Darstellungen wie die Alterspyramide verwendet.
Für die vorstatistische Zeit (also vor 1850) werden derartige Daten durch die Auswertung von Kirchen- und Ortsfamilienbüchern sowie durch andere Quellen berechnet.
Siehe auch: Demografie Deutschlands.
Nach der rassistischen Bevölkerungspolitik des NS-Regime fristete die Demografie in Deutschland lange ein Schattendasein, galt die Untersuchung oder gar Beeinflussung reproduktiven Verhaltens doch als moralisch bedenklich.
Erst im Zusammenhang mit der politischen Debatte um die Aufrechterhaltung der Sozialversicherungen kamen auch in Deutschland Debatten über die demografische Entwicklung oder den demografischen Wandel wieder auf. Zum Teil bis heute blieb die Diskussion dabei stark auf Themen der Wirtschaft und Sozialsysteme fixiert. So sprach (und spricht man z. T. bis heute) im Hinblick auf die Altersversorgung vom Problem der Überalterung, obwohl objektiv nicht die Existenz älterer Menschen, sondern das Fehlen jüngerer (Unterjüngung) das Problem ist.
Inzwischen hat die Demografie in Deutschland wieder Anschluss an den internationalen Kenntnisstand gefunden. Ursula Lehr nannte bereits 1987 folgende 16 demografischen Faktoren:
Seither sind in der wissenschaftlichen Diskussion noch hinzugekommen:
Dazu im Einzelnen:
zu 1. Zunehmende Lebenserwartung der Menschen: „Wir leben vier Jahre länger als unsere Eltern, unsere Kinder vier Jahre länger als wir“, sagt Axel Börsch-Supan, Direktor des Mannheimer Forschungsinstituts Ökonomie und demographischer Wandel. Dies sei ein einmaliger Alterungsprozess, der in Kombination mit der in Deutschland vorherrschenden niedrigen Geburtenrate eine enorme Herausforderung für unser Sozialsystem, unsere gesamte Infrastruktur und vor allem für unsere Wirtschaft darstelle.
zu 7. und 11. Niedrige Geburtenrate: Mit im Schnitt 1,36 Geburten pro Frau (2005) ist Deutschland in der Disziplin „niedrigste Geburtenrate“ – fast gleichauf mit Italien und Spanien. Von geringen Schwankungen abgesehen, ist diese Größe in Westdeutschland seit etwa Mitte der 1970er Jahre relativ konstant, sie bewegt sich seitdem im Bereich von ca. 1,3 bis 1,45 Kinder je Frau. In Ostdeutschland lag sie in Folge familienpolitischer Maßnahmen in den letzten rd. 15 Jahren vor der Wende z. T. deutlich über den Werten Westdeutschlands, fiel nach der Wende auf ein historisches Tief von ca. 0,8 Kinder je Frau im Jahr 1994 (dem niedrigsten je gemessenen Wert weltweit) und hat sich seitdem dem westdeutschen Wert allmählich weitgehend angenähert. Zur Reproduktion einer Bevölkerung mit Sterblichkeitsverhältnissen, wie sie z. B. in Deutschland vorliegen, ist es erforderlich, dass jede Frau im Durchschnitt rd. 2,1 Kinder zur Welt bringt. Dieser Wert wird in Deutschland also deutlich unterschritten.
Deutschland befindet sich damit in einem globalen Trend, der auch als so genanntes „demografisch-ökonomisches Paradoxon“ bezeichnet wird: Je wohlhabender, freier und gebildeter eine Gesellschaft wird, desto weniger Kinder bekommt sie. [1] Dies betrifft heute auch z. B. asiatische oder osteuropäische Länder.
Auch die Religiosität spielt eine Rolle: religiöse Personen bekommen durchschnittlich deutlich mehr Kinder als säkulare, sowohl innerhalb einer Gesellschaft wie im internationalen Vergleich. Andererseits können traditionalistische Familienmodelle bei sozioökonomischer Modernisierung die Geburtenraten der Gesamtgesellschaft absenken, wie derzeit z.B. in Griechenland, Italien, Polen, teilweise auch Deutschland und beginnend auf dem Balkan und in der Türkei zu beobachten. Religiosität ermutigt tendenziell zur Gründung von Familien, Traditionalismus schreibt dagegen vor, wie diese auszusehen haben (und senkt damit die Zahl möglicher Familienmodelle).
Eine große Rolle spielt sicher auch die Familienpolitik. In Mitteleuropa sind traditionelle Familienformen noch recht häufig (erwerbstätiger in Vollzeit arbeiternder Vater, während sich die Mutter um die Kinder kümmert und allenfalls in Teilzeit arbeitet). Aktuell wird viel über die Wahlfreiheit debattiert, das heißt, Eltern, und hierbei ganz überwiegend Müttern, Möglichkeiten zu geben, Familie und Beruf zu vereinbaren. Skandinavische Länder und auch zum Beispiel Island, werden in diesem Zusammenhang häufig als Musterländer angeführt. Häufig wird auch behauptet, dass hier die Geburtenzahlen höher seien (etwa 1,7 Kinder je Frau). Von allen entwickelten Industrietaaten hatten im Jahr 2005 die USA, Frankreich und Irland die höchsten Geburtenraten. Diese Staaten hatten alle eine Geburtenrate über 2,0 Kinder pro Frau, was nahezu der Bestandserhaltungsquote entspricht. Auffallend ist, dass zwar Frankreich eine besonders aktive Familienpolitik betreibt, die USA und Irland diesbezüglich aber ausgesprochen zurückhaltend sind. Nicht abschließend geklärt ist der Einfluss der Sozialversicherungssysteme auf die Geburtenrate. Insbesondere Familienverbände weisen darauf hin, dass die gesetzliche Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung umlagefinanziert sind. Das heißt, diese Systeme sind auf Nachwuchs angewiesen, um auf Dauer zu funktionieren. Eltern hätten vor allem in der Rentenversicherung einen gravierenden Nachteil, weil sich die im Alter zu erwartende Rente ganz überwiegend an den gezahlten Rentenbeiträgen bemessen würde. Das führe dazu, dass potentielle Eltern auf Nachwuchs verzichten, um möglichst viel einzahlen zu können. Während es früher so gewesen sei, dass man sich bei Kinderlosigkeit fragen musste, wer einen im Alter versorgt, sei es heute genau umgekehrt; man müsse auf Kinder verzichten, damit man im Alter die Möglichkeit hat, sich seine Altersversorgung von fremden Kindern finanzieren zu lassen.
zu 16. Ein- und Auswanderungen: Für die zukünftige Bevölkerungszahl und die Altersstruktur ist der Wanderungssaldo, d. h. die Differenz zwischen Zu- und Fortzügen, von Bedeutung. Der Wanderungssaldo war in den letzten 50 Jahren überwiegend positiv und betrug im Jahresdurchschnitt knapp 200.000 Personen. Davon waren drei Viertel Ausländerinnen und Ausländer. Das Statistische Bundesamt ging (2003) davon aus, dass die Zahl der Zuwanderungen langfristig sinken wird. Eine Grund dafür ist, dass etwa die Zuwanderung aus Osteuropa oder der Türkei nach Deutschland zunehmend erlahmt, sowohl aufgrund eigener Geburtenschwäche wie auch des stärkeren Interesses osteuropäischer Zuwanderer z. B. nach England oder den USA.
Die ersten beiden Merkmale stützen die Befürchtung einer Unterjüngung/Vergreisung der Gesellschaft. In der Vergangenheit hat das positive Wanderungssaldo zwar für eine Zunahme der Bevölkerung gesorgt; diese ist allerdings in jüngster Zeit zum Stillstand gekommen und seit 2003 in eine Schrumpfung übergegangen. Unter Experten herrscht weitgehend Einigkeit, dass die Alterung durch Zuwanderung nicht dauerhaft aufgehalten jedoch verlangsamt werden kann.
Zur Problematik der Unterjüngung im Bereich der Wirtschaft siehe: Humankapital
Zur Problematik der Unterjüngung im Bereich der Kultur siehe: Integration
Zur Problematik der Unterjüngung im Bereich der Außenpolitik siehe beispielhaft die Eurabien-Debatte.
Tendenziell ist ein negativer Zusammenhang zwischen Bildung und sozialem Status der Eltern einerseits und der Kinderzahl andererseits festzustellen: Bei Personen (Frauen bzw. Paaren) mit höherem Bildungsabschluss ist die durchschnittliche Kinderzahl je Frau niedriger, das durchschnittliche Gebäralter höher und der Anteil dauerhaft Kinderloser ebenfalls höher als bei Personen mit niedrigerem Bildungsniveau. Schätzungen zufolgen beträgt die zusammengefasste Geburtenziffer bei Akademikerinnen ca. 0,9 Kinder je Frau, bei Frauen ohne Schulabschluss hingegen ca. 1,8, also rd. das Doppelte. Das mittlere Gebäralter liegt bei Akademikerinnen bei ca. 34 Jahren, bei Frauen ohne Ausbildung bei ca. 23 Jahren.
Zu erwähnen ist auch die im Durchschnitt höhere Geburtenhäufigkeit in der zugewanderten Bevölkerung im Vergleich mit der einheimischen. Obwohl im Durchschnitt in Migrationsfamilien das Ausbildungs- und Einkommensniveau niedriger ist, kann die höhere Geburtenrate nur teilweise mit dem letztgenannten Zusammenhang erklärt werden. Hinzu treten kulturelle Unterschiede insbesondere in bestimmten Migrantengruppen. Der amtlichen Statistik zufolge liegt die Geburtenrate einheimischer Frauen bei ca. 1,1-1,3 Kindern je Frau, bei der zugewanderten hingegen bei ca. 1,7. Hier wiederum heben sich (von den großen Gruppen) insbesondere die Türkischstämmigen mit Geburtenraten deutlich über 2,0 hervor, wobei auch dort die Kinderzahl mit abnehmender Bildung, insbesondere der Mutter, zunimmt.
Sowohl deutsche Studien wie auch die religionsbezogene Auswertung der Schweizer Volkszählung 2000 durch das Schweizer Bundesamt für Statistik legen eine starke demografische Wirkung des Faktors Religion nahe. Dies betrifft religiöse Zuwanderer wie Hindus und Muslime, aber auch mehrheitlich einheimische Religionsgemeinschaften wie Juden und einige Freikirchen.
Kritik an der Demografie wurde und wird u. a. mit Bezug zu Vorausberechnungen der Bevölkerung sowie deren politischen Implikationen geübt:
Hätte man vor 50 Jahren die heutige Bevölkerungszahl Deutschlands prognostizieren wollen, so wäre es nicht möglich gewesen, entscheidende Einflussfaktoren wie beispielsweise die Vermarktung der Antibabypille im Vorhinein zu berücksichtigen. Dennoch wird häufig, z. B. im Zusammenhang mit der sogenannten Rentenreform, mit langfristigen Bevölkerungsvorausschätzungen argumentiert. Von Seiten der Kritiker wird eine solche Vorgehensweise als wissenschaftlich fragwürdig erachtet. Es wird bei solchen Kritiken bisweilen übersehen, dass Prognosen wertvolle Hilfe dabei bieten können, mögliche Konsequenzen aus den unter bestimmten Rahmenbedingungen zu erwartenden oder zu vermutenden Entwicklungen der einzelnen Komponenten der Bevölkerungsentwicklung aufzuzeigen und sich bereits frühzeitig auf diese Konsequenzen einzurichten.
Dem Mainstream der Demographen wird auch eine unkritische Haltung zur Geschichte ihrer eigenen Disziplin vorgeworfen:
Die Bremer Sozialwissenschaftler Gunnar Heinsohn, Otto Steiger und Rolf Knieper haben in ihrer Studie "Menschenproduktion - allgemeine Bevölkerungstheorie der Neuzeit"[2] gezeigt, wie die Demographie auf dem Hintergrund des Arbeitskräftebedarfs des neuzeitlichen Staats entstanden ist. Laut diesen Autoren diente die Bevölkerungswissenschaft dem modernen Staat zunächst dazu, durch eine Reihe von Maßnahmen, die auch die umfassende Kriminalisierung der Geburtenkontrolle einschloß, die Reproduktion der Bevölkerung in ausreichender Zahl sicherzustellen. Dieser These zufolge sind Geburtenraten, die wesentlich über der Reproduktionsrate von 2,1 liegen, entgegen einer Grundannahme der Demographen nicht naturgegeben, sondern meist durch Bevölkerungspolitik politisch hergestellt. Die Bevölkerungspolitik des deutschen nationalsozialistischen Regimes der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts ist also kein historischer Ausnahmefall, sondern steht durchaus in der Kontinuität frühmoderner Bevölkerungspolitik, die Hitler lediglich wiederbelebte und radikalisierte.
Auch für den Geburtenrückgang in den Industrienationen bieten Heinsohn/Knieper Steiger eine einheitliche Erklärung an, die sie der Erklärungsschwäche der herkömmlichen Demographie entgegenhalten: Lohnarbeiter, die im Gegensatz zur traditionellen Familienwirtschaft kein Produktionsmitteleigentum haben, haben daher auch kein Erbe an die nächste Generation weiterzugeben, weshalb sie auf Nachwuchs ökonomisch nicht angewiesen sind. Sobald ihnen Mittel der Geburtenkontrolle zugänglich werden, verzichten sie daher zunehmend auf Kinder, und zwar in dem Maß extremer, in dem sie um Spitzenpositionen mitkonkurrieren (bei den hochqualifizierten Frauen gehen die Geburtenraten als erstes und am drastischsten zurück)[3]. Dasselbe Muster zeigt der moderne Sozialismus, in dem die Geburtenraten nach dem Zusammenbruch und den mehrheitlich gescheiterten Versuchen einer marktwirtschaftlichen Transformation armuts- und unsicherheitsbedingt nochmals drastisch zurückgegangen sind (die Fertilitätsrate der Ukraine etwa liegt bei 1,1 Kindern pro Frauenleben). Besonders Ceausescu hat diesem Trend seit den 60er Jahren aggressiv entgegenzuwirken versucht, was die weltweit höchsten Müttersterblichkeitsraten und unzählige Waisenkinder nach sich zog, die erst in den 90er Jahren für kurze Zeit die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zogen[4].
| Wiktionary: Demografie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme und Übersetzungen |