Dialektik (griechisch διαλεκτική (τέχνη), dialektiké (téchne), eigentlich: „Kunst der Unterredung“; gleichbedeutend zu lateinisch (ars) dialectica: „(Kunst der) Gesprächsführung“) ist ein Begriff der Philosophie. Er ist der Logik und der Rhetorik verwandt.
Inhaltsverzeichnis |
Der Begriff Dialektik stammt ursprünglich von dem griechischen medialem Deponens Infinitiv dialegesthai, das ein Gespräch führen bedeutet. Dialegesthai setzt sich zusammen aus der Präposition dia und der Wurzel leg-, die in logos (Grundbedeutung: Rede; auch: Rechnung, Verhältnis, Vernunft) und legein (sagen, reden) enthalten ist. Der Infinitiv dialegesthai wird bei Herodot, Thukydides und Gorgias im Sinne des Gesprächs gebraucht. Dialektikê tritt zuerst bei Platon adjektivisch[1] und als Substantiv[2] auf und wird hier und in der Folge zu einem technischen Terminus einer Methode bzw. zur Bezeichnung einer Wissenschaft.[3]
Dialektik ist ein schon in der Antike nicht einheitlich gebrauchter Begriff. Bis in die Neuzeit jedoch behält er im wesentlichen die Bedeutung einer auf einem Gespräch fundierten Disziplin oder Methode bei, die zur Wahrheitsfindung dient. Seit dem 18. Jahrhundert hat der Begriff viele andere Verwendungen erfahren.
In der antiken Philosophie wird mit dem Begriff "Dialektik" eine Methode oder Disziplin bezeichnet um Wissen zu erwerben oder zu überprüfen. Zunächst und zumeist wird dabei von einer Frage-Antwort-Situation ausgegangen. Argumente sind Fragen in einer Gesprächsituation oder werden als in einer Gesprächsituation befindlich aufgefasst. Der Argumentationsfortschritt ergibt sich allein dadurch, dass die vom Fragenden ausgesagten Prämissen vom Antwortenden bejaht oder verneint werden (oder als bejaht oder verneint gedacht werden).[4] Nach Aristoteles ([fr. 65] nach Diog. IX 25ff und VIII 57) soll der Erfinder der Dialektik Zenon von Elea gewesen sein.
Zum ersten Mal findet sich der Terminus "Dialektik" bei Platon. Er grenzt die Dialektik von dem rhetorischen Monolog und der Eristik der Sophisten ab, welche er als Methode zur Durchsetzung beliebiger Meinungen betrachtet.[5] Platons Dialektikbegriff ist vieldeutig: In den frühen Dialogen ist Dialektik eine argumentative Form der Gesprächsführung: Sokrates stellt unter der Verwendung des Elenchos eine ungeprüfte Meinung eines Proponenten auf den Kopf bzw. widerlegt sie. Oft enden diese Gespräche in einer Aporie, d.h. nach dem dialektischen Gespräch ist nur bewiesen, dass die alte These zu verwerfen ist, aber eine neue ist dadurch (noch) nicht gefunden.
In späteren Dialogen (insbesondere dem Phaidon, der Politeia, dem Phaidros und dem Sophistes) ist Dialektik Platons Fundamentalwissenschaft. Sie stellt die Methoden bereit, mit der in der Philosophie sachgerecht unterschieden werden soll und Wissen über die Ideen - insbesondere über die Idee des Guten - erlangt werden soll: das Hypothesis-Verfahren und das Dihairesis-Verfahren.
Von Aristoteles liegt die erste schriftlich ausgearbeite Dialektik vor, die sich in seiner Topik findet. Dialektik ist eine methodische Argumentationsanleitung, die er folgendermaßen beschreibt:
Dialektische Argumentationen sind Deduktionen. Sie unterscheiden sich formal dabei nicht von wissenschaftlichen, sondern nur durch die Art ihrer Prämissen: wissenschaftliche Prämissen sind besondere, nämlich „wahre und erste Sätze“, dialektische hingegen anerkannte Meinungen, d.h. Sätze, die
Der Dialektiker operiert in der Argumentation mit verschiedenen argumentativen Werkzeugen und insbesondere mit den Topen. Letztere sind Argumentationsschemata für bestimmte Argumentationsszenarien, die gemäß der Eigenschaften der in den Prämissen verwendeten Prädikaten vom Dialektiker aufgefunden und angewandt werden.
Nützlich ist Dialektik nach Aristoteles als geistige Gymnastik, bei Begegnungen mit der Menge und auch - durch das Durchspielen entgegensetzter Positionen - bei der Erörterung philosophischer Probleme.[8]
Die megarische Schule wurde als „dialektisch“ bezeichnet, da sie sich dadurch besonders auszeichnete logische Probleme sowie Trugschlüsse zu behandeln. Teilweise wurde das dortige Vorgehen auch „eristisch“ genannt.
Die skeptisch geprägte Akademie des Arkesilaos fasste Dialektik auf als ein Verfahren, jede These, jede Behauptung von Wissen mit einem Argument für die gegenteilige These zu entkräften.
Nach stoischem Sprachgebrauch ist Dialektik (neben der Rhetorik) ein Teil der (im weiteren Sinne als heute verstandenen) stoischen „Logik“. Sie wird (vermutlich durch Chrysipp) definiert als: „Wissenschaft von dem, was wahr, von dem, was falsch, und von dem, was keins von beiden ist.“[9] Die Dialektik ist damit das Instrument des Stoikers zur Unterscheidung wahrer und falscher Vorstellungen und umfasst dabei insbesondere auch die stoische Erkenntnistheorie. Die Gliederung der stoischen Dialektik in ein Gebiet „Über die Stimme“ und „Über das Bezeichnete“ zeigt jedoch, dass auch andere heutige Disziplinen wie Phonetik, Semantik, Sprachphilosophie und Stilistik unter sie fallen.
Boethius knüpft an die Topik von Aristoteles und Cicero an und entwickelt aus den locus besondere Maximen des Argumentierens. Berengar von Tours, William of Shyreswood und Petrus Hispanus entwickeln weitere Ansätze.
Kant kannte eine transzendentale Dialektik, die ansetzt als eine Logik des Scheins. Das sind die erklärbaren - aber nicht auflösbaren - kosmologischen Widersprüche, in die sich die reine Vernunft verwickelt, wenn sie nach dem Übersinnlichen fragt: Was war vor dem Anfang der Welt? usw. Diese natürliche Dialektik wird kritisch einer transzendentalen Vernunftkritik unterzogen, mit der die "endlosen Streitigkeiten der Metaphysik" beendet werden sollen.
Kants Dialektik wurde von späteren Philosophen wie etwa Schopenhauer als abgeschlossen angesehen. Andere gingen davon aus, dass Kants Auffassung der Dialektik durchaus noch verbessert werden könne, so etwa Serol, Fichte und Schelling.
Die Dialektik ist nach Hegel die Anstrengung des denkenden Subjekts, über sich selbst hinauszugehen[10].
Bei Hegel benutzt die Dialektik auch zu seiner Darstellung einer Geschichtsphilosophie. Dabei haben sich Vernunft, Wahrheit, Selbstbewusstsein in einem geschichtlichen Prozess zu realisieren.
Legt man eine hegelsche Verwendung des Begriffes 'Dialektik' zugrunde, ist bereits der antike Philosoph Heraklit ein früher Dialektiker. Der Logos als das Prinzip der Welt, besteht für Heraklit im Streit ("polemos") als "Vater aller Dinge". Die sich ständig wandelnde Welt ist geprägt von einem Kampf der Gegensätze, vom ewigen Widerspruch der Polaritäten. Im Gegensatz zeigt sich eine "tieferliegende, verborgene Einheit, ein Zusammengehören des Verschiedenen".
Max Weber stellte in seinen Arbeiten zur Wissenschaftslehre im Anschluss an Heinrich Rickert und Emil Lask der analytischen Logik die emanatistische Logik gegenüber, als welche er eine Begriffslogik verstand, die sich an Hegels Dialektik orientiere.
Karl Marx stellt die Dialektik Hegels vom Kopf (Hegels Idealismus) auf die Füße und setzt sie auf historisch-materialistischer Grundlage als Methode zur Kritik der politischen Ökonomie ein.
Marx äußert sich in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844 über die Hegelsche Dialektik, überhaupt und wie sie in der »Phänomenologie« und »Logik« von Hegel ausgeführt ist, und deren Rezeption durch die Junghegelianer. [14] Ludwig Feuerbach sei der einzige, der hierzu ein kritisches Verhältnis bewiesen habe und als Überwinder Hegels gelten dürfe. Denn Feuerbach habe nachgewiesen, dass Hegels Philosophie die Theologie fortgesetzt habe.[15]. Hegels Idealismus habe Feuerbach den wahren Materialismus und die reelle Wissenschaft entgegengesetzt.
Das »unglückliche Bewußtsein«, das »ehrliche Bewußtsein«, der Kampf des »edelmütigen und niederträchtigen Bewußtseins« etc. etc., diese einzelnen Abschnitte enthalten die kritischen Elemente - aber noch in einer entfremdeten Form - ganzer Sphären, wie der Religion, des Staats.[16]
Das Große an der Hegelschen »Phänomenologie« und ihrem Endresultate - der Dialektik der Negativität als dem bewegenden und erzeugenden Prinzip - ist also einmal, daß Hegel die Selbsterzeugung des Menschen als einen Prozeß faßt, die Vergegenständlichung als Entgegenständlichung, als Entäußerung und als Aufhebung dieser Entäußerung; daß er also das Wesen der Arbeit faßt und den gegenständlichen Menschen, wahren, weil wirklichen Menschen, als Resultat seiner eignen Arbeit begreift.[17]
Für Marx ist nichts anderes als die gesellschaftliche Wirklichkeit die Grundlage für den „Gang der Sache selbst“. Nicht die Entwicklung der Begriffe oder des Geistes bestimmen die Wirklichkeit, sondern das Handeln der Menschen, orientiert an der tatsächlichen Befriedigung der Bedürfnisse und der durch die ökonomischen Verhältnisse bestimmten Interessen, bestimmen ihr Denken und damit die Entwicklung von Ideen.
Gemäß Marx ist die materialistische Dialektik zugleich logisch und geschichtlich. Der Widerspruch vereint nicht zwei Gegensätze zu einem höheren Dritten wie bei Hegel, sondern löst einen Prozess der historischen Durchsetzung der logisch besseren und stärkeren Verhältnisse aus, die so in der menschlichen Praxis als Triebkraft der Geschichte wirken. In der gesellschaftlichen Praxis gestaltet der menschliche Wille die soziale Wirklichkeit, durch willentliche Beeinflussung der gesellschaftlichen Prozesse und der vorgefundenen Verhältnisse entsprechend historisch bestimmten Gesetzen der sozialen Entwicklung.
Die materialistische Dialektik bei Marx und Engels kann somit als Methodologie des Marxismus zur Grundlegung des wissenschaftlichen Sozialismus aufgefasst werden. Sie wird in der weiteren Geschichte der kommunistischen Philosophie zum grundlegenden Bestandteil des historischen wie des dialektischen Materialismus, wie er jedoch nicht immer ganz untereinander übereinstimmend bei Friedrich Engels, Lenin oder dogmatisch stark vergröbert bei Stalin anzutreffen ist. Die dialektischen Gesetze existieren hier zunächst unabhängig vom Bewusstsein. Durch revolutionäre Umgestaltung der Produktionsbedingungen und -verhältnisse sowie der dann möglichen Ausnutzung jener Gesetze bestehen diese sodann in Wechselwirkung mit dem Bewusstsein.
Die Diskussion im Rahmen des Positivismusstreits war von der Hegelschen Interpretation des Begriffes (vereinfacht: Prinzip These-Antithese-Synthese) und deren Modifikation durch Marx und der Kritik an diesen Positionen geprägt. Nach dem Selbstverständnis der Dialektiker erfasst die dialektische Theorie durch die dialektische Methode eine Dialektik der Wirklichkeit. Nur die Dialektik kann daher diese Wirklichkeit in ihrer Ganzheit angemessen beschreiben. Weil das Wahre das Ganze ist, muss jeder wahre Satz also ein dialektischer sein. Weil das systematische und deduktive Denken Widersprüche kategorisch ablehnt und ablehnen muss, da es an der Basis untrennbar an die Logik gekettet ist, muss ihm diese Wahrheit verborgen bleiben. Aus dieser Sicht kann analytisches Denken die Dialektik also nicht verstehen.
Habermas erläuterte diese Problematik am Beispiel des dialektischen Begriffs der Totalität wie folgt: "Insofern fällt der dialektische Begriff des Ganzen nicht unter die berechtigte Kritik an den logischen Grundlagen jener Gestalttheorien, die auf ihrem Gebiete Untersuchungen nach den formalen Regeln analytischer Kunst überhaupt perhorreszieren; und überschreitet dabei doch die Grenzen formaler Logik, in deren Schattenreich Dialektik selber nicht anders scheinen kann denn als Schimäre"[18]
Hauptwerk der Frankfurter Schule ist die von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno verfasste Essay-Sammlung Dialektik der Aufklärung.
Adorno entwickelte eine Negative Dialektik. Es geht um eine Kritik am theoretischen Abschluss der Philosophie zu einem System. Philosophiehistorische Grundüberlegungen sind ein gesellschaftskritisches Korrelat.
Nach Horkheimers und Adornos Tod wurden vor allem Jürgen Habermas, Karl-Otto Apel und Oskar Negt für die Frankfurter Schule repräsentativ. In dieser Jüngeren Kritischen Theorie wurde eine Diskursethik ausgearbeitet.
Die dialektische Vorgehensweise Hegels ist von Zeitgenossen und in der Nachfolge kritisiert worden. Schopenhauer sprach von der Philosophie Hegels abschätzig als „Hegelei“. Seit Kierkegaard ist eine Protesthaltung gegen das System der Dialektik einschlägig (Existenzphilosophie). Auch der dialektische Materialismus war besonders in der politischen Diskussion des 20. Jahrhunderts heftig umstritten. Es trat insbesondere die Frage auf, wieso sich die ökonomische Gesellschaft zwangsläufig als Klassenkampf darstellt, der sich fortschreitend entwickelt.
Die analytische Philosophie kritisierte zuallererst die dialektische Sprache, die sich aus Sicht der Sprachkritik nach der linguistischen Wende nicht an die Standards der Logik zu halte. Man kann sogar sagen, dass die Feindseligkeit gegen oder Empfänglichkeit für Dialektik eines der Dinge ist, welche im 20. Jahrhundert die Anglo-Amerikanische Philosophie von der sogenannten Kontinentalen Tradition spaltet, eine Kluft, die nur wenige gegenwärtige Philosophen (darunter Richard Rorty) gewagt haben zu überbrücken.
Ein Philosoph, der das Konzept dieser Tradition der Dialektik immer wieder kritisiert hat, ist Karl Popper. 1937 veröffentlichte er den Artikel „What Is Dialectic“, worin er die dialektische Methode für ihre Bereitwilligkeit kritisierte, sich mit Widersprüchen abzufinden. Popper schloss den Aufsatz mit den Worten: „Die ganze Entwicklung der Dialektik sollte als Warnung dienen gegen die dem philosophischen Systembau inhärenten Gefahren. Sie sollte uns daran erinnern, dass die Philosophie nicht zur Grundlage für irgendwelche Arten wissenschaftlicher Systeme gemacht werden darf...“. Später behauptete[19] Popper (dieser Auffassung hat u.a. Walter A. Kaufmann widerspruchen[20]), dass Hegels Denken zu einem gewissen Grad verantwortlich für die Erleichterung des Aufstiegs des Faschismus in Europa ist, indem es zum Irrationalismus ermutigt und versucht ihn zu rechtfertigen. Im Abschnitt 17 seines Nachtrags von 1961 zur Offenen Gesellschaft, im englischen Original betitelt "Facts, Standards, and Truth: A Further Criticism of Relativism", lehnte Popper es ab, seine Kritik an der Hegelschen Dialektik zu relativieren, er argumentierte, dass sie eine große Rolle beim Untergang der liberalen Bewegung in Deutschland (Weimarer Republik) gespielt hat, indem sie zum Historizismus und anderen totalitären Denkmoden beitrug und dass sie die traditionellen Standards der intellektuellen Verantwortung und Redlichkeit herabgesetzt habe.