Doppelte Verneinung

Die doppelte Verneinung ist eine rhetorische Figur, in der zwei Negationen auftreten. In der Linguistik ist die doppelte Verneinung eine Verneinung, die aus zwei Bestandteilen besteht, von denen jeder einzelne für sich bereits eine Verneinung darstellt.

In vielen Sprachen stellt die doppelte Verneinung eine Bekräftigung der Verneinung dar. In der deutschen Sprache (auch in der Umgangssprache) ist sie als Bekräftigung der Verneinung (außer in Dialekten) praktisch verschwunden und wird als komisch verstanden oder kann den Redner sogar als ungebildet erscheinen lassen. In anderen Sprachen stellt sie in diesem Sinne die normale grammatische Form der Verneinung dar oder ist eine von mehreren normalen Möglichkeiten der Verneinung.

Durch Einfluss der Logik (siehe auch: Negation) bedeutet heute doppelte Verneinung in logischer Hinsicht oft Bejahung und wird entsprechend aufgelöst.


Inhaltsverzeichnis

Doppelte Verneinung in Hochdeutsch als Bejahung

Doppelte Verneinung kann im Deutschen im Zusammenhang mit Adjektiven auftauchen:

  • Er ist nicht untalentiert. bedeutet, dass die Bezugsperson Talent hat.

Auch in Nebensätzen ist sie gebräuchlich:

  • Es ist nicht wahr, dass ich das nicht gesehen habe.

bedeutet, dass der Sprecher das entsprechende Ereignis mitbekommen hat.

  • Er hatte kein Interesse, die Hausaufgaben nicht zu machen. bedeutet, dass der Sprecher die Hausaufgaben sehr wohl machen wollte. Ähnlich gestaltet ist das Beispiel:
  • Nur weil man paranoid ist, bedeutet das ja noch nicht, dass sie nicht trotzdem hinter einem her sein können.

Bei graduellen Begriffen kann die doppelte Verneinung Nuancen ausdrücken. Der Sprecher macht so eine abgeschwächt positive Aussage oder vermeidet, eindeutig Stellung zu beziehen:

  • Ich bin nicht unglücklich. schließt ein: Unglücklich bin ich nicht, aber auch nicht glücklich.

Bei binären Begriffen ist eine doppelte Verneinung dagegen nicht sinnvoll:

  • Statt Ich bin nicht unschwanger ist allein Ich bin schwanger gebräuchlich.

Viele Jugendliche benutzen diese Redewendung, um einer Sache Nachdruck zu verschaffen:

  • Ich geh heute nicht ins Kino gell.

Dabei findet "gell" anstelle des ursprünglichen "nicht" Verwendung und ist somit der 2. Teil der Verneinung.

Doppelte Verneinung in Hochdeutsch als Verneinung

Die doppelte Verneinung findet in lyrischen Texten als Bekräftigung Verwendung:

  • So warm wie der Hans hat's niemand nicht (aus: Christian Morgenstern: Die drei Spatzen, siehe unten) ist zu lesen als: "So warm wie der Hans hat's wirklich niemand."

Darüber hinaus sind Formen wie:

  • Das macht kein Mensch nicht.
  • Ich kenne niemand nicht.

heute im Hochdeutschen veraltet und werden nur noch zur besonderen Charakterisierung eines Sprechers in wörtlicher Rede verwendet.

Gebraucht wird (im nichtstandardsprachlichen Bereich) noch manchmal die Redewendung Nie und nimmer nicht:

  • Das machst du nie und nimmer nicht. (Verstärkung der Verneinung oder äußerster Zweifel an einer Ankündigung, logisch müsste es bedeuten: das machst du immerzu und unterlässt es niemals.)
  • Nie und nimmer nicht wäre ich auf diese Idee gekommen.

Doppelte Verneinung in Dialekten

In oberdeutschen Dialekten ist die doppelte Verneinung zur Verstärkung der Verneinung teilweise Standard.

  • Des måcht kaa Mensch ned.

Im Plattdeutschen wird die doppelte Verneinung angewendet, wenn etwas Positives zum Ausdruck kommt.

  • Un daarüm kann daar keen Minsch nich in versupen.
  • Dat will ick för keen Geld nich.

Dreifache Verneinung in Dialekten

Ein sehr schönes Beispiel aus dem Hessischen:

  • Hat kaaner kaa Messer net do?

Doppelte Verneinung in Fremdsprachen

Englisch

In der englischen Sprache ist es ähnlich wie in der deutschen.

I haven't seen nothing

könnte heißen:

Ich habe nicht nichts gesehen,

aber auch (logisch)

Ich habe etwas gesehen.

Deshalb sagt man:

I haven't seen anything.

In der Umgangssprache und in Liedern ist die doppelte Verneinung häufig vorhanden. Beispiel:

I don't feel nothin’

heißt:

Ich fühle nichts. (Ich fühle rein gar nichts.)

Oder wie auch vorkommt:

We don't need no water (Wir brauchen kein Wasser)

Ebenso: I can't get no satisfaction (Ich kann nicht genug bekommen.).

Französisch

Die Verneinung in der Französischen Sprache besteht aus zwei Wörtern, welche die konjugierte Verbform umklammern.

Je ne vais nulle part.

Wörtliche Übersetzung:

Ich gehe nicht nirgendwo hin.

Nach Verben bzw. Ausdrücken der Furcht/ Angst kann im Nebensatz nach que ein ne stehen. Dieses ne drückt jedoch keine Verneinung aus. Falls der Hauptsatz verneint ist, steht nie ein ne im Que-Satz. Der Gebrauch dieses ne ist fakultativ.

Latein

Im Lateinischen bedeutet eine doppelte Verneinung grundsatzlich eine verstärkte Bejahung.

scire = wissen

nescire = nicht wissen.

non nescire = (sehr) gut wissen

Russisch

Auch im Russischen ist die doppelte Verneinung der gewöhnliche Ausdruck der Verneinung und muss verwendet werden.

Я никуда не иду
(Ja nikuda ne idu)

wörtlich:

Ich nirgendwohin nicht gehe.

Bedeutung:

Ich gehe nirgendwohin.

Serbisch

Im Serbischen erfordert die grammatisch korrekte Form die doppelte Verneinung.


Slowenisch

In Slowenisch ist - wie in vielen anderen slawischen Sprachen - die doppelte Verneinung eine korrekte Form, kann aber manchmal zu Mehrdeutigkeiten führen, ob das Positive oder das Negative gemeint sei.

  • Ich kenne niemanden.

heißt slowenisch:

  • Ne poznam nikogar.

Spanisch

Die Spanische Verneinung besteht entweder aus zwei Wörtern, welche vor und nach der konjugierten Verbform bzw. bei Vorhandensein eines Partizips vor der konjugierten Verbform und nach dem Partizip stehen.

No he visto nada

wörtlich:

Ich habe nichts nicht gesehen.

Italienisch

Im Italienischen ist die doppelte Verneinung oft zwingend:

Non ho visto niente/nulla

wörtlich:

Nicht ich habe gesehen nichts.

Bedeutung:

Ich habe nichts gesehen.


Verwirrung

Manchmal wird die doppelte Verneinung auch zur Verwirrung und wegen des komischen Effektes verwendet:

  • Das ist nicht undumm.

Dieser Effekt wird auch durch das Stilmittel Litotes beschrieben.

Anwendungsbeispiele (Zitate)

  • Aus der Sprache der Gesetze:
Paragraph 118 BGB zur Scherzerklärung enthält fünf in verschiedener Weise aufeinander bezogene Verneinungen, so dass er den meisten Lesern nur nach längerem Überlegen verständlich werden dürfte: Eine nicht ernstlich gemeinte Willenserklärung, die in der Erwartung abgegeben wird, der Mangel der Ernstlichkeit werde nicht verkannt werden, ist nichtig. (Verneinungen: nicht, Mangel, nicht, verkannt, nichtig)


  • Aus der Sprache der Dichter (Hervorhebung nur hier):
Die drei Spatzen
von Christian Morgenstern


In einem leeren Haselstrauch
da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.
Der Erich rechts und links der Franz
und mitten drin der freche Hans.
Sie haben die Augen zu, ganz zu,
und obendrüber da schneit es, hu!
Sie rücken zusammen dicht an dicht.
So warm wie der Hans hat's niemand nicht.
Sie hör'n alle drei ihrer Herzlein Gepoch.
Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.


Siehe auch: Negation

Quelle:
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