Sir Edward Evan Evans-Pritchard (* 21. September 1902 in Sussex; † 11. September 1973 in Oxford) war ein britischer Sozialanthropologe.
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Evans-Pritchard wurde als Sohn eines anglikanischen Pfarrers in Sussex, England, geboren. Von 1921-1924 studierte er moderne Geschichte an der Universität Oxford. Seine anthropologischen Studien begann er an der London School of Economics and Political Science (LSE), wo er bei Charles Gabriel Seligman, einem der Teilnehmer der berühmten anthropologischen Expedition der Universität Cambridge in die Torres-Straße, lernte. Zur gleichen Zeit trat dort Bronisław Malinowski seine Lehrtätigkeit an, und so wurde Evans-Pritchard neben Raymond Firth zu einem der ersten Schüler Malinowskis, orientierte sich aber mehr an Seligman.
1926 bekam Seligman einen Auftrag des britischen Colonial Office zu einer ethnographischen Erforschung der indigenen Völker im damaligen "Anglo-Ägyptischen Sudan". Da er jedoch erkrankte, übernahm Evans-Pritchard diese Aufgabe. Auf Grund der Ergebnisse seiner ersten dreimonatigen Feldforschung bei den Azande erlangte Evans-Pritchard 1927 seinen Ph.D. In den kommenden drei Jahren suchte er die Azande immer wieder auf; zwischen diesen Aufenthalten hielt er Vorlesungen an der LSE.
1930, unmittelbar nachdem das britische Militär den Aufstand der Nuer im Sudan blutig niedergeschlagen hatte, begann Evans-Pritchard seine Feldforschung bei ihnen, von welchen er nicht nur als Fremder, sondern auch als Feind angesehen wurde. Obwohl ein Großteil seiner Forschung im Auftrag der britischen Regierung stattfand, übernahm Evans-Pritchard keine Spionageaufträge, sondern legte seine Ziele den Menschen, die er erforschte, mit denen er lebte und die er respektierte, zu jeder Zeit offen. Er sah sich als eine Art Vermittler zwischen der Regierung und den Nuer.
1932 wurde er Professor an der Universität Kairo, gab diese Stelle aber 1935 wieder auf, um Afrikanische Soziologie in Oxford zu unterrichten, wo er bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs blieb. Während des Krieges leitete er einen Guerilla-Grenzkrieg gegen das von Italien okkupierte Äthiopien. Er diente als Offizier in Äthiopien, dem Sudan, Libyen und Syrien. Geoffrey Lienhard urteilt dazu: "Parts of his own life... had fictional charakter." (Lienhard 1974:300)
1945 kehrte er nach England zurück und übernahm, nach einem Jahr in Cambridge, die Professur von Alfred Radcliffe-Brown für Social Anthropology in Oxford, wo er bis zu seiner Emeritierung 1970 blieb. 1971 wurde er geadelt.
Am 11. September 1973 starb er in Oxford.
Edward Evan Evans-Pritchard galt zunächst als Schüler der British Social Anthopology, von der er sich jedoch später abwandte, da er Meinung war, man müsse ein größeres Gewicht als sie auf die Sozialgeschichte und das soziale Handeln der einzelnen Akteure legen.
Er führte Feldforschungen bei den Azande des Sudan (1926-1930 mit Unterbrechungen), bei den Nuer des Sudan (1930/1931/1935), bei den Anuak in Äthiopien 1935/1936), bei den sudanischen Schilluk und bei den Luo in Kenia durch.
Evans-Pritchard sah es als Ziel an, eine Ethnographie zu schreiben, die eine vollständige, zusammenhängende und genaue Präsentation der Auffassungen der Stämme und Völker darstelle.
Nach Meinung von Evans-Prichtard kann kulturelles Leben eines Volkes nur in Zusammenhang mit den persönlichen Erfahrungen seiner Menschen verstanden werden.
Die anthropologische Methode ist nach Evans-Pritchard die des Vergleichs. Der entscheidende Moment, um Vergleiche zu ziehen, ist, sobald dem Einzelnen ein Unglück widerfährt. In solchen Situationen muss man die Weisen betrachten, wie mit der Situation umgegangen wird. Menschen können andere beschuldigen, selber Verantwortung übernehmen oder sich in soziale Bräuche retten und überirdische Mächte anrufen.
So war bei den Azande die erste Assoziation zu einem Unglücksfall in jedem Bereich des Lebens, dass jemandes Schadenszauber (witchcraft) dafür verantwortlich sein musste.
Laut Evans-Pritchard ist Witchcraft bei den Azande allgegenwärtig. Sie kennen auch Inkompetenz, unvorsichtiges Verhalten, Tabu- oder Normbrüche oder natürliche Prozesse als Ursachen, wobei die Folgen dieses Unglücks aber wiederum häufig mit Hexerei in Zusammenhang stehen. Wenn beispielsweise ein auf Holzpfählen errichteter Vorratsspeicher, unter dem Menschen sitzen, einstürzt, weil die Termiten sie angefressen haben, dann sind die Termiten der Grund für den Einsturz des Speichers. Die Menschen saßen unter dem Vorratsspeicher, um der Sonne zu entkommen. Aber die Begründung dafür, dass der Speicher genau in dem Moment umgestürzt ist, als genau diese Menschen darunter saßen, liegt im Schadenszauber.
Ihr Sitz ist nach dem Glauben der Azande die Leber, und sie wird patrilinear (vom Vater auf den Sohn) vererbt, kommt jedoch nicht in königlichen Verwandtschaftslinien (lineages) vor.
Evans-Pritchards Konzept menschlichen Wissens geht von drei Prinzipien aus
Jede Gesellschaft hat nach Evans-Pritchard ihre eigenen Ausgangspunkte der Übereinstimmung über moralisch zulässige Ziele. Diese Strukturen verbinden die Individuen der Gesellschaft miteinander, und in Gestalt sozialer Bräuche können sie wahrgenommen werden. Solche lokalen Strukturen zu identifizieren, war Evans-Prichtchards Ziel. Sozialanthropologie ermittelt nach ihm strukturierte Geschichte.
Laut Evans-Pritchard ist Geschichtswissen nötig, um die politische Organisation einer Kultur in Erfahrung bringen und verstehen zu können. Hierzu gehört auch die Geschichte, bevor sie durch Kolonialisierungen von den Europäern verändert worden ist.
Die Sozialgeschichte könnte demnach als Modell für die Sozialanthropologie dienen. Seiner Meinung nach gibt es drei Ebenen anthropologischer Fragestellung, die Parallelen in historischen Methoden hat:
Evans-Pritchard war ein starker Kritiker zu stark abstrahierender Theoriebildung. Seiner Meinung nach war es von essentieller Bedeutung, sowohl die Sozialgeschichte als auch das Inividuum in seine Forschungen mit einzubeziehen. Er war in lebhafte Diskussionen involviert, nahm keine dogmatischen Positionen ein und forderte, sich in seinen Aussagen auf empirisch verizifierbare Daten zu beschränken.
"It has seemed to me, that anthropologists (include me, if you wish) have, in their writings about Africans societies, dehumanized the Africans into systems and structures and lost the flesh and blood" (Evans-Pritchard 1988 (1950): 417).
Edward Evan Evans-Pritchard galt als intellektuell rastlos, alles hinterfragend und skeptisch.
1937: Witchcraft, Oracles and Magic among the Azande. Oxford: Oxford University Press.
1940: The Nuer: A Description of the Models Livelihood and Political Institions of A Nilotic People. Oxford: Oxford University Press.
1948: The Divine Kingship of the Shilluk of the Nilitic Sudan. Cambridge: Cambridge University Press.
1949: The Sansusi of Cyrenaica. Oxford: Clarendon Press. "Senussi"?
1950: Social Anthropology: Past and Present. In: Man 198: 118-124.
1951: Kinship and Marriage among the Nuer. Oxford: Oxford University Press.
1965: Theories of Primitive Religion. Oxford: Clarendon Press.
1967: The Zande Trickster. Oxford: Oxford University Press.
1971: The Azande: History and Political Institutions. Oxford University Press.
1974a: A Bibliography of the Writings of E. E. Evans-Pritchard. Compiled by E. E. Evans-Prichard, amended and corrected by T. Beidelman. London: Tavistick Publications.
1974b: Man and Woman among the Azande. New York: The Free Press.
1976. Witchcraft, Oracles, and Magic among the Azande. Abridged with an introduction by E. Gillies. Oxford: Clarendon Press.
Fortes, Meyer und Edward E. Evans-Pritchard: 1940. African Political Systems. Oxford: Oxford University Press.
Douglas, Mary: 1980: Edward Evans-Pritchard. New York: Viking Press.
Lienhardt, Geoffrey: 1974. "Evans-Pritchard: A Personal View". In: Man 9(2): 299-304.
Moore, Jerry D.: 1997: Visions of Culture. An Introdution to Anthropological Theories and Theorists. London: Altamira Press.
Thiel, Josef F.: 1983. Grundbegriffe der Ethnologie. Vorlesungen zur Einführung. Berlin: Reimer.