Elfriede Jelinek (* 20. Oktober 1946 in Mürzzuschlag, Steiermark) ist eine österreichische Schriftstellerin, die in Wien und München lebt. Im Jahr 2004 erhielt sie den Literaturnobelpreis für „den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen“.
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Elfriede Jelinek schreibt mit Zorn gegen Missstände (von ihr bevorzugt geschrieben: Mißstände, denn sie verabscheut die Rechtschreibreform von 1996) im öffentlichen, politischen aber auch im privaten Leben der österreichischen Gesellschaft, wie ihn auch Thomas Bernhard zum Ausdruck brachte. Dabei benutzt sie einen sarkastischen, provokanten Stil, der von ihren Gegnern („Nestbeschmutzer“-Diskussion), aber auch von ihr selbst mitunter als obszön, blasphemisch, vulgär oder höhnisch beschrieben wird.
Seit Jahren tobt eine heftige Kontroverse zwischen denen, die durch ihre Texte und auch ihre öffentlich kundgetane politische Meinung bis hin zur Schmähung und Aggressivität provoziert werden, und jenen, die sie als Sprachkünstlerin feiern.
Zitat aus: Die Kinder der Toten, Reinbek (1997), S. 35:
Elfriede Jelinek wird am 20. Oktober 1946 in Mürzzuschlag geboren. Ihre Mutter Olga, geb. Buchner, stammt aus dem Wiener Großbürgertum und erhält die Familie längere Zeit durch ihre Tätigkeit als Buchhalterin. Ihr Vater Friedrich Jelinek war Chemiker und jüdisch-tschechischer Abstammung. Sein „kriegsdienlicher“ Beruf bewahrte ihn vor Verfolgung unter dem NS-Regime; ihm wird ein Arbeitsplatz in der Rüstungsindustrie zugewiesen. Friedrich Jelinek erkrankt während der 50er Jahre psychisch; während der sechziger Jahre lebt er in zunehmend verwirrtem Zustand zuhause. Er stirbt 1969 in einer psychiatrischen Klinik in völliger geistiger Umnachtung.
Um Jelineks Erziehung kümmert sich die Mutter. Jelinek kommt in einen katholischen Kindergarten und danach in eine Klosterschule, die sie als äußerst restriktiv empfindet (Essay „In die Schule gehen ist wie in den Tod gehen“). Ihr auffälliger Bewegungsdrang bringt sie auf Anraten der Nonnen in die Kinderpsychiatrie, obwohl ihr Verhalten aus medizinischer Sicht im Bereich der Norm bleibt. Abgesehen davon plant die Mutter die Karriere ihrer Tochter als musikalisches Wunderkind, und Jelinek erhält bereits in der Volksschule Klavier-, Gitarre-, Flöten-, Geigen- und Bratschenunterricht. Mit 13 wird sie ins Konservatorium der Stadt Wien aufgenommen und studiert dort Orgel, Klavier, Blockflöte und später auch Komposition. Parallel dazu absolviert sie die Mittelschulausbildung am Wirtschaftskundlichen Realgymnasium Wien.
In der Tradition der Wiener Gruppe führt Jelinek für sich die Kleinschreibung ein.
Nach der Matura erfolgt der erste psychische Zusammenbruch; sie belegt jedoch für einige Semester Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft an der Universität Wien, bis sie 1967 das Studium durch Angstzustände gezwungen abbricht und ein Jahr lang zu Hause in völliger Isolation verbringt. Während dieser Zeit beginnt sie zu schreiben; ihre ersten Gedichte werden in Zeitschriften und kleinen Verlagen gedruckt. Im gleichen Jahr erscheint ihr Gedichtband Lisas Schatten. Der erste Roman bukolit (1968) bleibt allerdings bis 1979 unveröffentlicht. Nach dem Tod ihres Vaters beginnt sie sich zu erholen; sie engagiert sich im Umfeld der 68er-Bewegung und lebt für einige Monate in einer linken Wohngemeinschaft u.a. mit Robert Schindel und Leander Kaiser].
1971 schließt sie die Orgelprüfung am Konservatorium bei Leopold Marksteiner ab. Maßgeblich für ihr weiteres literarisches Schaffen ist in dieser Zeit die Auseinandersetzung mit den Theorien von Roland Barthes, welche sie in dem Essay die endlose unschuldigkeit verarbeitet. 1972 lebt sie mit Gert Loschütz in Berlin, kehrt im Jahr darauf aber wieder nach Wien zurück. 1974 tritt sie der KPÖ bei und engagiert sich beim Wahlkampf sowie bei Kulturveranstaltungen, wie z.B. im Rahmen der AutorInnenlesungen unter dem Titel Linkes Wort beim Volksstimmefest. Im selben Jahr heiratet sie Gottfried Hüngsberg. Dieser schreibt zu dieser Zeit Filmmusik für Rainer Werner Fassbinder, ist jedoch seit Mitte der 70er als Informatiker in München tätig.
Seit der Heirat lebt Elfriede Jelinek abwechselnd in Wien und München. Der literarische Durchbruch gelingt ihr 1975 mit dem Roman die liebhaberinnen, der marxistisch-feministischen Karikatur eines Heimatromans. Vor allem in den 70ern entstehen zahlreiche Hörspiele; Anfang der 80er erscheinen die Ausgesperrten als Hörspiel, Roman und schließlich auch als Film mit Paulus Manker.
Der erste große Skandal um Jelinek wird 1983 durch die Uraufführung von Burgtheater heraufbeschworen. Das Drama setzt sich mit der mangelhaften NS-Vergangenheitsbewältigung in Österreich auseinander, mit der Vergangenheit der Schauspielerin Paula Wessely im Mittelpunkt. In der öffentlichen Wahrnehmung erscheint der Text jedoch reduziert auf persönliche Anspielungen auf damalige prominente Mitläufer/innen. Jelineks Ruf als Nestbeschmutzerin beginnt sich zu festigen. Im gleichen Jahr erscheint der Roman Die Klavierspielerin. In den Rezensionen überwiegt jedoch die biographische Deutung; die Auseinandersetzung mit dem Text tritt in den Hintergrund.
Das nächste aufsehenerregende und das bestverkaufte Werk ist Lust. Jelineks Auseinandersetzung mit der feministischen Pornografiedebatte der 80er Jahre wird im Vorfeld als „weiblicher Porno“ vermarktet; die Kritiken bewegen sich am Text und am Thema vorbei.
1991 tritt Jelinek, mit den beiden Vorsitzenden Susanne Sohn und Walter Silbermayer, wieder aus der KPÖ aus. Gleichzeitig steht sie bis heute in kooperativem Zusammenhang bspw. mit der plural-marxistischen Wissenschaftszeitschrift "Das Argument", die von Wolfgang Fritz Haug u.a. herausgegeben wird.
Nachdem das Theaterstück Raststätte eine ähnliche Rezeption wie Lust erfährt und nach persönlichen Angriffen auf die Autorin auf Wahlplakaten der Wiener FPÖ 1995 gibt Jelinek ihren Rückzug aus der österreichischen Öffentlichkeit bekannt und erlässt ein Aufführungsverbot ihrer Stücke für die Staatstheater.
Die Rückkehr ans Burgtheater dauert pro Nachmittag/Abend ganze sechs Stunden: 1998 inszeniert Einar Schleef Ein Sportstück. Das zweite Aufführungsverbot folgt jedoch 2000 bei der schwarz-blauen Regierungsbildung in Österreich. Andere Texte Jelineks nehmen konkret auf die aktuelle Tagespolitik Bezug; bei einer regierungskritischen Kundgebung wird Das Lebewohl. Ein Haider-Monolog verlesen. Die im selben Jahr entstandene Textmontage Ich liebe Österreich kritisiert den Umgang mit Asylwerbern.
Nach dem Theaterboykott kommt 2003 Das Werk am Akademietheater des Burgtheaters in der Regie von Nicolas Stemann zur Uraufführung. Die Inszenierung wird zum Berliner Theatertreffen eingeladen und gewinnt den Mülheimer Dramatikerpreis. Ebenfalls 2003 inszeniert Christoph Schlingensief am Burgtheater Bambiland. Im selben Jahr hat Olga Neuwirths Musiktheater „Lost Highway“ Premiere; das Libretto stammt von Elfriede Jelinek. 2004 wird in Wien das Elfriede Jelinek-Forschungszentrum gegründet, eine Dokumentations-, Informations- und Kommunikationsstelle zur Autorin, die ihren Sitz am Institut für Germanistik der Universität Wien hat.
2005 findet im Wiener Burgtheater die Uraufführung von Babel statt, einer monumentalen Meditation über den Irakkrieg und den Folterskandal in Abu Ghraib, wieder in der Regie von Nicolas Stemann, der im Herbst 2006 auch das neueste und vorerst letzte Stück Jelineks Ulrike Maria Stuart inszenieren wird. Im Frühjahr 2007 veröffentlicht sie auf ihrer Website nacheinander die ersten Kapitel ihres „Privatromans“ Neid[1].
In einem Interview mit dem Magazin littéraire (2007) aus Anlass der wegen ihrer Drastik umstrittenen französischen Übersetzung von Die Kinder der Toten wiederholt Jelinek die Liste ihrer großen Themen: eine bedrückende Kindheit, ihre Polemik gegen "Natur" und "Unschuld", ihren Hass auf das verdrängte Nazi-Erbe des Landes. Sie meint, ein großer Teil der Literatur Österreichs kreise um das "schwarze Loch" Hitler.
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Nobelpreis