Unter „Elite“ (lat.: Auswahl) versteht man die Zusammenfassung überdurchschnittlich qualifizierter Personen (Funktionseliten, auch Leistungseliten) oder die herrschenden bzw. einflussreichen Kreise (Machteliten) in einer Gesellschaft, darüber hinaus je nach Bezug auch andere Eliten, wie z. B. die Bildungselite. Da aber die Begriffe ineinander übergehen, werden sie hier in einem Artikel abgehandelt. Als Gegenbegriff wird häufig Masse benutzt.
Im Duden ist Elite als „Auslese der Besten“ umschrieben.
Der Versuch, zwischen „Leistungseliten“ und „Machteliten“ zu unterscheiden, liegt begrifflich und praktisch nahe, scheitert in der Wirklichkeit jedoch oft an der starken Wechselwirkung zwischen den „Leistungen“, die ihre Angehörigen erbringen, und der „Machtmöglichkeiten“ (darunter Ausbildungschancen), die sie sich schaffen oder die sie haben.
Inhaltsverzeichnis |
Das Wort tauchte erstmals im 17. Jahrhundert auf und wurde zur Bezeichnung von hochwertigen und teuren Waren, vor allem von Stoffen („Elitegarn“), verwendet. Erst langsam, innerhalb eines Prozesses von zweihundert Jahren, begann man den Begriff auch auf soziale Zusammenhänge hin auszuweiten. Zur Zeit der französischen Revolution wurde der Begriff élite als Bezeichnung für Menschen benutzt, die sich ihre gesellschaftliche Rolle selber "verdient" hatten. Dies stand im Gegensatz zum Adel und Klerus, die ihre soziale Position nur geerbt hatten. Im Zuge der Industrialisierung wurde der Begriff dann vom Bürgertum als Abgrenzung zur Masse verwendet.
Gut belegt ist auch die Verwendung des Begriffs Elite im militärischen Bereich. Eliteeinheiten galten – und gelten auch heute noch – als besonders gut ausgebildete und bewaffnete Truppenteile.
Im Alltagsleben und in den Massenmedien wird das Wort „Elite“ Personen zugeschrieben, die sich in politischen, wirtschaftlichen, sportlichen, künstlerischen, akademischen usw. Spitzenpositionen befinden. Daneben haftet es organisierten Sozialsystemen an, etwa dann, wenn einer „Eliteuniversität“ (Harvard University) oder einem „Eliteinstitut“ (Massachusetts Institute of Technology, Salzburg Seminar) eine große Autorität in Wahrheitsfragen eingeräumt wird.
| Die Neutralität dieses Artikels oder Absatzes ist umstritten. Die Gründe stehen auf der Diskussionsseite und auf der Seite für Neutralitätsprobleme. Entferne diesen Baustein erst, wenn er nicht mehr nötig ist, und gib gegebenenfalls das Ergebnis auf der Neutralitätsseite bekannt. |
Gesellschaftspolitisch kontrovers diskutiert wird die Frage, ob besonders Begabte aktiv aufgesucht und gefördert werden sollten, oder ob die Elitebildung über die üblichen Ausbildungs- und Karrierewege verlaufen sollte. Konservative Denker neigen dazu, Elitebildung als Suchprozess zu verstehen, bei dem besondere, z. B. durch Vererbung bereits vorhandene Begabungen zu „entdecken“ und dann zur Entfaltung zu bringen sind. Sie stehen im Allgemeinen der organisierten Elitebildung positiv gegenüber. Für sie werden andernfalls Leistungsfähige durch Leistungsunfähige gebremst. Liberale Denker sehen in einer gezielten Elitenbildung dagegen einen unnötigen Eingriff des Staates in die freie Entwicklung der Gesellschaft und eine unzulässige Umverteilung von Gütern, die nicht mit den Grundaufgaben des Staates zu vereinbaren ist. Problematisch finden sie auch, dass Bürger, die zu Mitgliedern der Elite erzogen werden sollen, von vornherein besondere Entwicklungsmöglichkeiten erhalten, von denen der Rest der Gesellschaft ausgeschlossen wird, obwohl die zur Elitenbildung herangezogenen Kriterien niemals zweifelsfrei garantieren können, dass die besonders geförderte Nachwuchselite auch im freien Wettbewerb am erfolgreichsten gewesen wäre. Sozialistische Denker gehen von einer prinzipiellen Gleichheit aller aus und sehen in der Elite das Ergebnis von Sozialisations- und Lernprozessen (für sie verhindern Machteliten den Aufstieg Leistungsfähiger aus Kreisen der Machtarmen). Es ist also fraglich ob die Elitebildung einen Wert an sich darstellt; so handelt es sich z.B. aus marxistischer Sicht bei dem Wort "Elite" um einen Euphemismus für die herrschende Klasse, deren Leistungsideologie dazu dient, Privilegien, die auf der Aneignung des Mehrwerts und der Unterdrückung der Massen beruhen, zu rechtfertigen.
Die meisten Wissenschaftler sehen das Leistungsspektrum eines Individuum als Zusammenspiel von Erbanlagen, sozialem Umfeld und erworbener Bildung an. Umstritten ist jedoch die Gewichtung dieser Determinanten. Hinzu kommen in vielen Gesellschaften Faktoren wie beispielsweise Geschlecht, die den Zugang zur jeweiligen Elite fördern bzw. begrenzen. Fraglich ist allerdings auch inwieweit die über ihr Fachgebiet hinausgehenden Privilegien einer Elite zu rechtfertigen sind, deren gesellschaftliche Position nur oder hauptsächlich aufgrund ihrer biologischen Eigenschaften erreicht wurde.
In der Soziologie wird der Begriff sowohl wertneutral als auch in gesellschaftskritischer Absicht gebraucht. Auch wird z.B. im Strukturfunktionalismus die Leistungselite eher als ‚eigentliche‘ Elite begriffen, in der Konfliktsoziologie eher die Machtelite.
Beide Gesichtspunkte gelten sowohl für empirische Ansätze in der Eliteforschung (z. B. des Power Structure Research) als auch für die Elitetheorie. „Elite“ unterscheidet sich vom Begriff „Oberschicht“, wiewohl es häufig Schnittmengen gibt. Eine Elite muss aber nicht notwendigerweise aus Mitgliedern bevorteilter sozialer Kompositionen bestehen - in gewisssen Bereichen zeigt sich die hohe Leistungsfähigkeit schon im Kindesalter und vermag sich auch durchzusetzen. Konzepte wie Schicht und Klasse betonen die ökonomische Dimension sozialer Strukturen, während mit dem Konzept Elite deren politische Dimension betont wird. Zudem zielt der Schichtbegriff auf industrielle Gesellschaften ab, während der Elitebegriff auf alle möglichen Formen gesellschaftlicher Differenzierung Anwendung gefunden hat.
Die soziologische Eliteforschung beschreibt den Prozess des Aufstiegs in die Elite, des Verbleibs in ihr, der Durchlässigkeit der Schichten sowie des Elitewechsels. Auch die Zusammensetzung der Elite, etwa nach Konfession, Volkszugehörigkeit, sozialer Herkunft usw. ist Gegenstand soziologischer Forschung. In den USA galt z. B. über lange Zeit das Ideal, dass die Angehörigen der Führungsschicht „WASP“ sein mussten (WASP = weiß, angelsächsisch, protestantisch). John F. Kennedy war – als Katholik – der erste US-Präsident, der nicht dieser Gruppe angehörte.
Darüber hinaus werden die Privilegien untersucht, die mit der Zugehörigkeit zu einer Elite verbunden sind.
Ein Wechsel der Eliten kann vergleichsweise unauffällig oder revolutionär erfolgen. Als einer der ersten hat dies der Soziologe Vilfredo Pareto erkannt und mit reichhaltigem historischen Anschauungsmaterial eine Theorie des Kreislaufs der Eliten gebildet. Er unterscheidet zunächst statisch zwischen der Elite und der Reserve-Elite. Dynamik erlangt seine Theorie in der Zeitdimension. In der Reserve-Elite schlummert das Potenzial zur neuerlichen Elitebildung. Die der herrschenden Elite gegenüberstehende Gegenelite vermag durch Mobilisierung der Masse jene abzulösen. Die Masse selbst kommt nie an die Macht, sondern eine neue Elite herrscht. Sowohl die herrschende Elite als auch die nicht-herrschende Gegenelite bedienen sich Pareto zufolge erfolgversprechender Derivationen ("politischer Formeln" bei Gaetano Mosca), um die indolente Masse zu täuschen und zu ideologisieren.
In Anlehnung an Niccolò Machiavelli konstruiert Pareto mit den „Löwen“ und „Füchsen“ zwei extreme Typen der Macht, die sich im Kampf um die Führung gegenüber stehen. Die personelle, intellektuelle und moralische Zusammensetzung der Elite ist ein Indikator für das Niveau sozialer Integration. Seiner Theorie zufolge unterliegen allem gesellschaftlichen Handeln so genannte „Residuen“; in der Elitebildung dominieren vor allem deren zwei: entweder gesellschaftsweit rigide und die Gewalt nicht scheuende, persistente Strukturen (das Residuum der „Persistenz der Aggregate“ - Elite der Löwen) oder liberale Einstellungen, die kombinatorische Freiheitsgrade („Instinkt der Kombinationen“ - Elite der Füchse) zulassen und fördern.
Gaetano Mosca und Robert Michels haben als Zeitgenossen Paretos die Unvermeidbarkeit der Herausbildung einer „politischen Klasse“ (Mosca) bzw. einer innerorganisatorischen „Oligarchie“ (Michels) dargestellt. Aus ihren Überlegungen folgt, dass es auch in demokratisch verfassten Systemen notwendig zur Elitebildung kommt.
Spuren hat der Elitebegriff auch in der amerikanischen Soziologie hinterlassen. Die strukturfunktionalistische Theorie der Schule um Talcott Parsons betont die Leistungen (achievements), die von Personen in wirtschaftlichen, politischen, rechtlichen, militärischen, künstlerisch-intellektuellen usw. Spitzenpositionen für die Gesellschaft erbracht werden. Entsprechend verwendet der Strukturfunktionalismus das Konzept der „Funktionseliten“, die jeweils „ihre“ Institutionen in idealer Weise repräsentieren. Dem Gemeinwohl verpflichtet, vereinigen sich die gesellschaftlichen Leistungsträger zu einer „strategischen Elite“, die Konsens in zentralen Fragen des Lebens und Überlebens herstellen soll.
Theoretiker der „Machtelite“ wie Charles Wright Mills kritisieren diesen soziologischen sowie den politologischen pluralismustheoretischen Ansatz und werfen den Strukturfunktionalisten und Pluralismustheoretikern vor, ein allzu harmonisches Bild der gesellschaftlichen Machtverhältnisse zu zeichnen. In Wirklichkeit stünde einer manipulierten Masse ein omnipotenter „Militärisch-Industrieller-Komplex“ gegenüber, der seine Herrschaftsinteressen in einem Regime der „organisierten Unverantwortlichkeit“ durchzusetzen wüßte. Der Nicht-Entscheidungsansatz in der amerikanischen Politologie erweitert diese Perspektive dadurch, dass anhand von Fallbeispielen aufgezeigt wird, dass die Elite bestimmte Themen, etwa ökologische Probleme und Minderheitenfragen, durch bewusstes Unterlassen gar nicht erst zum Gegenstand der politischen Agenda werden lässt.
Innerhalb einer Elite, die sich in ihrem Selbstbewusstsein als solche begreift, etabliert sich typischerweise ein besonderer Habitus, in dem sich Funktionen wie Erkennbarkeit, Abgrenzung, Identitätsstiftung, Zusammengehörigkeit, Selbsterklärung, u.ä. verkörpern. Diesen Habitus bezeichnet man überwiegend negativ mit dem Adjektiv elitär, wenn diese Funktionen nur unvollständig oder widersprüchlich erfüllt werden, z.B. bei Arroganz hinsichtlich der Abgrenzung nach "unten" oder bei Unzeitgemäßheit identitätsstiftender Mythen (z.B. Glaube an Auserwähltheit).
Ralf Dahrendorf fasste 1965 den Begriff der Elite sehr weit, wonach die Elite ein Prozent der deutschen Bevölkerung ausmache. Die Mannheimer Elite-Studie von 1992 und die Potsdamer Studie von 1997 fassten dagegen nur ca. 4000 Personen zum engeren Kreis der Elite. Michael Hartmann versuchte 2002 in seiner viel beachteten Studie Der Mythos von den Leistungseliten, das Problem dadurch zu lösen, dass er einen engeren und einen umfassenderen Kreis von Personen angab, die zur Elite gehörten.
Der Begriff „Leistungselite“ kennzeichnet die Bildung von Eliten, unabhängig von der jeweiligen sozialen Herkunft, lediglich gebunden an hervorragende Schul- und Universitätsleistungen. Mitte der 1960er Jahre bis etwa Mitte der 1980er Jahre konnten begabte Schüler aus der Unterschicht in Deutschland in geringem Maße in höhere Schichten aufsteigen, da Wirtschaft, Verwaltung und Politik hochqualifizierte Kräfte benötigten. Jedoch kam es nicht zu einer wirklichen Chancengleichheit, vielmehr ist über die Jahrzehnte hinweg in unterschiedlicher Ausprägung der Aspekt der Bildungsbenachteiligung zu berücksichtigen.
Untersuchungen der Elitesoziologie zeigten in jüngerer Zeit, dass zunehmend die Wirkung des Habitus eher für eine Karriere in die Wirtschaftselite den Ausschlag gibt als Kriterien individueller, quantifizierbarer Leistung. Anders sieht es in der Politik aus, wo auch Personen mit niedriger sozialer Herkunft in geringem Maße Karriere machen konnten, ein Phänomen, das beispielsweise in Frankreich weniger anzutreffen ist, da dort fast die gesamte politische Führungsschicht aus speziellen Eliteuniversitäten hervorgeht.
Kritik am Terminus der Leistungselite üben Untersuchungen von Michael Hartmann und Klaus Schubert. Hartmann spricht vom „Mythos der Leistungseliten“. Diese Studien konnten noch nicht neueste Entwicklungen, wie den zunehmenden Abbau der Lehrmittelfreiheit an Schulen und die Einführung von Studiengebühren an Hochschulen in einigen Bundesländern berücksichtigen. Hartmann bezog sich auf das Studiengebühren-Modell in den USA und warnte explizit vor einer Übernahme in Deutschland, da dies dazu führen könne, dass die bereits bestehende Tendenz zur sozialen Schließung in Zukunft noch erheblich verstärkt werde und sich im Extremfall die Elite ausschließlich selbst reproduziere.
Auch aus feministischer Perspektive steht das Konzept der Leistungselite zunehmend in der Kritik. So zeigen empirische Untersuchungen zu Geschlechterverhältnissen in der Wissenschaft, dass Leistung kein objektives Kriterium darstellt, sondern als soziale Tatsache konstruiert wird. Die sozialen Prozesse, die mit der Konstruktion des Leistungsbegriffes verbunden sind, entfalten dabei insbesondere auf der Ebene von Geschlechterverhältnissen ihre Wirkung und führen zum weit reichenden Ausschluss von Frauen aus wissenschaftlichen Führungspositionen („glass ceiling“).