Ernst Fraenkel (* 26. Dezember 1898 in Köln; † 28. März 1975 in Berlin) war ein deutscher Rechtsanwalt und Politikwissenschaftler.
Zusammen mit Eric Voegelin, Ferdinand Hermens und Arnold Bergstraesser prägte Fraenkel die deutsche Politikwissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Er gab ihr eine interdisziplinäre Ausrichtung und gilt als Vater der Pluralismustheorie in Deutschland. Diese hatte auch wesentlichen Einfluss auf die politische Philosophie des Grundgesetzes. Fraenkel baute das Otto-Suhr-Institut an der Freien Universität Berlin (FU Berlin) mit auf und gründete 1963 das John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien.
Fraenkel vertrat in der Weimarer Republik als Jurist sozialistische Auffassungen. Laut einigen Historikern war er in den 1930ern als potenzieller Reichsjustizminister einer möglichen SPD-Regierung vorgesehen. Er emigrierte 1939 in die USA, wo er das damals im Vergleich zum Dritten Reich sehr pluralistische und auf strikter Gewaltenteilung beruhende politische System der Vereinigten Staaten kennen und schätzen lernte.
In den letzten Jahren vor seinem Tod beschäftigte sich Fraenkel kontrovers mit der 68er-Studentenbewegung, der er demokratiefeindlichen Dogmatismus vorwarf.
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Fraenkel wuchs als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie zunächst bei den Eltern in Köln auf. Nach deren frühem Tod zog er zu seinem Onkel Wilhelm Epstein nach Frankfurt am Main. Hier erlebte er eine bildungsbürgerlich geprägte deutsch-jüdische Vorstellungswelt:
1915 wurde der 18jährige Fraenkel zum Kriegsdienst eingezogen. Die Tatsache, dass er an der Front eingesetzt war, ermöglichte es ihm im späteren Nationalsozialismus, bis 1938 als Rechtsanwalt tätig zu bleiben. 1918 wurde Fraenkel Mitglied des Soldatenrates, verstand sich aber nicht als Revolutionär. Nach seiner Entlassung plante Fraenkel eigentlich das Studium der Geschichte, entschied sich nach Einwirken seines Onkels aber für das Jurastudium und studierte Geschichte im Nebenfach. Bei seinem Studium in Frankfurt lernte er Franz Neumann und Leo Löwenthal kennen; gemeinsam gründeten sie 1919 eine Gruppe sozialistischer Studenten. 1921 trat Fraenkel in die SPD ein. Er zählte sich dort zum linken Flügel der Partei, verstand sich aber als Reformer.
Sein politisches und berufliches Vorbild war der sozialdemokratische Jurist Hugo Sinzheimer. Als Sinzheimer, der an der Erarbeitung der Weimarer Verfassung mitwirkte, 1919 in Frankfurt die erstmals vergebene Arbeitsrechtsprofessur erhielt, mussten Fraenkel und seine Genossen wie Franz Neumann die Antrittsvorlesung des Professors gegen aufgebracht protestierende völkische und antisemitische Studentengruppen verteidigen.
Bei Sinzheimer studierte Fraenkel zusammen mit Neumann, Hans Morgenthau, Otto Kahn-Freund und Carlo Schmid und promovierte zum Thema Der nichtige Arbeitsvertrag. Das Studium des modernen Arbeitsrechts bot Fraenkel wichtige Erkenntnisse über das Verhältnis von Recht und Staat, die für seine spätere Analyse des Nationalsozialismus grundlegend waren. Wildt:
Gegen diese Gleichsetzung von Staat und Gesetz stand das moderne Arbeitsrecht, anerkannte es doch, dass es „sowohl gesellschaftliche Verbände wie Gewerkschaften und Arbeitgebervereinigungen gab, als auch, daß diese Kollektivorganisationen miteinander Tarifverträge - unabhängig vom Staat - abschlossen“ (Wildt). Fraenkel entwickelte aus dieser Erkenntnis heraus seine Vorstellungen einer "Kollektiven Demokratie".
In der Zeit der Weimarer Republik arbeitete Fraenkel, teilweise in Sozietät mit Franz Leopold Neumann, in Berlin als Anwalt für Arbeitsrecht, veröffentlichte aber weiter wissenschaftlich und vertrat sozialistische Positionen. Das von den Nazis so genannte Frontkämpferprivileg ermöglichte es ihm, auch nach 1933 noch eingeschränkt advokatisch arbeiten zu können. Ernst Fraenkel hielt Verbindungen zu mehreren Widerstandsgruppen wie dem Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) aufrecht. 1938 sah er sich schließlich gezwungen zu emigrieren und wanderte nach Großbritannien und wenig später in die USA aus. Dort hielt er an der New School for Social Research Vorlesungen.
1941 veröffentlichte Ernst Fraenkel im Exil sein Werk The Dual State (deutsch: Der Doppelstaat), in dem er noch vor Franz Neumanns Strukturanalyse Behemoth das politische System des NS-Staates analysierte. Dieser war danach gleichzeitig „Normenstaat“, der das Weiterfunktionieren des kapitalistischen Wirtschaftssystems für den nicht verfolgten Teil der Bevölkerung sicherstellte, und „Maßnahmenstaat“, der mit Rechtsvorschriften, aber auch mit blanker Willkür gegen die als Feinde des Regimes definierten Bevölkerungsgruppen vorging.
Ab 1945 diente Ernst Fraenkel der US-Regierung als Berater in Südkorea, war aber schnell unzufrieden mit der seiner Meinung nach schlechten Besatzungspolitik, die die Ausbildung eigener südkoreanischer Strukturen unmöglich machte.
1951 kehrte Fraenkel nach Deutschland zurück. Er wurde Dozent an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin, später Professor an der FU-Berlin. Sein eigenes Werk verstand er normativ. Sein Pluralismuskonzept diente unter anderem der Kritik an den herrschenden Verhältnissen. Seine Studenten der 68er-Bewegung allerdings sahen dies nicht so, und kritisierten ihn als Apologeten des Monopolkapitals.
postum:
Artikel:
Namen in [ ] sind die im Artikel verwendeten Pseudonyme
in dem Aufbau:
in der Juedische Revue:
in der Sozialistische Warte:
von Brünneck, Alexander: "Ernst Fraenkel (1898-1975). Soziale Gerechtigkeit und pluralistische Demokratie", in: Kritische Justiz (Hrsg.): Streitbare Juristen. Eine andere Tradition, Nomos, Baden-Baden 1988, S. 415-425, ISBN 3-7890-1580-6