Eugen Rosenstock-Huessy

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Eugen Rosenstock-Huessy (* 6. Juli 1888 in Berlin; † 24. Februar 1973 in Four Wells, Norwich, Vermont, USA) war ein deutscher Kulturphilosoph, Jurist, Historiker und Soziologe.

Eugen Rosenstock-Huessy hätte wohl von sich sagen können, dass er neun Leben hatte: als Kind emanzipierter Eltern jüdischer Herkunft mit sechs Schwestern, als Student der Rechte, als der jüngste Privatdozent 1914, als Kriegsteilnehmer (Offizier vor Verdun), als erster Herausgeber der Daimler Werkzeitung, als erster Leiter der Akademie der Arbeit, als Professor für Recht in Breslau, als Anreger und Inspirator der Freiwilligen Arbeitslager für Arbeiter, Bauern und Studenten in Schlesien, als Historiker, Theologe, Soziologe vor der Hitler-Zeit, als Emigrant 1933, als Immigrant in den Vereinigten Staaten, als Hochschullehrer in Harvard und am Dartmouth College, Hanover, New Hampshire, als Initiator des Camp William James, als Stifter der Neuen Richtung der Erwachsenenbildung nach dem Ersten Weltkrieg und in demselben Sinne auch nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland, als Autor einer Soziologie, die systematisch Gegenwart und Universalgeschichte umfasst.

Sein ganzes Leben aber stand unter der Fragestellung, was die Sprache mit uns Menschen macht. So verwirrt er alle, die bei einem Menschen nur nach einem Ausschau halten, begeistert viele, die sich neue Horizonte der Geschichtserfahrung erschließen lassen, stärkt die, die den Frieden nach den Weltkriegen ersehnen und an der einen Welt auf dem einen Planeten Erde arbeiten. Sein Hervorrufen einer dritten Form der Hochschule zu bewähren, nach Scholastik und Akademik eine Argonautik, wie er sie vorläufig nannte, sind viele Generationen nötig.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Herkunft

Am 6. Juli 1888 wurde Eugen Moritz Friedrich Rosenstock als Sohn von Theodor und Paula Rosenstock in der Plantagenstraße 3 in Berlin geboren. Er hatte drei ältere und drei jüngere Schwestern. Er besuchte das Friedrich-Wilhelm-, dann das Joachimsthaler Gymnasium und machte 1906 Abitur. Danach Studium der Rechtswissenschaften in Zürich. Als einer, der – wie er es sagte – „als Christ aufgewachsener Gläubiger“ war, ließ er sich in – demselben Jahr auch taufen.

Hochschule

Das Examen rigorosum war am 22. April 1909. Er erlangte an der Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg die Doktorwürde mit der Arbeit „Landfriedensgerichte und Provinzialversammlungen vom 9. bis 12. Jahrhundert“. Dem Vaterland diente er als Einjährig-Freiwilliger bei der Artillerie in Kassel. 1912 habilitierte er sich mit der Arbeit „Ostfalens Rechtsliteratur unter Friedrich II. und war – mit 24 Jahren! – der jüngste Privatdozent an der juristischen Fakultät in Leipzig für Deutsches Privatrecht, deutsche Rechtsgeschichte, ab 1914 auch für Staatsrecht. Während eines Studienaufenthaltes in Florenz 1913-1914 lernte er seine Frau, die Schweizerin Margrit Huessy, kennen; die Trauung war am 29. Juni 1914 in Leipzig. Im selben Jahr erschien auch, was er sein Professorenbuch nannte: „Königshaus und Stämme in Deutschland zwischen 911 und 1250“. Er war – mit 26 Jahren – wie man so sagt, ein gemachter Mann.

Erster Weltkrieg

Während des ganzen Ersten Weltkriegs stand er als Offizier im Felde, unter anderem vor Verdun. In diesen Jahren konzipierte er – als Schauempfang, wie der Ruf Gottes an die Propheten in der Bibel heißt – sein Werk, das erst mit dem Erscheinen des zweiten Teils der Soziologie, „Die Vollzahl der Zeiten“, 1958, also vierzig Jahre später, zum Vorschein gekommen ist. Franz Rosenzweig, mit dem er – per Feldpost – einen intensiven und entscheidenden Briefwechsel hatte (1935 mit den Briefen Franz Rosenzweigs in Deutschland veröffentlicht) rief ihn aus der Konzeption hinaus in die geschichtliche Stunde, zum Tun. Das entscheidende Datum für sein Leben und Wirken wurde der 9. November 1918, der Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreichs. Das 1920 in dem mit Hans Ehrenberg und Leo Weismantel gegründeten Patmos-Verlag erschienene Werk „Die Hochzeit des Kriegs und der Revolution“ drückt das Geschehen in seiner Sprache aus: Während bei den Epochenbrüchen des Zweiten nachchristlichen Jahrtausends Revolution und dazugehöriger Krieg weit auseinandergelegen haben (1789 Sturm auf die Bastille, dann die Napoleonischen Kriege), trafen sie in den Jahren des Weltkriegs 1917 und 1918 zu einer Hochzeit zusammen. Die Russische Revolution wäre ohne den Ersten Weltkrieg nicht zustandegekommen.

In der Weimarer Republik

Alles weitere Leben müsse aus dieser entscheidenden Erfahrung hervorgehen, so war seine Entscheidung. Und deshalb lehnte er drei wichtige Angebote ab, die ihn an Institutionen berufen wollten, die es vor dem Weltkrieg schon gab: an der Verfassung der Weimarer Republik als Unterstaatssekretär mitzuarbeiten, zweitens als Redakteur der katholischen Zeitschrift „Hochland“ und drittens als Professor an der Universität Leipzig. Staat, Kirche und Universität galten ihm als veraltete Gefäße. Vielmehr ging er den neuen Weg zunächst als Gründer der ersten deutschen Werkzeitung bei Daimler in Stuttgart, dann wurde er 1921 bis 1922 Gründer und erster Leiter der Akademie der Arbeit in Frankfurt am Main. 1921 wurde sein Sohn Hans geboren. Er legte sein Amt als Leiter der Akademie der Arbeit nieder, weil die Dozenten seiner andragogisch begründeten Forderung, dass sie auch voneinander lernen sollten, könnten und dürften, nicht nachkommen wollten. Er promovierte (nach einer Zeit als Arbeitsloser) erneut in Darmstadt und habilitierte sich als Privatdozent für Soziologie. Die Universität Breslau rief ihn 1923 als Rechtsgelehrten – und er nahm diesmal an, weil die Not des Tages ihn zwang, in das alte Gefäß der Universität zurückzukehren. 1924 war er Mitbegründer des „Hohenrodter Bundes“ – ein Zeichen des Wunsches, über die Grenzen der Universität hinaus zu wirken. Das tat er mehr noch und sichtbar geworden in den Freiwilligen Arbeitslagern für Arbeiter, Bauern und Studenten, die er nach Anregung Helmuth James von Moltkes in Kreisau (heute Kryzowa) gründete und bis 1933 begleitete. Während der Jahre in Breslau gab und nahm er die Freundschaft mit Joseph Wittig, den er bei seinem Kampf mit der katholischen Kirche und nach der Exkommunikation und Heirat mit Bianca Geißler unterstützte. Dokument dieser Freundschaft ist das dreibändige Werk „Das Alter der Kirche“ von 1927, dessen dritter Band die Geschichte der Exkommunikation Wittigs belegt. 1928 starb der Vater. Die neue wissenschaftliche Position, in der er die Rechtsfragen angeht, die durch die Industrialisierung in allen Lebensbereichen neu gestellt sind, verkündet er in vielen Aufsätzen und Büchern, am deutlichsten vielleicht in der Festgabe für Xaver Gretener „Vom Industrierecht. Rechtssystematische Fragen“, 1926. Die erste umfassende Darstellung seines „Schauempfangs“ von 1917 war aber dann das Buch „Die Europäischen Revolutionen. Volkscharaktere und Staatenbildung“ von 1931. Es war unter äußerstem innerem Druck entstanden: Es war für ihn die letzte mögliche Stunde, mit der erschauten geschichtlichen Wirklichkeit des Zweiten Jahrtausends nach Christus in Deutschland Gehör zu finden. Denn allzu vertraut war er mit den politischen und gesellschaftlichen Strömungen der Weimarer Republik, besonders mit der Radikalität, mit der die Jugend Änderung und Erneuerung ohne Rücksicht auf die Alten forderte, in welche Richtung auch immer.

Emigration und Immigration

Schon 1919 hatte er – in prophetischer Sprache – für das Deutsche Reich einen „Lügenkaiser“ vorhergesagt, und so überraschte ihn die Usurpation des Rechts – um es einmal so zu nennen – durch Hitler und die Nationalsozialisten nicht. Geistesgegenwärtig sagte er am 1. Februar 1933 seine weitere Teilnahme an der öffentlichen Lehre an der Universität in Breslau ab, erwirkte die förmliche Beurlaubung in Berlin und gewann Zeit zur genauen Vorbereitung der Emigration. Am 9. November 1933 verließ er in dem Fährschiff mit Namen „Deutschland“ das Deutsche Reich. Kurz zuvor entging er nur knapp der Verhaftung, als er bei Viktor Bausch in Berlin zu Besuch war und Parteischergen den „Juden Rosenstock“ verlangten. Frau und Kind folgten ihm bald in die Vereinigten Staaten von Amerika. 1934 bis 1936 hatte er den Kuno-Fischer-Lehrstuhl für German Art and Culture an der Harvard University inne. 1935 war er, um an der Briefausgabe Franz Rosenzweigs mitzuwirken, noch einmal in Deutschland. Mit Schaudern sah er, was im Deutschen Reich zerstört wurde. Die Rückkehr nach Amerika wurde für ihn zur Immigration, zur Einwanderung.[1]

Lehren und Wirken in den USA

In den Lowell Lectures in Boston fasste er seine Einsichten in die Gesetzmäßigkeiten des Lebens in der Industrie zusammen. Sie erschienen später, nämlich 1955, auf deutsch als „Der unbezahlbare Mensch“. Von 1936 bis 1957 lehrte er am Dartmouth College in Hanover, New Hampshire. 1937 bezog er das eigene Haus in Norwich, Vermont, das noch heute wichtige Teile seines Nachlasses beherbergt. Mit liebevoller Hilfe „von drüben“ übersetzte er das Revolutionenbuch ins Amerikanische. Es erschien 1938 als „Out of Revolution – Autobiography of Western Man“„Der Revolution entsprungen – Autobiographie des abendländischen Menschen“. Im Titel kommt die Methode zum Ausdruck: auf das zu hören, was die Völker selber sagen, und nicht ihnen ein wie auch immer erfundenes System überzustülpen. Das Werk bleibt so für vielfältige Beobachtungen offen, durch die der einzelne Leser es ergänzen kann und soll. Am 16. November 1938 nahm sich die Mutter Paula Rosenstock in Berlin kurz vor der bevorstehenden Verbringung ins Konzentrationslager und in den sicheren Tod das Leben. Ganz wie in Deutschland wirkte Rosenstock-Huessy in Amerika als Hochschullehrer und als Stifter einer neuen Form sozialen Wirkens und Lernens: die Arbeit in den Freiwilligen Arbeitslagern in Schlesien setzte er im Camp William James 1939-1940 fort. 1944 verfasste er im Auftrag der amerikanischen Regierung die Denkschrift „Mad Economics or Polyglot Peace“. Sie erörtert die Frage, was nach dem Krieg in Deutschland passieren soll. Auch hier spricht der Titel für das Ganze: kein einheitliches Wirtschaftssystem, weder aus West noch aus Ost, weder aus England noch aus Frankreich stammend, kann den Frieden stiften, sondern nur das Zulassen der verschiedenen Wirtschaftsformen – und das ist die polyglotte, die mehrsprachige Erscheinung der Menschheit auf dem Planeten Erde. Wie verheerend der Wahnsinn Hitlers wirkte und wie er denn wohl – trotz all des Entsetzlichen – nicht den Verstand rauben muss, das Geschehen zu durchdringen, schildert die im April 1945 publizierte Schrift „Hitler and Israel, or: On Prayer“.

Während des Waffenstillstands nach 1945

Aus dem Tiefpunkt der Erschöpfung nach dem Zweiten Weltkrieg entstand das Kernstück seiner Lehre „The Christian Future or The Modern Mind Outrun“, zehn Jahre später in Deutschland erschienen als „Des Christen Zukunft oder: Wie überholen wir die Moderne“. Nicht leicht war die Schwelle zu nehmen, Deutschland wieder zu betreten, wie es die Einladenden, die „dageblieben“ waren, vielleicht dachten. Mit dem Namen, mit den er 1925 zum Schutz vor dem Judenhass angenommen hatte und den er nach 1933 auch in seinen Publikationen gebrauchte (sein Sohn hieß nach der Ankunft in Amerika Hans R. Huessy), nahm er diese Schwelle mit der Rede „Das Geheimnis der Universität“ am Vortage seines Geburtstages 1950 in Göttingen. Eine Reise nach Ägypten 1950-1951 führte ihm die Belege für das vor Augen, was er im Studium des Ägyptischen Reiches erarbeitet hatte. Bei den Darmstädter Gesprächen „Mensch und Technik“ 1952 fand der die Formulierung des Gesetzes der Technik:

„Der technische Fortschritt erweitert den Raum, verkürzt die Zeit und zerschlägt menschliche Gruppen.“

1956 und 1958 endlich erschienen die beiden Bände, die ihm die Sorge nahmen, sein „Schauempfang“ von 1917 könne ungefasst bleiben, nämlich die Soziologie in zwei Bänden: I „Die Übermacht der Räume“, II „Die Vollzahl der Zeiten“. Mündliches Ereignis wurde dieses Erscheinen in den Münsteraner Vorlesungen des Sommersemesters 1958: „Die Gesetze der christlichen Zeitrechnung“. Am 30. Januar 1959, 26 Jahre nach der Usurpation des Rechts durch Hitler, hielt Rosenstock-Huessy in der Paulskirche in Frankfurt am Main die Rede „Friedensbedingungen einer Weltwirtschaft“. Sie hat zur Gründung der „Aktion Sühnezeichen“ beigetragen. 1959 starb die Frau Margrit Rosenstock-Huessy. Zur weiteren Bekräftigung der Lehre von den antiken Reichen reiste er nach Guatemala, Honduras und Mexiko. 1960 zog Freya von Moltke, die Witwe des Märtyrers Helmuth James von Moltke, mit ihrem Sohn Konrad zu Rosenstock-Huessy nach Four Wells, „Vierquell“, wie er sein Haus genannte hatte. Schönste Frucht dieses Zusammenkommens war die Verwirklichung eines ihm seit 1902 vorschwebenden Vorhabens, das zweibändige Werk „Die Sprache des Menschengeschlechts. Eine leibhaftige Grammatik“, erschienen in Heidelberg 1963 und 1964. Zu seinem 75. Geburtstag am 6. Juli 1963 wurde in Bethel die seither bestehende Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft gegründet. Noch einmal, 1965, ließ er sich zum Schreiben rufen, um dem am intensivsten geliebten Wirken zum Entstehen eines planetarischen freiwilligen Dienstes Stimme zu verleihen „Dienst auf dem Planeten, Kurzweil und Langeweile im Dritten Jahrtausend“. Vorlesungen führten ihn in den Jahren 1965 bis 1968 nach Santa Cruz an die University of California. Und der Briefwechsel mit Franz Rosenzweig, ein Herzstück ihrer beider Biographie, erschien 1969 in englischer Übersetzung und mit einer aktuellen Einleitung.

Epitaph

Als Epitaph auf sein Leben, Lehren und Wirken schrieb er:

I tried to speak law, prayer, tale and song;
discovered logic´s leak, its bend on wrong.
I tried to act and suffer and accept
and to succeed, to rule, and most, to teach;
but since my heart sincerely laughed and wept,
all that gives power, stayed outside my reach.
I tried to love, not always knowing how;
I never bluffed, and I discovered “thou”.
Versucht hab ich zu sprechen Recht, Gebet, Erzählung, Lied;
entdeckte das Leck der Logik, ihre Fehlerneigung.
Versucht habe ich zu handeln, zu leiden, anzunehmen
und Gelingen, zu herrschen und, noch am meisten, zu lehren;
da aber mein Herz in Lauterkeit lachte und weinte,
blieb, was Macht verleiht, außerhalb meiner Reichweite.
Versucht hab ich zu lieben, wußte nicht immer wie;
hab niemals jemandem was vorgemacht, und: entdeckte das „Du“.

Aber auf dem Grabstein steht bei dem Namen dann nur: Johannes 1, Vers 14 mit den Daten 6. Juli 1888 und 24. Februar 1973.[2]

Lehre

Das „Kreuz der Wirklichkeit“

Eugen Rosenstock-Huessy lehrt das Kreuz der Wirklichkeit: Alles Erlebte muss sich in vier Aggregatzuständen bewährt haben, ehe es als Teil der Wirklichkeit angesprochen werden kann: als Verheißung, als Wunsch, als Erfahrung, als Faktum.

Die Verheißung weist auf etwas hin, was noch nicht da ist, aber – zum Beispiel in der Form des Imperativs: Tu das! – doch schon. Etwas existiert nur zwischen zweien, Sprecher und Hörer. Das ist der Aggregatzustand DU.

Der Wunsch entsteht in dem Angesprochenen, er oder sie möchte in mächtig quellender Weise dem Imperativ entsprechen, sehnt sich danach, möglichst viele Miterlebende dafür zu finden: Freude, schöner Götterfunken. In diesem Aggregatzustand ICH blüht das Leben.

Die Erzählung ist nur möglich, wenn Sprecher wie Hörer etwas gemeinsam erlebt haben, das nun in der Erzählung eines Einzelnen Wort wird. Die Verbindung der vielen ruft das Wort in dem einen hervor. Dennoch ist es der Ausdruck des Aggregatzustandes WIR. Wer es hört, wer es liest, findet für das Erlebte darin eine gedächtnisstiftende Gestalt. Andere können in das Erleben der Gruppe wohl eintreten, bedürfen dazu aber der Einfühlsamkeit und der Bereitschaft, gelebtes Leben als Vorbild weiterzutragen.

Fakt ist das, was unabhängig von dem Erleben als Totes existiert, was durch die Wiederholung des Geschehens keine Veränderung leidet. Das ist der Aggregatzustand ES, in dem sich alles Untersuchte befindet, von dem anzunehmen ist, dass es durch die Untersuchung selber keine Veränderung erfährt. So ist es – heißt es davon, es ist beweisbar.

Diese vier Erfahrungsweisen scharen uns in verschiedener Weise zusammen. Eugen Rosenstock-Huessy hat gesehen, dass wir sie als zwei Zeiten und zwei Räume erkennen können. 
Die zwei Zeiten sind: das Noch-nicht-aber-schon-da echter Zukunft und das Gestaltgewordene, das sich Traditionen und Institutionen geschaffen hat, also alle gebahnten Wege umfasst, die es einem ins Leben tretenden Menschenkind ermöglicht, nicht alles von vorne anzufangen.

Die zwei Räume sind: der Innenraum geistig Zusammengehöriger, die durch ein Vorhaben, eine Idee, eine Beschäftigung unabhängig von der Verschiedenheit nach Datum und Ort miteinander verbunden sind, und der Außenraum, der mit Geräten, die die Arbeit der Sinne fortsetzen ins Unendliche hinein, zu messen ist und Ergebnisse liefert, die von dem Zeitpunkt der Messung unabhängig bleiben.

Der allgemein gängigen Vorstellung, es gäbe Zeit und Raum, den Raum sogar in drei, vier oder fünf Dimensionen, wird so ein Modell entgegengestellt, das es zwar sprachlich schon immer gegeben hat, zum Beispiel in den Verbformen des Imperativs, des Optativs, des Narrativs und des Indikativs, das aber doch ein radikales Umdenken erfordert.

Arthur Schopenhauer sprach von Wille und Vorstellung als Repräsentanten des Innenraums und des Außenraums. Friedrich Nietzsche sprach von Übermensch und zerrüttetem Europa, damit die zeitlichen Pole immerhin andeutend. Eugen Rosenstock-Huessy fügte diese Konzepte zu einem Leben in der Vierzahl.

Dabei entdeckte er, dass eine Vierzahl den Menschen nach dem 19. Jahrhundert begegnet, wobei aber jede unverbunden ganze Gefolgschaft verlangt:

Sigmund Freud durchbrach alle Scham, um falsche Zukunft zu Grabe zu tragen,

Friedrich Nietzsche widerrief alle Verheißung, um die echten Wünsche der Kreatur Mensch wieder hörbar zu machen,

Charles Darwin setzte seine Idee von einer katastrophenlosen, allmählichen Evolution dem geschichtswunden kirchlichen Gewissen entgegen,

Karl Marx entzauberte die Arbeitskraft als Motor allen Geschehens.

Diese Vier lebten auf den Weltkrieg zu, in dem ihre Prophezeiung von dem Ende – jede auf ihre Weise – vollzogen wurde. Schamlosigkeit, Verheißungslosigkeit, Vertrauensverlust in die jahrtausendealte Tradition, Trotz gegen jede Form der Gegenseitigkeit im Klassenkampf – das ist das Ergebnis für alle die, die in dem Weltkrieg, dessen rückwärtsgerichteter Teil die Russische Revolution als Teilgeschehen ist, nichts als die Zerstörung sehen können.

So ist die Stunde für die Entdeckung des Kreuzes der Wirklichkeit in zwei Zeiten und zwei Räumen der Erste Weltkrieg gewesen, bei täglich drohender Vernichtung im Felde, im Jahre 1916/1917.

Einer der ersten Freunde, der sie mitgeteilt wurde, ist Franz Rosenzweig gewesen.

Die vier Stationen der Lehre

Die Bibliographie der Werke Eugen Rosenstock-Huessys ist umfangreich. In zahllosen Büchern, Aufsätzen, Reden hat er seine Lehre niedergelegt. Und doch sind es vier Werke, in denen die Stationen des Wirklichwerdens seiner Lehre zu sehen sind.

1. Station: das Verkünden

Die erste Station ist die des Verkündens, wie es ganz neu gesagt wird. Dafür steht das Buch „Die Hochzeit des Kriegs und der Revolution“, Patmos-Verlag, Würzburg 1920. Es zeigt den tränenschweren Auszug aus der gewohnten Welt des 19. Jahrhunderts. Die letzten Kapitel haben prophetischen Charakter, besonders auch das Kapitel Die Tochter, in welchem angesagt wird, dass künftig die Begeisterung nicht nur und – vielleicht – nicht mehr von dem Sohn erlebt wird, sondern von der Tochter, der Tochter Gottes, die sich, wie vorher der Sohn, in eigener Inspiration von Gottes Geist her verstehen lernt, unabhängig von dem irdischen Vater (und Gatten).

2. Station: Die Europäischen Revolutionen

Die zweite Station ist das Buch zu den Europäischen Revolutionen, das in zweierlei, ja dreierlei Gestalt vorliegt, nämlich in der Ausgabe auf deutsch von 1931, in der Ausgabe auf englisch von 1938 und in der erneuerten deutschen Ausgabe von 1951, den Zweiten Weltkrieg sozusagen durchziehend und überwindend. Entgegen der Romantik und der Utopie (in welchen er das Heraufdämmern des Konzepts von Innenraum und echter Zukunft erblickte) fordert er auf, beherzt die nahe Geschichte zu vergegenwärtigen, nämlich das Zweite Jahrtausend nach Christus (statt der Antiken und naturwissenschaftlich – wie man zum Beispiel in jeder Zahnarztpraxis lesen kann – in immer weiterer Verflüchtigung bis in die Milliarden Jahre der Sternexistenzen), und das Element der echten Zukunft, eben die Geschichtsbrüche, die einen neuen Menschentypus hervorgebracht haben, als unerlässliches Erbe anzuerkennen.

Das deutsche Buch von 1931 ist auf hergebrachte Weise konzipiert: zuerst die Theorie, dann die chronologische Erzählung. Das amerikanische Buch von 1938 dreht diese Reihenfolge um, erzählt erst die Geschichte der Russischen Revolution, dann weiter rückwärts die der Französischen, der englischen, der deutschen Revolution (die man als solche anzusprechen nicht gewohnt ist), schließlich – dann doch chronologisch – die Geschichte der Umbrüche während des Mittelalters, in denen sich auf der Ebene der geistlichen Herrschaft schon abgespielt hat, was die neueren Revolutionen in säkularer Weise hervorgebracht haben. Eingeschoben sind die Geschichte Österreich-Ungarns und der Vereinigten Staaten als Verheißungen auf eine multikulturelle Gesellschaft nach den Weltkriegen.

Die zweite deutsche Ausgabe bleibt bei dem einmal gefassten Aufbau, enthält aber viele Ergänzungen teils aus dem amerikanischen Buch, teils auch wieder ganz neu.

In Form der Familienmitglieder sieht Rosenstock-Huessy die Menschentypen in den einzelnen Nationen betont und hervorgebildet: das Mütterliche in der Kirche (Italien), das Väterliche in der Lutherischen Verfassung aus Landesfürst und Räten, das Männliche in der Verfassung der englischen Seefahrer, die eine unabhängige Zuflucht auf dem Lande daheim brauchen, das Frauliche in der französischen Lebensart, die sich den Salon als Vermittlungsstelle alles politischen und kulturellen Geschehens schuf. Der Verlorene Sohn wird in der Russischen Revolution erkennbar; im Weltkrieg aber, wie schon gesagt, die Tochter.

Das Buch appelliert an den Leser, in der „Autobiographie des abendländischen Menschen“ sein eigenes Leben, die eigene Erfahrung zu erkennen und von daher zu ergänzen und zum Leben zu bringen.

Diese Darstellungsform ist die der Andragogik, das heißt die Rede von Erwachsenen miteinander, nachdem sie Fachleute geworden sind, um des Nächsten willen aber, des Laien in sich selber und dem Hörer, diese Fachlichkeit überwinden. Die Fachlichkeit äußert sich in System, Register, Fakten, Fußnoten usw. Das Überwinden aber in dem Ton und dem quasi-mündlichen Duktus des Erzählens. Die Spanne zwischen System und Monographie zeigt sich bei jedem einzelnen Kapitel.

Wer also die Rede des Fachmanns erwartet, wird verwirrt, wer an dem Überwinden teilnimmt, fühlt sich angesprochen und zur Ergänzung aufgerufen.

3. Station: Die Soziologie in zwei Bänden

Die dritte Station des Wirklich-Werdens der Lehre Eugen Rosenstock-Huessys ist die Soziologie in zwei Bänden, erschienen in Stuttgart 1956 und 1958. Nach vierzig Jahren die Frucht des Lebens und der Lehre.

Der erste Band, mit dem ins 19. Jahrhundert und auf das Europa der Naturwissenschaften weisenden Titel „Die Übermacht der Räume“ erschien schon 1924 unter dem Titel „Die Kräfte der Gemeinschaft“. Da findet man – aber auch in dem andragogischen Stil –, was man von der Gesellschaft der Menschheit, wie sie jetzt gerade zusammenlebt, alles Wünschenswerte: eine systematische Darstellung der wirkenden Kräfte im Kreuz der Wirklichkeit. Besonders wichtig ist die Einsicht in das, was Rosenstock-Huessy das Reflexivum nennt, die Tatsache, das sich alle Kräfte in Ernst und Spiel (eben Reflexivum) auswirken möchten und dass wir ohne die Möglichkeit des Spielens (z.B. in Liturgie, Kunst, Reisen, Sport) nicht genügend Geistesgegenwart hätten, mit den ernsten Notlagen fertigzuwerden.

Der zweite Band ist eine Universalgeschichte, aber eben nicht in dem Ton des „Es war einmal“, sondern „Es geht Dich an“. Unendliche Forschungsarbeit ist in dieses Werk eingeflossen, das uns die vier vorchristlichen Antiken in Stamm, Reich, Israel und Griechenland vorstellt und die drei nachchristlichen Jahrtausende mit den drei Singularen Ein Gott, Eine Welt, Ein Menschengeschlecht präsentiert und verheißt. Der Inhalt ist nicht kühl dargeboten, sondern so, dass der Leser beständig das Gefühl hat: es brennt – eine ansteckende Begeisterung, die aber auch abverlangt, eigene Lebenszeit für die Integration so vieler neuer Sichtweisen und Gegenstände herzugeben.

4. Station: Die Sprache des Menschengeschlechts

Die vierte Station endlich stellt das Buch auch in zwei Bänden dar: „Die Sprache des Menschengeschlechts. Eine leibhaftige Grammatik in vier Teilen“, erschienen in Heidelberg 1963 und 1964. Der Leser dieser Darstellung erkennt schon, dass das Kreuz der Wirklichkeit die Gestalt dieses Werkes ganz bestimmt hat. Es geht nicht um die Sprachwissenschaften, die einzelne Sprachen und Sprachstrukturen untersuchen, katalogisieren, systematisieren – es geht um die Frage: Was tun wir Menschen eigentlich, wenn wir sprechen? Und tun wir es alle gemeinsam und von demselben Grunde aus? Gehört das Hören dazu? Wir wird gesprochen, wie wird gehört? Und das nicht nur gegenwärtig, sondern mit genauem Verfolgen dessen, was in der „Soziologie in zwei Bänden“ schon durchgeführt ist: wann sich die Sprache gewandelt hat.

Krönung dieses letzten großen Werkes ist das Kapitel Die Frucht der Lippen, in welchem dargestellt wird, wie die vier Evangelien des Matthäus, Markus, Lukas und Johannes die Vierfalt der Kreuzeswirklichkeit offenbaren, weil jeder zu einem anderen Zeitpunkt und zu anderen Adressaten sprach.

Jesus – die Mitte der Zeiten

Damit ist ein weiterer Stein des Anstoßes angesprochen: dass Eugen Rosenstock-Huessy die christliche Zeitrechnung zum Sine-qua-Non erhebt. Selbst die Atheisten – sagt er – müssen anerkennen, dass Jesus die Mitte der Zeiten ist, weil erst nach ihm die bisher getrennt gebliebenen schöpferischen Ströme der Menschwerdung in der Geschichte einander geöffnet wurden und zu den drei Singularen: Ein Gott, Eine Welt, Ein Menschengeschlecht zusammenkommen können. Das mag eine harte Nuss sein, aber dem steht entgegen, dass es im Dritten Jahrtausend nach Christus um nichts weniger geht als um die gegenseitige Durchdringung aller vier: der Zeiten und Räume.

Und dass der Singular durchdringt durch den Wirrwarr des Plurals allenthalben, ist nur dort möglich, wo der Tod überwunden wird. Der Tod des Kaiserreichs war es bei der „Hochzeit des Kriegs und der Revolution“, der Tod Europas bei dem „Revolutionenbuch“, der Tod der abendländischen Geschichte bei der „Soziologie“, der Tod der Sprache in den KZs Hitlers im „Sprachbuch“.

Für diese Todesüberwindung hat er ins Licht vier Todesüberwinder aus der Zeit vor Jesus gehoben: Abraham für Israel, Buddha für die Stämme, Laotse für die antiken Reiche, Jesus für die griechische Leibbesessenheit. In Jesus münden alle diese Kräfte zusammen – denn alle vier, Abraham, Buddha, Laotse und Jesus, bilden, wie es auch alle Mystiker unermüdlich sagen, den Innenraum der Heilsgeschichte.

Wirken

Der Name

Der Name Eugen Rosenstock-Huessy erfreut sich nur in wenigen Kreisen einer Bekanntheit. Und doch hat er ein Wirken gehabt, das Gedächtnis gestiftet hat.

Einige kennen und nennen ihn als Rosenstock, Insider in Amerika sprechen von ihm als Eugen. Es gibt seit 44 Jahren die Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft, gegründet in Bethel. In Haarlem gibt es das Eugen Rosenstock-Huessy Huis. Ein sich zu seiner Lehre scharender Verein in den Niederlanden nennt sich Respondeo (nach seinem Motto für die dritte Form der abendländischen Hochschule: Respondeo utsi mutabor – Ich antworte um den Preis der Verwandlung). Als Verkörperer seiner Lehre sind Bas Leenman, Ko Vos und Konrad von Moltke schon nicht mehr unter uns Lebenden.

Als Freund und Korrespondent Franz Rosenzweigs taucht er auf.

Einige seiner Werke sind auch nach seinem Tode wieder gedruckt oder ins Englische, Niederländische oder Russische übersetzt worden. Gerade wird Des Christen Zukunft ins Rumänische übersetzt.

Wirkungsfelder in Vergangenheit und Zukunft

Und trotzdem: Jeder, der von ihm spricht, sieht sich genötigt, ihn wieder vorzustellen, und zwar auch und gerade in den Wirkungsfeldern, die er selber mit erschaffen hat:

  • in der Industrie, wo er mit der Idee einer Werkzeitung bei Daimler das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf ausgesprochene Gegenseitigkeit zu bringen gehofft,
  • bei der Akademie der Arbeit und gewerkschaftlichen Veranstaltungen,
  • in der ökumenischen Arbeit, die in dem mit Joseph Wittig zusammen gestalteten Werk Das Alter der Kirche 1927/1928 (neu 1998) zum Ausdruck kommt,
  • bei den internationalen Friedensdiensten, denen er – in den schlesischen Freiwilligen Arbeitslagern für Arbeiter, Bauern und Studenten 1927-1933 und im Camp William James in Vermont 1939-1940 Pate gestanden hat,
  • bei denen, die dem Wirken des deutschen Widerstands gegen Hitler nachgehen: Walter Hammer hat ihn den Erzvater des Kreisauer Kreises genannt,
  • in der Europäischen Union, deren Heraufkunft ohne seine Verheißung in dem Buch über die Europäischen Revolutionen (1931, 1938 und 1951) gar nicht denkbar geworden wäre,
  • bei der amerikanischen Besatzungsmacht, wo er durch Freunde die Möglichkeit hatte, die Weltkriegserfahrung aus dem Ersten Weltkrieg in die Urteilsbildung über das Deutsche Reich einzubringen,
  • in der Erwachsenenbildung in West und Ost, die auf den Formen fußt, die er und seine Freunde vor der Hitler-Zeit geschaffen hatten,
  • in den Evangelischen Akademien, die durch seine feurigen Beiträge Kredit gewonnen hatten,
  • bei den Verlagen u.a. Kohlhammer, Käthe Vogt, Lambert Schneider (Lothar Stiehm), die wohl meinten, ihm einen Dienst zu tun, aber in Wirklichkeit war es umgekehrt,
  • bei den Rechtsgelehrten, die noch immer auf seinen Forschungen zur Rechtsgeschichte aufbauen oder für die seine Arbeiten zum Industrierecht Zukunftwink sind,
  • bei den Historikern, die an seinen von genialer Schau getragenen Werken vorbeisehen, weil sie nicht „wissenschaftlich“ genug seien,
  • bei den Theologen, die es einem Laien verdenken, dass er ihnen so wichtige Ergebnisse vorsetzt, die doch nur einer vom Fach gefunden haben kann,
  • bei den Soziologen, die seine Methode als „unwissenschaftlich“ brandmarken, ihn aber doch irgendwie interessant finden,
  • bei den Juden, die in ihm – auf der Spur Heinrich Heines und Felix Mendelssohn-Bartholdys – den abgefallenen Glaubensgenossen meiden,
  • bei den Christen, weil er zu wenig kirchlich war,
  • bei den Heiden (Atheisten), weil er zu christlich ist

Zwar wurde ihm 1929 das Amt des Vorsitzenden der World Association of Adult Education zuteil, aber auch da erging es ihm, wie er in dem Epitaph schreibt:

but since my heart sincerely laughed and wept, all that gives power, stayed outside my reach.

Überall, wo er auf Anerkennung hoffen konnte, gab es etwas, was hinderlich im Wege stand – und steht.

Die Sprachbarriere

Was ist aber das größte Hindernis? Wenn man das wüsste, würden die anderen vielleicht beiseite rücken?

Ich will versuchen, dem mit den Titeln zuleibe zu rücken, die im dritten Teil seiner Sprache des Menschengeschlechts unter der Überschrift

Wenn eine Ewigkeit verstummt - Erinnerungen eines Ent-ewigten

versammelt sind (S. 15-197). Wer will schon davon etwas hören, von Verstummen und Entewigt-Werden? Ein Existenz-bedrohender Schmerz ist da angesagt.

1 „Kriegsteilnehmer aller Länder vereinigt euch“ 1915 – das ist doch der glatte Verrat der Loyalität gegen Gott, Kaiser und Vaterland. Klingt außerdem arg nah zu: Proletarier aller Länder vereinigt euch. Die Gemeinsamkeit der Kriegsteilnehmer hat aber den Frieden zwischen den kriegführenden Parteien im Zweiten Weltkrieg 1989 möglich gemacht.

2 „The Letters of Franz Rosenzweig and Eugen Rosenstock-Huessy, by Dorothy M. Emmet“ – in der neuen Ausgabe der Briefe Franz Rosenzweigs sind Eugen Rosenstocks Briefe chronologisch einsortiert in die übrigen Briefe, dadurch wird die Gestalt des Briefwechsels als einem Ereignis, an dem zwei Anteil haben, verdunkelt. Aber diese Gemeinsamkeit ist es, auf der alles Gespräch zwischen Christen und Juden nach der Schoah aufruht.

3 „Der Selbstmord Europas“ – so übersetzte Eugen Rosenstock 1919 Oswald Spenglers Titel „Der Untergang des Abendlands“ in die Sprache des Mitverantwortlichen. Von Suizid wird nicht gerne geredet, schon gar nicht in Form der Selbstanklage. Aber nur wer den Zusammenhang mit der falschen Richtung nach dem Ersten Weltkrieg und Hitlers und Eva Brauns Selbstmord 1945 begreift, kommt zu Atem.

4 „Ehrlos – Heimatlos“ 1919 – gegen diese beiden Worte ist ja gerade das Geschimpf und Geheul der Nazis losgebrochen, die die verletzten Gefühle der deutschen Soldaten, die aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt waren, für ihre Zwecke ausnutzten. Und auch die anderen Völker fragen erstaunt: Damit also wollt ihr euch abfinden müssen: ehrlos und heimatlos zu sein – das tun wir nicht. Das Ertragen der beiden Wörter, das Auf-sich-sitzen-Lassen, das Eugen Rosenstock-Huessy als Voraussetzung für einen Frieden nach dem Weltkrieg verkündete wie der Prophet Jeremia einst in Jerusalem, ist nichts für Konservative, Sozialisten, Grüne und Liberale. Und doch ist es die Grundlage für alle Verständigung zwischen den Parteien.

5 „Lehrer oder Führer?“ 1926 – dieser Aufsatz aus der von Martin Buber, Joseph Wittig und Viktor von Weizsäcker herausgegebenen Zeitschrift „Die Kreatur“ berührt die wundeste Stelle des deutschen Gewissens.

Die Jungen sprechen sich in ihre Erfahrungen hinein; die Alten sprechen aus ihren Erfahrungen heraus!

Dieses Minimum an Polyphonie ist in den Institutionen der Bundesrepublik Deutschland zumindest eine äußerste Seltenheit. Jede Diskussion über die Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus wird an diesen Aufsatz anknüpfen müssen, um – und das wäre das wenigste - dieselben Fehler nicht noch einmal zu machen.

6 Die rückwärts gelebte Zeit 1929 – das kann sich keiner so recht vorstellen, es gibt zwar in der Musik den Krebsgang, aber in der geschichtlichen Zeit? Und doch hat es das vielleicht in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR von 1949 bis 1989 auch gegeben: Jeder konnte sich nur aufmachen zurück zu seiner persönlichen Aufbruchstelle von 1914 (also entsprechend von 1939 oder 1933) und den dort abgerissenen Faden so radikal und entschlossen wie möglich abspulen, nunmehr auf das – schon erlebte – Ende zu. Man holte nach, man sühnte, man ergänzte Versäumtes. Das Verstehen der Vorgänge nach 1945 und nach 1990 erfährt eine überraschende Vereinfachung, wenn die schon einmal gemachte Erfahrung zu Rate gezogen wird.

Eugen Rosenstock-Huessys Wirken fällt mithin mitten in die Leere im Gespräch der Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg, nach der Hitler-Zeit, nach der Schoah.

Insofern gehört er – und wusste das auch! – nicht in das 20. Jahrhundert, sondern in den Epochenrhythmus von einem Jahrtausend in das nächste.

Freunde

Sein Wirken an den Freunden, die er in den autobiographischen Fragmenten von 1968 nennt: Werner Picht, Franz Rosenzweig, Leo Weismantel, Eugen May, Joseph Wittig, Hans Ehrenberg, Rudolf Ehrenberg, dann in den Bekanntenkreisen der Zeitschrift „Die Kreatur“, des Hohenrodter Bundes und der World Association of Adult Education, an den Universitäten Leipzig, Breslau, an der Akademie der Arbeit in Frankfurt am Main, am Dartmouth College in Hanover, New Hampshire, an den Evangelischen Akademien ist bei allen, die ihm begegneten, unvergesslich geblieben. Ja, manche Einsicht hat er so plausibel dargestellt, dass man meinte, sie ohne Nennung der Quelle weiterverbreiten zu dürfen. Es ist das mehr oder weniger deutliche Plagiat eine Begleiterscheinung seines Wirkens gewesen.

Epilog

So harrt sein Werk, um sein Wirken zu erhellen, der Wiederentdeckung im Dritten Jahrtausend, global, das heißt: Universales und Lokales auf neue Weise verbindend.

Werke

Neben diesen vier in „Jesus – die Mitte der Zeiten“ erwähnten Säulen gibt es für jede eine ganze Schar von begleitenden Satelliten in Buch- und Aufsatzform. Was davon antiquarisch oder in Bibliotheken verhältnismäßig leicht erreichbar ist, zeigt folgende Liste: (Informations-Stand 18. Jan. 2005, Prof. Dr. Jürgen Frese, ergänzt von Drs Wilmy Verhage 2007)

  • Herzogsgewalt und Friedensschutz, 1910, M & H Marcus, Breslau; Neuauflage 1969, Scientia-Verlag, Aalen
  • Ostfalens Rechtsliteratur unter Friedrich II., 1912, Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar
  • Königshaus und Stämme, 1914, Felix-Meiner-Verlag, Leipzig; Neuauflage 1965 Scientia-Verlag, Aalen
  • Angewandte Seelenkunde [1916] 1924, Röther-Verlag GmbH, Darmstadt
    Practical Knowledge of the Soul, 1988
    Toegepaste Zielkunde, 1982
  • Briefwechsel mit Franz Rosenzweig [1916] 1935, Schocken-Verlag, Berlin
    Judaism despite Christianity, 1969, Univ. of Alabama Press; 1971, Schocken Books, New York
  • Daimler-Werkszeitung, 1919-1920, Stuttgart-Untertürkheim: Daimler-Motoren-Gesellschaft
  • Die Hochzeit des Kriegs und der Revolution, 1920, Patmos-Verlag, Würzburg
  • Die Tochter, 1920, Mössingen-Talheim, Talheimer-Verlag; Neuauflage 1988 ebd.
  • Werkstattaussiedlung, 1922, Julius-Springer-Verlag, Berlin; Neuauflage 1997, Brendow-Verlag, Moers
  • Die Kreatur. Eine Zeitschrift, 1926-30, Verlag Lambert-Schneider, Berlin; Neuauflage 1969, Nendeln Lichtenstein, Kraus-Reprint
  • Das Alter der Kirche, 3 Bde, 1927-1928, Verlag Lambert Schneider, Berlin; Neuauflage 1998, Agenda-Verlag, Münster
  • Die Europäischen Revolutionen 1931, Eugen-Diederichs-Verlag, Jena; Neuauflagen 1951 und 1960 ebd.
  • The Multiformity of Man, 1936 , Beachhead, Norwich VT (USA)

    Der Unbezahlbare Mensch, 1955, Käthe-Vogt-Verlag, Berlin; Neuauflage 1964 Herder-Verlag, Freiburg/Basel/Wien
  • Out of Revolution. Autobiography of Western Man, 1938, William Morrow & Co., New York; Neuauflagen 1966 und 1969, Argo Books, Norwich VT; 1993, Berg Publishers, Providence 

    De grote revoluties, 2003, Uitgeverij Skandalon, Vught NL
  • The Origin of Speech [1941-1945] 1981, Argo Books, Norwich VT
    Het Wonder van de Taal, 2003, Uitgeverij Skandalon, Vught
  • The Christian Future, 1946, Charles Scribner’s Sons, New York; Neuauflage 1966, Harper & Row, New York
    Des Christen Zukunft, oder Wir überholen die Moderne, 1956, Chr.-Kaiser-Verlag, München; Neuauflage 1985, Brendow-Verlag, Moers
    Toekomst – Het Christelijk Levensgeheim, 1993, Dabar/Luijten, Aalsmeer

  • Der Atem des Geistes, 1951, Verlag der Frankfurter Hefte, Frankfurt/Main; Neuauflage 1991, Brendow-Verlag, Moers, und Amandus-Verlag, Wien
  • Heilkraft und Wahrheit, 1952, Evangelisches Verlagwerk GmbH, Stuttgart; Neuauflage 1991, Brendow-Verlag, Moers, und Amandus-Verlag, Wien
  • Soziologie, 2 Bd., 1956-1958, W.-Kohlhammer-Verlag, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz
  • Frankreich – Deutschland. Mythos oder Anrede?, 1957, Käthe-Vogt-Verlag, Berlin
  • Zurück in das Wagnis der Sprache, 1957, Käthe-Vogt-Verlag, Berlin; Neuauflage 1997, Verlag Die blaue Eule, Essen
  • Das Geheimnis der Universität, 1958, W.-Kohlhammer-Verlag, Stuttgart
  • Die Gesetze der Christlichen Zeitrechnung, 1958, Münster, Agenda-Verlag GmbH; Neuauflage 2002 ebd.
  • Friedensbedingungen der planetarischen Gesellschaft, 1959; Neuauflage 2001, Agenda-Verlag, Münster
  • Die Sprache des Menschengeschlechts, 2 Bde., 1963 und 1964, Verlag Lambert Schneider, Heidelberg
  • Die Frucht der Lippen, 1964
    Fruit of Lips, 1978, The Pickwick Press, Pittsburgh (USA)

    De vrucht der lippen, 1981
  • Dienst auf dem Planeten, 1965, W.-Kohlhammer-Verlag, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz

    Planetary Service, 1978 

    Dienen op de planeet, 1988
  • Magna Carta Latina [1937], 1967 und 1975, The Pickwick Press, Pittsburgh
  • Ja und Nein. Autobiographische Fragmente, 1968, Verlag Lambert-Schneider, Heidelberg
  • I am an Impure Thinker, 1970, Argo Books, Norwich VT
    Ik ben een onzuivere denker, 1996, Dabar-Luyten, Aalsmeer NL
  • Speech and Reality, 1969, Argo Books, Norwich VT

    Spraak en Werkelijkheid, 1978, Vereniging Rosenstock-Huessy Huis, Haarlem
  • Unterwegs zur planetarischen Solidarität, 2006; Sammeledition von Der unbezahlbare Mensch, *Dienst auf dem Planeten, Ja und Nein, Agenda-Verlag, Münster
  • The collected Works of Eugen Rosenstock Huessy on DVD, Argo Books

Literatur

  • Bernd Faulenbach: Eugen Rosenstock-Huessy. In: Hans-Ulrich Wehler (Hrsg.): Deutsche Historiker. Bd IX. Göttingen 1983, S. 102-126.
  • Michael Zank: The Rosenzweig-Rosenstock Triangle, or What Can We Learn from Letters to Gritli? A Review. In: Modern Judaism. Band 23, Nr. 1, Februar 2003, S. 74-98 (Oxford University Press) engl.
  • Dietmar Kamper, Seitter Walter und Frank Böckelmann: Eugen Rosenstock-Huessy. In: TUMULT-Zeitschrift für Verkehrswissenschaften. Bd. 20, Wien 1995 (Turia & Kant) [3]
  • Dominik Klenk: Metanomik. Quellenlehren jenseits der Denkgesetze. Eugen Rosenstock-Huessys Wegbereitung vom ich-einsamen Denken der neuzeitlichen Philosophie zur gelebten Sprachvernunft. Münster 2003
  • Andreas Leutzsch: Zwischen Welt und Bielefeld. Eugen Rosenstock-Huessy, Georg Müller und ihr Archiv in Bielefeld-Bethel. In: Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg. Band 91, Bielefeld 2006, S. 225-250

Fußnoten

  1. Die Stellung Eugen Rosenstock-Huessys zum Nationalsozialismus wird bis auf weiteres auf der Diskussionsseite zu diesem Artikel genauer besprochen.
  2. Eckart Wilkens, Köln, 27. April 2007 (unter Verwendung des tabellarischen Lebenslaufs, den Lise van der Molen am 27. April 1994 in Winsum geschrieben hat)
  3. Hier Originaltexte von ERH aus dem Hochland von 1931/32 über sein Verständnis von „Drittem Reich“, was durch eine lange Überlieferungskette zu der weitverbreiteten Falschaussage im Buch von Alois Prinz über Hannah Arendt führt, ERH habe den Nazismus begüßt.

Weblinks

Quelle:
Artikel Eugen Rosenstock-Huessy aus der freien Enzyklopädie Wikipedia mit dieser Versionsgeschichte
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