Feministische Linguistik sieht sich als Teil der Linguistik, die einerseits die Sprache selbst, andererseits das Sprachverhalten der Individuen unter feministischen Gesichtspunkten analysiert und beurteilt.
In zwei Punkten unterscheidet sich die feministische von der herkömmlichen Linguistik: Einerseits bezeichnet sie sich selbst als "intervenierende Wissenschaft" – also nicht nur als Wissenschaft, sondern auch als Teil einer politisch-sozialen Bewegung; andererseits beschreibt die feministische Linguistik die Sprache nicht nur, sondern sie kritisiert sie anhand soziologischer und politischer Kriterien.
Die feministische Linguistik entstand, wie die Frauenforschung selbst, in den 1960er Jahren im angelsächsischen Sprachraum und wurde in den französischen und deutschen Sprachraum übernommen.
Im Laufe der letzten 20 Jahre haben sich zwei Themenschwerpunkte der feministischen Linguistik herauskristallisiert: Einerseits die feministische Sprachanalyse, der Analyse des Sprachgebrauchs und der sprachlich transportierten Strukturen und Wertesysteme, andererseits die feministische Konversationsanalyse, der Analyse geschlechtsspezifischen Kommunikationsformen und Sprachnormen.
Wichtige Autorinnen sind z.B. Senta Trömel-Plötz und Luise F. Pusch in der feministischen Analyse der deutschen Sprache, sowie Deborah Tannen in der feministischen Konversationsanalyse.
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Der Hauptkritikpunkt der feministischen Linguistik an der deutschen Sprache richtet sich gegen den Gebrauch des generischen Maskulinums. Die Verallgemeinerung sowohl von Nomen als auch der zugehörigen Possessivpronomen ist im Deutschen mit der maskulinen Form identisch. Dies führe, so die Argumentation, zu komplizierten Paraphrasierungen, um den Sexus auszudrücken, das heißt ob Männer, Frauen, oder Männer und Frauen gemeint sind. Diese Umformungen würden jedoch im realen Sprachgebrauch nur selten gemacht, was dazu führe, dass zwar oft die für den geschlechtsindefiniten Gebrauch zur Verfügung stehende Form benutzt würde, jedoch trotzdem nur Männer gemeint seien. Diese Vermischung von generischem und spezifischem Maskulinum wurde anhand vieler empirischer Untersuchungen belegt (eine Übersicht findet sich beispielsweise in dem Buch Trömel-Plötz, Frauensprache: Sprache der Veränderung).
Durch diese Vermischung würden Frauen, so die Argumentation der entsprechenden Autorinnen, sprachlich systematisch neutralisiert und unsichtbar gemacht. Während Männer immer gemeint seien, wäre es bei jeder Aussage im Maskulin unklar, ob Frauen ebenfalls mitgemeint seien oder nicht. Dadurch entstünde ein so genannter Male Bias, der zum ständigen gedanklichen Einbezug von Männern, jedoch nicht von Frauen führe. Diese wurde für den angelsächsischen Sprachraum - in dem die Genus-Sexus-Debatte nota bene wegfällt - vielfach empirisch nachgewiesen. Für den deutschsprachigen Raum untersuchten u.a. Dagmar Stahlberg und Sabine Sczesny von der Universität Mannheim diese Fragestellung in mehreren empirischen Untersuchungen und konnten die Resultate aus dem angelsächsischen Raum bestätigen.
Viele Autorinnen der feministischen Linguistik sehen in verschiedenen Bereichen eine latente Diskriminierung von Frauen innerhalb des deutschen Sprachsystems. Wo Frauen nicht unsichtbar gemacht würden, würden sie systematisch abgewertet, so die zusammenfassende feministische Kritik an der deutschen Sprache.
So wurde zum Beispiel in den 1970er und 1980er Jahren kritisiert, dass es kein männliches Gegenstück zu der diminutiven Anredeform "Fräulein" gebe. Eine Frau, die gerne und viel spricht, sei eine "Klatschtante" (negativ bewertet), während ein Mann mit denselben Eigenschaften als "kommunikativ" gelte und so eher positiv bewertet werde. Weiterhin wurde kritisiert, dass eine ganze Reihe abwertender Bezeichnungen für Frauen existiere, für die es keine männlichen Analoge gebe, wie etwa Klatschtante, Blondine, Quotenfrau, oder Waschweib.
Gefragt wird in der Feministischen Linguistik auch danach, ob Frauen „in gesprochenen und geschriebenen Texten als eigenständige, gleichberechtigte und gleichwertige menschliche Wesen behandelt“ [1] erkennbar sind. Dabei werden Empfehlungen für eine Ausdruckweise vorgestellt.
Eine Empfehlung besteht darin, solche Formulierungen zu vermeiden, "die Frauen in stereotypen Rollen und Verhaltensweisen darstellen … Beispiel: Die Anrede „Fräulein“ ist ersatzlos zu streichen. Oder „Tennisdamen“ können durchaus auch als „Tennisspielerinnen“ bezeichnet werden. [2]
Wie eingangs erwähnt, zielt die feministische Linguistik nicht allein auf Beschreibung und Kritik der Sprachsysteme und Sprachnormen, sondern auf politisch-gesellschaftliche Veränderungen. Diesem Ziel wird die wissenschaftliche Neutralität untergeordnet. Unter anderem haben feministische Autorinnen aus diesem Bereich zu Beginn der 1980er Jahre "Richtlinien für einen nicht-sexistischen Sprachgebrauch" formuliert, die an Bildungs- und andere Institutionen verteilt wurden. Zu den dort aufgeführten Empfehlungen gehören unter anderem folgende Punkte:
Viele dieser "Richtlinien" sind unterdessen in den deutschen Sprachgebrauch übergegangen. So gibt es mittlerweile sowohl für Frauen als auch für Männer neue Berufsbezeichnungen, die das biologische Geschlecht der Person berücksichtigen: Krankenschwester wurde zu Krankenpfleger/in, Kaufmann zu Kaufmann und Kauffrau, usw. Das umstrittene Binnen-I für Fälle, wo Männer und Frauen gemeint sind, hält sich in Deutschland nur noch in links-orientierten Kreisen wird aber in der Schweiz und in Österreich häufiger verwendet. In Deutschland hat sich dagegen die Schrägstrich-Schreibung allgemein durchgesetzt.
In der Konversationsanalyse wird das Gesprächsverhalten von Gruppen oder Personen näher untersucht. Die feministische Konversationsanalyse konzentriert sich auf die unterschiedlichen Verhaltensweisen männlicher und weiblicher Kommunikation. Viele der frühen Untersuchungen in diesem Bereich stammen aus den USA. Existierende Untersuchungen aus Europa, Deutschland und der Schweiz beziehen sich sehr oft auf den universitären und den öffentlichen Bereich (öffentliche Diskussionen, Fernsehen). Die Hauptkonklusionen der in diesem Bereich existierenden Studien sind - obwohl natürlich eine gewisse Entwicklung feststellbar ist - meist in etwa dieselben: Frauen und Männer haben ein signifikant unterschiedliches Gesprächsregister.
Grob zusammengefasst ergeben sich folgende Ergebnis-Muster:
In gewissen Fällen bedienen sich auch Männer "weiblichen", Frauen eines "männlichen" Gesprächsregisters. Dies ist vor allem in Gesprächsgruppen mit starkem Machtgefälle zu beobachten: Einem Vorgesetzten gegenüber wird tendenziell eher ein "weibliches" Register benutzt, einem Untergebenen gegenüber ein "männliches".
Wissenschaftlich abgesicherte Erklärungen für das unterschiedliche Kommunikationsverhalten von Frauen und Männern gibt es bisher nicht. Die feministische Linguistik versucht, das Kommunikationsverhalten über die geschlechtstypische Sozialisation zu erklären, andererseits über die "defizitäre gesellschaftliche Situation" von Frauen, nach der Frauen gesellschaftlich eine schwache Position, Männern hingegen eine starke Position zugewiesen würde (Trömel-Plötz).
Die Aussagen und Resultate der feministischen Linguistik konnten, wie intendiert, zeitweise eine große öffentliche Resonanz verzeichnen. Auch 20 Jahre nach der Formulierung werden noch einige der "Richtlinien für einen nicht-sexistischen Sprachgebrauch" verwendet. Der Duden gibt etwa Ratschläge für geschlechtsneutrale Formulierungen (Splitting), lehnt jedoch beispielsweise das Binnen-I ab. Als weitere Folgeerscheinung der feministisch linguistischen Bemühungen ist der Wunsch nach konsequenter Umsetzung einer geschlechtergerechten Sprache entstanden.
Die Feministische Linguistik stößt auf Kritik an ihrer wissenschaftlichen Methodik. Das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung und Margaret Jäger kritisieren hier u.a. eine idealistische Sprachauffassung, die Parteilichkeit ("Petitio principii"), eine fehlende Unterscheidung zwischen Sprachnorm und Sprachsystem. [3] Auch würde das Zustandekommen von Machtwirkungen, ihre Vielschichtigkeit und die Bedeutung für das handelnde Subjekt nicht wirklich kritisch betrachtet. Die Feministische Linguistik habe allerdings auch "erstaunliches geleistet". Jäger positioniert sich in ihrer Kritik: Auch ich vertrete die Auffassung, dass mithilfe sprachlicher Ausdrücke Frauen unterdrückt werden und dass dies auch durchaus mit der Metapher der Gewalt verdeutlicht werden kann. Ich komme zu dieser Einschätzung jedoch aus anderen Gründen als meine KollegInnen von der feministischen Linguistik und glaube darüber hinaus, dass sich ihr Anliegen dadurch weitertreiben lässt, wenn die Sprachkritik in einen anderen Bezugsrahmen gestellt wird.[4]
Kritik wird vielfach so aufgegriffen, dass der Feministische Linguistik generell ihre Wissenschaftlichkeit abgestritten wird. Dabei erkennt eine Kritik häufig nicht die Problematik einer Abwehrhaltung für die Wissenschaft, die als Antihaltung zu den Fragestellungen genauso problematisch sich für die Wissenschaft darstellt, wie die kritisierte Parteilichkeit. [5]
Von Abwehrverhalten ist dann die Rede, wenn keine Auseinandersetzung auf der konkreten wissenschaftlichen Fragestellung erfolgt. Dabei werden häufig beliebige feministische Äußerungen für Aussagen der Feministischen Linguistik gehalten.
Aber auch dezidiert nicht-feministische und nicht feministisch-linguistische Aussagen aus oft obskuren anderen "Wissenschaften" werden der Feministischen Linguistik unterstellt. Ein bekanntes Beispiel ist der Autor Eckhard Henscheid, der in seinem populären Buch "Dummdeutsch" eine Aussagen des für seine "Rassekunde-Vorlesungen" in der Kritik geratenen Anthropologen Rainer Knußmann vom Humanbiologischen Institut Hamburg der feministischen Sprachkritik unterstellt. Knußmann stellte in seinem umstrittenen Biologiebuch [6] die Überlegung an, ob sich die "weibliche Rolle der Unterlegenheit" auch an sprachlichen Begriffen festmache. Dazu leitete Knußmann das Wort "Dame" von "dämlich" ab. [7] Von einem Kritiker des Anthropologen, Prof. Wulf D. Hund, wurde ihm vorgehalten, dass er für seine Theorie nur in einem etymologischen Wörterbuch hätte nachschlagen brauchen, um festzustellen, dass Dame sich aus dem lateinischem Wort domina (Hausherrin) ableitet. [8]
Die Frauenbewegung selbst kritisiert, der von feministischen Linguisten vorausgesetzte determinierende Einfluss der Sprache auf die gesellschaftliche Realität sei nicht belegt. Bemängelt wird insbesondere die Vernachlässigung der Handlungs- und Entscheidungsfreiheiten der sozialen Akteure im Vergleich zur Sprache. Dem Instrument "Sprache" werde im Vergleich mit den wahren sozialen Akteuren eine überhöhte Bedeutung zugemessen, so dass es in den Analysen einiger Autoren oft sogar vom Objekt zum Subjekt wird (Unsere Sprache tut uns Gewalt an - Senta Trömel-Plötz).
Eine weitere oft geäußerte Kritik bezieht sich auf die Vernachlässigung der Dialektik zwischen Sprachwandel und gesellschaftlichem Wandel: Die Sprache beeinflusse den gesellschaftlichen Wandel, aber noch stärker beeinflusse der gesellschaftliche Wandel die Sprache. Diese Dialektik würde zwar nicht geleugnet, jedoch gemäß der Prämissen so gewendet, dass in der sprachlichen bereits eine gesellschaftliche Veränderung gesehen wird. Nicht die Sprache würde jedoch die Wirklichkeit konstruieren, sondern die sprechenden Subjekte.
Die Kritik an der feministischen Kommunikationsanalyse bezieht sich insbesondere darauf, dass der Inhalt zugunsten der Form aufgegeben werde. So sei vor allem untersucht worden, wie gesprochen wird, nicht aber was gesagt wird. So würden Frauen vielfach nicht durch die Sprache selbst unterdrückt, sondern durch den geführten Diskurs. Deshalb bestehe grundsätzlich die Gefahr, dass mögliche positive Auswirkungen einer sprachlichen Änderung sich immer dann ins Gegenteil verkehren, wenn sich das Ziel nur auf die Veränderung des Sprachgebrauchs beschränke. Bestehende Benachteiligungen ließen sich nicht an Wörtern und Satzkonstruktionen festmachen, sondern an Inhalten.
Bibel in gerechter Sprache, Politische Korrektheit