Gegenwart

Dieser Artikel behandelt die allgemeine Bedeutung von Gegenwart, weitere Verwendungen unter Gegenwart (Begriffsklärung)

Der Begriff Gegenwart ist in der deutschen Sprache bereits im Mittelhochdeutschen belegt, damals allerdings nur in der Bedeutung von "Anwesenheit". Erst im 18. Jahrhundert erfolgte eine Bedeutungsausweitung auf eine Zeitbezeichnung.[1] Seitdem steht Gegenwart auch für einen oft nicht genau eingegrenzten Abschnitt zwischen der Vergangenheit und der Zukunft.

Inhaltsverzeichnis

Grammatik

Gegenwart in sprachwissenschaftlichem Kontext bezeichnet:

  • der sprachliche Umsetzung – dem Tempus – von Gegenwärtigem
  • die grammatische Gegenwartsform

Die deutsche Grammatik kennt nur eine Zeitform der Gegenwart für ein Verb:

Siehe auch: Present Tense (englische Gegenwartform)

Physik

Vergangenheit und Zukunft bezüglich des Koordinatenursprungs.
Vergangenheit und Zukunft bezüglich des Koordinatenursprungs.

Die Frage der Gegenwart eines Beobachter ist in der Physik eng verbunden mit der Frage der Gleichzeitigkeit von Ereignissen.

Siehe auch: Zeitpunkt

Klassische Physik

Der Zeitpfeil bestimmt die Richtung der Zeit von der Vergangenheit in die Zukunft. Die Vergangenheit besteht dabei aus der Menge aller Ereignisse, die kausal mit dem als Gegenwart bezeichneten Ereignis verbunden sind, diese also beeinflussen konnten. Dieses Konzept von Gleichzeitigkeit nennt man Synchronismus.

In der Physik ist die Gegenwart der Raum in dem alle Prozesse ablaufen.

Siehe auch: Zeitskala

Quantenmechanik

Die Heisenbergsche Unschärferelation, besagt das Zeit und Energie eines Quantensprungs nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmt sind, also exakte Gegenwart der Beobachtung nicht zugänglich ist: Das Jetzt ist ein Skalenabhängiger Hilfsbegriff.

Relativitätstheorie

In Zusammenhang mit der Veränderung der Vorstellung des Begriffs der Zeit seit Einführung der speziellen Relativitätstheorie von Albert Einstein haben auch die Begriffe Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Umdeutung erfahren. Da zwei Ereignisse, die für einen Beobachter gleichzeitig stattfinden, für einen relativ dazu bewegten Beobachter unter nicht mehr gleichzeitig stattfinden (Relativität der Gleichzeitigkeit), ersetzt der Begriff der „Raumartigkeit“ die „Gleichzeitigkeit“.

Gegenwart und Hier lassen sich als Koordinatenursprung der Raum- und Zeitkoordinaten definieren.

Nähere Informationen hierzu siehe Minkowski-Diagramm,

Gehirnforschung

Die Gegenwartsdauer: Neue neurologische und psychologische Studien lassen vermuten, dass das Gehirn die Gegenwart in Einheiten zu etwa 2,7 Sekunden verarbeitet. Es ist erstaunlich, dass der alltagssprachliche Begriff „Augenblick“ genau diesen Sachverhalt darstellt. Zudem legen Untersuchungen nahe, dass 3-Sekunden-Einheiten auch in der Lyrik (wenn es etwa um die Erkennung von Reim und Rhythmus geht) und der Musik von Bedeutung sind.

Siehe auch: Zeitwahrnehmung

Psychologie und Soziologie

Der Gegenwart stehen die Vorstellungen gegenüber, die man sich von der Vergangenheit (z. B. Erinnerung, Geschichte, Herkunft, Ursache) und der Zukunft (z. B. Hoffnung, Angst, Vision, Entwicklung) macht.

In der Psychologie erklärt die sogenannte Doppelbindungstheorie, dass wir durch gleichzeitig widerstreitende Gefühle und Gedanken in Verwirrung und Handlungsunfähigkeit geraten.

Siehe auch: Zeitsoziologie, Zeitgefühl

Philosophische Sichtweise

Im Rahmen der Philosophie sind zwei Aspekte der Gegenwart von Bedeutung:

Zum einen ist es der Widerspruch von bewusst wahrgenommenem Jetzt und der Unmöglichkeit, das Jetzt sinnlich zu erfassen. Das ist die Frage nach dem Wesen der Zeit an sich.

Zum anderen die Bedeutung des Hier und Heute angesichts der Sterblichkeit des Menschen. Zwei prinzipiell konträre Weltanschauungen sind hier möglich:

  • Den Moment als das einzig Wirkliche anzusehen. Ausgedrückt wird die „Nichtigkeit menschlicher Werke“ – die Vanitas – durch Sprüche wie carpe diem oder memento mori.
  • Den Augenblick geringzuschätzen und den nötigen Aufwand einer Aufgabe unterzuordnen, in der Ansicht, der Mensch lebe in seinen Werken weiter. Diese Einstellung gehört etwa zum zentralen Wesen der Wissenschaften.

In der Kunsttheorie spiegelt sich dieser Gegensatz etwa in der klassischen Einteilung in - momentorientierte - Darstellende Kunst und - werkbezogene - Bildende Kunst wieder.

Literatur

  • K. Stepath: Gegenwartskonzepte. Eine philosophisch-literaturwissenschaftliche Analyse temporaler Konzepte, Würzburg 2006.

Religion

In vielen Religionen, etwa im Zen-Buddhismus, besteht ein Ideal darin, sich selbst der Gegenwart zu öffnen. In den deshalb so genannten Offenbarungsreligionen Christentum, Islam und Judentum erfährt der Gläubige die Gegenwart Gottes durch dessen Offenbarung.

In den östlichen Religionen wie Buddhismus oder Hinduismus wird als Ort des ewigen Lebens anders als in den abrahamitischen Religionen nicht ein in der Zukunft nach dem Tode folgender Himmel, sondern der gegenwärtige Augenblick angesehen.

Einzelnachweise

  1. Duden «Etymologie» - Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache, 2. Auflage, Dudenverlag, 1989
Quelle:
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