Geisteswissenschaften sind Wissenschaften, die sich mit kulturell-geistigen Themen auseinandersetzen. Wilhelm Dilthey, der diese Bezeichnung schärfte und popularisierte (Einleitung in die Geisteswissenschaften 1883), sah ihren Auftrag darin, den Zusammenhang zwischen "Leben, Ausdruck und Verstehen" zu untersuchen.
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Jede Universität hat ihre eigenen Traditionen, daher gibt es keine allgemein verbindlichen Zuordnungen. Ob die Geisteswissenschaften nur noch ein historischer Sammelbegriff sind oder ob sich ihre einstigen Vorsätze erhalten haben, kann dabei offen bleiben.
Die Geisteswissenschaften als universitäre Wissenschaften sind jünger als die Philosophie, Theologie und Rechtswissenschaft. Noch jüngere Wissenschaften wie Soziologie und Politologie oder Wirtschaftswissenschaften haben sich ihrerseits wieder von den Geisteswissenschaften abgegrenzt und werden heute meist als Sozialwissenschaften bezeichnet. Die Mathematik gehört traditionell zur Philosophie, steht aber mittlerweile den Naturwissenschaften näher.
Statt nach ihrem Alter kann man die Wissenschaften auch nach ihrer Methodik den Geistes-, Natur- oder Sozialwissenschaften zuordnen: Psychologie gehört dann entweder zu den Naturwissenschaften, den Sozialwissenschaften oder den Geisteswissenschaften. Die Geographie sowie die Rechtswissenschaft können sowohl den Sozialwissenschaften wie auch den Geisteswissenschaften zugerechnet werden.
Eine modernere Begriffsbildung faßt mit der Bezeichnung Humanwissenschaften alle Wissenschaften zusammen, die irgendeinen Aspekt der Menschen zum Untersuchungsgegenstand haben. Darunter fallen sowohl die Geistes- und Sozialwissenschaften als auch z.B. die Humanbiologie oder Medizin.
Der Begriff wurde 1849 als Lehnübersetzung von »moral science[s]« (John Stuart Mill) geprägt, bekam seine Prägnanz aber erst durch Wilhelm Dilthey und ist eng mit den politischen und universitären Voraussetzungen im deutschen Sprachgebiet verbunden. Dilthey definierte die Geisteswissenschaften in scharfer Entgegensetzung zu den Naturwissenschaften durch die ihnen eigene Methode des Verstehens, wie sie als Hermeneutik seit Schleiermacher auch außerhalb der Philologie gebräuchlich geworden war.
Dilthey ging von der Aussage Ignoramus et ignorabimus (1872) des Naturwissenschaftlers Emil Heinrich du Bois-Reymond aus und hielt mit ihr die Unerklärlichkeit des Bewusstseins durch die Naturwissenschaften für erwiesen. An dieser unüberschreitbaren Grenze für die Naturwissenschaften, die sich nur mit "blinden Kräften" befassen könnten, beginnen nach seiner Meinung die Geisteswissenschaften, die sich mit dem "Wollen" auseinandersetzten. – Unter anderem konnte diese Unterscheidung deshalb so klar erscheinen, weil sich die Statistik als Methodik der Naturwissenschaften und der späteren Sozialwissenschaften noch nicht allgemein durchgesetzt hatte.
Über diese erkenntnistheoretischen Erörterungen hinaus führten jedoch auch politische und soziale Absichten zu solchen Schlüssen: Die Nützlichkeit technischer Neuerungen täuschte nach den Revolutionsjahren 1830 und 1848 (vgl. Märzrevolution) über den gescheiterten gesellschaftlichen Konsens hinweg. Die aufstrebenden Natur- und Ingenieurwissenschaften stützten mindestens vordergründig die restaurative Macht des Spätabsolutismus. Hermeneutik hat dagegen mit einem stets neu zu findenden und zu erhaltenden Konsens von Beobachtern zu tun und entzieht sich der empirischen Nachweisbarkeit in Spurensicherung oder Experiment, die mit Erfolg gegen ältere wissenschaftliche Methoden ausgespielt wurden. Um dem gewachsenen Anspruch auf Neutralität und Objektivität zu genügen, musste sich allerdings auch die Hermeneutik vermehrt der Spurensicherung bedienen. Dieses Konzept einer Wissenschaft erschien Dilthey verteidigenswert.
Der Aufschwung der Naturwissenschaften seit Anfang des 19. Jahrhunderts war einhergegangen mit der Herausbildung neuartiger Disziplinen im Rahmen der alten Philosophischen Fakultät, die sich durch rigorose Methodik auszeichneten[1]; die alte Einheit war unwiederbringlich verloren. Damit war ein Großteil der alten Fächer in Frage gestellt. Das Konzept der Geisteswissenschaften half diesen, sich zu behaupten und zu modernisieren. So haben sich die alten Fakultätswissenschaften Theologie und Rechtswissenschaft erfolgreich als Geisteswissenschaften neu definiert.
Eine ähnliche und parallel laufende Unterscheidung ist die zwischen "nomothetischen" (»regelsetzenden«) und "idiographischen" (»beschreibenden«) Wissenschaften, die manchmal dazu dient, die Sozialwissenschaften als nomothetisch abzugrenzen.
Ein weiterer wichtiger Faktor für die Entstehung der Geisteswissenschaften war das Verhältnis zwischen Universität und Staat: Im 19. Jahrhundert hatten sich die bürgerlichen Gelehrten, Künstler und Literaten einen Geistesadel und eine Hochkultur geschaffen, und diesen "Geist" galt es nicht zuletzt gegenüber der führenden Oberschicht zu behaupten. Der Adel dagegen benötigte keine Reputation durch künstlerische oder wissenschaftliche Betätigung. Er zog sich zurück und tendierte eher zur populären Unterhaltung. Der Begriff des Geistes blieb nicht unumstritten. So gab es immer den Vorwurf, dass die traditionellen Autoritäten de facto durch technische und bürokratische Apparate ersetzt worden seien. Eine ähnliche Ansicht hat Friedrich Kittler mit seiner Forderung einer "Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften" vertreten.
In der interdisziplinär angelegten Aktion Ritterbusch wurden Geisteswissenschaften in die völkische Ideologie des Nationalsozialismus und die Verherrlichung des Krieges eingebunden.
Der Titel der 1959 erschienenen Studie "The two cultures" von Charles Percy Snow wurde zum Schlagwort: Geisteswissenschaften (englisch: humanities) und Naturwissenschaften trennen unvereinbare Wissenschaftskulturen. Als Reaktion auf diese stark rezipierte Studie erschien in der Folge "Die dritte Kultur".
Die Zukunft der Geisteswissenschaften wird immer wieder grundsätzlich in Frage gestellt. Das liegt zum einen an den oft langwierigen, hochspezialisierten Projekten, die im Gegensatz zu den Naturwissenschaften nicht im Team, sondern in Einzelarbeit bearbeitet werden und deren Output von vornherein wenig kontrollierbar ist. Zum anderen liegt es an der Verzettelung innerhalb der geisteswissenschaftlichen Forschungsarbeiten selbst. Symptomatisch dafür ist die ironische Kritik an der Bedeutung der Fußnotenapparate. Des Weiteren zielt gesellschaftliche Skepsis gegenüber der Daseinsberechtigung der Geisteswissenschaften auch auf ihren ökonomisch nur schlecht quantifizierbaren Nutzen. Argumentiert wird in diesem Kontext mit der Rolle der Kultur als "weichem Standortfaktor".
Auch die Kontroverse um die Postmoderne hat zur Veränderung des Selbstverständnisses der Geisteswissenschaften beigetragen und einen Beitrag zur Wissenschaftskritik an ihnen geleistet.
Zu den Geisteswissenschaften im engeren Sinn zählen unter anderem :
Sonderfälle:
Das Wissenschaftsjahr 2007 widmet sich den Geisteswissenschaften.
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