Kanada ist heute der zweitgrößte Staat der Erde. Er entstand durch Verschmelzung ehemals britischer und französischer Kolonien, die sich allmählich zu einem gemeinsamen, vom Vereinigten Königreich unabhängigen, Bundesstaat entwickelt haben.
Die Ureinwohner Kanadas sind die First Nations bzw. Premières Nations (früher Indianer genannt) und die Inuit (früher Eskimos genannt), die über eine Landbrücke, die Sibirien mit Alaska verband, aus Asien kamen. Umstritten ist der Zeitraum, zu dem diese Einwanderung stattgefunden hat. Doch nimmt man an, dass die ersten menschlichen Bewohner bereits vor mindestens 13.000 Jahren Nordamerika dauerhaft besiedelten (s. Clovis-Kultur).
Nachweisbar sind Siedlungsversuche der Wikinger auf Neufundland um etwa 1000 n. Chr. Die Entdeckung Nordamerikas durch die Europäer begann mit Giovanni Caboto im Jahr 1497.
Siehe auch die Besiedlung Amerikas
Die gängigste Theorie besagt, das vor etwa 30.000 bis 10 000 Jahren die ersten Menschen, wohl über die Beringstraße aus Sibirien, in das Gebiet des heutigen Alaska und Kanada einwanderten.[1]
Die kanadischen Ureinwohner bildeten zur Zeit der ersten europäischen Besiedlung verschiedene Ethnien ("Stämme"), die in Grundzügen bis heute fortbestehen und teilweise in Clans organisiert sind. Zwischen den Indianern Nordamerikas, wie beispielsweise den Haida an der Pazifikküste und den Cree, die im Waldland und den Prärien zwischen den Rocky Mountains bis zum Atlantischen Ozean leben, bestanden große Unterschiede in Lebensweise, Sprache und Kultur. Die Cree (auch Kri oder Cri) bilden die größte indigene Gruppe in Kanada. Ihre Sprache gehört zur Algonkin-Sprachgruppe. Daneben gibt es als größere Sprachgruppe noch die Na-Dené. Die Athabasken wie beispielsweise die Haida sprechen Na-Dené-Sprachen (vgl. Indigene amerikanische Sprachen#Kanada und USA).
Die sechs Ratsfeuer der Irokesen, die um das Jahr 1000 aus dem Mississippi-Tal in das Gebiet zwischen Sankt-Lorenz-Strom und Eriesee einwanderten, sowie die von ihnen abgespaltenen Wyandot (Huronen) bildeten eigene Nationen und Bündnisse ("Irokesenliga"), die nach Auffassung der Irokesen bis heute als eigenständige Nation mit eigener Sprache fortbestehen.
Die indigenen Völker lebten in kleinen und größeren Gruppen und praktizierten schamanische Methoden, deren traditionelle Elemente partiell bis heute fortbestehen oder wiederbelebt wurden. Im Zuge kultureller, gesellschaftlicher und politischer Einsichten werden die etwa 600 indianischen Völker Kanadas seit den 70er Jahren "First Nations" oder "Premières Nations" (Erste Völker) genannt.
Die Inuit bilden eine separate Gruppe, die in einer letzten Besiedlungsbewegung aus Sibirien einwanderte und die arktischen Regionen (Nordwest-Territorien, Nunavut, Québec und Neufundland und Labrador) bewohnt.
Um das Jahr 1000 n. Chr. gelangten Wikinger unter Leif Eriksson nach Neufundland, das sie Vinland nannten. Sie konnten sich jedoch nicht dauerhaft in diesem Gebiet halten. Eine Wikingersiedlung bei L'Anse aux Meadows wurde 1960 ausgegraben und zählt heute zum Weltkulturerbe.
Im 15. Jahrhundert lockten die reichen Fischgründe vor der Küste Neufundlands zahlreiche Fischer aus Spanien, Portugal, Frankreich und Großbritannien. Englische und französische Fischer gründeten kleinere Siedlungen an der Küste, in denen der Fisch getrocknet und dadurch transportbereit gemacht wurde. Am 26. April 1497 landete John Cabot (Giovanni Caboto), ein Italiener in englischen Diensten, als erster namentlich bekannter Europäer im heutigen Kanada, wahrscheinlich auf der Kap-Breton-Insel und erklärte das Land zum englischen Besitz. Franzosen unter der Leitung von Jacques Cartier erkundeten 1534/1535 das Gebiet um den Sankt-Lorenz-Strom und nahmen es für Frankreich als Kolonie Neufrankreich in Besitz.
Als erste dauerhafte Siedlung im heutigen Kanada gilt die 1605 errichtete französische Festung Port Royal im heutigen Nova Scotia. Die spätere Hauptstadt Québec wurde 1608 von Samuel de Champlain gegründet. Neufrankreich unterstand zunächst nicht direkt der Krone, sondern Handelsgesellschaften: bis 1663 der Compagnie de la France Nouvelle, 1664–1674 der Französischen Westindien-Kompanie. Hauptinteresse dieser Gesellschaften war der Pelzhandel mit den Indianern. Insbesondere die Wyandot (Huronen) waren den Franzosen freundlich gesinnt. Die Irokesen hingegen führten mit britischer Unterstützung Krieg gegen die Huronen. Aus Europa eingeschleppte Krankheiten wie Pocken dezimierten einen Großteil der indianischen Urbevölkerung. Die Anzahl der europäischen Siedler in Neufrankreich blieb gering.
Schon in dieser frühen Phase gingen aus der Verbindung der europäischen Siedler mit Indigenen die so genannten Métis als Nachkommen hervor. Sie bilden heute (anerkanntermaßen seit 1982) eine eigene ethnische Gruppe.
Nachdem die französische Krone 1674 die direkte Herrschaft über die Kolonie übernommen hatte, begann deren Expansion. Entdecker wie René Robert Cavelier de la Salle, Louis Joliet und Jacques Marquette erschlossen das Hinterland, entdeckten und befuhren den Mississippi und schufen damit die Grundlage für ein Kolonialreich, das sich im Landesinneren bis an den Golf von Mexiko erstreckte. Es entstand eine Kette von Forts und Ansiedlungen vom St. Lorenz-Strom zu den Großen Seen, von dort entlang des Mississippi bis nach Louisiana.
Da den britischen Kolonien in Neuengland damit der Weg in das Landesinnere abgeschnitten und der lukrative Pelzhandel erschwert wurde, kam es zu wachsenden Spannungen zwischen Briten und Franzosen, die eine Fortsetzung der Konflikte in Europa unter den völlig anderen nordamerikanischen Bedingungen darstellten. Der Konflikt führte zu blutigen Stellvertreterkriegen zwischen den mit beiden Seiten verbündeten Indianervölkern, von denen die Wyandot traditionell auf französischer, die Irokesen auf britischer Seite standen. Auch der Pelzhandel mit den Europäern, der den Zugang zu deren Waffen und Konsumgütern eröffnete, führte zu teils mit großer Härte ausgetragenen Kämpfen der Indianer untereinander („Biberkriege“).
Einen englischen Versuch, mit Hilfe der Irokesen die Kolonie während des Pfälzischen Erbfolgekriegs zu erobern (erfolglose Belagerung von Québec 1690), konnte unter der Führung des Gouverneurs Frontenac nicht nur abgewehrt werden, im Gegenzug vertrieben die Franzosen die Briten bis 1697 u. a. von der Hudson Bay, aus Neufundland und von Neuschottland. Der Bau französischer Forts bei Niagara, am Lake Champlain und am Allegheny River (Fort Duquesne) führten in Nordamerika 1754 noch vor dem Beginn des Siebenjährigen Kriegs zu einem offenen Ausbruch von Feindseligkeiten, die dort als Franzosen- und Indianerkrieg bezeichnet werden. Den Franzosen gelangen zunächst einige Abwehrerfolge (z. B. in den Schlachten am Monongahela (1755) und bei Ticonderoga (1758)), doch siegten die Briten unter General James Wolfe in der entscheidenden Schlacht auf der Abraham-Ebene am 13. September 1759, wo der fähige französische Oberkommandierende Louis-Joseph de Montcalm fiel, eroberten daraufhin Québec und 1760 unter dem Kommando von Jeffrey Amherst Montreal. Zögerliche Versuche, der bedrängten Kolonie aus Frankreich Hilfe zu schicken, wurden durch die überlegene britische Flotte unterbunden. Im Pariser Frieden vom 10. Februar 1763 trat Frankreich Kanada und seine akadischen Restgebiete (Prinz-Edward-Insel, Kap-Breton-Insel) an Großbritannien ab.
Im Québec Act von 1774 reorganisierten die Briten die Kolonie als Provinz Québec. Der französischstämmigen Bevölkerung kam man entgegen, indem das französische Zivilrecht neben dem britischen Strafrecht seine Geltung behielt und die Ausübung der katholischen Religion geschützt wurde. Während des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs (1775–1783) besetzten 1775 nordamerikanische Truppen unter dem Kommando von Benedict Arnold Teile Kanadas, darunter Montreal, wurden jedoch in der Schlacht bei Québec am 31. Dezember 1775 geschlagen und räumten ihre Eroberungen wieder (siehe Artikel Invasion von Kanada (1775) ). Die Mehrheit der irokesischen "Stämme" der Mohawk und Cayuga, die auf der Seite der Briten gekämpft hatten, verblieb in Kanada oder zog dorthin. Nach der Anerkennung der USA durch Großbritannien im Frieden von Versailles (1783) siedelten sich zehntausende der britischen Herrschaft treu gebliebene Amerikaner („Loyalisten“) in Kanada an und anglisierten damit das bislang französisch geprägte Land. Gleichzeitig bildete ihre Anwesenheit ein erhebliches Hindernis für eine Übernahme Kanadas durch die USA oder eine Rückgabe an Frankreich. Da ihr Schwerpunkt an den Großen Seen lag, bildete sich so ein weiterer Siedlungskern, der sich vom französischen Teil in Religion, Kultur und Sprache unterschied. Die Verfassung von 1791 richtete demzufolge zwei Provinzen ein, das englisch geprägte Oberkanada und das französische Niederkanada mit jeweils selbstständigen Verwaltungen. Die Grenze zwischen beiden bildete der Ottawa River.
Ein erneuter Versuch der USA, Kanada im Britisch-Amerikanischen Krieg von 1812 bis 1814 zu erobern, scheiterte. Der Widerstand gegen die Invasoren spielte eine wichtige Rolle bei der Entstehung eines gemeinsamen Nationalgefühls. Helden dieses Kampfes wie Generalmajor Sir Isaac Brock und Laura Secord sind in Kanada bis heute populär.
Im frühen 19. Jahrhundert war Holz das wichtigste Exportgut Kanadas und wurde in Großbritannien auch zum Eisenbahnbau verwendet. Das Holz der Weymouthskiefer wurde zu Flößen zusammengebunden und über den Ottawa-Fluss zum Seehafen Québec befördert. Das reichlich vorhandene Eichenholz war schwerer als Wasser und musste deshalb mit leichterem Kiefernholz zusammengebunden werden. Auf dem Rückweg beförderten die Frachtschiffe bis zu 200 Einwanderer preiswert nach Kanada, weil weder Salz noch Ziegel den Stauraum der westwärts fahrenden Schiffe ausfüllen konnten.
Wohlhabende und einflussreiche Familien dominierten das von der Kolonialverwaltung eingesetzte Parlament. Moderate Reformer wie Robert Baldwin und Louis-Hippolyte Lafontaine forderten eine "verantwortliche Regierung", welche die Interessen der kanadischen Bevölkerung stärker berücksichtigt als die Interessen Großbritanniens. Radikale Reformer wie William Lyon Mackenzie oder Louis-Joseph Papineau forderten die Unabhängigkeit Kanadas und die Einrichtung einer Republik. Darüber hinaus wurden die Zustände vielfach als unbefriedigend angesehen, weshalb es verschiedentlich zu Unruhen kam, so 1836/1837 in der Caroline/McLeod-Affäre und 1849.
Der Wunsch nach einer verstärkten Selbstverwaltung und einer parlamentarischen Regierungsform führte 1841 zu einer Neuordnung der beiden Kolonien. Ober- und Niederkanada wurden zu einer gemeinsamen Provinz Kanada vereinigt. Das Englische wurde als alleinige Amtssprache eingeführt.
Nachdem sich das Verhältnis zwischen Großbritannien und den USA während des amerikanischen Bürgerkriegs bis knapp an den Ausbruch eines Krieges verschlechtert hatte, sah man die Notwendigkeit, möglichen amerikanischen Angriffen auf Kanada einen starken Bundesstaat entgegen zu stellen. Daraus resultierte das Gesetz über Britisch-Nordamerika (British North America Act), das am 1. Juli 1867 in Kraft trat. Es schuf das Dominion of Canada als Bundesstaat. Zu der Provinz Kanada (die derzeitigen Provinzen Ontario und Québec) kamen Neubraunschweig und Neuschottland. Das Parlament erklärte 1879 den 1. Juli zum Nationalfeiertag; zuerst als Dominion Day und ab 1982 als Canada Day.
Die neugebildete Bundesregierung unter Premierminister John A. Macdonald kaufte 1869 von der Hudson's Bay Company das Gebiet der späteren Provinzen Manitoba, Alberta und Saskatchewan. Die Ureinwohner Westkanadas und die Métis lehnten die Besiedlung des Westens jedoch entschieden ab und erhoben sich zur Red River Rebellion, die bis 1870 dauerte. Die Aufständischen unter Louis Riel bildeten eine Übergangsregierung, deren Forderungen die Bundesregierung jedoch ablehnte. Nach der militärischen Niederlage floh Riel in die USA. Im Unruhegebiet entstand 1870 die Provinz Manitoba, deren Rechtsordnung die Interessen von Englisch- und Französischsprachigen, Indianern und Métis, Katholiken und Protestanten ausgleichen sollte.
1871 schloss sich Britisch-Kolumbien an der Pazifikküste dem Dominion an. Aus den dünn besiedelten Gebieten des Nordens bildete man die Nordwest-Territorien ohne eigene Staatlichkeit.
Unter teils konservativen, teils liberalen Politikern nahm Kanada in der Folge einen raschen wirtschaftlichen Aufschwung. Eine wichtige Rolle hierbei spielte der Eisenbahnbau, der die Prärieprovinzen erschloss. Sie entwickelten sich in der Folge zu einer „Kornkammer der Welt“. Die private, aber staatlich geförderte Canadian Pacific Railway stieg zum wichtigsten Unternehmen Kanadas auf. Sie belebte Schifffahrt, Industrien und auch Siedlungen.
Kanada unterhielt enge Wirtschaftsbeziehungen zu Großbritannien, sichtbar u.a. an der Senkung von Zöllen für britische Waren 1896. Obwohl die kanadische Politik auf eine völlige Unabhängigkeit abzielte, unterstützte das Land Großbritannien im Burenkrieg und im Ersten Weltkrieg, in dem Kanada schwere Opfer brachte. Im Versailler Vertrag 1919 und im Völkerbund trat es als eigenständiges Staatswesen auf, ab 1927 entsandte es einen eigenen Botschafter in die USA.
Im Ersten Weltkrieg musste Kanada als britisches Dominion auf Seiten der Alliierten kämpfen. Auch die französischsprachigen Kanadier begrüßten die militärische Beteiligung Kanadas am Krieg. Kanadische Truppen kämpften bei Ypern, an der Somme, bei Passchendaele und an weiteren bedeutenden Schlachten. Die Schlacht bei Vimy, als kanadische Truppen 1917 im Alleingang eine deutsche Festung eroberten, gilt als identitätsstiftendes Ereignis der kanadischen Nation.
Die Soldaten meldeten sich freiwillig zum Militärdienst. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Juli 1917 wurde jedoch von vielen Frankokanadiern, von Mennoniten, Quäkern und politisch motivierten Pazifisten abgelehnt. Deshalb wurden nur wenige Wehrpflichtige tatsächlich eingezogen.
Zur Finanzierung des Krieges wurde erstmalig eine Einkommensteuer erhoben, deren Steuersätze progressiv von 4% bis 25% anwuchsen. Während des Krieges konnten die Kanadierinnen das Frauenwahlrecht durchsetzen, das 1916 auf Provinzebene und 1918 auf Bundesebene eingeführt wurde. 1919 schlossen sich die verschiedenen Gewerkschaften zur Einheitsgewerkschaft zusammen.
In den westlichen Provinzen gründeten populistische Politiker die Progressive Partei mit dem Ziel, die Bedeutung der Landwirtschaft und die Rechte der Provinzen zu stärken. Diese Partei unterstützte den liberalen Premierminister Mackenzie King, der 1926 nach einem Alkoholschmuggel-Skandal zurücktreten musste, aber dennoch wiedergewählt wurde.
Mit dem Statut von Westminster wurde Kanada 1931 ein souveräner Staat an dessen Spitze der König bzw. die Königin von Großbritannien steht und der dadurch Teil des britischen Commonwealth blieb. 1934 entstand die Bank of Canada als eigene Staatsbank, 1935 schloss Kanada einen Handelsvertrag mit den USA ab.
Als engster Handelspartner der Vereinigten Staaten litt Kanada besonders stark unter der Weltwirtschaftskrise. Die Arbeitslosigkeit stieg bis auf 25 %. Die konservative Regierung von Richard Bedford Bennett (1930-1935) versuchte, die Wirtschaftskrise durch hohe Zölle und hohe Staatsausgaben zu bekämpfen. Aufgrund der angespannten Haushaltslage musste das Konjunkturprogramm zurückgefahren werden, und 1935 errang die Liberale Partei unter Mackenzie King erneut die Mehrheit der Wählerstimmen. Seine Regierung initiierte ein Wohnungsbauprogramm und eine Arbeitsmarktverwaltung, die Canadian Broadcasting Corporation (1936) und die Trans-Canada Airlines (1937; als Vorläufer der Air Canada). Erst 1939 konnte die Wirtschaftsleistung von 1929 wieder erreicht werden.
Die Weltwirtschaftskrise veränderte auch das politische System. Einige Mitglieder der Progressiven Partei gründeten die Social Credit Party, die ein freiwirtschaftliches Programm vertrat. Andere Mitglieder fusionierten mit der Labour Party zur sozialistischen Cooperative Commonwealth Federation. Auch die Kommunistische Partei Kanadas genoss zeitweise hohe Aufmerksamkeit. In den 1930er Jahren entstand der kanadische Sozialstaat, der von Politikern aller Parteien weiterentwickelt wurde.
Premierminister Mackenzie King hielt den Ausbruch eines erneuten Weltkrieges bis zum 1. September 1939, dem Tag des deutschen Angriffs auf Polen, für unwahrscheinlich. Die Kriegserklärung gegen das Deutsche Reich folgte am 10. September 1939, die zeitliche Verzögerung sollte Kanadas Unabhängigkeit gegenüber Großbritannien herausstellen. Kanadische Soldaten kämpften 1941 in Hongkong, 1942 bei Dieppe, 1943 in Italien und 1944 in der Normandie bei der Invasion der Juno Beach. 1945 übernahmen kanadische Soldaten die Befreiung der Niederlande.
Je länger der Krieg andauerte, desto weniger Freiwillige meldeten sich für den Kriegseinsatz. Premierminister Mackenzie King versprach den Wählern, dass es keinen Zwang zur Wehrpflicht geben werde. Am 21. Juni 1940 wurde der National Resources Mobilization Act (NRMA) verabschiedet, welcher die Einführung einer allgemeinen Wehrpflicht zur Verteidigung Kanadas ermöglichte. Englischsprachige Kanadier forderten die aktive Beteiligung kanadischer Soldaten an den Kriegsschauplätzen, während die Frankokanadier jeden Einsatz außerhalb Kanadas ablehnten. Am 27. April 1942 fand in Kanada eine Volksabstimmung über die Einführung der Wehrpflicht statt, die von den überwiegend englischsprachigen Wählern befürwortet wurde. Die französischsprachigen Einwohner Québecs leisteten gewaltsamen Widerstand gegen jede Einberufung. Erst 1944 wurden die ersten Wehrpflichtigen eingezogen. Von den 13.000 Wehrpflichtigen erreichten 2.463 die Front, wo 69 Wehrpflichtige starben.
Der Zweite Weltkrieg erhöhte den politischen Einfluss der Bundesregierung, die einen Sozialstaat mit Kindergeld, Krankenversicherung und Rentenversicherung aufbaute. Die durch Rüstungsausgaben stabile Konjunktur wurde durch neue Ölfunde in Alberta (1947) noch verstärkt. Im Jahre 1949 wurde das bislang selbstständige Dominion Neufundland aus finanziellen Gründen zur kanadischen Provinz.
In der Nachkriegszeit wurden die Vereinigten Staaten der wichtigste außenpolitische Partner Kanadas. Kanada war 1945 Gründungsmitglied der Vereinten Nationen und 1949 der NATO. Im Koreakrieg und während der Sueskrise übernahm es die diplomatische Vermittlung zwischen den USA und deren Gegnern. Dafür erhielt Außenminister Lester Pearson 1957 den Nobelpreis.
Die Provinz Québec erlebte in den 1960er Jahren die Stille Revolution, die zu einem Aufschwung des Québecer Selbstbewusstseins führte. Die Regierung des Québecer Premierministers Jean Lesage, dessen Motto Herr im Haus (maître chez nous) war, drängte den dominierenden Einfluss der katholischen Kirche zurück und verstaatliche die Energieversorgung. Das neue Québecer Selbstbewusstsein drückt sich auch in einem Aufschwung der Québecer Kultur aus.
Aus Protest gegen die schlechte soziale Lage der frankophonen Bevölkerung kämpfte der 1963 gegründete Front de Libération du Québec (FLQ, Front für die Befreiung Québecs) gewaltsam für die Rechte der Québecer Bevölkerung. Premierminister Pierre Trudeau (Liberale Partei) bekämpfte die Terroristen mit harten Notstandsgesetzen und ließ die kanadische Armee in Montreal aufmarschieren.
In der Stillen Revolution wurde in einem Teil der Québecer Bevölkerung auch der Gedanke einer Unabhängigkeit Québecs populär. 1968 wurde der Parti Québécois (PQ, Québecer Partei) als politischer Arm der Souveränisten gegründet. Der Parti Québécois stellte unter seinem Vorsitzenden René Lévesque 1976 die Provinzregierung. Die Regierung erklärte im nächsten Jahr Französisch zur alleinigen Amtssprache in Québec (siehe Französisch in Kanada) und organisierte 1980 ein Referendum über die Unabhängigkeit der Provinz, die aber von den Wählern mehrheitlich abgelehnt wurde.
Auch auf der Bundesebene gab es große Veränderungen, die teilweise eine Reaktion auf das neue Québecer Selbstbewusstsein waren. 1965 wurde das Ahornblatt zum Symbol einer neuen Nationalflagge bestimmt (eng. Maple Leaf, frz. Unifolié), die eine ältere Flagge mit dem britischen Union Jack ablöste. 1969, gut hundert Jahre nach der Gründung der Kanadischen Konföderation, wurde Französisch gleichberechtigt mit Englisch offizielle Landessprache. Diese Maßnahmen, gegen große Widerstände anglophoner Kanadier durchgesetzt, sollten die frankophonen Kanadier enger an das Staatswesen binden.
Am 17. April 1982 trat das gemeinsam von Kanada und Großbritannien verabschiedete Verfassungsgesetz Constitution Act 1982 in Kraft. Dieser enthält einen ausführlichen Grundrechtskatalog sowie detaillierte Bestimmungen, wie die Verfassung künftig zu ändern sei, und ergänzt damit den bisherige British North America Act 1867, der neu Constitution Act 1867 heißt und wie bisher den staatsrechtlichen Aufbau des Landes ordnet. Mit der Constitution Act 1982 verzichtete das britische Parlament im Übrigen auf sein Recht, für Kanada Gesetze zu erlassen, womit die letzten Reste der Abhängigkeit von Großbritannien beseitigt wurden. Diese Verfassung machte den Multikulturalismus zum Staatsprinzip. Er soll die Aufnahme der in jüngerer Zeit eingewanderten Kanadier erleichtern.
Bilinguismus und Multikulturalismus verdanken die Kanadier dem liberalen Premierminister Pierre Trudeau (1968-1979). Er bemühte sich darum, Kanada auch auf der internationalen Bühne stärker zur Geltung zu bringen, so dass man heute oft hört: "Trudeau put Canada on the map". Als Gegner des Vietnamkriegs und Verfechter guter Beziehungen zu Kuba verärgerte Trudeau die Vereinigten Staaten. Aber er war auch sehr auf kulturelle Eigenständigkeit gegenüber den USA bedacht und förderte gezielt die Kanadische Kultur.
Die indigenen Gruppen sind die First Nations, Inuit und Métis. 1999 wurde mit Nunavut das erste kanadische Territorium mit mehrheitlich indigener Bevölkerung geschaffen. Im Jahr 2001 meldeten sich 608.850 Angehörige der First Nations/Premières Nations bei der Volkszählung. Die meisten First Nations/Premières Nations gibt es in Britisch-Kolumbien und Ontario. Trotz des demographischen Wachstums und einiger politischer Zugeständnisse ist die Unzufriedenheit unter den First Nations/Premières Nations immer noch hoch. Es gibt zahlreiche Konflikte um Land, Rodungsgebiete und den Abbau von Rohstoffen mit den Regierungsbehörden.
Siehe auch: First Nations, Inuit, Métis
Nach den Parlamentswahlen von 1984 wurde der Anglo-Québecer und Konservative Brian Mulroney neuer Premierminister. Seine Politik der Annäherung an die USA gipfelte im Nordamerikanischen Freihandelsabkommen von 1992. Der Meech Lake Accord/Accord du Lac Meech von 1987 sollte die Québecer durch die Festschreibung einer eigenen Québecer Gesellschaft (distinct society/société distincte) innerhalb des Bundesstaates enger an das Staatswesen binden und souveränistische Tendenzen in Québec schwächen. Das Abkommen scheiterte allerdings am Widerstand der Parlamente in Manitoba und Neufundland. Als 1991 eine Mehrwertsteuer in Höhe von sieben Prozent eingeführt wurde, sank Mulroneys Popularität und führte 1993 zu seinem Rücktritt.
Sein Nachfolger Jean Chrétien von der links gerichteten Liberalen Partei gewann die Parlamentswahlen von 1993 mit dem Versprechen, die Mehrwertsteuer abzuschaffen. Dieses Wahlversprechen konnte jedoch aufgrund der schlechten Wirtschaftslage nicht umgesetzt werden. Bis 1995 konnte Kanada jedoch als einziges G7-Land einen ausgeglichenen Staatshaushalt vorweisen. 1995 führte der Parti Québécois, durch die Ablehnung des Meech Lake Accord/Accord du Lac Meech beflügelt, ein zweites Referendum über die Unabhängigkeit von Québec durch. Diesmal votierte nur eine knappe Mehrheit der Québecer gegen die Loslösung von Kanada.
2003 übernahm der Liberale Paul Martin die kanadische Regierung. Seine Liberale Partei wurde durch einen Sponsoren-Skandal aus der Regierungszeit Chrétiens schwer belastet und verlor bei den Parlamentswahlen von 2004 die Mehrheit im Parlament. In der Folge regierte Martin mit einer Minderheitsregierung, die sporadisch von der Neuen Demokratischen Partei unterstützt wurde. Außenpolitisch ging Martin auf Distanz zu den USA, indem er keine Truppen in den Irak-Krieg schickte und die Beteiligung am Militärischen Abwehrschirm der USA verweigerte. 2005 wurde Michaëlle Jean als Nachfolgerin von Adrienne Clarkson neue kanadische Generalgouverneurin.
Bei vorgezogenen Neuwahlen nach einem Misstrauensvotum siegten am 22. Januar 2006 die Konservativen unter dem bekennenden Bush-Freund Stephen Harper, der versprach, schärfer gegen Korruption und Kriminalität vorzugehen.
Bücher
- ...
DamenConvLex-1834: Italien (Geschichte) · Niederlande (Geschichte) · Griechenland (v Geschichte) · Frankreich (Geschichte) · Geschichte · Oestreich (Geschichte) · Spanien (Geschichte) · Türkei (Geschichte) · Russland (Geschichte) · Preussen (Geschichte) · Rom (Geschichte von den ältesten bis auf die neuesten Zeiten) · Amerika (Geschichte) · Arabien (Geschichte) · Alemannen (Geschichte) · Aegypten (Geschichte) · Afrika (Geschichte) · Asien (Geschichte) · England (Geschichte) · Europa (Geschichte) · Deutschland (Geschichte) · Australien (Geschichte) · China (Geschichte)
Eisler-1904: Philosophie der Geschichte · Geschichte der Philosophie · Geschichte
Herder-1854: Geschichte · Biblische Geschichte
Kirchner-Michaelis-1907: Geschichte der Philosophie · Geschichte
Meyers-1905: Geschichte · Biblische Geschichte
Pierer-1857: Geschichte · Politische Geschichte · Alte Geographie, A. Geschichte etc. · Biblische Geschichte