Gesellschaftskritik
Gesellschaftskritik zielt auf die Analyse (problematischer) gesellschaftlicher Strukturen und wenn möglich auch auf praktische Verbesserung durch Einzelmaßnahmen, grundlegende Reformen oder gar durch revolutionäre Umwälzungen.
Gesellschaftskritik ist so verschieden, wie die Ausgangspunkte und die Kriterien dieser Kritik, d.h. sie ist oft verbunden mit weltanschaulichen oder gar ideologischen Standpunkten. Das Stereotyp, nur der Marxismus oder der Sozialismus betreibe effektive Gesellschaftskritik, mag zwar in einer bestimmten historischen Situation (mit Einschränkungen) gegenüber einer Immunisierung vor solcher Kritik vonseiten des bürgerlich-liberalen Establishments eine gewisse Berechtigung gehabt haben, ist jedoch auf die gegenwärtige Situation postmoderner Komplexität nur schwer anwendbar.
Die heutige Frage lautet nicht mehr, ob es überhaupt Gesellschaftskritik geben solle, sondern es stellt sich gerade in der politischen Demokratie die Aufgabe der Verständigung über die prozeduralen und inhaltlichen Grundlagen einer fast allseits anerkannten Notwendigkeit von Gesellschaftskritik.
Aufklärung und Revolution
Die Ursprünge der modernen Gesellschaftskritik reichen wenigstens bis in die Zeit der Aufklärung zurück, die im Kern Religionskritik war. Radikale Aufklärer wie der atheistische Abbé Jean Meslier gaben sich jedoch nicht mit Religionskritik allein zufrieden. Im Zentrum seiner Gesellschaftskritik stand das Elend der Bauern.
Revolutionäre haben versucht, ihre Gesellschaftskritik in mehr (Marx) oder weniger (Bakunin) systematischer Form darzustellen. Einer der letzten größeren Versuche eine umfassende radikale Gesellschaftskritik zu formulieren war Guy Debords Die Gesellschaft des Spektakels. Allerdings weist auch dieser Versuch (etwa aus feministischer Sicht) Defizite auf.
Akademische Gesellschaftskritik
Im Streit zwischen Positivismus (z.B. Karl Popper) und der Kritischen Theorie (Frankfurter Schule) spiegelt sich die grundsätzliche Frage, ob Wissenschaft nur die Aufgabe hat, empirisch das wahrzunehmen, was ist, und es zu optimieren, oder ob sie auch grundsätzliche Kritik an der Gesellschaft üben, und Werturteile fällen soll, und auf welchen Grundlagen dies denn geschehen solle.
Gesellschaftskritische Werke sind klassischer Weise sozialphilosophische, sozioökonomische, soziologische oder sozialpsychologische Werke, doch zählen auch Arbeiten anderer sozialwissenschaftlicher Richtungen wie etwa der Sozialmedizin dazu. Daneben sind auch Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler mit kritischen Werken hervor getreten, wie z.B. die Biologin Rachel Carson, deren Buch Silent Spring in den USA zum Katalysator der Umweltschutzbewegung wurde.
Gesellschaftskritik in Literatur und Musik
Zur Gesellschaftskritik in der Literatur zählen revolutionäre Romane wie Jack Londons The Iron Heel (1908) und dystopische Romane wie Aldous Huxleys Schöne Neue Welt (engl. Titel Brave New World) von 1932, George Orwells 1984 (Nineteen Eighty-Four) von 1949 oder Ray Bradburys Fahrenheit 451 von 1953, Kinderbücher wie Michael Endes Momo, sowie gesellschaftskritische Filme wie Brazil von 1985.
Eine weitere Tradition der Gesellschaftskritik besteht aus Sozialreportagen, die auf teilnehmender Beobachtung des Autors beruhen. Sie reicht wenigstens von Orwells Erledigt in Paris und London (1933) bis hin zu Günter Wallraffs Reportagen und zu verdeckten Erkundungen linker Autorinnen im rechtsextremen Milieu (Anne Tristan).
Auch in musikalischer Form kann Gesellschaftskritik ausgedrückt werden; dies geschieht traditionell in Punk und Hip-Hop-Musik. Ein Beispiel für geistreiche Kritik ist etwa das Lied "Gewalt oder Sex" des deutschen Rappers Torch.
Klassische Werke der Autoren
Zu den klassischen gesellschaftskritischen Werken gehören unter anderem:
- Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (circa 1560)
- Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung (1784)
- Mary Wollstonecraft, A Vindication of the Rights of Woman, (1792)
- Bettina von Arnim: Königsbücher
- Karl Marx, Kommunistisches Manifest (1848)
- Karl Marx: Das Kapital (1867)
- Michail Alexandrowitsch Bakunin, Staatlichkeit und Anarchie (1873)
- Émile Durkheim: Über soziale Arbeitsteilung (1893)
- Georg Simmel: Philosophie des Geldes (1900)
- Max Weber: Die protestantische Ethik und der 'Geist' des Kapitalismus (1904/1905)
- Walter Benjamin: Zur Kritik der Gewalt, in: Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik (1921)
- Georg Lukács: Geschichte und Klassenbewußtsein (1923)
- Virginia Woolf: Ein eigenes Zimmer (1929)
- Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur (1930)
- Norbert Elias: Über den Prozeß der Zivilisation (1939)
- Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung (1947)
- Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht (1949)
- Aimé Césaire, Discours sur le colonialisme (1950), dt. Diskurs über den Kolonialismus, Berlin 1968
- Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung (1938 bis 1947)
- Erich Fromm: Die Kunst des Liebens (1956)
- Frantz Fanon: Les damnés de la terre, dt. Die Verdammten dieser Erde (1961)
- Rachel Carson: Silent Spring (1962)
- Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch (1964, dt. 1967)
- Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels (1967)
- Harry Braverman: Die Arbeit im modernen Produktionsprozess (1974, dt. 1977)
- Michel Foucault: Überwachen und Strafen (1975, dt. 1977)
- Cornelius Castoriadis: Gesellschaft als imaginäre Institution (1975, dt. 1984)
- Michel Foucault: Was ist Kritik? (Vortrag, 1978)
- Erich Fromm: Haben oder Sein (1976)
sowie Arbeiten von Pierre Bourdieu
Wichtige zeitgenössische Werke
- Judith Butler, Gender Trouble (1989), dt. Das Unbehagen der Geschlechter
- Raewyn Connell, Masculinities (1995), dt. Der gemachte Mann: Konstruktion und Krise von Männlichkeiten
- Konrad Lorenz: Der Abbau des Menschlichen (1983)
- Richard Sennett: Der flexible Mensch, 1998
- Noam Chomsky: Manufacturing Consent (1988), Profit over people (2000)
- Antonio Negri und Michael Hardt: Empire - die neue Weltordnung (2003)
- Robert Kurz: Schwarzbuch Kapitalismus (1999)
- Gilbert Rist, Le développement, Histoire d'une croyance occidentale, Presses de Sciences Po, Paris, 1996 - engl. The History of Development: From Western Origins to Global Faith, Erweiterte Auflage, London: Zed Books, 2003
Siehe auch
- Afrikanisches Kino, Afroamerikanische Literatur
- Altersdiskriminierung, Kinderrechte
- Antisemitismus
- Arbeit (Sozialwissenschaften)#Kritik der Arbeit, Arbeiter, Arbeiterklasse, Arbeitsmigration, Arbeiterbewegung, Armut, Ausbeutung
- Behindertenfeindlichkeit, Biomacht
- Eurozentrismus
- Feminismus, Frauenbewegung, Frauenforschung, Sexismus
- Ideologiekritik, Religionskritik, Kapitalismuskritik, Kulturkritik
- Imperialismus, Militarismus, Nationalismus
- Indigene Völker
- Klassenkampf, Rätekommunismus
- Kolonialismus, Antikolonialismus, Neokolonialismus, Postkolonialismus
- Lesben- und Schwulenbewegung
- Anarchismus, Surrealismus, Situationistische Internationale
- Neue soziale Bewegungen
- Pamphlet, Satire, Utopische Literatur
- Politisches Kino, Politisches Theater
- Poststrukturalismus, Kritische Theorie
- Sklaverei, Rassismus, Antirassismus, Weißsein
- Technikkritik
Literatur
Primärliteratur
- Walter Benjamin: Zur Kritik der Gewalt, in: ders., Sprache und Geschichte. Philosophische Essays, Stuttgart 1992, S. 104-131. ISBN 3-15-008775-9
- Ehrhard Bahr (Hrsg.): Was ist Aufklärung? Thesen und Definitionen. Kant, Erhard, Hamann, Herder, Lessing, Mendelssohn, Riem, Schiller, Wieland. ISBN 3-15-009714-2
- Jack London: The Iron Heel, 1908 - zahlreiche Ausgaben, dt. Die eiserne Ferse, Ullstein Taschenbuch, ISBN 3548204546
- Anne Tristan: Von innen : als Mitglied d. Front National in d. Hochburg Le Pens, Köln : Kiepenheuer u. Witsch, 1988, ISBN 3-462-01909-0
Nachschlagewerke
- Axel Honneth (Hg.): Schlüsseltexte der Kritischen Theorie, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006, ISBN 3531141082
- Patricia D.Netzley, Social Protest Literature. An Encylopedia of Works, Characters, Authors and Themes: Santa Barbara, Denver, Oxford: ABC-Clio, 1999
Sonstige Sekundärliteratur
- Stephan Moebius/Gerhard Schäfer (Hg.): Soziologie als Gesellschaftskritik. Wider den Verlust einer aktuellen Tradition, Hamburg: VSA-Verlag, 2006
- Lothar Peter, "Neue soziale Bewegungen, soziale Frage und Krise der Arbeit: Sozialkritik in der französischen Soziologie heute", Teil I in: Sozial.Geschichte Jhrg.21 (2006), Heft 1, S. 9-32 - Teil II in: Sozial.Geschichte Jhrg.21 (2006), Heft 2, S. 34-51
- Joseph Heath, Andrew Potter: Konsumrebellen. Der Mythos der Gegenkultur., Rogner & Bernhard, 2005 (Kritik an Gesellschafts- und Konsumkritik)
Weblinks
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englisch
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