Ein Gletscher ist eine aus Schnee hervorgegangene Eismasse, die sich durch ihr Eigengewicht (und dem daraus resultierenden Druck) bewegt.
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Das Wort Gletscher wurde zunächst von den Alemannen aus dem Westalpen-romanischen Ausdruck *glatscharju „Gletscher, [eigentlich:] Eisbehälter“ entlehnt. Dies wiederum ist eine Ableitung zum Grundwort glatsch (aus lat. glacies „Eis“).
In den Ostalpen ist vom Oberinntal bis zum Zillertal (Zamser Grund) die Bezeichnung Ferner (vgl. Firn) üblich; damit wurde also zunächst der Schnee von fern, d. h. aus dem letzten Jahr bezeichnet. Östlich des Zillertals (Venedigergruppe, Hohe Tauern) verwendet man die Bezeichnung Kees, die wahrscheinlich aus einer vorindogermanischen Sprache stammt.
Gletscher und ihre Wirkungen spielen in den Wissenschaften bereits seit geraumer Zeit eine große Rolle. Die Wissenschaft, die sich direkt mit Gletschern, ihrem Wasserhaushalt, Fließverhalten usw. beschäftigt, ist die Glaziologie. Mit den Ablagerungen (Sedimenten) und Oberflächenformen, die das Eis hinterlässt, beschäftigt sich die Geologie bzw. die Glazialmorphologie. Gletschereis ist weiterhin ein sehr wertvolles geowissenschaftliches Archiv, da mit der Entstehung des Eises die herrschenden Klima- und Umweltbedingungen gespeichert werden. Durch Eisbohrungen kann man dieses Archiv gewinnen und auswerten.
Gletscher entstehen in Gebieten, in denen im Jahresmittel mehr Schnee fällt, als abtauen oder verdunsten kann. Auf diese Art und Weise kommt es zur Akkumulation (Ansammlung) von Schnee, der deshalb eine Metamorphose (Verwandlung) durchläuft.
Frisch gefallener Neuschnee bildet eine Schicht aus kaum verdichteten Schneekristallen und mit Luft gefüllten Hohlräumen. Fällt erneut Schnee, so legt er sich über diese bereits vorhandene Schicht und drückt die mit Luft gefüllten Hohlräume so zusammen, dass sie kleiner werden. Schmelzprozesse unterstützen diesen Vorgang. So entsteht im Laufe eines Jahres aus dem Schnee Firneis. Firn bewegt sich, wenn überhaupt, nur in der Falllinie, hat keine Spalten und ist am Untergrund festgefroren. Die weitere Verdichtung des Firneises lässt schließlich Gletschereis entstehen. Ab einer Mächtigkeit von ca. 30 m fängt das Eis an, sich unter dem Einfluss der Schwerkraft und seiner eigenen Masse zu bewegen (zu fließen). Ein Gletscher ist entstanden. Aufgrund topographischer Gegebenheiten reißt das Eis bei der Bewegung auf und bildet Spalten. Der Bergschrund befindet sich am oberen Rand des Gletschers und markiert den Übergang vom bewegten Gletscher zur Karrückwand oder dem Firnfeld.
Im Laufe der Metamorphose sinkt der Luftgehalt kontinuierlich. Während er bei Pulverschnee noch 90 % beträgt, besitzt Gletschereis im Durchschnitt nur noch 2 % Luft. Der Luftgehalt von Firn bzw. Firneis, den Zwischenstufen bei der Entstehung von Gletschereis, beträgt 60 % bzw. 30 %. Es kommt im Verlauf der Gletschereisbildung zu einer starken Verdichtung des Materials.
Die Dauer der Metamorphose des Schnees hängt sehr stark von den herrschenden Klimabedingungen ab. Bei vergleichsweise warmen Gletschern, wie in den Alpen, hat sich der Schnee in wenigen Jahren in Gletschereis umgewandelt. Bei kalten und trockenen Gletschern, zum Beispiel in der Antarktis, unterstützen keine Schmelzprozesse die Eisbildung. So dauert dort die Umwandlung von Schnee in Eis mehrere Jahrzehnte.
Reines Gletschereis ist in dünnen Schichten (wenige cm) nahezu durchsichtig, bei größeren Dicken aber noch durchscheinend. Wenn die Kristalle eines Gletschers ihre Lage zueinander nicht verändern, bewahrt Gletschereis über lange Zeiträume auch seine ursprüngliche Schichtung. Weiterhin haben die Eiskristalle eine körnige Struktur; bei Seen sind sie zum Beispiel länglich. Die Dichte beträgt bis zu 0,918 g/cm³, kann aber bei größeren Lufteinschlüssen auch darunter liegen. Die Dichte von Pulverschnee beträgt zum Vergleich nur 0,06 g/cm³.
Wird das Eis durch den Eigendruck stark komprimiert, verkleinern sich die Lufteinschlüsse im Eis. Dadurch werden alle Farben außer Blau absorbiert und nur noch dieses reflektiert: das Eis schimmert bläulich, bei einigen Gletschern auch grünlich.
Jeder Gletscher besitzt ein Nähr- und ein Zehrgebiet. Im Nährgebiet bleibt zumindest ein Teil des Schnees auch während des Sommers erhalten (Akkumulationsgebiet), so dass er sich durch Druck und Wärmeschwankungen im Lauf mehrerer Jahre zu Gletschereis umformt, welches in tiefere Gebiete fließt. Unterhalb einer bestimmten Linie, der Gleichgewichtslinie, erreicht das Gletschereis Regionen, in denen das Abschmelzen des Eises gegenüber dem Nachschub durch Schnee überwiegt (Ablationsgebiet). Diese Region heißt Zehrgebiet. Bei Talgletschern fällt sie oft mit einer eindrucksvollen Gletscherzunge zusammen. An deren unterem Ende befindet sich das Gletschertor, aus dem ein steter Schmelzwasserstrom, die sogenannte Gletschermilch, herausplätschert. Die Größe des Nähr- und Zehrgebiets wechselt jedes Jahr je nach Schneemenge im Winter und Witterungsverlauf im Sommer. Dadurch wird über längere Zeiträume der Gesamthaushalt des Gletschers bestimmt, sprich ob er sich vergrößert oder verkleinert. Bei einem ausgeglichenen Massenhaushalt entspricht das Verhältnis von Nährgebiet zu Zehrgebiet etwa 2:1.
Andere Verhältnisse herrschen bei Gletschern, vor allem in den Polargebieten, die ins Meer oder in einen großen See münden, sowie bei Hängegletschern. Wenn an der Stirnseite der Gletscherzunge Eisstücke abbrechen, nennt man dies das Kalben des Gletschers. Die abgebrochenen Stücke werden zu Eisbergen. Tafeleisberge dagegen entstehen nur in der Antarktis, wenn aufgeschwommene Teile des Inlandeises (Schelfeis) abbrechen und als große Eistafeln in das Meer treiben. In beiden Fällen haben diese Gletscher ein vergleichsweise kleines Zehrgebiet, welches deutlich unter dem oben angegebenen Quotienten liegt.
Je nach Entstehungsweise und Entwicklungsstadium unterscheidet man heute im Allgemeinen folgende Arten von Gletschern:
Ein Blockgletscher ist trotz seines Namens kein Gletscher, da er nicht aus Schnee hervorgeht, sondern aus mit Eis vermischtem Schutt und Felsblöcken. Er kriecht sehr langsam talwärts, was seiner völlig steinigen Oberfläche eine meist wellenförmige Struktur verleiht, und ist eine Erscheinung des Permafrostes (Dauerfrostboden).
Obwohl Gletscher nur einen geringen Teil der Erdoberfläche ausmachen, ist weitgehend unumstritten, dass sie das lokale wie weltweite Klima stark beeinflussen. Dabei sind zwei physikalische Eigenschaften von Bedeutung:
Gletscher sind bedeutende Landschaftsformer, die in ihrer Wirksamkeit den Wind und das fließende Wasser deutlich übertreffen. Insbesondere während des Eiszeitalters, als große Teile der Nordhemisphäre vergletschert waren, wurden sehr große Gebiete durch sie umgeformt. Die Wirkung der Gletscher beruht vor allem auf dem von ihnen mitgeführten Moränenmaterial.
Auf Grund ihrer imposanten Erscheinung haben Gletscher heute eine enorme Bedeutung für den Tourismus in Gebirgen und in den hohen Breiten. Sie sind immer ein Anziehungspunkt, wenn sie verkehrstechnisch erschlossen sind. Dann eignen sie sich auch für den Wintersport als schneesicheres Gletscherskigebiet.
Die Vorstellung, dass Gletscher die Landschaften dieser Erde entscheidend mitgeformt haben, ist noch nicht alt. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein hielten die meisten Gelehrten daran fest, dass die Sintflut die Gestalt der Erde geprägt habe.
Die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft schrieb jedoch 1817 einen Preis für ein Thesenpapier zu dem Thema aus „Ist es wahr, dass unsere höheren Alpen seit einer Reihe von Jahren verwildern?“ und grenzte weiters ein, gesucht sei „eine unpartheyische Zusammenstellung mehrjähriger Beobachtungen über das teilweise Vorrücken und Zurücktreten der Glescher in den Quertälern, über das Ansetzen und Verschwinden derselben auf den Höhen; Aufsuchung und Bestimmung der hier und da durch die vorgeschobenen Felstrümmer kenntlichen ehemaligen tiefern Grenzen verschiedener Gletscher“..
Ausgezeichnet wurde 1822 eine Arbeit von Ignaz Venetz, der wegen der Verteilung von Moränen und Findlingen schloss, dass einst weite Teile Europas vergletschert waren. Er fand jedoch nur Gehör bei Jean de Charpentier, der wiederum 1834 Venetz‘ These in Luzern vortrug und es schaffte, Louis Agassiz davon zu überzeugen. Dem rednerisch begabten Agassiz, der in den folgenden Jahren intensive Studien zur Gletscherkunde betrieb, gelang es schließlich, die einstige Vergletscherung weiter Gebiete als allgemeine Lehrmeinung durchzusetzen.
In Norddeutschland wurden erste Belege für eine Vergletscherung aus Skandinavien bereits von 1820 bis 1840 gesammelt. Sie konnten die alte Lehrmeinung jedoch nicht zum Einsturz bringen. Erst ab 1875 setzte sich, bedingt durch die Erkenntnisse des schwedischen Geologen Otto Torell, der in Rüdersdorf bei Berlin eindeutige Gletscherschliffe nachwies, die Vereisungstheorie auch in Norddeutschland durch.
Die von Gletschern ausgehenden Gefahren werden nach ihren Ursachen in folgende Kategorien eingeteilt:
Zur Zeit sind 15 Millionen km² der festen Erdoberfläche von Gletschereis bedeckt. Das entspricht etwa 10 % aller Landflächen. Während der letzten Eiszeit waren es immerhin 32 % der Landoberfläche.
In Deutschland gibt es fünf Gletscher, alle im Freistaat Bayern:
Die Gesamtfläche dieser fünf Gletscher hat von 1850 bis 2005 von 329 auf 98 Hektar abgenommen, da die Temperatur in den Alpen in den letzten 100 Jahren um bis zu zwei Grad gestiegen ist. Sollte es bei dieser Entwicklung bleiben, werden die beiden Schneeferner-Gletscher in 20 bis 30 Jahren verschwunden sein und innerhalb von weiteren zehn Jahren auch die übrigen deutschen Gletscher.
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