Unter Gnade versteht man eine wohlwollende ungeschuldete Zuwendung. In der christlichen Theologie ist die Gnade (lat. gratia, griech. charis) Gottes ein zentraler Begriff.
Das Gegenteil von Gnade ist Ungnade (als persönliche und willkürliche Strafe) oder Gnadenlosigkeit (als ungerechte Behandlung durch eine Allgemeinheit oder durch „blinde“ Bilder, Schriften, Regeln), dies bedeutet im christlich-religiösen Sinne auch Ferne von Gott, unheilbare Sündhaftigkeit und alle Ungläubigen.
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Das deutsche Wort Gnade leitet sich vom althochdeutschen ginada und vom mittelhochdeutschen genade her.[1] Sprachgeschichtlich verwandt ist es mit dem germanischen Wortstamm neth, dem indogermanischen net und dem altindischen nath, was soviel heißt wie um Hilfe bitten.[2]
Das Römische Reich war in der Zeit der Bürgerkriege (bis 30 v. Chr.) stark gewachsen. Der militärischen Stärke der römischen Kultur stand eine Schwäche gegenüber, das Aufgebaute zu erhalten. Der Ausweg aus der Krise war eine starke Zentralisierung der Macht um die Person eines Kaisers (zwischen 44 v. Chr. und 41 n. Chr.). Um ihre Autorität zu festigen, wurde um die römischen Kaiser ein religiöser Personenkult betrieben. Erlasse des allmächtigen Kaisers, die im ganzen Reich durchgesetzt werden mussten, erschienen oft unverständlich und unmenschlich. Dazu gehörten die üblichen Kollektivstrafen seit den Massenkreuzigungen nach dem Spartacusaufstand. In der Blütezeit des Römischen Rechts (1. bis 3. Jh. n. Chr.), und als Gegenbewegung zu ihm, gewann daher ein Autoritätsverständnis an Einfluss, nach dem die Untergebenen nicht nach Prinzipien, sondern individuell und verständnisvoll behandelt werden sollten. Daher stammt der ursprüngliche Antagonismus zwischen Gnade und Recht.
Im dünn besiedelten Europa des Frühmittelalters konnten die meisten Herrschaftsverhältnisse auf persönlichem Kontakt beruhen, daher war die Vorstellung der "gnädigen Autorität" (mit Gott als höchstem Vorbild) der römischen Vereinheitlichung auf starke und stolze Machthaber überlegen.
Zur Vorstellung der Gnade gehört, dass sie von Autoritäten ausgeht, persönlich und situationsbezogen ist, dass sie nicht gefordert werden kann wie ein vereinbarter Lohn und auch sonst in keiner Weise machbar ist (wie etwa der eigene Tod, der als Gnade empfangen wird). Das strukturelle Problem einer auf Gnade beruhenden Hierarchie besteht darin, dass sie milde und gerechte Autoritäten voraussetzt, was nicht in jedem Fall gegeben ist.
Emanzipationsbestrebungen seit dem Spätmittelalter wenden sich gegen die Vorstellung der Gnade, von den Bauernkriegen bis zur Französischen Revolution. Das garantierte Recht wird in der Folge attraktiver als die Abhängigkeit von obrigkeitlicher Gnade. Die Französische Revolution stellt hier einen grundsätzlichen Wendepunkt dar, den man im Wandel des Künstlerbildes jener Zeit erkennen kann: Während Mozart noch als begnadeter Künstler gilt, der seine Begabung empfangen hat, gesteht man Beethoven ähnlich wie dem Feldherrn Napoléon zu, die bestehenden Traditionen eigenmächtig zu zerschlagen.
Im christlichen-theologischen Sinn wird mit Gnade der freie und unverdienbare Hulderweis Gottes gegenüber den Menschen bezeichnet. Alle Menschen, gleich welcher Religion, haben nach christlicher Auffassung in Adam gesündigt (Römer 3, 9-20). Der Mensch hat sich im Anfang dazu entschieden zu sündigen und ist somit schuldig geworden. Sünde bedeutet grundsätzlich gegen Gottes Gebot zu verstossen, also in erster Linie Gott und/oder seinen Nächsten nicht zu lieben, was biblisch gesehen dasselbe ist (Mt 22,37-40). Er selbst konnte die Folgen seiner Vergehen nicht wieder gut machen und verdient deshalb die Strafe des Todes.
Nicht der Mensch kann sich die Erlösung von seiner Schuld erarbeiten, sondern Gott schenkt ihm in göttlicher Gnade Vergebung, geoffenbart durch Jesu stellvertretendes Kreuzesopfer für die Menschen und seine Auferstehung zum ewigen Leben.
Gnade ist keine Wesenheit, die blind auf die Menschen einwirkt, sondern sie ist grundsätzlich an die Qualität der persönlichen Beziehung mit dem christlichen Gott gebunden. Ihr Wirken hängt ab von der Tiefe und Intensität dieser Beziehung, die in der Taufe begründet wird. Sie bedingt diese Beziehung und wird zugleich von ihr bedingt. Es besteht ein Austausch, und die Gnade selbst ist dieser Austausch. Sie ist die Ursache des Erblühens und Reifens einer gott-menschlichen Beziehung. Der Mensch kann sich zu Lebzeiten dank kirchlicher Vermittlung der Gnade Christi sicher sein, dass er göttliche Gnade erfährt, immer wenn er seine Sünden bereut, bekennt und sich dem Leben in Liebe wieder zuwendet.
Die Gnade ist im Neuen Testament durch Jesus Christus geworden:
Die Gnade steht im Gegensatz zum eigenen Rühmen:
Die Gnade Gottes ermöglicht ein christliches Leben:
Die Gnadenlehre des Augustinus von Hippo basiert auf der Vorstellung, dass es jedem Menschen freistehe, dem Willen Gottes zu gehorchen oder zu sündigen. Ohne die Gnade Gottes kann der Mensch nicht wirksam das Gute tun. Jedem Menschen aber steht es frei, sich bewusst gegen die Gnade zu stellen und sündig zu handeln (Kompendium 425, KKK 2002).
Zitat: „Du bist ein Kind der Gnade. Wenn Gott dir die Gnade deshalb gab, weil er sie umsonst gab, so liebe ihn auch umsonst. Liebe Gott nicht um Lohn, er selbst sei dein Lohn!“
Gnade ist Ausdruck der Liebe Gottes. Gott-Mensch-Sohn Jesus Christus erlöst die christusgläubigen Menschen, mit Hilfe der Gnade. Neben dem rechten Christusglauben soll der Gläubige noch die Gnadenmittel, das sind die Sakramente annehmen.
Der Wille der Menschen führt nicht allein zu einem guten christlich-ethischen gottgefälligen Gläubigen, es bedarf noch des Geschenks der Gnade, die oberstes christlich-ethisches Prinzip ist. Die willkürliche, selektierende Gnade, als Liebe Gottes, steht über Ethik und Gesetz, Rechten guten Werken und anderen Religionen. Diesen Teil der Gnade (gratia) nennt man „gratia praeveniens“, weil sie die ausgewählten Gläubigen ohne Beeinflussbarkeit durch Glauben, Denken oder Handeln gewährt wird.
Gnade soll auch in rechter Weise angenommen werden. Geschieht dies, so befähigt sie den Gläubigen zu guten Werken und wirkt solche mit ihm und durch ihn: das nennt man die „gratia cooperans“, weil sie mit dem Gläubigen zusammen wirkt.
Wichtig in der katholischen Theologie ist die Unterscheidung von ungeschaffener Gnade (d.i. Gott selbst in seiner Liebe) und geschaffener Gnade (d.i. der Mensch in der Weise, wie Gottes Zuwendung an ihm wirksam wird). Die heiligmachende Gnade erneuert den Menschen in grundlegender Weise (erstmals und grundlegend durch die Taufe), die helfende Gnade erleuchtet den Verstand und stärkt den Willen, Gott und den Nächsten zu lieben. Alles Gute und aller Glaube kommt also zuerst von Gott, der den Gläubigen zum richtigen Christusglauben erst befähigt.
Die Gnade wird angeboten und nicht aufgezwungen. Sie ist das Bewegungsfeld der frei- persönlichen und geheimen Beziehung einer Menschenseele mit ihrem Schöpfer. Siehe dazu auch: Zweites Vatikanisches Konzil
Der Mensch kann nach reformatorischem Verständnis von sich aus nicht vor Gott bestehen, er ist von sich aus immer gottlos und das heißt: Sünder. Gott allein kann den Menschen annehmen und ins Recht setzen. Dieser Vorgang der Rechtfertigung ist eine Tat Gottes allein aus Gnade (sola gratia). Kein Werk des Menschen kann die Rechtfertigung herbeiführen. Der Gnadenakt der Rechtfertigung gründet in der Erwählung des Menschen durch Gott in Jesus Christus. Bei der Rechtfertigung allein aus Gnade wird dem Gläubigen die Gerechtigkeit Jesu zugerechnet. Als von Gott allein aus Gnade gerechtfertigte Person kann sie vor Gott bestehen. Das reformatorische Gnadenverständnis ist von Martin Luther in aller Konsequenz in seiner Schrift „Vom unfreien Willen“ dargestellt.
Der sündige Mensch muss dabei Gott im Gebet um Vergebung bitten. Hier liegt der Unterschied zum katholischen Glauben: Der Katholik wendet sich in der Beichte an einen Priester, dieser vergibt dem Sünder in seiner Funktion als Vertreter Jesu Christi in Gottes Namen die Sünden, denn auch nach katholischem Verständnis kann allein Gott einem Menschen seine Sünden vergeben.
Im reformatorischen Glauben wendet sich der Gläubige im Gebet direkt an Jesus Christus, damit dieser ihm seine Sünden vergibt. Es ist also in beiden Fällen Jesus Christus der handelt, beim Katholiken als Christus durch das Gebet eines Priesters, beim Evangelischen durch das direkte Gebet an Jesus Christus.
Die Gnade Gottes bewirkt nach baptistischer Sicht nicht zwangsläufig die Erlösung des Menschen. Sie ist ein Angebot an alle Menschen, die das Evangelium von Jesus Christus hören, muss aber durch den Menschen im Glauben angenommen werden. Das äußere Zeichen, dass Gottes Gnade im Glauben angenommen wurde, ist die Taufe. Eine Ausnahme bilden dabei aber die unmündigen Kinder. Ihnen gehört nach Aussagen Jesu das Reich Gottes. Sie befinden sich im Zustand der Gnade - auch ohne persönlichen Glauben und Taufe.
In der orthodoxen Theologie gilt die Gnade grundsätzlich als ungeschaffene Energie (Tätigkeit) Gottes, die Idee von Gnade als einer geschaffenen Substanz wird hier abgelehnt. Die Heiligung steht hier im Vordergrund, die Rechfertigung wird kaum thematisiert.
Die orthodoxe Kirche kennt die gleichen 7 Sakramente wie die katholische Kirche. Sie kennt ebenso die gleichen Ämter (Diakon, Priester und Bischof).
Die Vergebung der Sünden ist weitgehend mit dem katholischen Verständnis übereinstimmend. Eine wichtige Unterscheidung liegt in den Ämtern. In der katholischen Kirche dürfen nur Priester die Beichte abnehmen, in der orthodoxen Kirche dürfen alle Geistlichen die Beichte, im Sinne des Sündenbekenntnisses, abnehmen, die Absolution erfolgt durch einen Priester oder Bischof.
Die (häufige) Redewendung bezeichnet eine Unschuld derer, die im Nationalsozialismus noch nicht da oder für Verstrickungen zu jung waren.
Neuerdings bedeutet im Zusammenhang mit verflachendem Mediencontent eine "Gnade der frühen Geburt", daß früher mehr kritischer Journalismus stattfand (so Jean Pütz auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk).