Gothic (Kultur)

Die Gothic-Kultur ist eine vielseitige Subkultur, die ab Anfang der 1980er Jahre stufenweise aus dem Punk- und New-Wave-Umfeld hervorging und sich aus mehreren Splitterkulturen zusammensetzt. Sie existierte in den 1980er und 1990er Jahren im Rahmen der Dark-Wave-Bewegung und bildete bis zur Jahrtausendwende den Knotenpunkt der so genannten Schwarzen Szene.

Das Basiselement, das die Entwicklung der Gothic-Bewegung ermöglichte, war das Zusammenwirken von Musik (Gothic Rock), Faszination an abseitigen Themen wie Tod und Vergänglichkeit (hierraus erklärt sich das Interesse an den Gothic Novels und an der Schwarzen Romantik), die im Zuge der Neuen Deutschen Todeskunst ihren Höhepunkt fand, sowie einer daraus resultierenden Selbstinszenierung.

Die Anhänger der Gothic-Kultur werden länderübergreifend als Goths bezeichnet, obgleich diese Bezeichnung innerhalb der Szene eher selten Anwendung findet bzw. bei vielen Szene-Anhängern gar auf Ablehnung stößt und häufig hinterfragt wird. Gründe hierfür finden sich insbesondere in der Wahrung der eigenen Individualität.

Goth im Batcave-Look: Ein weiblicher, am Punk-Stil orientierter Goth mit gebleichtem und toupiertem Irokesenschnitt, Halsband, Gesichts- und Rückenpiercing.
Goth im Batcave-Look: Ein weiblicher, am Punk-Stil orientierter Goth mit gebleichtem und toupiertem Irokesenschnitt, Halsband, Gesichts- und Rückenpiercing.

Inhaltsverzeichnis

Namensherkunft

Goth(ic) (eigtl. „gotisch“, hier im Sinne von „düster, schaurig“) fand Ende der 1970er für einen Stil der Rockmusik aus dem Post-Punk-Umfeld Verwendung und wurde ab 1982/1983 auf die Anhänger der dazu entstehenden Jugendkultur übertragen. Die Bezeichnung ist dabei nicht – wie so oft vermutet – an das Volk der Goten, an das Zeitalter der Gotik oder an die Gothic Novels angelehnt, sondern geht grundsätzlich auf einen in England entstandenen Musikstil zurück, der aufgrund seines dunklen und dumpfen Klanges und seiner verwendeten Themen als „schaurig“ empfunden wurde.[1][2] Demgemäß existierte zwischen der Gothic-Szene und der Gotik- bzw. Neogotik-Epoche kein direkter Bezug, wie er in den nachfolgenden Jahrzehnten hauptsächlich von Außenstehenden fehlinterpretiert wurde.[3][4]

So titulierte 1982 unter anderem Ian Astbury, Sänger der Band The Southern Death Cult, die Fans der Gruppe Sex Gang Children als „Goths“. Nur kurze Zeit später formierte Ian Astbury aus The Southern Death Cult die Band Death Cult und absolvierte 1983 einen Auftritt in Berlin. Der Musikjournalist Tom Vague, der diesem Konzert beiwohnte, äußerte in einem Bericht in der Oktober-Ausgabe des Musikmagazins ZigZag von 1983 über das Berliner Publikum „Hordes of Goths. It could be London...“[5] (dt. „Horden von Goths. Es könnte London sein...“) und versuchte damit, die Ähnlichkeiten zwischen dem Publikum beider Städte zu verdeutlichen. Zwischen 1983 und 1984 etablierte sich die Bezeichnung für eine neue Jugendkultur allmählich und fand in der Zeitschrift The Face in einem Special über den Londoner Batcave-Club erneut Erwähnung.[6]

Innerhalb des deutschen Sprachraums nutzte man gleichzeitig Bezeichnungen wie „Gruftis“ oder szene-übergreifend „Schwarze“ oder „Waver“, da sich Gothic in den 1980er Jahren weder als Genrebegriff noch als Bezeichnung für eine Subkultur über britische Grenzen hinaus weitläufig durchsetzen konnte. In Kanada und den USA geschah dies erst um etwa 1988, im mitteleuropäischen Raum zu Beginn der 1990er, obgleich Gothic als Selbstbezeichnung schon seit 1988 in Ost-Berlin belegt ist.[7]

Grufti, angelehnt an das Wort für „Grabgewölbe[8], galt in Teilen Deutschlands lange Zeit als negativ besetzte Bezeichnung[9], die später von den Szeneangehörigen jedoch zunehmend als saloppe Selbstbezeichnung verwendet wurde. Gegenwärtig wird die Bezeichnung Grufti für die Gothic-Generationen der 1980er und frühen 1990er Jahre genutzt, die – bezüglich der Musik, des Outfits und des Stylings – noch stark in der Post-Punk- und New-Wave-Bewegung verhaftet waren. Konträr dazu wurde sie größtenteils aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verdrängt.

Ferner waren in der DDR und Teilen Berlins Bezeichnungen wie Ghouls, Outs oder Darks gebräuchlich, letztere Bezeichnung findet sich auch in Ländern wie Italien oder Mexiko wieder. In einigen Gebieten Deutschlands, wie Nordrhein-Westfalen, war zudem die Selbsttitulierung Krähen geläufig, was annähernd der Bezeichnung les corbeaux („die Raben“) entspricht, die französische Gothic- und Wave-Anhänger in den 1980ern für sich nutzten und die sich auf deren Erscheinungsbild bezog.

Goth, in seiner Mehrzahl Goths genannt, hat sich bis heute in vielen Teilen der Welt etabliert. In Deutschland ist daneben die entsprechende Übersetzung Goten sowie die grammatikalisch inkorrekte Bezeichnung Gothics verbreitet.

Die Szene

Über den Umfang der Gothic-Bewegung ist bisher wenig bekannt. Eine Marktstudie aus den späten 1990er Jahren geht, hinsichtlich der Szene in Deutschland, von etwa 60.000 Anhängern aus, obgleich diese Zahl als unrealistisch gilt, da sie neben der tatsächlichen Gothic-Kultur auch Teile der gesamten Schwarzen Szene und zahlreiche Sympathisanten mit einbezieht.[10] Auch ein Wachstum der Gothic-Szene innerhalb der letzten 10 Jahre, das um die Jahrtausendwende mehrmals prognostiziert wurde, wird hierbei szene-intern stark angezweifelt. Stattdessen wird seit Ende der 1990er Jahre eine sukzessive Rückbildung angenommen[11], die dem Niedergang der Gothic-Musik zugrunde liegt.[12][13][14]

Die Gothic-Szene gilt als ästhetisch orientierte Subkultur, deren Mitglieder als friedlich, aber auch als wirklichkeitsfremd, unnahbar oder elitär wahrgenommen werden. Die Geschlechterverteilung innerhalb der Szene ist sehr ausgewogen, der Frauenanteil liegt somit deutlich über dem vieler anderer Subkulturen.[15][16]

Die Durchschnittsbevölkerung wird von Teilen der Gothic-Kultur negativ kritisiert, etwa als konservativ, konsumorientiert, intolerant, egoistisch und vom Gesetz der sozialen Bewährtheit geleitet.[17] Aus der Ablehnung dieser Eigenschaften resultiert eine demonstrative Distanzierung zur Gesellschaft. Aus dem Versuch der Bewältigung der Zwänge, der emotionalen Kälte und der Vereinheitlichung des Individuums in der heutigen Gesellschaft, treten wiederum die Ideale des Individualismus und die zelebrierte Melancholie hervor.

Ein charakteristisches Lebensgefühl, das alle Angehörigen der Gothic-Szene miteinander teilen, gibt es nicht. So werden zwar philosophische, religiöse sowie politische Fragen unter Goths durchaus thematisiert,[18] allerdings nicht einheitlich beantwortet.

Einige Goths bevorzugen – ihrer Rückzugsintention entsprechend – Orte der Stille, Einsamkeit und Besinnung auf, die häufig eine Atmosphäre von Tod, Trauer, Leid, Frieden und Vergänglichkeit ausstrahlen.[19] Dennoch ist die Gothic-Szene keine Trauerkultur. So gibt es etliche Goths, die sich primär an dunklen, mystischen oder okkulten Dingen erfreuen und versuchen, diese Seite ihrer Persönlichkeit auszuleben.

Die Akzeptanz des Todes als natürlichen Bestandteil des Lebens wird häufig nach außen getragen. Vereinzelt lässt sich jedoch ein Hang zur Existenzphilosophie erkennen, die neben dem Reinkarnationsgedanken auch die Erkenntis über die Vergänglichkeit und die damit assoziierte Sinnlosigkeit des Lebens impliziert, aus der sich wiederum negative Gemütszustände wie Gleichgültigkeit, Resignation oder Todessehnsucht entwickeln können.[20]

Eine gewisse Sehnsucht nach dem Mittelalter und seinen Mythen und Sagen ist bei einigen Szenemitgliedern anzutreffen.[21] Hierbei handelt es sich jedoch häufig um ein romantisiertes Bild des Mittelalters, das etliche Goths vor Augen haben und das eine Flucht vor der realen Welt ermöglichen soll. Doch auch andere Epochen, wie die Elisabethanische und Viktorianische Epoche, die Gründerzeit sowie das Fin de siècle, ziehen das Interesse der Gothic-Kultur auf sich.

Die Beweggründe, sich der Gothic-Bewegung anzuschließen, sind unterschiedlicher Natur und unterscheiden sich nur unwesentlich von denen anderer Subkulturen. Neben den musikalischen Vorlieben zählen hierzu speziell im Jugendalter die Identitätssuche, alternative Lebensentwürfe, Protest und Abgrenzung gegenüber dem Elternhaus und der Gesellschaft, aber auch ein depressives Lebensgefühl, das häufig durch Sinnleere und Unverstandensein hervorgerufen wird.[22] Dabei zieht die Entscheidung, sich der Gothic-Szene anzuschließen, oft viele private, schulische und berufliche Konflikte nach sich. In Einzelfällen kann diese Entscheidung die Bindung an die Eltern oder andere Familienangehörige komplett zerstören, z. B. dann, wenn das Familienleben schon vorher stark belastet und unharmonisch war.[23]

Viele Goths pflegen ein starkes Traditionsbewusstsein und behalten ihren Lebensstil oder die damit verbundenen Vorlieben (u. a. für Musik und Kleidungsstil) weit bis ins Erwachsenenalter bei. Im Unterschied zu klassischen Jugendkulturen entsteht so ein altersübergreifender Dialog.[24]

Splitterkulturen

Aufgrund der Größe der Szene sowie persönlicher Vorlieben hinsichtlich Musik, Kunst und Kleidung, die oftmals als Ausdrucksmittel dienen, entwickelten sich im Laufe der Zeit einige erkennbare Splitterkulturen („Interessengemeinschaften“), die seit etlichen Jahren koexistieren.[25] Insbesondere die Hardliner der jeweiligen Splitterkulturen können sich dabei durchaus ablehnend gegenüberstehen. So kann ein Angehöriger der Batcave-Szene eine völlig andere Geisteshaltung vertreten als beispielsweise ein Endzeitromantiker. Zwei Charakteristika, die jedoch alle Splitterkulturen miteinander vereinen, sind die Verwurzelung in der Post-Punk- und Wave-Bewegung und der Bezug zu den Gothic Novels bzw. zur Schwarzen Romantik.

Batcaver auch Gothpunk genannt, bezeichnet die Angehörigen der frühen Gothic-Szene, wie sie hauptsächlich in England vorzufinden war. Sie waren die ersten, die etwa 1983 als Goths bezeichnet wurden. Der Name „Batcaver“, der auf einen frühen Szene-Club in London zurückgeht, kam erst in späterer Zeit auf und dient vor allem der Abgrenzung gegenüber nachkommenden Splitterkulturen innerhalb der Gothic-Szene. In Bezug auf Outfit, Frisur und Ideologie noch stark vom Punk geprägt, erlebten die Batcaver mit der Jahrtausendwende ein Revival mit aktiver Vernetzung zur amerikanischen Death-Rock-Szene. Der Batcave-Kultur haftet weniger die Affinität zum Weltschmerz und zur Besinnlichkeit an als vielmehr der Spaß am Schaurigen/Morbiden.
Bevorzugte Musik: Bauhaus, Siouxsie & The Banshees, The Damned, Specimen, Virgin Prunes, UK Decay

Grufti auch Gruftie genannt, bezeichnete die Angehörigen einer Jugendkultur in Mitteleuropa, die als Parallelbewegung zur Batcave-Kultur in England entstanden ist und bezüglich ihrer morbiden Eigenheiten in den 1980er und frühen 1990er Jahren für Schlagzeilen sorgte. Konträr zur Batcave-Szene waren Gruftis, sowohl musikbezogen als auch outfitmäßig, deutlich stärker im Wave-Umfeld verwurzelt und ließen einen ausgeprägten Hang zum Weltschmerz und zur Realitätsflucht erkennen. Inzwischen gilt die Grufti-Bewegung, deren Anhänger sich primär innerhalb des adoleszenten Stadiums bewegten, als erloschen.
Bevorzugte Musik: The Cure, Joy Division, Bauhaus, Christian Death, Anne Clark, frühe The Sisters of Mercy

Endzeitromantiker Die Endzeitromantiker bilden eine Splitterkultur, die erstmals zu Beginn der 1990er Jahre Erwähnung findet. Sie entwickelte sich stufenweise aus der Grufti-Bewegung, von der ein Teil des Erscheinungsbildes, wie ausrasierte und toupierte Haare, Silberschmuck usw., zwar beibehalten wurde – im Vergleich zu dem Outfit der Gruftis sind Kleidung und Schminkstil jedoch sorgfältig, deutlich aufwändiger und mit Liebe zum Detail gewählt. Sie sind der Spiegel einer apokalyptischen, todeskonzentrierten Weltsicht.[26] Markante Merkmale sind weiß geschminkte, oftmals mit filigran ausgearbeiteten Ornamenten versehene Gesichtspartien, Kleidungsstücke aus Samt, Brokat, Spitze, Chiffon und Seide sowie Accessoires wie Rosenkränze, Kruzifixe, Broschen, Diademe, Samthalsbänder, reich verzierte Faltfächer und Spitzenhandschuhe.[27] Den Endzeitromantikern ist eine Vorliebe für Philosophie, Literatur (besonders Poesie), Malerei, Friedhöfe und alte, verfallene Bauten wesentlich stärker zu eigen, als es in Teilen der Grufti-Szene der 1980er der Fall war.
Bevorzugte Musik: Goethes Erben, Sopor Aeternus, Lacrimosa, Relatives Menschsein, frühe Sanguis et Cinis

Schwarzromantiker auch Dark Romantic oder Romantic Goth genannt, bezeichnet den Anhänger einer Splitterkultur, die sich etwa parallel bzw. unmittelbar nach den Endzeitromantikern etablierte und sich im Laufe der letzten Jahre zu einer der vorherrschenden Splitterkulturen innerhalb der Gothic-Kultur entwickelte. Konträr zu den Endzeitromantikern sind punk- und wave-typische Merkmale, wie ausrasierte, toupierte Haare, Piercings oder toten-ähnlich geschminkte Gesichtspartien, kaum bis gar nicht vorhanden. Die Grenzen zwischen beiden Splitterkulturen sind – hinsichtlich der Interessen und der Kleidung – jedoch fließend. Schwarzromantiker sind ein länderübergreifendes Phänomen und – mit unterschiedlichen Titulierungen wie Romantic Goth – auch in Großbritannien, Frankreich, Italien oder Spanien zu finden.
Bevorzugte Musik: Dead Can Dance, Ataraxia, Dargaard, Faith & The Muse, Love Is Colder Than Death, Qntal

Sonstige In der zweiten Hälfte der 1980er entstand mit der wachsenden Popularität von Bands wie The Sisters of Mercy, The Mission oder Fields of the Nephilim eine Fangemeinschaft, die sich von den äußeren Merkmalen aller zuvor genannten Splitterkulturen stark unterscheidet: Statt seitlich ausrasierter, toupierter Haare und einem typischen Schmink- und Kleidungsstil im Punk- und Wave-Look dominieren hier lange Haare und Kleidungsselemente der Hard-Rock-Szene. Dieses Outfit gipfelt bei einigen Fans in einer kompletten Übernahme des Kleidungsstils der Fields of the Nephilim, die aufgrund ihres Westernlooks auch scherzhaft als „The Bonanzas“[28] betitelt wurden.
Bevorzugte Musik: Fields of the Nephilim, The Mission, The Sisters of Mercy, New Model Army

Nicht alle Goths gehören einer Splitterkultur an. So gibt es auch zahlreiche Mischformen, die sich vor allem im Erscheinungsbild widerspiegeln.

Erscheinungsbilder

Ein zentrales Merkmal der Gothic-Kultur ist das Styling, das von vielen Anhängern als Ausdrucks- und Abgrenzungsform eingesetzt wird.[29] Goths, die ihre Lebenseinstellung durch ihr Erscheinungsbild auszudrücken versuchen, bevorzugen allgemein die „Farbe“ Schwarz. Sie wird jedoch auch als einfaches, modisches Element verwendet. Aber auch Blau, Violet, Weiß oder Bordeaux-Rot sind vorzufindende Haar- bzw. Kleiderfarben. In Anlehnung an die Wurzeln im Punk werden Strumpfhosen oder Netzhemden absichtlich mit Rissen oder Löchern versehen. Ebenso erinnern etliche Frisuren an die Punk- und Wave-Kultur der 1980er Jahre.

Die Bekleidungsstrategie der frühen Gothic-Szene zeigte sich jedoch nicht wie bei den Punks als Ästhetisierung des Hässlichen oder bei den New Romantics als Revival des Glamourösen vergangener Zeiten, sondern als Inszenierung des Horrors.[30] Insbesondere bei den Gruftis galt es lange Zeit als modisch, die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins gezielt durch ein totenähnliches Auftreten zu versinnbildlichen. Der glamouröse Aspekt, wie ihn die heutige Gothic-Generation kennt, spielte dabei zunächst nur eine nebensächliche Rolle.

Viele Goths grenzen sich allerdings auch bewusst vom Erscheinungsbild der Punk-Kultur ab. Elemente aus Kleidungsstilen der Renaissance sind ebenso präsent wie ein an das Viktorianische Zeitalter oder an den Jugendstil angelehntes Outfit. Dabei sind die jeweiligen Kleidungsstile jedoch nur selten in reiner Form anzutreffen. In der Regel handelt es sich um einzelne Kleidungskomponenten unterschiedlicher Epochen, die eklektisch miteinander kombiniert werden.[31] Gelegentlich werden neben dem damit verbundenen Kleideraufwand auch hohe Kosten in Kauf genommen, um sich beispielsweise ein stilechtes Rokoko-Kostüm schneidern zu lassen.[32] Einige dieser Kleidungsformen werden als Relikt der New-Romantic-Szene angesehen, andererseits gelten die Darsteller romantischer Vampirfilme als modische Vorbilder.

Markante Merkmale können sein
  • Blasse, meist geschminkte Gesichtsfarbe (Leichenblässe oder Viktorianische Ästhetik), häufig hervorgehoben durch dunkle Schminke an Augen und Mund
  • Bemalungen (Akzentuierung der Wangenknochen und insbesondere Ornamente um Augen und Mund), Piercings sowie Tätowierungen
  • Ungewöhnliche Frisuren wie „Tellerminen“ (kreisförmig ausrasierte Haare, meist in Form von „Krähennestern“ oder „Turmfrisuren“ gestylt), „Trauerweidenfrisuren“ (lange, auftoupierte Haare), Irokesenschnitt (ausrasierter Streifen vom vorderen Haaransatz bis in den Nacken), Undercut (zusätzlich Hinterkopf), teilweise sehr hoch toupiert, meist schwarz, seltener blau, rot und violet gefärbt oder blondiert. Seit den 1990er Jahren sind bei Frauen vermehrt Frisuren vergangener Epochen anzutreffen, vereinzelt auch überschulterlange Haare bei Männern.
  • Religiöse, okkulte oder esoterische Symbole als Schmuck (bspw. Rosenkränze, Ankh- und Petruskreuze), fast ausschließlich aus Silber
  • Armreifen en masse (Element der Wave-Mode), Nieten, Sicherheitsnadeln, Schnallen und Glöckchen
  • Androgyn gekleidete Männer (und aufgrund der Verwurzelung im Wave auch androgyn gekleidete Frauen)
  • Netzhemden, Netzstrumpfhosen, zerrissene Shirts, Vestons und Buttons (urtypischer Batcave- bzw. Death-Rock-Look)
  • Kragenhemden (Plain), Aladinhosen („Sarouel“), Lederjacken, Lodenmäntel, Dr. Martens, Pikes oder Creepers (Grufti-Look)
  • Rüschenhemden, Talare, Dolmane (Husarenjacke), Gehröcke und Uniformjacken des 18. und 19. Jahrhunderts, Kleider aus Samt, Spitze und Chiffon (Schwarzromantik- bzw. Endzeitromantik-Stil)
  • Fracks und schwarze Zylinder („Chapeau Claque“), oftmals mit dunkler Sonnenbrille als Accessoire (angelehnt an Bram Stoker’s Dracula)
  • Kragenhemden, Lederjacken, Lederhosen, Biker-Boots (späterer Gothic-Rock-Stil, inspiriert durch Bands wie Fields of the Nephilim)
  • Hennins und Hexenhüte (vor allem in den frühen 1990ern populär)
  • Korsetts und Corsagen bei Frauen (seit den 1990ern), häufig in Kombination mit weiten Reifröcken

Diese Liste bietet nur eine grobe Übersicht über die Vielfalt der Stile, die in der Gothic-Szene verbreitet sind. Für eine genaue Stilbeschreibung gibt es zu viele Kleidungskombinationen, die auch das Sampling von Kleidungselementen szene-fremder Subkulturen, wie der Rivethead-Kultur oder der Elektro-Szene, mit einschließen. Zudem kann ein Goth auch infolge beruflicher Zwänge optisch nicht auf Anhieb der Gothic-Bewegung zugeordnet werden.

Bevorzugte Musikformen

Impulsgeber für die Entstehung zahlreicher Jugendsubkulturen ist die Musik. Sie wird emotional erlebt und dient zugleich als Fluchtmöglichkeit aus dem grauen Alltag, als Ventil und als Ausdrucksform jugendlichen Protests, der meist optisch durch ein entsprechendes Erscheinungsbild unterstrichen wird.[33]

Die Gothic-Kultur entstand auf der Grundlage des so genannten Gothic Punk, einer frühen Form des Gothic Rock, umgangssprachlich oft als „Batcave“ bezeichnet. Daneben wurde eine Vielzahl weiterer Spielarten favorisiert, die sich – abgesehen von Stilen wie Death Rock – primär im Dark-Wave-Umfeld entwickelten. Ab dem Ende der 1980er Jahre starben viele dieser Genres aus und wurden schrittweise durch szene-fremde Musikstile abgelöst, sodass die Gothic-Bewegung in ihrer gegenwärtigen Form − und bis auf wenige Nischenbands – über keine eigenständige Musikszene verfügt, sondern aus der musikalischen Bandbreite der gesamten Schwarzen Szene schöpft. Diese Eigenart unterscheidet sie von anderen Subkulturen wie der Punk-Szene oder der Metal-Kultur. Überdies gibt es zahlreiche retrospektiv ausgerichtete Goths, die sich auf das musikalische Output der 1980er und 1990er Jahre beschränken und von außen initiierten Trends eher kritisch gegenüberstehen.

Häufig präferierte Musikformen waren/sind:

Tanzstile

In der Gothic-Szene sind unterschiedliche Tanzformen präsent, die grundsätzlich solistisch ausgeführt werden. Paar- oder Gruppentänze sind dieser Kultur fremd.

Noch in der Entwicklungsphase der frühen Gothic-Szene war der Pogo als Tanzstil weit verbreitet. Dieser wurde direkt aus dem Punk-Umfeld übernommen und konnte mit dem Batcave-Revival nach der Jahrtausendwende erneut Bedeutung erlangen. Daneben war in den 1980ern bei den Gruftis der so genannte „Totengräber“ prävalent, spöttisch auch als „Nord-Süd-Kurs“ oder „Staubsaugertanz“ bezeichnet. Hierbei bewegt sich der Tänzer drei Schritte vor, beugt seinen Oberkörper – nach links oder rechts geneigt – nach unten und bewegt sich mit ebenso vielen Schritten zurück zum Ausgangspunkt. Mit der Umsetzung des Tanzes entsteht häufig der Eindruck, der Tänzer würde auf der Tanzfläche ein Grab schaufeln.[34] Beide Tanzformen, der Pogo wie auch der „Totengräbertanz“, werden ohne Rücksicht auf den Takt der Musik ausgeführt. Mitunter wurde bei besonders schwermütiger Musik eine Form von „Anti-Tanz“ dargeboten, die sich durch ein regungsloses Herumstehen auf der Tanzfläche, meist mit verschlossenen Augen, äußerte:

Man tanzt halt nicht, sondern steht auf dieser Tanzfläche und lässt die Musik so richtig schön in sich hineinkriechen.[35]

In den 1990er Jahren kamen vermehrt rhythmusorientierte Tanzformen hinzu, deren theatralisch betonte Gesten teilweise an die indischer oder orientalischer Tempeltänzerinnen erinnern.[36]

Wohnraumgestaltung

Da der Wohnraum allgemein auch als Wohlfühl- und Rückzugsort genutzt wird, spielt bei vielen Goths insbesondere die Wohnraumgestaltung eine wesentliche Rolle. In den 1980er Jahren war es üblich, die Wände und Zimmerdecken mit zumeist schwarz gefärbten Stoffen und Tüchern auszuschmücken und mit Accessoires wie Rosenkränze, Kreuze, Plastikrosen oder Grabscherpen zu dekorieren. Auch die Zimmereinrichtung bestand häufig aus schwarzen Möbeln und Gegenständen wie Kerzenleuchtern, Grableuchten oder Totenschädeln, wodurch der Wohnraum oft eine friedhofsnahe Atmosphäre vermittelte.[37]

Nachdem sich die Gothic-Szene im Verlauf der 1990er Jahre aus dem Status als Jugendkultur herauslöste, verschwanden diese – heute als klischeehaft geltenden – Formen der Wohnraumgestaltung allmählich und wurden durch weniger makabere Gestaltungsformen abgelöst, die beispielsweise dem Barock- oder dem Romantik-Stil nachempfunden wurden.

Szenemedien

Zeitschriften für die Gothic-Szene erschienen Anfang bis Mitte der 1990er Jahre nur in geringer Auflage. Neben Fanzines wie The Torturer, das beiläufig auch Kassetten-Compilations mit Newcomern aus dem Gothic-Rock- und Dark-Wave-Umfeld veröffentlichte, etablierten sich vor allem Magazine wie The Gothic Grimoire oder das Gothic-Magazin. Letzteres ist aufgrund seiner Schwerpunktverlagerung bis heute aktiv. Es widmet sich inzwischen dem Spektrum der gesamten Schwarzen Szene und weit darüber hinaus, sodass es bereits Ende der 1990er Jahre den Status als Gothic-Magazin verloren hatte.

Im Vergleich zur Metal-Bewegung wurde der Gothic-Kultur im Fernsehen nie ein Platz für gothic-spezifische Musiksendungen eingeräumt. Auch Rundfunksendungen, die sich exklusiv mit dem musikalischen Output aus dem Gothic-Umfeld beschäftigten, wurden bis heute nicht realisiert.

Verhältnis zu anderen Subkulturen

Ein freundschaftliches Verhältnis verbindet Teile der Gothic-Szene mit der Punk- und Psychobilly-Kultur. Ein Grund hierfür findet sich vor allem in den musikalischen Vorlieben, die sich diese Subkulturen teilen (The Cramps, Alien Sex Fiend, Fliehende Stürme). Seit Mitte der 1980er gibt es zudem Beziehungen zur Industrial- und Rivethead-Kultur. Demgegenüber kam es häufiger zu Konflikten mit Anhängern der EBM-Szene, die sich abseits der Schwarzen Szene entwickelte und sich mit der weltschmerz-behafteten Mentalität und dem androgynen Erscheinungsbild, das in Teilen der Gothic-Kultur vorherrscht, nicht anfreunden konnte. Für sie stand martialisches Auftreten und körperbetonte Härte als Zeichen von Männlichkeit im Vordergrund.

Als eines der größten Feindbilder der Gothic-Kultur galt lange Zeit die Metal-Szene. Dieser Feindseligkeit, die von beiden Subkulturen ausging, wirkten in den 1990er Jahren hauptsächlich Künstler aus dem musikalischen Umfeld, wie Secret Discovery, Paradise Lost, Dreadful Shadows oder − ganz gezielt – Das Ich in Zusammenarbeit mit der Metal-Formation Atrocity, entgegen. Die damit einsetzende Öffnung und zunehmende Verschmelzung beider Subkulturen wird jedoch nicht einheitlich befürwortet und stößt bei einigen Splitterkulturen und traditionell ausgerichteten Vertretern der Gothic-Kultur auf Ablehnung.

Weltanschauung

Religion

Goth im Grufti-Look, mit toupierten Haaren, Piercings, Rosenkranz und alchemistischem Symbol auf der Stirn
Goth im Grufti-Look, mit toupierten Haaren, Piercings, Rosenkranz und alchemistischem Symbol auf der Stirn

Die Zugehörigkeit einer Person zur Gothic-Kultur ist unabhängig von Glauben, Konfession und Religionszugehörigkeit. Goths beschäftigen sich in Grundzügen mit dem Thema Religion und ziehen individuelle Schlüsse, wodurch eine nähere Bestimmung nicht möglich ist. Einige Teile der Szene sind dem Atheismus zugeneigt[38] und lehnen die Institution Kirche, beispielsweise aufgrund ihrer Verfehlungen im Laufe der Geschichte, völlig ab.[39]

Bei manchen Goths herrscht eine Sehnsucht nach den Ursprüngen des Glaubens und dem Heidentum vor, das im Verlauf der Christianisierung gewaltsam zerstört wurde.[40] Das drückt oftmals den Wunsch nach den eigenen Ursprüngen und Wurzeln aus. Es lässt sich darüber hinaus ein Interesse an okkulten oder neuheidnischen Inhalten (bspw. an Wicca) feststellen. Damit einher geht eine Tendenz zum Synkretismus (auch „Patchwork-Religion“ genannt).

Obwohl sich etliche Anhänger der Gothic-Bewegung vom Satanismus distanzieren und ein völlig anderes Lebensgefühl auszudrücken versuchen, werden sie aufgrund ihrer äußeren Erscheinung oft mit diesem in Verbindung gebracht und von Außenstehenden belächelt oder gar als potentiell gefährlich eingestuft.[41] Zwar gab es in der Grufti-Szene der 1980er Jahre Szenemitglieder, die sich oberflächlich mit dem Thema Satanismus auseinandersetzten, den meisten Gruftis war Satan jedoch kein Anliegen. Ihr Outfit und ihre Eigenheiten entsprangen vielmehr einer morbiden Grundstimmung, die das einigende Element der frühen Grufti-Szene darstellte.[42]

Die gesellschaftlichen Vorurteile treffen allerdings die an sich uneinheitliche Gothic-Kultur in ihrer Gesamtheit. Sie mögen gerade bei jüngeren Personen, die in die Szene hineinwachsen, den Glauben verstärken, eine Ablehnung des christlichen Glaubens oder gar eine Hinwendung zum Satanismus sei Voraussetzung, um als Szeneangehöriger anerkannt zu werden. Dies ist jedoch nicht der Fall.

Häufig wird mit okkulten Symbolen, z. B. dem vorchristlichen Pentagramm oder dem Petruskreuz, zum Zwecke der Provokation gespielt.[43] Oft ist es jedoch die in der Szene verbreitete Faszination an der Mystik, die Goths zum Tragen okkulter Symbole bewegt.

Ein kleiner Teil der Szene ist christlich geprägt.[44] Ein Beispiel hierfür liefert der Schwarze Gottesdienst, der jährlich zum Wave-Gotik-Treffen in der Leipziger Peterskirche stattfindet.

Politik

Eine eindeutige politische Ausrichtung ist nicht feststellbar. Im Vergleich zu anderen Subkulturen, die sich im Umkreis der Schwarzen Szene bewegen, nimmt Politik innerhalb der Gothic-Bewegung einen nebensächlichen Stellenwert ein, wodurch konservative oder rechtstendierende Ideologien seltener anzutreffen sind. Einige Goths interessieren sich für linksalternative Politikansätze, andere wiederum nehmen eine primär unpolitische Haltung ein.

Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit werden in der Gothic-Kultur weitgehend abgelehnt. Dieser Umstand machte sich unter anderem in den frühen 1990er Jahren bemerkbar. Zeitschriften wie das Bonner Szene-Magazin „Gothic Press“ wiesen 1992 in einem Rundschreiben auf die Gefahr des Rechtsextremismus hin und sprachen sich gegen rechtsextreme Gewalt aus. Gleichzeitig distanzierte sich jedoch ein Großteil der Szene von jeglichen politischen Ideologien und sah Aktionen gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit als selbstverständlich an.

Mehrfach wurden durch die Medien und linksradikalen Organisationen, wie etwa Splittergruppen der Antifa, Bezüge zwischen der Gothic-Kultur und Künstlern hergestellt, denen eine rechtsextreme Gesinnung nachgesagt wird. Viele dieser politisch umstrittenen Künstler, wie Boyd Rice, Death In June, Von Thronstahl, Der Blutharsch oder Blood Axis, stammen jedoch aus dem Neofolk- und Martial-Industrial-Umfeld. Sie bewegen sich vornehmlich im Randbereich der Schwarzen Szene und verfügen indirekt über nur wenige Berührungspunkte mit der Gothic-Kultur.[45]

Begegnungsräume

Events

Ein „Event“ ist die in der Schwarzen Szene verbreitete Bezeichnung für eine Diskothekenveranstaltung. Reine Gothic-Events gab es bis in die späten 1990er Jahre hinein kaum. Diese wurden zumeist in Form von „Independent-Feten“ veranstaltet, das Publikum setzte sich zunächst aus Anhängern unterschiedlicher Subkulturen wie Punks, Wavern, EBM- und Elektro-Fans, seltener aus Anhängern der Post-Industrial-Kultur oder der Crossover-Szene, zusammen. Diese vielseitigen Independent-Veranstaltungen waren notwendig, da sich ein Event für nur eine Musik- und Szene-Richtung aufgrund der anfallenden Kosten nur schwer verwirklichen ließ. In den 1990ern verschwand ein Teil des Publikums aus den Clubs, vor allem Punks, Waver und Anhänger der EBM- und Crossover-Szene. Während dieser Zeit teilten sich Goths mit anderen Mitgliedern der Schwarzen Szene sowie der Elektro-Szene die Tanzfläche.

Ab den späten 1990er Jahren wandelte sich das Publikum drastisch. Das äußerte sich besonders durch den enormen Zulauf von Anhängern der Metal-Szene, vor allem aber der Techno-Kultur, deren Mitglieder nach dem Abebben der Techno-Welle vermehrt in die Schwarze Szene abwanderten. Ein Grund hierfür ist die Präsenz technoid geformter (u. a. Future Pop) oder metallastiger (u. a. Dark Metal) Klänge, die immer mehr das Veranstaltungsprogramm der Schwarzen Szene prägen.

Dieser Umstand beschleunigte die Herausbildung der szenefremden Cyberkultur, die gegenwärtig das Hauptpublikum in den Tanzclubs bildet, und führte dazu, dass sich zahlreiche Goths von den herkömmlichen Events abwandten und eigene Veranstaltungen organisierten, die sich nun – unter anderem unterstützt durch das Batcave-Revival – durch die Größe des Gothic-Publikums rentierten. In vielen Großstädten werden in so genannten Großraumdiskotheken mittlerweile auch getrennte Floors angeboten, die auf die Wünsche des Publikums zugeschnitten sind.

Friedhöfe

Ein weiterer bedeutsamer – wenn auch umstrittener – Treffpunkt und Aufenthaltsort für Goths ist der Friedhof. In den 1980er Jahren wurde der Friedhof hauptsächlich aufgrund jugendlicher Abenteuerlust aufgesucht.[46] Zu Beginn der 1990er wich der Nervenkitzel an den nächtlichen Besuchen einer Faszination an der Ästhetik alter Gräber. So avancierte der Friedhof zu einem beliebten Besuchsziel mit ruhiger, romantischer und mystischer Ausstrahlung. Damit knüpfen viele Goths – oftmals auch unbewusst – an die Gepflogenheiten zur Zeit der Romantik an. Im 19. Jahrhundert waren Friedhöfe nicht nur Begräbnisstätten und Sammelstellen für Leichname, sondern öffentlich und gern besuchte Plätze, die von ihren Besuchern als Orte der Meditation und mentalen Sammlung aufgesucht wurden.[47][48]

Festivals

Bekannte Anlaufpunkte für die Gothic-Kultur bild(et)en das:

Keine dieser Veranstaltungen wurde ausschließlich für die Gothic-Szene konzipiert. Sie werden jedoch häufig von Vertretern der Gothic-Kultur aufgesucht. Speziell das Wave-Gotik-Treffen, das ursprünglich als Treffpunkt für Waver und Goths ins Leben gerufen wurde, deckt mittlerweile durch ein vielseitiges Angebot das Interesse der gesamten Schwarzen Szene ab. Das Zillo Festival lockte zudem zahlreiche Anhänger anderer Independent-Kulturen (beispielsweise Punk) an. Das Publikum zeigte sich in Folge dessen weniger homogen. Darüber hinaus gab und gibt es kleinere, jedoch weitaus repräsentativere Veranstaltungen wie das Sacrosanct Festival und das Whitby Gothic Weekend (beide England), das Batcafe Festival und das Gothic Pogo Festival (beide Deutschland), Judgement Day (Österreich) oder Drop Dead (USA).

Einfluss auf die Kunst

Die Gothic-Kultur hat verschiedene Künstler beeinflusst – nicht nur Musiker, sondern auch Maler, Fotografen und Schriftsteller. Allen gemein ist die Hinwendung zu mystischen, morbiden und romantischen Themen. Dabei wird wahlfrei auf Stilmittel verschiedener Epochen zurückgegriffen, beispielsweise auf die deutsche und englische Romantik. So facettenreich sich die Gothic-Kultur präsentiert, so vielseitig erscheinen auch die von ihr beeinflussten Kunstformen: In der Fotografie und Malerei reicht das Spektrum von unaufdringlichen Portraits über erotische Aufnahmen bis hin zu Darstellungen von Märchen-, Götter- und Fantasie-Gestalten. In der Literatur dominieren die Thematiken Poesie, Horror und Fantasy. Präsent ist die Vorliebe für dunkle Farben und Stimmungen, ähnlich den Gothic Novels, den Präraffaeliten oder den Malern des Jugendstils.

Zu den der Gothic-Kultur nahestehenden Fotografen zählen: Viona Ielegems aus Belgien; Felix Flaucher, Gerd Lehmann und Anni Bertram aus Deutschland; Nadja Lev aus den USA; Stéphane Lord aus Kanada oder Lord Heathcliff aus Frankreich. Unter den Zeichnern sind Gerald Brom, Rachel Huntington, Victoria Francés, Myka Jelina sowie der amerikanische Comic-Künstler James O’Barr zu nennen.

Autoren, die ausschließlich für die Gothic-Szene schreiben, sind selten und wenn, dann auch kaum bekannt, da der Käuferkreis für „schwarze“ Lyrik nicht sehr groß ist. Christian von Aster gilt als szene-übergreifend bekannter Autor, der mit einigen Kurzgeschichten und Satiren einen Teil der Goths direkt anspricht oder dort zumindest größere Resonanz erfährt. In Teilen der englisch-sprachigen Gothic-Szene sehr beliebt ist die amerikanische Autorin Poppy Z. Brite.

Im Bereich des Films sind vor allem die Werke des amerikanischen Regisseurs Tim Burton zu nennen, dessen Arbeiten sich sowohl bei vielen Goths großer Beliebtheit erfreuen als auch selbst oftmals von Gothic-Ästhetik stark beeinflusst sind. Viele Musiker und Wegbereiter der frühen britischen Gothic-Bewegung waren darüber hinaus stark von Gothic-Horror-Filmen der 1960er Jahre und dem Film noir beeinflusst. Diese Filme sind auch heute noch bei einigen Mitgliedern der Gothic-Kultur beliebt.

Darstellung der Gothic-Szene in den Medien

Das negative Image, das der Gothic-Szene anhaftet, wurde und wird zu einem Großteil durch die kommerziellen Medien aber auch durch die Szene selbst geprägt. Berichte über Satanismus, Grabschändungen oder schwarze Messen bilden den Inhalt zahlreicher Publikationen und nehmen starken Einfluss auf die Betrachtungsweise der Bevölkerung. Viele dieser Berichte, deren Inhalt über zwei Dekaden hinweg nahezu unverändert übernommen und vervielfältigt wurde, repräsentieren das Bild einer aufmüpfigen Jugendszene, die bezüglich ihrer Geisteshaltung und Lebensart als längst erloschen gilt.[49]

Tatsächlich kam es in den 1980er Jahren in Teilen der Grufti-Szene vereinzelt zu Friedhofsvandalismus, dem die spätere Gothic-Bewegung jedoch ablehnend gegenübersteht.[50] Hierzu zählten unter anderem das Umstoßen von Grabsteinen oder das Entwenden von Grabschmuck wie Kränzen, Grableuchten, Vasen oder Kruzifixen[51], die als Dekoration für die eigene Wohnstätte dienten.[52] Dahinter standen vermutlich weniger antireligiöse Beweggründe als jugendliche Unbekümmertheit, Imponierverhalten und der Nervenkitzel beim Spiel mit Tabus. Zudem symbolisierten die gesammelten Gegenstände die unmittelbare Nähe zum Tod, die zur damaligen Zeit noch eine zentrale Stellung einnahm. Die Sorglosigkeit vieler jugendlicher Gruftis wirft dabei selbst Jahrzehnte später noch einen Schatten auf die gesamte Gothic-Bewegung. Das kontinuierliche Aufgreifen derartiger Geschehnisse durch die kommerziellen Medien, besonders durch Boulevardpresse- und -sendungen,[53] begründet sich überdies oftmals nicht in der Absicht einer seriösen Berichterstattung, sondern zielt überwiegend auf die Sensationsgier der Bevölkerung ab, die in den alten, häufig übertrieben dargestellten Delikten[54] ihre Vorurteile gegenüber der heutigen Gothic-Kultur bestätigt sieht.[55][56]

Abseits der kommerziell ausgerichteten Medien finden sich vereinzelt Berichte und Selbstdarstellungen der 1980er Jahre auch in den frühen Ausgaben der Musikzeitschrift Zillo, in denen – neben „Séancen auf den Gräbern der Toten“[57] – die Zerstörung von Grabsteinen, die Flucht aus der Realität mittels Konsum von Drogen, die zunehmende Aufspaltung in jugendkulturelle Cliquen und die stetig anwachsende Intoleranz innerhalb der Grufti-Szene angesprochen werden.[58]

Hierbei muss jedoch berücksichtigt werden, dass die Grufti-Szene als reine Jugendbewegung konstituiert war, von der ein Teil ihrer Anhänger versuchte, mithilfe abenteuerlicher, morbider Geschichten in den Medien Aufmerksamkeit zu erregen und vor allem szene-intern Respekt und Anerkennung zu erlangen.[59]

Geschichte

Vorläufer und vergleichbare Bewegungen

Schwarze Romantik

Die Schwarze Romantik war eine literarische Strömung des 19. Jahrhunderts, die von dem italienischen Literaturwissenschaftler Mario Praz in seiner Studie La Carne, la Morte e il Diavolo nelle Letteratura Romantica (dt. Titel: „Liebe, Tod und Teufel. Die schwarze Romantik“) von 1963 ausgiebig untersucht wurde und sich sowohl den Abgründen menschlicher Existenz (Wahnsinn, morbide Neigungen wie Nekrophilie) als auch antichristlichen, nihilistischen und gespenstischen Themenkreisen zuwandte. Bedeutsame Autoren dieser Strömung der Romantik, als deren Wegbereiter Mario Praz Marquis de Sade begreift, waren Ludwig Tieck, E. T. A. Hoffmann, Edgar Allan Poe, Algernon Charles Swinburne und Lord Byron, aber auch Gérard de Nerval, Gustave Flaubert, Charles Baudelaire und Gabriele D'Annunzio.[60]

Essentieller Bestandteil der Schwarzen Romantik waren die so genannten Gothic Novels. Im englischen Sprachraum erfreuten sich die Gothic Novels, mit ihren schaurigen Handlungsplätzen wie Friedhöfen, Spukschlössern und Ruinen, großer Beliebtheit. Der Erfolg dieser Romane im Rahmen der aufkommenden Dekadenz-Literatur im 18. und 19. Jahrhundert war eine Reaktion auf die rationale, entmystifizierende Sicht des Naturalismus und der Aufklärung.

Seit den Anfängen der Gothic-Bewegung zeigt sich eine thematische Vernetzung zu den Gothic Novels und zur Schwarzen Romantik, die sich in ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen bis heute erhalten hat. So gab es viele Bands aus dem Gothic-Rock- und Dark-Wave-Umfeld, wie Bauhaus, Siouxsie & The Banshees, Ghosting oder The House of Usher, die sich intensiv mit dieser Epoche auseinandersetzten. Auch in der Gothic-Kultur ist ein starkes Interesse an der Schwarzen Romantik vertreten. Hierbei wird allerdings nicht nur das Spektrum themenbezogener Romane und Filme rezipiert, sondern versucht, düstere Charaktere wie Untote oder Femmes Fatales in Szene zu setzen. Damit nehmen Goths den Platz von Rollenspielern ein. Im Rückzug in eine idealisierte Lebensweise findet sich sowohl bei den Romantikern als auch bei Anhängern der Gothic-Kultur eine Tendenz zur Weltflucht.

Punk

  • Hauptartikel: Punk

Die Punk-Bewegung entstand in der Mitte der 1970er Jahre, ihre subkulturellen und musikalischen Ursprünge reichen jedoch bis in die späten 1960er zurück. Die Kultur entwickelte sich als Reaktion zu dem als verlogen empfundenen, friedvollen Idealismus und Optimismus der Hippies wie auch gegen das politische Establishment (auch gegen die Linke) und vertrat eine anti-bürgerliche Lebensweise. Im Vordergrund stand die Provokation der von ihr abgelehnten Gesellschaft, sowohl durch das Aussehen, das vor allem das Hässliche betont (wie zerrissene, häufig mit Parolen und umstrittenen Symbolen versehene oder anderweitig modifizierte Kleidung, auffällige Sonnenbrillen, Piercings), als auch durch das Verhalten. Durch die Zuspitzung des Kalten Krieges, die Wirtschaftsrezession und der damit verbundenen Massenarbeitslosigkeit entpuppten sich fehlende Zukunftsperspektiven, Identifikationprobleme und wachsender Groll der Jugend auf die deutlich konservativen Moralvorstellungen der Obrigkeit und der Kirche. Die pessimistische Haltung der Punks, die eine merkliche Nähe zum Anarchismus und zum Nihilismus zeigten, drückte sich in dem Leitspruch „No Future“ aus. Jedoch gingen nicht alle Angehörigen der Punk-Bewegung in gleicher Art und Weise mit den vorhandenen Problemen um. Schon früh zeigten sich in der Szene verschiedene Charaktere, die sich denen innerhalb der Gothic-Kultur stark ähneln: Neben gesellschaftskritischen und hedonistisch orientierten Punks, deren Hauptintention es war, den Weg in den Untergang zu feiern, entwickelte sich parallel dazu ein introvertierter Ableger, der sich überwiegend in der Attitüde des Depro-Punk widerspiegelt.[61][62]

Die Musik der frühen Punkbands war eine rohe und primitive Form des Rock ’n’ Roll als Gegenpol zum perfektionierten Progressive Rock und der oberflächlichen und kommerziell ausgerichteten Disco-Kultur.[63] Den Grundstein für den Punk legten Bands wie Ramones, The Stooges, New York Dolls, MC5 oder auch Patti Smith, als Keimzelle der Bewegung gilt der Club CBGB in New York City. Schon ab dem Ende der 1970er Jahre gingen aus dem Punk der Death Rock und der Gothic Rock hervor, Punkbands wie The Stooges und The Damned übten auf die Entwicklung der Gothic-Musik wesentlichen Einfluss aus.

Sowohl äußerliche Merkmale wie der Irokesenschnitt, zerrissene Netzhemden und Strumpfhosen als auch ideologische Aspekte flossen in die nachkommende Gothic-Bewegung ein. Der Übergang vom Punk zum Gothic war jedoch fließend und wurde zunächst gar nicht wahrgenommen. So war auch unter Punks ein dunkler Kleidungs- und Schminkstil verbreitet, der bereits in den 1980ern farbenfroheren Outfits wich.

New Romantic

New Romantic, eigtl. New Romanticism, war eine jugendkulturelle Szene, die sich Ende der 1970er Jahre innerhalb der New-Wave-Bewegung als Reaktion auf den Punk entwickelte. Die Anhänger dieser Szene, die New Romantics oder auch Blitz Kids (benannt nach dem Nachtclub „The Blitz“ in London, der als Ursprung dieser Jugendkultur gilt), fielen vor allem durch ihr ungewöhnliches Outfit, bestehend aus klassischen Uniformteilen, Hüten (Zweispitz und Dreimaster), Harlekinkostümen und indianischen Schmuckgegenständen, sowie extrem aufgetragenem Make-up und bizarren Haarstilen auf, mit dem sie sich bewusst von dem als schmuddelig empfundenen Punk-Look abzugrenzen versuchten.

Musikalisch bewegten sich die New Romantics zwischen New Wave, Funk und Glam Rock, bevor szene-eigene Bands wie Spandau Ballet, Visage, Classix Nouveaux oder Culture Club ins Rampenlicht traten und die Bewegung auch außerhalb Englands bekannt machten.

Inwieweit New Romantic die Gothic-Kultur in ihrer Entwicklung beeinflusste, ist unklar. Nachdem die New-Romantic-Bewegung kurz vor Mitte der 1980er Jahre abflaute, ging ein Teil dieser Jugendkultur nahtlos in die Schwarze Szene über, wodurch diverse Kleidungs- und Haarstile in die spätere Gothic- und Wave-Szene Einzug hielten (z. B. Rüschenhemden, Abendkleider, Gehstöcke, etc.).

Entwicklung der Gothic-Szene

Ursprung

Die Gothic-Szene entstand ab den frühen 1980er Jahren europaweit als musikkulturelle Jugendszene. Inspiriert durch die Musik von Bands wie Bauhaus, Siouxsie & The Banshees, The Cure, Joy Division, Xmal Deutschland, The Sisters of Mercy oder Christian Death entwickelten sich beispielsweise im deutschsprachigen Raum zunächst kleinere, regionale Gruppierungen (Cliquen), die in der Punk- und New-Wave-Bewegung Westeuropas verwurzelt waren, untereinander jedoch kaum Kontakt hielten. Speziell in den Großstädten standen sich viele der Jugendcliquen infolge von Generationskonflikten feindlich gesinnt gegenüber. Die frühesten Entwicklungsansätze der Gothic-Bewegung in Deutschland lassen sich seit etwa 1982 vor allem in der Hauptstadt Berlin (damals noch West-Berlin) finden, die sich in den 1980er Jahren zum Wallfahrtsort der westdeutschen Gothic-Szene entwickelte und einen intensiven Austausch mit London pflegte. Hier trafen sich die Goths aus der gesamten Bundesrepublik am Bahnhof Zoo oder auf dem Breitscheidplatz; zu den wichtigsten Diskotheken dieser Zeit zählten unter anderem das Trash in Kreuzberg, Sektor, Riverboat oder das Linientreu.[64]

Bereits in der Entstehungsphase der Gothic-Szene galt die erste Welle der Gothic-Musik ca. 1984 als erloschen. Bedeutsame Vertreter wie Bauhaus, The Cure, UK Decay, Specimen, The Southern Death Cult oder The Danse Society wandelten ihren musikalischen Stil oder gingen getrennte Wege. Diese Gegebenheit schlug sich bald auf die englische Regionalszene nieder, die schon in der Mitte der 1980er Jahre erste Verfallserscheinungen zeigte. War die Gothic-Bewegung in England folglich eine Mode-Erscheinung unter vielen, die sich hauptsächlich im Londoner Batcave-Club zusammenfand, so konnte sie im restlichen Europa, insbesondere in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden, Fuß fassen.[65] In Spanien beschränkte sich die Szene zunächst auf die Zentren Madrid und Barcelona, Norditaliens Szene war – ebenso wie die britische – nur eine kurzlebige Bewegung, die in der Mitte der 1980er abflaute und erst in den 1990ern einen Aufschwung erfuhr.[66]

Die Frisuren und Kleidungsstile der Goths waren zu dieser Zeit stark an das Erscheinungsbild der Punk- und New-Wave-Bewegung angelehnt oder wurden von den musikalischen Leitfiguren übernommen. Populäre Künstler wie Robert Smith (The Cure), Rozz Williams (Christian Death), Siouxsie Sioux (Siouxsie & The Banshees), Peter Murphy (Bauhaus) oder Johnny Slut (Specimen) sind bis heute Idole der Gothic-Kultur und dienten hierbei als Vorbild. Als weiterer Einflussfaktor gelten die regionalen Unterschiede bezüglich der Umwelt- und Lebensbedingungen und einem damit verbundenen Lebensgefühl. In Gebieten, die durch Industrie geprägt waren, herrschte vielmehr ein punk-lastiger Kleidungsstil vor. In Regionen, in denen ein historischer Architekturstil dominierte, fühlte sich dagegen ein Teil der Gothic-Szene von Epochen vergangener Tage inspiriert. So entwickelten sich beispielsweise im süddeutschen Raum schnell Kleidungsstile, die sich an der Zeit der Renaissance oder des Barock orientierten. Diese Stile werden häufig auch als Einfluss der New-Romantic-Bewegung gedeutet, eine New-Wave-Teilkultur, die einige Jahre vor Entfaltung der Gothic-Szene in London ihren Ausgangspunkt nahm und sich fallweise mit dieser überschnitt.[67]

Daneben ließen sich unzählige Goths von Filmfiguren aus Horror- und B-Movie-Klassikern wie Nosferatu, Die schwarze Katze, Der Rabe und The Hunger oder Filmkomödien wie The Munsters und The Comedy of Terrors inspirieren. Obwohl sie sich derselben Kultur zugehörig fühlten, unterschieden sich Goths, die sich an Horrorfilm- und Romanfiguren oder an Teilen der New-Romantic-Bewegung orientierten, schon früh von solchen, die eher dem Punk zugeneigt waren, sowohl was ihr Erscheinungsbild als auch ihre Lebensansichten anbelangte.

Aufgrund des Mangels an musikalischen Idolen begann jedoch ab etwa 1987 auch die Szene in Deutschland allmählich zu zerfallen. Diesem Verfall wirkten Gruppen wie The Sisters of Mercy, The Cure oder Fields of the Nephilim entgegen. Neben Robert Smith, der sich nach einem Ausflug in kommerzielle Popgefilde zurück auf seine Dark-Wave-Wurzeln besann, waren insbesondere Andrew Eldritch (The Sisters of Mercy) und Carl McCoy (Fields of the Nephilim) führende Musiker dieser Ära. Letztere beeinflussten die Mode einer neuen Splitterkultur nachhaltig, obgleich der für die frühe Gothic-Kultur charakteristische Punk- und Wave-Look weiterhin dominierte.

Weiterentwicklung

Wave-Gotik-Treffen 2005: Die Szenefotografin Viona Ielegems im „schwarzromantischen Stil“.
Wave-Gotik-Treffen 2005: Die Szenefotografin Viona Ielegems im „schwarzromantischen Stil“.

In den frühen 1990er Jahren erlebte die deutsche Independent-Szene einen Aufschwung, durch die Wende und das Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland wuchs das Interesse an Musik. Es erfolgte ein Austausch zwischen zwei Kulturen und verschiedene Plattenfirmen und Newcomer-Bands, wie The Garden of Delight, Love Like Blood, The Tors of Dartmoor oder Swans of Avon, etablierten sich innerhalb der heranwachsenden Wave- und Gothic-Bewegung.

Erste Treffen wurden arrangiert, so zum Beispiel das Waver-Treffen am 16. Juni 1990 in Köln, das Wave-Gotik-Treffen am 29. und 30. Mai 1992 in Leipzig oder auch das Gothic-Treffen am 6. August 1992 in Berlin. Zahlreiche Musikmagazine, wie das Glasnost Wave-Magazin, Zillo, Sub Line, Gothic Press oder The Gothic Grimoire, etablierten sich auf dem deutschen Markt. Speziell das Zillo avancierte zum Sprachrohr der gesamten Independent-Kultur. Hier erfolgte die regionenübergreifende Kommunikation über einen Kleinanzeigenmarkt. Auf der Basis dieser Austauschmöglichkeiten wuchs mit der Zeit eine Großkultur heran, bei der man erstmals von einer landesweit ausgeprägten Gothic-Szene sprechen konnte.

In dieser Zeit stieg die Nachfrage nach weiteren Musikrichtungen aus dem Dark-Wave-Umfeld, wie beispielsweise Neoklassik, Ethereal Wave und der Neuen Deutschen Todeskunst – aber auch mittelalterlich inspirierter Musik. Künstler und Ensembles wie Dead Can Dance, Qntal, Sopor Aeternus, Lycia oder Estampie genossen einen hohen Stellenwert. Mit Herausbildung der Neuen Deutschen Todeskunst gewann zunehmend die deutsche Sprache in den Clubs an Popularität. Hier waren es Künstler wie Goethes Erben, Lacrimosa oder Relatives Menschsein, die Teile der Gothic-Bewegung hinsichtlich des Kleidungs- und Lebensstils erneut bestärkten.

In Zusammenhang mit der Neuen Deutschen Todeskunst trat erstmals die Splitterkultur der Endzeitromantiker in Erscheinung. Diese formierte sich unter anderem mit der Intention, die noch punk-beeinflusste Grufti-Kultur der 1980er Jahre abzulösen und repräsentierte damit die aus der New-Romantic-Szene vertraute ablehnende Haltung gegenüber der Punk-Bewegung und deren Einfluss auf die Popkultur.

In der Mitte der 1990er erfuhr die Gothic-Szene einen deutlichen Einschnitt. Mit dem Verschwinden des Gothic Rock aus den Clubs und dem simultan verlaufenden Ausklingen der Dark-Wave-Ära verlor die Bewegung ihre Hauptinspirationsquelle – die Musik. Zahlreiche Bands stellten ihre Aktivitäten ein oder gingen stilistisch gänzlich andere Wege. Erst die Jahrtausendwende brachte mit Bands wie Cinema Strange, Zadera, Black Ice, Blood Dead & Sexy oder Batzz in the Belfry einige Neuerungen und führte hierdurch auch ein jüngeres Publikum an die traditionelle Gothic-Musik heran.

Versuch der Kommerzialisierung

Ab dem Ende der 1990er Jahre setzte der Versuch der Kommerzialisierung ein, der in seiner Ausprägung jedoch nicht die Gothic-Kultur und deren Musik selbst erfasste. Einzig die Bezeichnung „Gothic“ wurde dabei – ohne jegliche Berücksichtigung ihrer ursprünglichen Bedeutung – als Vermarktungsetikett aufgegriffen und auf vergleichbare und vollkommen unabhängige kulturelle Strömungen und Musikformen ausgedehnt.

Diese Entwicklung begann insbesondere mit dem Hype um gothic-untypische Musikgruppen wie HIM, Nightwish, Cradle of Filth, Rammstein, Oomph!, Marilyn Manson oder Samsas Traum, die von den Medien häufig mit der Gothic-Kultur in Verbindung gebracht werden, und gipfelte in dem Versuch der Musikindustrie, Retorten-Bands wie Nu Pagadi als Gothic-Acts zu vermarkten. Viele dieser Bands entstammen direkt dem Metal-, Alternative-Rock- und Crossover-Umfeld und sind als Teil der Alternative-Bewegung in den Deutschen Alternative-Charts (kurz DAC) zu finden. Mit der Gothic-Szene und deren Musik haben sie allerdings nichts zu tun.

Obgleich die auf der Grundlage dieser Kommerzialisierungsform neu entstandenen Jugend- und Fan-Kulturen zumeist von Außenstehenden der Gothic-Szene zugerechnet werden, handelt es sich dabei jedoch um Parallelbewegungen, denen der Bezug zur Gothic-Bewegung fehlt.

Gruftis in der DDR

Gruftis im öffentlichen Leben

Die Grufti-Kultur in der Deutschen Demokratischen Republik entwickelte sich etwa gleichzeitig zur westdeutschen Szene. Von der Mitte der 1980er Jahre bis kurz vor der Wende zählte das Ministerium für Staatssicherheit mehr als 600 Gruftis innerhalb der DDR[68], 150 davon allein in Ost-Berlin. Weitere Zentren waren Cottbus, Frankfurt (Oder), Leipzig, Potsdam oder Halle an der Saale. In die zumeist regional organisierten Jugend-Cliquen wurden zirka 36 Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi zur Bespitzelung eingeschleust, auf jede Clique kam somit ungefähr ein IM.[69]

Insbesondere in Kleinstädten herrschten hingegen weniger homogene Strukturen vor. Hier vermischten sich Gruftis mit Punks, Skins oder den New Romantics. Dabei wurden viele Jugendliche staatlich verfolgt, Treffen wurden häufig durch die Volkspolizei aufgelöst und als Bandenbildung aktenkundig vermerkt, Platzverweise und Innenstadtverbote blieben keine Seltenheit. Dieser Umstand machte einen Austausch zwischen den Anhängern der ostdeutschen Wave- und Gothic-Bewegung nur erschwert möglich. Auch von den Schulen wurde massiv Druck ausgeübt. Dies äußerte sich besonders durch die leistungsunabhängige Vergabe schlechter Noten oder durch das Verbot, höhere Schulabschlüsse wie Abitur zu belegen. Mithilfe dieser Maßnahmen wurden viele Gruftis, deren Wunsch nach individueller Entfaltung als Angriff auf das politische System fehlgedeutet wurde, aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen und daran gehindert, einem angemessenen Berufsleben nachzugehen.[70][71]

Ich hatte viel Ärger zu der Zeit. Ich habe das nie verstanden, wenn die auf mich zukamen und Druck machten wegen meines Aussehens. Dass ich damit politisch irgendwo anstoße, war mir überhaupt nicht bewusst, das war auch nicht mein Zweck. Das hatte sich dann erst entwickelt, irgend wann aus Trotz heraus, als ich merkte, dass das System, an das ich glaubte, Treue von der Haarfrisur abhängig machte. (Jörn Ranisch, 29 Jahre, Kartograph)[72]

Musik und Mode

Musikkollektionen beschränkten sich in der Regel auf Magnetbandkassetten (ORWO-Kassetten), deren Aufnahmen überwiegend in schlechter Qualität von Radio mitgeschnitten wurden. Als ein bedeutendes Medium galt hierbei die Sendung „Parocktikum“, die in der zweiten Hälfte der 1980er vom Jugendradio DT64 ausgestrahlt wurde. Mithilfe dieser Radiosendung erlangten Bands wie Joy Division, The Cure, Alien Sex Fiend, Bauhaus, Einstürzende Neubauten, Cocteau Twins, The Smiths, Dead Can Dance, Clan of Xymox, Marquee Moon und viele andere im Osten Deutschlands schnell Bekanntheit. Dessen ungeachtet blieb die Anzahl landeseigener Wave- und Gothic-Bands gering. Kultstatus erreichten lediglich Rosengarten aus Salzwedel und Die Art aus Leipzig.[73] Eine der Hauptursachen hierfür war der beständige Mangel an peiswerten und leistungsfähigen Instrumenten:

Synthie-Bands gab es nur sehr wenige. Spitzentechnik aus dem Westen war sehr teuer, eine Gitarrre konnte man sich gerade noch leisten. Synthesizer aus der DDR-Produktion konnte man gleich in die Mülltonne schmeißen. Vermutlich gab es deswegen überwiegend Gitarrenbands. (Thomas Böttcher & Jens-Uwe Helmstedt, Musiker)[74]

Seltener waren Schallplatten und Kaufkassetten, die über Polen, Ungarn oder die BRD in die „Zone“ gelangten. Für Alben von Depeche Mode, The Cure oder Bauhaus zahlte man in der DDR nicht selten überhöhte Preise. Andererseits wurden einige Veröffentlichungen vom Plattenlabel Amiga (VEB Deutsche Schallplatten) verlegt. Diese Tonträger waren angesichts ihrer geringen Stückzahlen und infolge der hohen Nachfrage jedoch schon unmittelbar nach Erscheinen vergriffen und wurden nachfolgend als Sammlerstücke gehandelt.

In Bezug auf die Mode ließ man der Kreativität oftmals freien Lauf, da viele Kleidungselemente des Grufti-Looks in herkömmlichen Kaufhäusern nicht erhältlich waren. Hauptsächlich aus der Not heraus wurden viele Gegenstände aus dem alltäglichen Leben zweckentfremdet. So wurden unter anderem Gewänder aus kostengünstigem Fahnenstoff geschneidert oder Metallzugketten von Toilettenspülungen zu tragbarem Schmuck verarbeitet. Für Nietengürtel- und armbänder erwiesen sich vor allem die Dornen von Spikes als optimal.[75][76]

Veranstaltungen

Obwohl in den Jahren 1985 bis 1988 zahlreiche Treffen von der Staatsgewalt unterbunden wurden, schafften es die Anhänger der ostdeutschen Szene dennoch, spontan und illegal private Feten zu organisieren. Größere Veranstaltungen, wie sie in Berlin (Silvesterfeste 1987/1988) und Dresden stattfanden, waren hingegen selten. Ein Schlüsselereignis in der Geschichte der ostdeutschen Wave- und Grufti-Bewegung war die Walpurgisnacht 1988. In Potsdam auf der ehemaligen Schlossruine Belvedere auf dem Pfingstberg trafen sich – nach anfangs 20 Leuten – etwa 150 Schwarze aus der gesamten Republik. Der zunächst ungestörte Ablauf dieser Zusammenkunft wurde jedoch von den Ordnungskräften des damaligen DDR-Regimes beendet.

Am 4. und 5. August 1990 fanden in Leipzig und Dresden die beiden ersten und einzigen Konzerte von The Cure im ostdeutschen Raum statt. Mehrere tausend Festivalbesucher aus Ost und West wohnten den mehrstündigen Konzerten friedlich bei.[77] Die Aufführung in Leipzig wurde im September desselben Jahres vom Deutschen Fernsehfunk übertragen, allein bei diesem Konzert schwanken die Angaben zur Besucherzahl zwischen 5.000 und 10.000.[78]

Abschwung und Auftrieb

Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung erlebte die ostdeutsche Szene einen rasanten Abschwung. Zahlreiche Gruftis und Waver wanderten aufgrund fehlender Zukunftsperspektiven in die alten Bundesländer ab. Weitere Teile der Bewegung wandten sich infolge ansteigender sozialer Missstände und politischer Orientierungslosigkeit der Neuen Rechten oder gar der Neonazi-Szene zu. Gleichzeitig wuchs eine neue Generation von Gruftis heran und initiierte einen kulturellen Auftrieb auf gesamtdeutscher Ebene.[79][80]

Quellen

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  2. Quelle: Scathe Demon · A History of Goth · Name · http://www.scathe.demon.co.uk/name.htm
  3. Quelle: Ingo Weidenkaff · Jugendkulturen in Thüringen · Die Gothics · Seite 41 · 1999 · ISBN 3-933773-25-3
  4. Quelle: Ecki Stieg · Gothic! · Die Szene in Deutschland aus der Sicht ihrer Macher · Seite 15 · 2000 · ISBN 3-89602-332-2
  5. Quelle: Scathe Demon · A History of Goth · Name · http://www.scathe.demon.co.uk/name.htm
  6. Quelle: Scathe Demon · A History of Goth · Batcave · The Face Magazine · Artikel Pt.1 / Artikel Pt.2
  7. Quelle: Manfred Stock / Philipp Mühlberg · Die Szene von innen · Grufties · Seite 84 · 1990 · ISBN 3-86153-007-4
  8. Quelle: Doris Schmidt / Heinz Janalik · Grufties · Jugendkultur in Schwarz · Begriff „Grufties“ · Seite 16 · 2000 · ISBN 3-89676-342-3
  9. Quelle: Birgit Richard · Kursbuch Jugendkultur · Schwarze Netze · Seite 129 · 1997 · ISBN 3-927901-86-5
  10. Quelle: Ingo Weidenkaff · Jugendkulturen in Thüringen · Gothic quo vadis? · Seite 45 · 1999 · ISBN 3-933773-25-3
  11. Quelle: Klaus Farin · Die Gothics · Interview mit Claus Müller · Herausgeber des Orkusmagazins · Seite 63 · 2001 · ISBN 3-933773-09-1
  12. Quelle: Peter Matzke / Tobias Seeliger · Das Gothic- und Dark-Wave-Lexikon · Gothic Rock · Seite 185 · 2002 · ISBN 3-89602-277-6
  13. Quelle: Neurostyle Musikmagazin 3/96 · Dreadful-Shadows-Interview mit Statements von Jens Riediger und Love Like Blood · Seite 46 · 1996
  14. Quelle: Sven Friedrich · Gothic! · Die Szene in Deutschland aus der Sicht ihrer Macher · Seite 36 · 2000 · ISBN 3-89602-332-2
  15. Quelle: Ronald Hitzler, Thomas Bucher, Arne Niederbacher · Leben in Szenen · Schwarze Szene · Seite 81 · 2005 · ISBN 3-531-14512-6
  16. Quelle: Ingo Weidenkaff · Jugendkulturen in Thüringen · Die Gothics · Seite 42 · 1999 · ISBN 3-933773-25-3
  17. Quelle: Ingo Weidenkaff · Jugendkulturen in Thüringen · Die Gothics · Seite 41 · 1999 · ISBN 3-933773-25-3
  18. Quelle: Arvid Dittmann · Artificial Tribes · Jugendliche Stammeskulturen in Deutschland · Gothics · Seite 131 · 2001 · ISBN 3-933773-11-3
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  20. Quelle: Manfred Stock / Philipp Mühlberg · Die Szene von innen · Grufties · Seite 48, 50, 51, 89, 107 · 1990 · ISBN 3-86153-007-4
  21. Quelle: Arvid Dittmann · Artificial Tribes · Jugendliche Stammeskulturen in Deutschland · Gothics · Seite 131 · 2001 · ISBN 3-933773-11-3
  22. Quelle: Ingo Weidenkaff · Jugendkulturen in Thüringen · Die Faszination des Andersseins · Seite 43 · 1999 · ISBN 3-933773-25-3
  23. Quelle: Manfred Stock / Philipp Mühlberg · Die Szene von innen · Grufties · Seite 101, 102 · 1990 · ISBN 3-86153-007-4
  24. Quelle: Ingo Weidenkaff · Jugendkulturen in Thüringen · Die Szenen der Schwarzen · Seite 38 · 1999 · ISBN 3-933773-25-3
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  26. Quelle: Kirsten Wallraff · Die Gothics · Die Mode der Szene · Endzeitromantiker · Seite 16 · 2001 · ISBN 3-933773-09-1
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  38. Quelle: Volkmar Kuhnle · Das Gothic-Lexikon · Klischeevorstellungen · Seite 10 · 1999 · ISBN 3-89602-203-2
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