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Als Großwohnsiedlung bzw. Großsiedlung werden große Wohnquatiere bezeichnet, die als eine Einheit konzipiert wurden. Dadurch unterscheiden sich Großsiedlungen von Stadtteilen die langsamer, durch kontinuierliche Erweiterung gewachsen sind. Eine eindeutige Definition des Begriffs ist nicht bekannt. Beschrieben werden sie unter anderem als Neubausiedlungen aus der Nachkriegszeit mit mindestens 1.000 Wohneinheiten. Davon gibt es in Ostdeutschland 386 (Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 177), für Westdeutschland lassen sich keine vergleichbaren Zahlen finden. Heute befinden sich 95 der 240 Siedlungen mit über 2.500 Wohneinheiten in den alten Bundesländern und 144 in den neuen (Müller/Rietdorf, 2000, Seite 57).
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Ausgangssituation für die Planung von Großwohnsiedlungen in der BRD wie in der DDR war die drückende Wohnungsnot. Trotz der Wiederherstellung vieler im Krieg zerstörter Häuser, gab es beständig zu wenig Wohnraum, was nur zum Teil durch die Zerstörungen des Krieges bedingt war. Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und eine hohe Geburtenrate verschärften die Lage. Die Zerstörungen des Krieges wurden von Stadtplanern auch als Chance gesehen. Viele der gescholtenen Mietskasernen waren zerstört und konnten nun den Ideen von großzügigen Anlagen, Straßen und Wohnhäusern weichen. Nach all den schlechten Erfahrungen, die man mit der traditionellen Städtebauweise gemacht hatte setzte man Hoffnungen auf das Gartenstadt-Konzept und Bauhausstil. Grundlage der Planungen war die Ideen zur funktionalen Aufteilung der Städte nach der Charta von Athen und die raumwirtschaftlichen Theorien zum Beispiel von Walter Christaller. Die Großwohnsiedlungen der 1960er, 1970er und teilweise auch 1980er Jahre konnten als Plattenbauten in Fabriken sehr rationell angefertigt werden, was diesem Baustil einen Preisvorteil brachte. Im Osten aber entstand ein großer Teil der Siedlungen erst in den 70er und 80er Jahren im Zuge des Wohnungsbauprogramms der DDR, als in den alten Bundesländern nur noch vereinzelt neue Großsiedlungen gebaut wurden (Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 178).
Nachdem sich seit der Gründung vieler Städte im 12. Jahrhundert über Jahrhunderte nicht viel an dem Verhältnis von Stadt und Land änderte, traten Anfang des 19. Jahrhunderts neue Entwicklungen auf. Das Bürgertum zog aus der Enge der Stadt ins Umland, wodurch die ersten Vorstädte entanden. Gefördert wurde dieser Prozess durch die gesteigerte Mobilität und vor allem dem schlechteren Lebensverhältnissen in den Stadtzentren. Zudem zog es viele Menschen bei der Suche nach Arbeit in den damals entstehenden Manufakturen und Fabriken (Industrialisierung) vom Land in die Stadt. Es entstanden Mietskasernen, in denen die Menschen wohnten.
Die Gartenstadt-Vision bestimmte durch die Kaiserzeit, die Weimarer Republik, das „Dritte Reich“ und die Wiederaufbaujahre bis in die 1970er Jahre das Denken der Stadtplaner unterschiedlich. Wie viele der ersten Gartenstädte entstand ab 1907 zum Beispiel in Essen der Stadtteil Margarethenhöhe als Werkssiedlung. Auf dem Höhepunkt der Bewegung zu Zeiten der Weimarer Republik, träumten ihre Vordenker wie Bruno Taut von neuen Städten von 300 000 bis 500 000 Einwohner, aufgelöst und 'völlig im Charakter der Gartenstadt gedacht, mit niedrigen Einzelhausreihen und tiefen Gärten für jedes Haus, gänzlich ohne Mietskasernen und als genossenschaftliche Unternehmungen. (Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, Seite 33). Diese Visionen von Gärtenstädten vermischten sich mit der damals aufkommenen Schlichtheit des Bauhaus-Stils. Während der Zeit des Nationalsozialismus musste sich die Gartenstadtbewegung den politischen Gegebenheiten unterwerfen – 1939 werden landesweit, bis auf wenige Ausnahmen, alle Wohnungsunternehmen der DAF in Neue Heimat umbenannt. (Hoffman, 2004).
Die in Westdeutschland in den 50er und 60er Jahren meist am Rand der Großen Städte, nicht selten auf den Flächen oder in unmittelbarer Nähe von Baracken oder Behelfsheimen zur quantitativen Wohnungsversorgung von Flüchtlingen, Obdachlosen oder anderen Angehörigen unterer Bevölkerungsschichten entstandenen Großsiedlungen wurden im Rahmen des öffentlich geförderten Mietwohnungsbaus errichtet. In den späten 60er und 70er Jahren entstanden solche Siedlungen als neue Stadtteile oder Trabantenstädte vor allem in den industriellen Ballungsgebieten zur Abdeckung des inzwischen gewachsenen qualitativen Wohnungsbedarfs sowie zum Auffangen der aus innerstädtischen Sanierungsgebieten verdrängten wirtschaftlich schwachen Bevölkerung.
In der ehemaligen DDR hingegen, wo bereits seit den früheren 50er Jahren auf der Grundlage eines zentralistischen Wirtschaftssystems territorialplanerisch ein von neuen Zielvorstellungen ausgehende 'Standortverteilung der Produktivkräfte' angesteuert wurde, die darauf gerichtet war, historisch überkommene regionale Disparitäten z.B. zwischen den industriell geprägten südlichen Landesteilen und dem traditionell agrarisch geprägten Norden und Osten zu überwinden, war der massenhafte und industriell gefertigte Wohnungsbau in Form neuer Wohnkomplexe und -gebiete 'auf der grünen Wiese' stets mit der gleichzeitig einhergehenden Errichtung neuer Produktionsbetriebe und Industriegebiete bzw. der Ansiedlung von Einrichtungen der Landesverteidigung oder ähnlichem verbunden. (Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 178)
Es finden sich in der Literatur eine Reihe Studien, die sich mit Großwohnsiedlungen auseinandersetzen, jedoch finden die kaum Fakten zu ihren Problemen Erwähnung. Weder gibt es genaue Daten zu ihrem Image noch zu tatsächlichen Fehlentwicklungen. Hochhaussiedlungen sind nicht unbedingt populär: Wer in den besseren Vierteln wohnt, kennt meist niemanden in der Platte. Und umgekehrt. Nicht mal als soziale Brennpunkte sind die in den sechziger Jahren hastig geplanten Quartiere interessant, denn Armut, Arbeitslosigkeit und Alkoholismus bringen keine Einschaltquoten. Das Wissen um die Viertel ist folgerichtig vage: irgendwie hässlich, irgendwie gefährlich, irgendwie asozial. Und kriminell. Obwohl im MV, erbaut 1963 bis 1974 und bewohnt von rund 40 000 Menschen, die Kriminalitätsrate im Berliner Vergleich im Mittelfeld liegt. (Lau, 2004, Seite 130) Ein Teil des schlechten Rufes von Großwohnsiedlungen scheint also in ihrem krassen Gegensatz zum Ideal des Einfamilienhauses mit Garten (siehe 2.2) zu liegen. Der Rest beruht offenbar auf Hörensagen. Den Neubaugebieten werden schlechte Eigenschaften zugeschrieben, die zu einer Diskriminierung der Wohnform und der Einwohner führt.
Ein Prozess, der allgemein als „soziale Stigmatisierung“ bezeichnet wird. Nach Rietdorf und Liebmann kann diese Sigmatisierung dann als Folge tatsächliche soziale Probleme haben, wenn nämlich im sogenannten „filtering down“ Prozess durch die Stigmatisierung („push“-Faktor) und die Förderung des randstädtischen Neubaus („pull“-Faktor) Besserverdienende wegziehen. Dieser Verlust an sozialer Durchmischung kann zu undifferenzierten Mietpreisen und den Nachzug subventionsabhängiger Mieter führen. Eine Konzentration von „sozial Unangepassten“ macht aus einem Viertel dann einen tatsächlichen sozialen Brennpunkt. (vgl. Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 183) Es geht im Prinzip die stabilisierende Wirkung der [...] Mischung sozialer Schichten (Häußermann/Siebel, 1996, Seite 155) verloren.
Für viele der Siedlungen, die in Ostdeutschland errichtet wurden, kommt das Problem hinzu, dass mit der Abwicklung der dazugehörigen Betriebe die Arbeitsplätze wegfielen. Außerdem entsprechen in Ost wie in West die Gebäude nicht mehr unbedingt dem Wohnungsbedarf und das Angebot ist durch die Gleichförmigkeit nicht besonders ausdifferenziert. (vgl. Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 180) Je einseitiger sich eine Großwohnsiedlung an eine monostrukturelle Wirtschaftsentwicklung koppelte, je größer der Anteil der Wohnungen in den Großsiedlungen einer Stadt am gesamten Wohnungsbestand der betreffenden Stadt und je geringer die städtebauliche und sozialstrukturelle Integration der Großsiedlungen ausgebildet ist, desto komplizierter und schwieriger wird voraussichtlich ihre mittel- und langfristige Entwicklungsperspektive sein. (Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 180) Nicht nur der Wegzug von Besserverdienern, auch der soziale Abstieg der Bewohner kann somit zu den beschriebenen (Image-) Problemen führen.
Gerade aber die Befürchtung des sozialen Abstiegs scheint die ostdeutschen Großwohnsiedlungen wieder beliebter zu machen und die soziale Struktur dort zu stabilisieren. Während die innerstädtischen renovierten Altbauten oft leer stünden, gäbe es in den Plattenbauten kaum mehr Leerstände. (vgl. Balzer, 2004)
Ein Teil des schlechten Rufes von Großwohnsiedlungen beruht auf schlechter Informationslage und gezielter Fehlinformation.
Wenn Medien über diese Viertel berichten, dann oft nur, um Klischees zu bedienen und wenn Ereignisse von Nachrichtenwert geschehen, sind das meistens negative Nachrichten - Wie zum Beispiel der Brandanschlag von Neo-Nazis in Rostock-Lichtenhagen im Juli 1992 – die zum schlechten Ruf der Siedlungen beitragen.
Tatsächlich können die Bewohner diese Vorurteile nicht nachvollziehen. In der Beschreibung zur Ausstellung „Das Märkische Viertel - Idee Wirklichkeit Vision“ schreib Kurator Falk Jaeger: Die Bewohner sahen ihre Siedlung immer in positiverem Licht als die Betrachter von außen. Im Jahr 2003 ergab eine von der GESOBAU AG beauftragte Befragung, dass sie sich in ihrer Siedlung sehr wohl fühlen. Häufig bleiben Kinder und Kindeskinder im Quartier.
Das Hauptproblem ist offenbar tatsächlich eines des Marketings. Will man Großwohnsiedlungen wieder zu lebenswerten Stadtteilen entwickeln, muss man vor allem gegen die gängigen Vorurteile kämpfen. Ist ein Stadtteil tatsächlich zum sozialen Brennpunkt geworden, stehen andere Maßnahmen an. Hier kann man von den Erfahrungen in Frankreich lernen. Dort gibt es die sogenannten „Grands ensembles“ - Stadtteile, die den Plattenbausiedlungen nicht unähnlich sind. Bei den Bewohnern handelt es sich hauptsächlich um nordafrikanische Einwanderer. (vgl Rietdorf/Liebmann, 1998) Seit den 80er Jahren gibt es hier eine über dem Durchschnitt liegende Arbeitslosigkeit, ein vergleichsweise geringes Ausbildungsniveau, eine große Anzahl von Schulabbrechern, hoher Anteil Drogensüchtiger und wachsende Kriminalität, insbesondere unter Jugendlichen. (Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 183)
Schon seit Mitte der 70er Jahre betreibt der französische Staat verschiedene Programme wie zum Beispiel „Wohnen und soziales Leben“, „Vom Wohngebiet zur Stadtwerdung“ und „Soziales-urbanes Entwicklungsprogramm“. Um an die staatlichen Förderungen zu kommen, müssen die Städte mit dem Staat Verträge schließen, die in ihren fünfjährigen Laufzeiten zu Maßnahmen zur Berufsausbildung, Arbeitsplatzbeschaffung, zur Unterstützung der lokalen Ökonomie verpflichten. (vgl Rietdorf/Liebmann, 1998)
Diese Probleme seien zwar nicht 1:1 auf eventuelle künftige Problemeskalationen in Deutschland übertragbar, jedoch sind sie durchaus interessant, da sie a) [...] über bauliche und städtebauliche Fragestellungen von Anfang an hinausgehen. b) Stets soziale und ökonomische Probleme integriert aufgreifen und c) jeweils differenziert auf die spezifischen Situationen in den betreffenden Regionen und Kommunen eingehen. (Rietdorf/Liebmann, 1998, Seite 184)