Gruppenpsychotherapie nutzt die in einer Gruppe auftretenden speziellen Gruppenphänomene (Gruppendynamik, Übertragung) für die Psychotherapie, indem mehrere Patienten in einer Gruppe behandelt werden.
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Der Begriff "Gruppenpsychotherapie" wurde zum ersten Mal in den 1950-er Jahren von Moreno im Zusammenhang mit dem Psychodrama verwendet. Der Begriff "Group Analysis" stammt von Trigant Burrow [1].
Therapeutische Arbeit in Gruppen gabs aber schon früher: 1909 Gruppenarbeit auf einer Tuberkulosestation von Pratt, in den 1920er-Jahren Versuche mit Gruppen durch die Analytiker Schilder (publiziert 1936), Adler, Aichhorn, Bernfeld, 1921 das Stegreifspiel von Moreno. Aus Kostengründen arbeitete man damals mit Guppen von 30 bis 200 Teilnehmern. 1926 schreibt Burrow über kollektive Phänomene in Gruppen. Der Wunsch, den Einfluss der Gruppe und der Gesellschft (Sozialpsychologie) auf den Patienten zu verstehen und die Notwendigkeit, viele Patienten gleichzeitig zu behandeln, waren die Motive dieser Entwicklung.
Pioniere der Gruppenpsychotherapie sind: 1940 Slavson (veröffentlicht 1950 in "Analytic Group Psychotherapy", dt. 1977), Bion mit der Gruppenanalyse (publiziert 1959), 1940 "freies Assoziieren in der Gruppe", 1942 Therapeutische Gemeinschaft, 1944 Gruppenanalyse von Foulkes. Einen weiteren Entwicklungsschub gab es in den 1960er- bis 1980er-Jahren mit Moreno, Balint, Battegay, Schindler, Perls, Rogers, Rattner, Richter, Heigl-Evers.
Je nach Schule haben die drei Sichtweisen einen besonderen Schwerpunkt oder ergänzen einander:
Die Gruppe wirkt als Abbild der Gesellschaft und der Herkunftsfamilie jedes Teilnehmers. Grundlage ist immer ein tiefenpsychologisches Konzept, ergänzt mit Erkenntnissen aus der Sozialpsychologie und der Gruppendynamik. In der Gruppe ist kein Thema vorgegeben. Die Teilnehmer sprechen über das was sie gerade beschäftigt und teilen Einfälle und Phantasien möglichst frei mit (freie Assoziation). Der Therapeut verhält sich wohlwollend, neutral und abstinent. Dadurch entsteht eine unstrukturierte Situation, in der Teilnehmer Beziehungserfahrungen aus ihrer Kindheit und die damit verbundenen Gefühle wiedererleben können (Übertragung). Im Konflikt werden verbotene Wünsche und verinnerlichte kulturelle und elterliche Tabus deutlich. Kraft-zehrender Widerstand wird abgebaut, abgewehrte Gefühle und Energien werden frei und können neu und zunehmend hilfreicher eingesetzt werden.
Die wichtigsten Wirkfaktoren sind (in dieser Reihenfolge): der Ausdruck von Gefühlen, der emotionale Zusammenhalt in der Gruppe, gemeinsames zwischenmenschliches Lernen. Erfolgreich sind Teilnehmer, die in der Gruppe zu anderen Beziehungen aufnehmen, sich selbst den anderen gegenüber öffnen, anderen Feedback geben und selbst welches erhalten und annehmen, [2]
Für den Therapeuten ist die Komplexität der Übertragungen und Gegenübertragungen der Teilnehmer untereinander und auf den Leiter und umgekehrt eine grosse fachliche und persönliche Herausforderung. Er arbeitet mit bewusst machen von Verdrängtem und aufdecken von Widerstand, mit der Analyse von Übertragung und Gegenübertragung, durch Einsicht und Ich-Stärkung, und ermöglicht in der Begegnung mit anderen neue emotionale Erfahrungen, unmitelbarere Beziehungen und eine neue Sicht der Welt.
Das Psychodrama von Moreno entstand als "Therapie in der Gruppe mit der Gruppe für die Gruppe" und verband Gruppenpsychotherapie mit Soziometrie und Stegreifspiel. Der Klient (Protagonist) gestaltet als Hauptdarsteller des psychodramatischen Spiels im "Hier und Jetzt" einer Psychodrama-Bühne sein therapeutisches Thema. Bekannte Elemente sind das Doppeln, das Sharing und das Feedback. Ziel des Psychodramas ist die Aktivierung und Integration von Spontaneität und Kreativität. Konstruktives spontanes Handeln ist zustande gekommen, wenn der Protagonist für eine neue oder bereits bekannte Situation eine neue und angemessene Reaktion findet.
Slavson analysierte den Einzelnen in der Gruppe. Der "sozialen Hunger" könne nur in der Gruppe gestillt werden. Sein Ziel war die Stärkung des Ich gegenüber dem Es und dem Über-Ich. Dabei nutzte er die unstrukturierte Gruppensituation, um mittels Deutung traumatische Erinnerungen zu wecken und über deren Ausdruck in Gegenwart Dritter (Katharsis) Mitgefühl zu erfahren. Der Analytiker ist der entscheidende Wirkfaktor.
Bion entwickelte die "führerlose Gruppe", das Tavistock-Modell der Gruppenanalyse. Siehe auch Gruppendynamik. Jeder Mensch ist immer Mitglied einer Gruppe, nur in der Gruppe kann er seine Fähigkeiten verwirklichen. Er betrachtet die therapeutische Gruppe als Einheit, als etwas Ganzes, "wie ein Individuum". Die "analytische Diade" besteht dabei nicht aus Therapeut und Klient, sondern aus Therapeut und Gruppe. Der Gruppenanalytiker ist als "Nicht-Mitglied" zentrales Objekt für die Übertragungen der Teilnehmer. Er richtet als "Anwalt der Realität" seine Deutungen immer auf die Gruppe als Ganzes und speziell auf die Grundeinstellungen:
Diese Grundeinstellungen sind Wünsche, die den Verlauf und die Arbeitfähigkeit einer Gruppe prägen. Betrachtet wird immer das Hier-und-Jetzt. Ziel ist immer die Arbeitsfähigkeit, also Realitätsbezug, Zeitbezug, Verstehen der Zusammenhänge, kooperatives Handeln und bewusstes Gespräch. Dazu wird der Zusammenhalt in der Gruppe gestärkt, die Abwehr gegen ursprüngliche Ängste und die Abhängigkeit von einem idealen Führer verringert.
Foulkes betrachtet die Gruppe als Netzwerk von Beziehungen und den Gruppenanalytiker als Gruppenmitglied mit besonderer Funktion. Der Mensch ist definiert durch die Gruppe in der er lebt und durch die Gemeinschaft der er angehört. Alle Kräfte in einer Gruppe bilden die ""Gruppenmatrix", die Gruppe ist mehr als die Summe ihrer Mitglieder. Psychische Störungen wurzeln in einer Störung der Kommunikation, in der Entfremdung von der Gemeinschaft, und ist immer Aussdruck einer Störung in der Herkunftsfamilie. In der therapeutischen Gruppe versucht der Einzelne genau diese gestörte Situation wiederherzustellen (Wiederholung als Widerstand gegen Erkenntnis und Veränderung). Die Gruppe wirkt dem entgegen durch Analyse und Konfrontation. Der Weg geht vom Symptom zum Konflikt zur Konfliktlösung. Durch Ich-Training in der Gruppe gelangt der Einzelne zu seiner wahren Identität. Der Teilnehmer teilt mit den anderen seine tiefsten Sorgen, erfährt die andern als in der gleichen Situation wie er, dadurch löst sich seine Isolation auf und er fühlt sich geborgen. Wie in einem Spiegel erkennt er seine Situation in der der anderen und lernt sich und die anderen verstehen. Je stärker der Gruppenzusammenhalt, desto leichter ist es immer tiefer zu gehen und auch untereinander Konflikte ausztragen. Dadurch entsteht grosses Vertrauen und persönliche Stärke. Deshalb ist Gruppentherapie auch für Patienten mit frühen traumatischen Störungen geeignet.
Die Hauptarbeit wird von den Gruppenmitgliedern selbst geleistet, der Therapeut sei nur Dirigent. Der Therapeut interveniert nur, wenn die Gruppe nicht weiterkommt. Er deutet sowohl die Lebensgeschichte des Einzelnen, als auch die Prozesse in der Gruppe, die als Inszenierung der kollektiven Phantasien verstanden wird.
Heigl und Heigl-Evers entwickelten das Göttinger Modell für Ich-schwache schwer gestörte Patienten. Der Gruppenprozess soll dem Einzelnen in drei Stufen Einsicht in seine Konfliktstruktur vermitteln.
In der Gestalttherapie nach Fritz Perls entwickelte sich aus der "Einzelarbeit vor der Gruppe" zum Zwecke der Demonstration die Gestaltgruppe. Die Gruppe wird nicht nur als Energieverstärker benutzt, sondern die Beziehungen und die Dynamik der Teilnehmer untereinander zum Thema gemacht wird. Bekannte Elemente sind der heisse Stuhl und das Feedback. Kontaktstörung, Gewahrsein, dialogisches Prinzip und der Umgang mit Aggression sind Schlüsselelemente. Die Sitzung endet mit einem Sharing, in dem die Teilnehmer einander Feedback geben. Ziel ist immer die Herstellung von Kontakt durch Gewahrsein seiner selbst und der anderen.
Immer wieder erfolgt dieser Dreischritt:
Dan Casriel entwickelte die kathartische Casriel-Therapie. Durch Erfahrung von emotionaler Offenheit, verbunden mit körperlicher Nähe zu einem anderen Menschen, werden frühe Verletzungen aktiviert, und die damit verbundenen Gefühle, negativen Einstellungen, körperlichen Blockierungen und zerstörerischen Verhaltensmuster durchgearbeitet und gelöst. Dadurch entwickelt sich Lebensfreude und Lebensenergie.
Die Therapeutische Gemeinschaft fördert gegenseitiges Lernen, soziale Verantwortung und spirituelles Wachstum. Die Therapeutische Gemeinschaft dient neben der Selbstorganisation des Alltagslebens insbesondere als ein Lern- und Übungsfeld, um in einem geschützten Rahmen Neues wagen zu können und über emotionale Neuerfahrungen emotionale Muster sowie Verhaltens- und Denkmuster zu verändern. Das Zusammenleben in der Gemeinschaft soll die dafür notwendige sichere und zur Veränderung ermutigende Atmosphäre schaffen. Dazu gehört der Austausch unter Betroffenen über gefundene Lösungswege, sowie auf den anderen zu reagieren, seine eigenen Wahrnehmungen und emotionalen Reaktionen auf dessen Verhalten ernst zu nehmen und dem anderen mitzuteilen, und sich so gegenseitig im Genesungsprozess zu unterstützen. Sich selbst in den Augen und Herzen seiner Mitmenschen begegnen uns im Spiegel unseres Nächsten zu finden. Wesentlich sind klare Strukturen und verbindliche Absprachen und Regeln. Die Therapeutische Gemeinschaft trifft sich mehrmals die Woche zu so genannten Komitees und zu einer Vollversammlung.
Die therapeutische Gemeinschaft ist ein System gegenseitiger Unterstützung in der Klinik, welches einen heilsamen und nährenden Rahmen für die Behandlung der Patienten bietet. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil im Konzept milieu- und soziotherapeutischer Arbeit. Die Beteiligung der Patienten an der Organisation und der Gestaltung der Abläufe in der Klinik fördert auch die Fähigkeit zur Bewältigung lebenspraktischer Aufgaben. Die Therapeutische Gemeinschaft ist verbreitet in psychosomatischen Kliniken und Sucht-Kliniken.
Elemente der Therapeutischen Gemeinschaft sind:
In der Grossguppenpsychotherapie von Josef Rattner werden seit 1970 Patienten in Gruppen mit bis 150 Teilnehmern (üblicherweise 60 bis 80) behandelt. Die Sitzungen werden von Therapeuten des damals gegründeten "Arbeitskreis für Tiefenpsychologie, Gruppendynamik und Gruppentherapie" am ITGG-Berlin: Institut für Tiefenpsychologie,Gruppen-dynamik und Gruppentherapie e.V. durchgeführt. Sie finden 2 mal wöchentlich statt und werden von mehrere Therapeuten begleitet. Entwickelt wurde die Grossgruppentherapie, weil für zu viele Patienten zuwenig Therapeuten zur Verfügung standen. Gearbeitet wird mit einem psychoanalytischen Hintergrund nach Alfred Adler ("Verstehenden Tiefenpsychologie und Kulturanalyse"). Wesentlich ist die Bildung eine Gemeinschaftsgefühls als Basis zur Lösung der drei Lebensaufgaben Arbeit - Liebe - Gemeinschaft. Charakteristisch ist eine ruhige optimistische spannungsfreie Atmosphäre. Ein Teilnehmer ist über mehrere Sitzungen im Zentrum der Aufmerksamkeit, alle anderen lernen durch Beobachtungslernen und durch teilnehmende Beobachtung. Behandelt werden Patienten mit allen psychischen Störungen, auch Psychosen. [1]
Jede Schule hat ihr eigenes Ausbildungskonzept. Dabei unterscheiden sich die Zugangsvoraussetzungen je nach Land und Psychotherapiegesetz. Allen gemeinsam ist aber eine vorausgehende Ausbildung in einem einzeltherapeutischen Verfahren und eine intensive Selbsterfahrung in der Gruppe plus Arbeit als Co-Therapeut und als Therapeut unter Supervision.
In Österreich werden gefordert: 300 Std. Selbsterfahrung in Einzelanalyse, 250 Std. Selbsterfahrung in Gruppenanalyse, 300 Std. Theorie, 300 Std. Gruppenanalyse, 300 Std. Einzeltherapie, 160 Std. Supervision, 550 Std. Praktikum mit 30 Std Praxissupervision.
Die folgenden Gruppen werden nicht zur Gruppenpsychotherapie gezählt. Wobei es bei manchen durchaus fliessende Übergänge gibt.
Selbsterfahrungsgruppen und Encountergruppen ermöglichen neue psychosoziale Erfahrungen und Lernen über das eigene Verhalten in der Gruppe. Psychische Stabilität ist Teilnahmevoraussetzung. Für die Ausbildung von Gruppenpsychotherapeuten, Supervisoren und Gruppendynamikern ist die Teilnahme Zulassungsbedingung. In Selbsterfahrungsgruppen gibt es immer fliessende Übergänge zur Gruppenpsychotherapie (klientzentriert/gestalttherapeutisch, gruppendynamisch).
Trainingsgruppen in der Gruppendynamik (T-Group) haben oft auch einen gruppen-therapeutischen Charakter und fast immer eine therapeutische Wirkung. Das gilt auch für Gross-Gruppen (Organisations-Laboratorium).
In Selbsthilfegruppen unterstützen sich Betroffene gegenseitg. Bekannt sind die "A-Gruppen" nach dem 12-Schritte-Modell. Sie werden oft vorbereitend, begleitend und nachsorgend-stabilisierend parallel zur Therapie eingesetzt.
Psychoedukation bedeutet Schulung von psychisch Kranken, manchmal zusammen mit ihren Angehörigen, damit sie die Krankheit und die Behandlung besser verstehen. Erfahrungsaustausch und Hilfe zur Selbsthilfe sind weitere Inhalte. Psychoedukation wird nicht zur Gruppenpsychotherapie gezählt.
Trainings- und Übungsgruppen zur Stressbewältigung, Angstbewältigung, etc. oder Kommunikationstraining, Selbstsicherheitstraining, etc. folgen oft einem vorgegebenen Ablauf mit klar strukturierten verhaltenstherapeutischen Übungen nach einem Handbuch (Manual). Sie werden nicht zur Gruppenpsychotherapie gezählt. Dennoch haben sie eine therapeutische Wirkung.
Gruppensupervision behandelt je nach Schwerpunkt die Beziehungen in einer Gruppe von Therapeuten, Pädagogen oder anderer psychosozialer Berufe (Teamsupervision), bzw. die berufliche Kompetenz im Umgang mit Klienten (Fallsupervision). In der analytischen Balint-Gruppe besprechen Therapeuten anhand eigener Fallgeschichten ihre Beziehung zu Patienten (und lernen dabei viel über sich selbst). Die Übergänge zu Gruppentherapie sind manchmal fliessend. Ähnliches gilt für Lehrsupervision.
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