Christian Johann Heinrich Heine (* 13. Dezember 1797 in Düsseldorf als Harry Heine; † 17. Februar 1856 in Paris) war einer der bedeutendsten deutschen Dichter und Journalisten des 19. Jahrhunderts.
Heine gilt als „letzter Dichter der Romantik“ und gleichzeitig als deren Überwinder. Er machte die Alltagssprache lyrikfähig, erhob das Feuilleton und den Reisebericht zur Kunstform und verlieh der deutschen Sprache eine zuvor nicht gekannte elegante Leichtigkeit. Als kritischer, politisch engagierter Journalist, Essayist, Satiriker und Polemiker war er ebenso bewundert wie gefürchtet. Wegen seiner jüdischen Herkunft und seiner politischen Einstellung wurde Heine immer wieder angefeindet und ausgegrenzt. Die Außenseiterrolle prägte sein Leben, sein Werk und dessen wechselvolle Rezeptionsgeschichte. Heute gehört er zu den am häufigsten übersetzten und vertonten Dichtern deutscher Sprache.
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„Die Stadt Düsseldorf ist sehr schön, und wenn man in der Ferne an sie denkt, und zufällig dort geboren ist, wird einem wunderlich zu Muthe. Ich bin dort geboren und es ist mir, als müsste ich gleich nach Hause gehn. Und wenn ich sage nach Hause gehn, dann meine ich die Bolkerstraße und das Haus, worin ich geboren bin“, schrieb Heinrich Heine 1827 in Ideen. Das Buch Le Grand.[1]
Während über Heines Geburtsort nie ein Zweifel bestand, herrschte über sein genaues Geburtsdatum lange Unklarheit. Alle zeitgenössischen Akten, die darüber Auskunft geben könnten, sind im Laufe der letzten 200 Jahre verloren gegangen. Heine selbst bezeichnete sich scherzhaft als „ersten Mann des Jahrhunderts“, da er in der Neujahrsnacht 1800 geboren sei. Gelegentlich gab er auch 1799 als Geburtsjahr an. Nach heutigem Forschungsstand gilt aber als gesichert, dass Harry Heine – so sein Geburtsname – am 13. Dezember 1797 zur Welt kam.
Er war das älteste von vier Kindern des Tuchhändlers Samson Heine und seiner Frau Betty (eigentlich Peira), geborene van Geldern. Seine Geschwister waren Charlotte, Gustav - der spätere Baron Heine-Geldern und Herausgeber des Wiener Fremdenblatts - und Maximilian, später Arzt in Sankt Petersburg. Er wuchs in einem weitgehend assimilierten, vom Geist der Haskala geprägten jüdischen Elternhaus auf. Als Kind erlebte er den Einzug Napoléons in Düsseldorf. Heine verehrte den Kaiser zeitlebens für die Einführung des Code Civil im Jahr 1806, der die Juden der übrigen Bevölkerung rechtlich gleichstellte. Da Düsseldorf zur Zeitpunkt seiner Geburt von unter französischer Herrschaft stand, konnte er später Anspruch auf die französische Staatsbürgerschaft erheben.
Von 1807 an besuchte Harry Heine das Düsseldorfer Lyzeum, das heutige Görres-Gymnasium, das im Sinne der Spätaufklärung wirkte. Schon als Schüler schrieb Harry erste Gedichte. 1814 verließ er das Lyzeum ohne Abgangszeugnis. Der Familientradition folgend, sollte er sich an einer Handelsschule auf einen kaufmännischen Beruf vorbereiten.
In den Jahren 1815 und 1816 arbeitete Heine als Volontär zunächst bei dem Frankfurter Bankier Rindskopff. Damals lernte er in der Frankfurter Judengasse das bedrückende und ihm bis dahin fremde Ghettodasein der Juden kennen. Außerdem besuchten Vater und Sohn Heine die Freimaurerloge „Zur aufgehenden Morgenröte“. Unter den Freimaurern erfuhren sie die Anerkennung, die ihnen als Juden in der Gesellschaft sonst oft verwehrt blieb. 1816 wechselte Heine ins Bankhaus seines wohlhabenden Onkels Salomon Heine in Hamburg. Salomon, der im Gegensatz zu seinem Bruder Samson geschäftlich höchst erfolgreich war, nahm sich des Neffen an. Bis zu seinem eigenen Tod im Jahr 1844 unterstützte er ihn finanziell, obwohl er wenig Verständnis für dessen literarische Interessen hatte. Überliefert ist Salomons Ausspruch: „Hätt’ er gelernt was Rechtes, müsst er nicht schreiben Bücher.“[2]
Da Heine weder Neigung noch Talent für Geldgeschäfte mitbrachte, richtete sein Onkel ihm schließlich ein Tuchgeschäft ein. Aber „Harry Heine & Co.“ musste bereits nach kurzer Zeit Bankrott anmelden. Der Inhaber widmete sich schon damals lieber der Dichtkunst. Dem Familienfrieden abträglich war auch Harrys unglückliche Liebe zu seiner Cousine Amalie. Die unerwiderte Zuneigung verarbeitete er später in den romantischen Liebesgedichten im Buch der Lieder. Die bedrückende Atmosphäre im Haus des Onkels, in dem er sich zunehmend unwillkommen fühlte, beschrieb er in dem Gedicht Affrontenburg. Wahrscheinlich haben die Zwistigkeiten in der Familie Salomon Heine schließlich davon überzeugt, dem Drängen des Neffen nachzugeben und ihm ein Studium fernab von Hamburg zu ermöglichen.
Obwohl Heine sich auch für die Rechtswissenschaft nicht sonderlich interessierte, nahm er 1819 ein Jurastudium auf. Zunächst schrieb er sich in Bonn ein, wo er aber nur eine einzige juristische Vorlesung belegte.
Dagegen hörte er im Wintersemester 1819/20 die Vorlesung zur Geschichte der deutschen Sprache und Poesie von August Wilhelm Schlegel. Der Mitbegründer der Romantik übte einen starken literarischen Einfluss auf den jungen Heine aus, was diesen aber nicht daran hinderte, sich in späteren Werken spöttisch über Schlegel zu äußern. Das gleiche widerfuhr einem weiteren seiner Bonner Lehrer, Ernst Moritz Arndt, dessen reaktionäre Ansichten Heine in späteren Gedichten und Prosatexten mehrfach aufs Korn nahm.
Im Wintersemester 1820 ging Heine an die Universität Göttingen. Dort schloss er sich der Landsmannschaft der Westfalen an (heute: Corps Hildeso-Guestphalia Göttingen). Schon im Februar 1821 musste er Göttingen wegen einer Duellaffäre wieder verlassen: Heine suchte aufgrund der gesellschaftlichen Zurücksetzung, der Juden im damaligen Deutschland ausgesetzt waren, seine Herkunft möglichst zu verbergen. Als er von einem Kommilitonen wegen seines Judentums beleidigt wurde, forderte er diesen zum Duell. Die Universität relegierte ihn und seinen Duellgegner daher für ein Semester.
Heine wechselte zur Berliner Universität, wo er von 1821–1823 studierte und u. a. Vorlesungen bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel hörte. Bald fand er Kontakt zu den literarischen Zirkeln der Stadt, und war u. a. regelmäßiger Gast im sogenannten 2. Salon Rahel Varnhagens. Rahel und ihr Mann Karl August Varnhagen von Ense blieben Heine freundschaftlich verbunden und förderten seine Karriere, indem sie seine frühen Werke positiv besprachen und ihm weitere Kontakte vermittelten. Varnhagen von Ense stand bis zu Heines Tode in einem regen Briefwechsel mit ihm.
Während seiner Berliner Zeit debütierte Heine als Buch-Autor. Anfang 1822 erschienen in der Maurerschen Buchhandlung seine Gedichte, 1823 im Verlag Dümmler die Tragödien, nebst einem lyrischen Intermezzo. Seinen Tragödien Almansor und William Ratcliff hatte Heine zunächst einen hohen Stellenwert zugemessen, sie blieben jedoch erfolglos. Die Uraufführung des Almansor musste 1823 in Braunschweig wegen Publikumsprotesten abgebrochen werden, der Ratcliff kam zu seinen Lebzeiten überhaupt nicht auf eine Bühne.
Von Berlin aus unternahm Heine 1822 eine Reise nach Posen. Hier begegnete er erstmals dem chassidischen Judentum, das ihn zwar faszinierte, mit dem er sich jedoch nicht identifizieren konnte. Im Frühjahr 1823, zwei Jahre vor seinem Übertritt zum Christentum, schrieb er in einem Brief an seinen Freund Immanuel Wohlwill: „Auch ich habe nicht die Kraft, einen Bart zu tragen, und mir Judemauschel nachrufen zu lassen, und zu fasten etc.“[3]
Wieder in Göttingen, promovierte Heine im Juli 1825 zum Doktor der Rechte. Um seine Anstellungschancen als Jurist zu erhöhen, hatte er sich im Juni zuvor in Heiligenstadt protestantisch taufen lassen und den Vornamen Christian Johann Heinrich angenommen. Von da an nannte er sich Heinrich Heine. Er versuchte zunächst, die Taufe möglichst geheim zu halten: Sie erfolgte in der Wohnung des Pfarrers mit dem Taufpaten als einzigem Zeugen. Religiös damals völlig indifferent, betrachtete er den Taufschein ohnehin nur als Entre Billet zur Europäischen Kultur.[4] Doch er musste feststellen, dass viele Träger dieser Kultur auch einen getauften Juden wie ihn nicht als ihresgleichen akzeptierten. Heine war jedoch nicht bereit, Zurücksetzungen und Kränkungen unwidersprochen hinzunehmen.
Dies zeigte sich besonders deutlich in der so genannten Platen-Affäre: Aus einem literarischen Streit mit dem Dichter August Graf von Platen entwickelte sich eine persönliche Auseinandersetzung, in deren Folge Heine auch wegen seiner jüdischen Herkunft angegriffen wurde. So bezeichnete Platen ihn in einem 1829 veröffentlichten Theaterstück[5] als „Petrark des Laubhüttenfestes“ und „des sterblichen Geschlechts der Menschen Allerunverschämtester“. Er warf ihm „Synagogenstolz“ vor und schrieb: „... doch möcht' ich nicht sein Liebchen sein; Denn seine Küsse sondern ab Knoblauchsgeruch.“
Heine wertete diese und andere Äußerungen als Teil einer Kampagne, die seine Bewerbung um eine Professur an der Münchner Universität hintertreiben sollte. Daher äußerte er sich nun seinerseits öffentlich über Platens Homosexualität und machte diesen damit gesellschaftlich unmöglich. In Die Bäder von Lucca bezeichnete er seinen Kontrahenten als warmen Freund[6] und schrieb, der Graf sei mehr ein Mann von Steiß als ein Mann von Kopf.[7] Platen ging anschließend nach Italien ins freiwillige Exil. Ohne Anlass und Umstände der Affäre zu erwähnen, warfen Kritiker Heine wegen seiner Äußerungen immer wieder „Charakterlosigkeit“ vor.
Heine machte die judenfeindlichen Angriffe Platens und anderer dafür verantwortlich, dass König Ludwig I. von Bayern ihm die schon sicher geglaubte Professur nicht verlieh. Dafür bedachte er später auch den Monarchen mit einer ganzen Reihe spöttischer Verse, etwa in Lobgesänge auf König Ludwig:
In erster Linie aufgrund der Platen-Affäre war Heines letzter Versuch gescheitert, als Jurist eine Anstellung in einem der deutschen Staaten zu erhalten. Die erhofften Folgen der Taufe waren also ausgeblieben, und Heine hat seinen Übertritt zum Christentum später mehrfach ausdrücklich bedauert. So schrieb er bereits am 9. Januar 1826 in einem Brief an Moses Moser: „Ich bereue sehr daß ich mich getauft hab; ich seh noch gar nicht ein daß es mir seitdem besser gegangen sey, im Gegentheil, ich habe seitdem nichts als Unglück.“[9] Er entschloss sich daher, für damalige Verhältnisse eher ungewöhnlich, seinen Lebensunterhalt als freischaffender Schriftsteller zu verdienen.
Fast alle Biografien betonen die Bedeutung der jüdischen Herkunft für Heines Leben und Dichtung. Erste wichtige Stationen seiner Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte waren seine aktive Mitgliedschaft im Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden während seines Berlin-Aufenthalts 1822/23 und die 1824 begonnene Arbeit am Fragment gebliebenen Roman Der Rabbi von Bacherach. Die Auseinandersetzung mit jüdischen Motiven trat zwar in der Zeit nach der Taufe in den Hintergrund, hat ihn jedoch ein Leben lang beschäftigt und vor allem in seinem Spätwerk wieder Ausdruck gefunden (unter anderem in den Hebräischen Melodien, dem Dritten Buch des Romanzero).
Insbesondere der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki vertritt die Ansicht, Heines Emigration nach Paris sei weniger politisch motiviert gewesen als vielmehr durch seine Ausgrenzung aus der deutschen Gesellschaft. In Deutschland sei Heine als Jude immer ein Ausgestoßener gewesen, in Frankreich dagegen als Deutscher nur ein Ausländer.[10]
Seine ersten Gedichte (u. a.: Ein Traum, gar seltsam, Mit Rosen, Zypressen) veröffentlichte Heine bereits 1816, in seiner Hamburger Zeit, unter dem Pseudonym Sy. Freudhold Riesenharf (ein Anagramm von Harry Heine, Dusseldorff) in der Zeitschrift Hamburgs Wächter. Als H. Heine publizierte er im Dezember 1821 in Berlin seinen ersten Lyrikband Gedichte. 1823 folgte Tragödien, nebst einem Lyrischen Intermezzo. Daraus stammt seine frühe politische Aussage: Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.[11] 1824 erschien die Sammlung Dreiunddreißig Gedichte, darunter Heines in Deutschland heute bekanntestes Werk: Die Loreley. Im selben Jahr besuchte er während einer Harzreise den von ihm hoch verehrten Johann Wolfgang von Goethe in Weimar. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er ihm seinen ersten Gedichtband mit einer Widmung zugesandt. Der Besuch verlief für Heine aber eher enttäuschend, da er sich – ganz im Gegensatz zu seinem Naturell – befangen und linkisch zeigte und Goethe ihm nur höflich-distanziert begegnete.
Im Jahr 1826 veröffentlichte Heine den Reisebericht Harzreise, der sein erster großer Publikumserfolg wurde. Im gleichen Jahr begann seine Geschäftsbeziehung zu dem Hamburger Verlag Hoffmann und Campe. Julius Campe sollte bis zu Heines Tod sein Verleger bleiben. Er brachte im Oktober 1827 den Lyrikband Buch der Lieder heraus, der Heines Ruhm begründete und bis heute populär ist. Der romantische, oft volksliedhafte Ton dieser und späterer Gedichte, die unter anderem in Robert Schumanns Dichterliebe vertont wurden, traf den Nerv nicht nur seiner Zeit.
Aber Heine überwand den romantischen Ton bald, indem er ihn ironisch unterlief und die Stilmittel des romantischen Gedichts auch für Verse politischen Inhalts nutzte. Er selbst nannte sich einen „entlaufenen Romantiker“. Hier ein Beispiel für die ironische Brechung, in dem er sich über sentimental-romantische Naturergriffenheit lustig macht:
Heine selbst erlebte das Meer zum ersten Mal in den Jahren 1827 und 1828 auf Reisen nach England und Italien. Seine Eindrücke schilderte er in weiteren Reisebildern, die er zwischen 1826 und 1831 veröffentlichte. Dazu gehören z. B. der Zyklus Nordsee sowie die Werke Die Bäder von Lucca und Ideen. Das Buch Le Grand, letzteres ein Bekenntnis zu Napoléon[13] und den Errungenschaften der Französischen Revolution. Er erwies sich als witziger und sarkastischer Kommentator, wenn er während seiner Italienreise nach Genua beispielsweise schreibt: Ja, mich dünkt zuweilen, der Teufel, der Adel und die Jesuiten existiren nur so lange, als man an sie glaubt.[14] Wie zugespitzt, ja beleidigend, Sarkasmus und Ironie sein konnten, zeigt beispielsweise der bekannte Text über die Bewohner Göttingens:
Alle seine Veröffentlichungen in Deutschland waren der Zensur unterworfen, die er 1827 in Das Buch Le Grand mit folgendem, vorgeblich zensierten Text satirisch unterlief:
Die deutschen Censoren —— —— —— ——
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—— —— —— —— —— Dummköpfe —— ——
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In dieser Zeit wurde Heine allmählich als großes literarisches Talent wahrgenommen. Seit Anfang der 1830er Jahre verbreitete sich sein Ruhm in Deutschland und Europa.
Wegen seiner politischen Ansichten zunehmend angefeindet – vor allem in Preußen – und der Zensur in Deutschland überdrüssig, ging Heinrich Heine 1831, nach dem Ausbruch der französischen Julirevolution, nach Paris. Hier begann seine zweite Lebens- und Schaffensphase. Zeit seines Lebens sollte Heine sich nach Deutschland sehnen, wie sein Gedicht In der Fremde belegt:
Doch er sollte dieses Vaterland nur noch zweimal wiedersehen. Endgültig wurde Paris zu Heines Exil, als seine Werke – auch alle zukünftigen – 1833 in Preußen und 1835 auf Beschluss des Frankfurter Bundestages in allen Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes verboten wurden. Das gleiche Schicksal traf die Dichter des Jungen Deutschland. Im Beschluss des Bundestages hieß es, die Mitglieder dieser Gruppe zielten darauf ab,„in belletristischen, für alle Classen von Lesern zugänglichen Schriften die christliche Religion auf die frechste Weise anzugreifen, die bestehenden socialen Verhältnisse herabzuwürdigen und alle Zucht und Sittlichkeit zu zerstören“[18].
Für Heine tat sich aber schon 1832 eine neue Einnahmequelle als Pariser Korrespondent der Augsburger Allgemeinen Zeitung von Johann Friedrich Cotta auf, dem Verleger Schillers und Goethes. Seine Zeitungsartikel aus dieser Zeit veröffentlichte er 1833 in Buchform unter dem Titel Französische Zustände.
Im selben Jahr zeigten sich die ersten Symptome der Krankheit – Lähmungserscheinungen, Kopfschmerzattacken und Sehschwächen –, die ihn am Ende seines Lebens acht Jahre ans Bett fesseln sollte. Zunächst aber genoss er das Leben in Paris. Er begegnete den Größen des europäischen Kulturlebens wie Hector Berlioz, Ludwig Börne, Frédéric Chopin, George Sand, Alexandre Dumas und Alexander von Humboldt.
Eine Zeit lang suchte er die Nähe zu utopischen Sozialisten wie Prosper Enfantin, einem Schüler Saint-Simons. Heines Hoffnung, in dessen quasireligiöser Bewegung ein „neues Evangelium“, ein „drittes Testament“[19] zu finden, hatte zu seinem Entschluss beigetragen, nach Paris überzusiedeln. Nach anfänglicher Faszination wandte er sich bald von den Saint-Simonisten ab, auch deshalb, weil sie von ihm verlangten, sein Künstlertum in ihren Dienst zu stellen. 1835, nachdem das Scheitern der Bewegung offenkundig geworden war, schrieb Heine:
Die Weltstadt Paris inspirierte Heine in den folgenden Jahren zu einer Flut von Essays, politischen Artikeln, Polemiken, Denkschriften, Gedichten und Prosawerken. In Schriften wie Französische Zustände (1832) versuchte er, den Deutschen Frankreich und den Franzosen Deutschland näher zu bringen. Dabei gelangen ihm Analysen von nahezu prophetischer Qualität, beispielsweise im Schlusswort von Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. Heine schrieb diesen Text 1834 an die Adresse der Franzosen, 99 Jahre vor der Machtergreifung jener, die auch seine Bücher verbrennen sollten:
Früher als die meisten seiner Zeitgenossen erkannte Heine den zerstörerischen Zug im deutschen Nationalismus, der sich – anders als der französische – zusehends von den Ideen von Demokratie und Volkssouveränität entfernte. Der Dichter spürte in ihm vielmehr einen untergründigen Hass auf alles Fremde, wie er in dem Gedicht Diesseits und jenseits des Rheins schrieb:
Weitere wichtige Werke jener Jahre waren Die romantische Schule (1836), das Romanfragment Der Rabbi von Bacherach (1840) und die Denkschrift Über Ludwig Börne (1840).
In ihr reagierte Heine auf den Vorwurf seines früheren Freundes, Ziele der Revolution verraten zu haben. Ähnlich wie im Streit mit Platen, spielten auch in der Auseinandersetzung mit Ludwig Börne, der zu seiner Zeit bekannter war als Heine, persönliche Animositäten eine Rolle. Die eigentlichen Ursachen waren aber grundsätzlicher Natur und berührten das Selbstverständnis des Dichters und des Künstlers im Allgemeinen.
Während seines gesamten Schaffens war Heine um ein überparteiliches Künstlertum bemüht. Er verstand sich als freier, unabhängiger Dichter und Journalist und sah sich Zeit seines Lebens keiner politischen Strömung verpflichtet. Von dem radikal-republikanischen Publizisten Ludwig Börne grenzte er sich zunächst noch auf eine Weise ab, die Börne als wohlwollend empfinden konnte: „Ich bin eine gewöhnliche Guillotine, und Börne ist eine Dampfguillotine.“ [23]Wenn es aber um Kunst und Dichtung ging, räumte Heine der Qualität eines Werks immer einen höheren Rang ein als seiner Intention oder der Haltung des Autors.
Börne erschien diese Haltung als opportunistisch. Er warf Heine mehrfach Gesinnungsmangel vor und forderte, ein Dichter habe im Freiheitskampf klare Position zu beziehen. Mit dem Streit, ob und wieweit ein Schriftsteller parteilich sein dürfe, nahmen Heine und Börne spätere Auseinandersetzungen über politische Moral in der Literatur vorweg, wie sie im 20. Jahrhundert zwischen Heinrich und Thomas Mann, Benn und Brecht, Lukásc und Adorno, Sartre und Simon ausgetragen werden sollten. So hält Hans Magnus Enzensberger den Streit zwischen Heine und Börne für die „folgenreichste Kontroverse der deutschen Literaturgeschichte“[24].
Dass Heines Denkschrift erst nach Börnes Tod im Jahr 1837 erschien und zudem persönliche Angriffe auf dessen Freundin Jeanette Wohl enthielt, wurde Heine selbst von ansonsten wohlwollenden Lesern übel genommen. Jeanette Wohls Ehemann Salomon Strauß, der sich durch die Veröffentlichung bloßgestellt fühlte, schlug Heine öffentlich ins Gesicht, worauf dieser ihn zu einem Pistolenduell aufforderte. Dabei wurde Heine leicht an der rechten Hüfte verletzt, während Strauß unversehrt blieb.
Noch vor dem Duell heiratete Heine 1841 in der Kirche St. Sulpice die ehemalige Schuhverkäuferin Augustine Crescence Mirat, die er Mathilde nannte. Er hatte die damals 18-Jährige bereits 1833 kennengelernt, lebte wahrscheinlich seit Oktober 1834 mit ihr zusammen und wollte sie für den Fall seines Todes versorgt wissen. Die Hochzeit fand auf ihren Wunsch nach katholischem Ritus statt. Seine jüdische Herkunft hat Heine ihr zeitlebens verschwiegen.[25]
Viele seiner Freunde, wie Marx und Engels, lehnten seine Verbindung mit der einfachen, aber lebenslustigen Frau ab. Heine aber scheint sie auch deshalb geliebt zu haben, weil sie ihm ein Kontrastprogramm zu seiner intellektuellen Umgebung bot. Zu Beginn ihrer Beziehung hatte er versucht, der Bildung seiner vom Lande stammenden Freundin ein wenig aufzuhelfen. Auf sein Betreiben lernte sie lesen und schreiben und er finanzierte mehrere Aufenthalte in Bildungsanstalten für junge Frauen. Aber Mathilde war selbstbewusst genug, sich seinen Erziehungsversuchen zu verweigern.
Ihr gemeinsames Leben verlief mitunter turbulent: Heftigen Ehekrächen, oft ausgelöst durch Mathildes freigiebigen Umgang mit Geld, folgte die Versöhnung meist auf den Fuß. Neben liebevollen Schilderungen seiner Frau finden sich bei Heine auch boshafte Verse, wie die aus dem Gedicht Celimene:
Dennoch schätze Heine sie, obwohl - oder gerade weil - Mathilde kein Deutsch sprach und deshalb auch keine wirkliche Vorstellung von seiner Bedeutung als Dichter besaß. Überliefert ist ihr Ausspruch: „Mein Mann machte dauernd Gedichte; aber ich glaube nicht, daß dies besonders viel wert war, denn er war nie damit zufrieden.“[27] Gerade diese Unkenntnis deutete Heine als Zeichen dafür, dass Mathilde ihn als Mensch und nicht als prominenten Dichter liebte.
Die Ehe der beiden blieb kinderlos. Mathilde überlebte ihren Gatten um mehr als ein Vierteljahrhundert, sie starb im Jahr 1883.
1843 schrieb Heine sein Gedicht Nachtgedanken, das mit den oft zitierten Worten beginnt
und mit dem Vers endet
Heines "deutschen Sorgen" betrafen nicht nur die politischen Zustände jenseits des Rheins, sondern auch seine mittlerweile verwitwete, allein lebende Mutter. Nicht zuletzt um sie wiederzusehen und ihr seine Frau vorzustellen, unternahm er 1843 und 1844 seine zwei letzten Reisen nach Deutschland.
Mitte der 40er Jahre entstanden Heines große Versepen Atta Troll und – angeregt durch seine erste Reise – Deutschland. Ein Wintermärchen. Darin kommentierte er äußerst bissig die staatlichen, kirchlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland. So schildert er in den Eingangsversen eine Szene gleich nach dem Grenzübertritt, in der ein Mädchen eine fromme Weise singt:
In diesen Versen klingen Ideen von Karl Marx an, den er, wie auch den späteren Begründer der deutschen Sozialdemokratie, Ferdinand Lassalle, in jenen Jahren kennengelernt hatte. Später arbeitete Heine an Marx’ Zeitschriften Vorwärts! und Deutsch-Französische Jahrbücher mit. Seine „neuen und besseren Lieder“ veröffentlichte er 1844 in der Lyriksammlung Neue Gedichte, in der auch das „Wintermärchen“ zuerst erschien.
Zu Beginn der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts radikalisierte sich Heines Ton zusehends. Er gehörte zu den ersten deutschen Dichtern, die die Folgen der einsetzenden Industriellen Revolution zur Kenntnis nahmen und das Elend der neu entstandenen Arbeiterklasse in ihren Werken aufgriffen. Beispielhaft dafür ist sein Gedicht Die schlesischen Weber vom Juni 1844. Es war von dem Weberaufstand inspiriert, der im selben Monat in den schlesischen Ortschaften Peterswaldau und Langenbielau ausbrach.
Das auch als Weberlied bekannt gewordene Gedicht erschien im Juli im von Karl Marx herausgegebenen Vorwärts! und wurde in einer Auflage von 50.000 Stück als Flugblatt in den Aufstandsgebieten verteilt. Der preußische Innenminister Arnim bezeichnete das Werk in einem Bericht an König Friedrich Wilhelm IV. als „eine in aufrührerischem Ton gehaltene und mit verbrecherischen Äußerungen angefüllte Ansprache an die Armen im Volke“. Das Königlich Preußische Kammergericht ordnete ein Verbot des Gedichts an. Ein Rezitator, der es dennoch gewagt hatte, es öffentlich vorzutragen, wurde 1846 in Preußen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Friedrich Engels, der Heine im August 1844 in Paris kennenlernte, übersetzte das Weberlied ins Englische und publizierte es im Dezember des selben Jahres in der Zeitung „The New Moral World“.
Heine pflegte seit Beginn seiner Pariser Zeit Kontakte zu Vertretern des Saint-Simonismus (vgl. Henri de Saint-Simon), einer frühen sozialistischen Strömung. Trotz dieser Kontakte und der freundschaftlichen Beziehungen zu Marx und Engels, hatte er jedoch stets ein ambivalentes Verhältnis zur kommunistischen Philosophie. Heine erkannte die Not der entstehenden Arbeiterschicht und unterstützte ihre Anliegen. Zugleich fürchtete er, dass der Materialismus und die Radikalität der kommunistischen Idee vieles von dem vernichten würde, was er an der europäischen Kultur liebte und bewunderte. Im Vorwort zur französischen Ausgabe von „Lutetia“ schrieb Heine im Jahr vor seinem Tod:
Der liberal-konstitutionellen Bewegung nahestehend, verfolgte der überzeugte Demokrat [20] Heine, dessen Gesundheitszustand sich im Februar 1848 deutlich verschlechtert hatte, 1848 die revolutionäre Entwicklung in ganz Europa. Die Pariser Februarrevolution betrachtete er mit großer Skepsis und nannte sie „Universalanarchie, Weltkuddelmuddel, sichtbar gewordener Gotteswahnsinn“[32]. Die Märzrevolution in den Staaten des Deutschen Bundes forderte unter dem Vorzeichen des Liberalismus einen demokratisch verfassten, deutschen Nationalstaat. Auch von der Entwicklung in Deutschland wandte sich Heine bald enttäuscht ab, da die Verfechter einer republikanisch-demokratischen Staatsform sowohl in den neu besetzten Kammerparlamenten als auch in der Frankfurter Nationalversammlung in der Minderheit blieben. Im Versuch des ersten gesamtdeutschen Parlaments, eine Monarchie unter einem erblichen Kaisertum zu schaffen, sah er nur politisch untaugliche, romantische Träumereien von einer Wiederbelebung des 1806 untergegangenen Heiligen Römischen Reichs.
In dem Gedicht Michel nach dem März schrieb Heine:
Die erste Phase der Revolution scheiterte, als Preußens König Friedrich Wilhelm IV. im Frühjahr 1849 die Annahme der erblichen Kaiserwürde ablehnte, die ihm die Mehrheit der Nationalversammlung angetragen hatte. Als Reaktion darauf entstand in West- und Südwestdeutschland eine demokratische Aufstandsbewegung, die die Fürsten zur Annahme der Paulskirchenverfassung zwingen wollte. Aber schon im Sommer und Herbst wurde diese zweite Welle der Revolution vor allem durch preußische Truppen niedergeschlagen. Resigniert kommentierte Heine die Vorgänge in seinem Gedicht Im Oktober 1849:
Im selben Monat, in dem die Revolution in Paris ausbrach, im Februar 1848, erlitt Heine einen Zusammenbruch. Fast vollständig gelähmt, sollte er die acht Jahre bis zu seinem Tod in der von ihm so bezeichneten „Matratzengruft“ verbringen.
Sein Nervenleiden hatte sich bereits 1845 zusehends verschlimmert. Dazu hat wohl auch der sogenannte Erbschaftsstreit[35] beigetragen, den Heine nach dem Tode seines wohlhabenden Onkels Salomon im Dezember 1844 mit dessen Sohn Carl austrug. Über zwei Jahre stritt er mit seinem Vetter über die Jahresrente, die sein Onkel ihm 1838 bewilligt, deren Fortzahlung er aber nicht testamentarisch verfügt hatte. Im Februar 1847 kam es zwar zu einer für Heinrich Heine finanziell zufriedenstellenden Einigung. Sein Gesundheitszustand war zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits bedenklich. Aufenthalte in Kurorten (Barèges in den Pyrenäen 1846) oder auf dem Lande (Montmorency 1847) brachten keine wirkliche Besserung mehr.
Heine selbst schien überzeugt, an Syphilis erkrankt zu sein. Diese Diagnose wurde zunächst von zahlreichen Biographen übernommen, wird neuerdings jedoch verstärkt in Frage gestellt. Eine eingehende Untersuchung aller zeitgenössischen Dokumente zu Heines Krankengeschichte weist die wichtigsten Symptome eher einer komplexen tuberkulösen Erkrankung zu,[36] während eine Untersuchung von Haaren des Dichters im Jahr 1997 nahelegt, dass er an einer chronischen Bleivergiftung gelitten hat.[37] Dennoch spricht weiterhin einiges für den syphilitischen Charakter seiner Krankheit. [38]
Heinrich Heines Gesundheitszustand verschlechterte sich in mehreren Schüben dramatisch. Bereits 1846 wurde er vorzeitig für tot erklärt. Gegen die drohende Vereinsamung halfen gelegentliche Besuche von Kollegen und Freunden, die seine Matratzengruft nach eigenem Bekunden meist trauriger verließen als ein wirkliches Grab. Friedrich Engels suchte Heine im Januar 1848 auf, also noch vor dem endgültigen Zusammenbruch. Er berichtete:
In den Jahren vor seinem Tod gelangte Heine zu einer milderen Beurteilung der Religion. In seinem Testament von 1851 bekannte er sich zum Glauben an einen persönlichen Gott, ohne sich aber einer der christlichen Kirchen oder dem Judentum wieder anzunähern. In seinem Testament heißt es:
Im Nachwort zum Romanzero stellte er im Dezember 1851 noch einmal fest:
Heines geistige Schaffenskraft ließ auch in den qualvollen Jahren des Krankenlagers nicht nach. Da er kaum noch selbst schreiben konnte, diktierte er seine Verse und Schriften meist einem Sekretär oder überließ diesem seine eigenhändigen Entwürfe zur Reinschrift. Das Korrekturlesen von Druckvorlagen, das er bis zuletzt nicht aus der Hand gab, war für den nahezu erblindeten Heine eine zusätzliche Belastung. Trotz dieser schwierigen Bedingungen veröffentlichte er noch eine Reihe wesentlicher Werke, darunter im Oktober 1851 den Gedichtband Romanzero und 1854 drei Bände Vermischte Schriften, die unter anderem sein politisches Vermächtnis Lutetia und die Gedichte. 1853 und 1854 enthielten.
Im Romanzero fasste er sein politisches Leben mit dem Gedicht Enfant Perdu so zusammen:
Trotz seines Leidens kamen Heine Humor und Leidenschaft nicht abhanden. Die letzten Monate seines Lebens erleichterten ihm die Besuche seiner Verehrerin Elise Krinitz, die er zärtlich „Mouche“ nannte. Sie wurde zu seiner „angebeteten Lotosblume“. Diese Anbetung konnte jedoch wegen seiner Hinfälligkeit nur noch auf geistiger Ebene stattfinden, was Heine selbstironisch mit den Versen kommentiert:
Dass er sogar über den Tod noch scherzen konnte, zeigt sein Gedicht Epilog:
Am 17. Februar 1856 starb Heinrich Heine. Drei Tage später wurde er auf dem Friedhof Montmartre beerdigt, wo nach dem ausdrücklichen Willen des Dichters 27 Jahre später auch Mathilde ihre letzte Ruhe fand. Das im Jahre 1901 erstellte Grabmal ziert eine von dem dänischen Bildhauer Louis Hasselriis stammende Marmorbüste Heines und sein Gedicht Wo?:
Aufgrund seiner Eigenständigkeit sowie seiner formalen und inhaltlichen Breite lässt sich Heines Werk keiner eindeutigen literarischen Strömung zuordnen. Heine geht aus der Romantik hervor, überwindet aber bald deren Ton und Thematik – auch in der Lyrik. Sein Biograph Joseph A. Kruse sieht in seinem Werk Elemente der Aufklärung, der Weimarer Klassik, des Realismus und des Symbolismus.
Vor allem war er ein politisch kritischer Autor des Vormärz. Mit den Autoren des Jungen Deutschland, denen er bisweilen zugerechnet wird, verbindet ihn das Streben nach politischer Veränderung hin zu mehr Demokratie in ganz Europa, speziell in Deutschland. Seine Distanzierung von der „Tendenzliteratur“, die er u.a. mit „gereimten Zeitungsartikeln“ [45] verglich, erfolgte weniger aus politischen als aus ästhetischen Motiven. Persönlich stand Heine Karl Marx und Friedrich Engels nahe, ohne jedoch deren politische Philosophie bis ins Letzte zu teilen. [46]
Heine polarisierte schon seine Zeitgenossen, nicht zuletzt, weil er selbst polarisierende Urteile nicht scheute. Er griff tatsächliche oder vermeintliche Gegner ebenso hart an wie er selbst angegriffen wurde und schreckte vor keiner Polemik zurück. Nach seinem Tod nahm die Schärfe der Auseinandersetzungen um ihn eher noch zu – und sie hielt mehr als ein Jahrhundert an. Symptomatisch dafür war der Streit um ein würdiges Heine-Denkmal in Deutschland.
Nationalistisch und antisemitisch argumentierende Literaturwissenschaftler wie Adolf Bartels prägten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend die öffentliche Wahrnehmung Heines. Die seit dem Jubiläumsjahr 1897 anhaltenden Bemühungen, ihm in seiner Geburtsstadt Düsseldorf ein Denkmal zu setzen, denunzierte Bartels 1906 in seinem berühmt-berüchtigten Aufsatz „Heinrich Heine. Auch ein Denkmal“ als „Kotau vor dem Judentum“, ihn selbst als „Decadence-Juden“. Erst in den 1920er Jahren wurden Heine-Denkmäler in Hamburg und Frankfurt am Main errichtet. Diese wurden jedoch schon wenige Jahre später, in der Zeit des Nationalsozialismus, wieder zerstört oder entfernt.
Im „Dritten Reich“ waren Heinrich Heines Werke verboten, und seine Bücher wurden zusammen mit denen zeitgenössischer Dichter verbrannt. Für die nach dem Krieg von Theodor W. Adorno verbreitete Behauptung des Germanisten Walter Arthur Berendsohn, Heines Loreley-Lied sei in Lesebüchern der Nazi-Zeit mit der Angabe „Dichter: unbekannt“ erschienen, fehlt allerdings bis heute jeder Beleg.
Nach 1945 war die Aufnahme Heinrich Heines und seines Werkes in Deutschland lange Zeit ambivalent und Gegenstand vielfältiger Auseinandersetzungen, zu denen nicht zuletzt die deutsche Teilung beitrug. Während in der Bundesrepublik im restaurativen Klima der Adenauerzeit Heine eher zurückhaltend und höchstens als romantischer Lyriker rezipiert wurde, hatte die DDR ihn relativ schnell im Rahmen ihres „Erbe“-Konzeptes auf der Haben-Seite gebucht und bemühte sich um die Popularisierung seines Werkes, wobei vor allem „Deutschland. Ein Wintermärchen“ und sein Kontakt mit Karl Marx im Mittelpunkt des Interesses stand. Der erste internationale wissenschaftliche Heine-Kongress wurde im Gedenkjahr 1956 in Weimar veranstaltet, im selben Jahr erschien erstmals die fünfbändige Werkausgabe in der Bibliothek Deutscher Klassiker im Aufbau-Verlag. Der DDR-Germanist Hans Kaufmann legte 1967 die bis dahin wesentlichste Heine-Monografie der Nachkriegszeit vor.
Erst in den 1960er Jahren nahm auch in der Bundesrepublik das Interesse an Heine spürbar zu. Als Zentrum der westdeutschen Heine-Forschung etablierte sich allmählich seine Geburtsstadt Düsseldorf. Aus dem Heine-Archiv entwickelte sich schrittweise das Heinrich-Heine-Institut mit Archiv, Bibliothek und Museum. 1962 wurde die Veröffentlichung des Heine-Jahrbuchs begonnen, das schnell zum internationalen Forum der Heine-Forschung avancierte. Dennoch hielt der Streit um Heine an. Die geplante Benennung der Düsseldorfer Universität nach dem bedeutendsten Dichter, den die Stadt hervorgebracht hat, verursachte eine fast 20 Jahre währende Auseinandersetzung, die erst gegen Ende der 1980er Jahre beigelegt wurde. Offiziell seit 1989 gibt es in Heines Geburtsstadt die Heinrich-Heine-Universität und seit 1981 ein Heine-Denkmal, das von Bert Gerresheim gestaltet wurde. Darüber hinaus verleiht die Stadt Düsseldorf seit 1972 den Heinrich-Heine-Preis.
Abgesehen von diesen offiziellen Ehren erfuhr der politische Schriftsteller Heinrich Heine ein zunehmendes Interesse bei Nachwuchswissenschaftlern und engagierten Zeitgenossen, was ohne Zweifel auch durch die Studentenbewegung forciert wurde. Dass die Bundesrepublik in Sachen Heine-Rezeption mit der DDR gleichgezogen hatte, brachte die Veranstaltung zweier konkurrierender Heine-Kongresse im Jubiläumsjahr 1972 sinnfällig zum Ausdruck. Ein weiteres Resultat der deutsch-deutschen Konkurrenz war der nahezu zeitgleiche Erscheinensbeginn zweier groß angelegter historisch-kritischer Werkausgaben: der Düsseldorfer Heine-Ausgabe und der Heine-Säkularausgabe in Weimar.
In den 1980er Jahren nahm die ideologisch geprägte Auseinandersetzung um Heine spürbar ab und wich einer gewissen „Normalisierung“. Die Fachwissenschaft wandte sich bisher vernachlässigten Fragestellungen zu, darunter u.a. der späte Heine. Sein Werk fand zunehmend Aufnahme in die Lehr- und Lektürepläne, was auch zu einer deutlichen Zunahme didaktisch orientierter Heine-Literatur führte. Ihren vorläufigen Höhepunkt fand die Heine-Renaissance mit den zahlreichen Veranstaltungen, die aus Anlass seines 200. Geburtstages im Jahr 1997 stattfanden.
Ungeachtet weltanschaulicher Auseinandersetzungen und fachwissenschaftlicher Paradigmenwechsel erfreut sich besonders Heines Lyrik ungebrochener Popularität, ließen sich doch seine romantischen, oft volksliedartigen Gedichte – allen voran das Buch der Lieder – erfolgreich mit der Musik verbinden. Ein Standardwerk über „Heine in der Musik“ weist annähernd 10.000 Vertonungen nach,[47] unter denen Friedrich Silchers Bearbeitung der Loreley von 1838 herausragt. Auch Opernkomponisten ließen sich von Heine inspirieren, zuletzt Günter Bialas zu seiner 1992 uraufgeführten Oper „Aus der Matratzengruft“. Im Theater hingegen ist Heine mit eigenen Stücken wenig präsent. Zu erwähnen ist aber Tankred Dorsts „Harrys Kopf“ aus dem Heine-Jahr 1997, das sich der Persönlichkeit des Dichters nähert.
Zahlreiche Schriftsteller des 19. und 20. Jahrhunderts griffen Heines Werke auf, darunter die großen Erzähler Theodor Fontane und Thomas Mann. Wie Heine wagten Bertolt Brecht und Kurt Tucholsky die Gratwanderung zwischen Poesie und Politik. In der Tradition des Dichters stehen ebenfalls die Heine-Preisträger, so etwa Wolf Biermann und Robert Gernhardt.
Während die Rezeption in Deutschland und Frankreich Höhen und Tiefen kennt, verlief die Aufnahme der Werke Heines weltweit geradliniger. Schon zu Lebzeiten des Dichters wurden einzelne Werke ins Japanische übersetzt. Heine war einer der ersten deutschen Autoren, die in allen Weltsprachen zu lesen waren. So erklärt sich auch der Einfluss, den er auf andere Nationalliteraturen hatte. Auf besonders große Anerkennung trifft Heine in England, Osteuropa und Asien.
Die Alltagssprache verdankt Heine u.a. das Wort „Fiasko“, das er aus Frankreich mitbrachte sowie die Metapher „Vorschusslorbeeren“ (aus seinem Gedicht Plateniden).
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Texte von Heinrich Heine werden – sofern nicht anders angegeben – nach der Düsseldorfer Heine-Ausgabe (DHA) für die Werke bzw. nach der Heine-Säkularausgabe (HSA) für die Briefe zitiert.
Über das Heinrich-Heine-Portal (siehe Weblinks) stehen die Texte beider Ausgaben inzwischen digitalisiert (mit Suchfunktion) zur Verfügung.