Henry Alfred Kissinger, (gebürtig Heinz Alfred Kissinger; * 27. Mai 1923 in Fürth) ist ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler und Politiker deutscher Herkunft. Von 1969 bis 1973 war er Nationaler Sicherheitsberater der Vereinigten Staaten, von 1973 bis 1977 US-Außenminister. 1973 erhielt er den Friedensnobelpreis für das Friedensabkommen in Vietnam.
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Henry Kissinger wurde als Heinz Alfred Kissinger in Fürth/Mittelfranken geboren. Sein Vater Louis Kissinger unterrichtete am Fürther Mädchenlyzeum Geschichte und Geografie, seine Mutter Paula Kissinger war die Tochter eines wohlhabenden jüdischen Viehhändlers aus Leutershausen nahe Ansbach. Henry Kissinger verbrachte mit seinem um ein Jahr jüngeren Bruder Walter eine glückliche Kindheit in Fürth bis 1933. Seine große Leidenschaft gilt dem Fußballspiel, einer Passion, der er seit jeher die Treue hält, indem er sich bis heute die Ergebnisse der SpVgg Greuther Fürth übermitteln lässt. Dies tut Kissinger, wie er in einem Phoenix-Interview offenbarte, heute über das Internet; früher teilte ihm die deutsche Botschaft in den USA die Spielergebnisse von Greuther Fürth und die der 1. und 2. Bundesliga mit. Während der Vater trotz zunehmender Repressalien gegen deutsche Juden ausharren wollte, setzte sich seine willensstarke und realistischer denkende Frau durch, 1938 aus dem nationalsozialistischen Deutschen Reich in die USA zu emigrieren. Dreizehn Verwandte der Familien Kissingers wurden später von den Nazis ermordet.
Kissinger jr. ging mit seinem Bruder Walter in New York City im damals deutsch-jüdisch geprägten Stadtteil Washington Heights von Manhattan auf die George Washington High School. Während sie keine Probleme in der Bewältigung der neuen Lebensumstände hatten, war der Vater ein gebrochener Mann, der sich von der Umwelt abschottete. Am 19. Juni 1943 erhielt Kissinger jr. die Staatsbürgerschaft der USA, nachdem er im selben Jahr zum Militärdienst bei den Landstreitkräften eingezogen worden war. Der Zweite Weltkrieg brachte ihn nach Deutschland.
Nach Kriegsende blieb er in Deutschland und arbeitete in der amerikanischen Besatzungszone von Mitte 1945 bis April 1946 beim Counter Intelligence Corps (C.I.C.) in Bensheim. Dieser Nachrichtendienst hatte die Aufgabe Kriegsverbrechen aufzuklären und die Entnazifizierung in Deutschland voran zu treiben. Der damals 22-Jährige war Chef dieser Einheit in Bensheim und wurde von Zeitzeugen als „eingebildeter dummer Junge“, als überheblich, aber auch als freundlich, hilfsbereit und kinderlieb[1] bezeichnet. In Bensheim wohnte Kissinger im Gärtnerweg 20, in der Weiherstraße 10, in der Villa Weinholz in der Ernst-Ludwig-Promenade 24, im Anwesen der Familie Dr. Sauer in Zwingenberg und in der Villa Schüssel („Amerikahaus“) in Heppenheim.
Kissingers Büro war im zweiten Stock des damaligen Finanzamtes in der Wilhelmstraße, in dem heute die Bensheimer Polizeistation untergebracht ist. Über Kissingers Zeit in Bensheim ist einiges überliefert, Frauengeschichten, ein weißer Mercedes-Sportwagen, Differenzen mit dem damaligen Bürgermeister Treffert und unglückliche Personalentscheidungen - der Bensheimer Polizeichef war offenbar in unsaubere Geschäfte verwickelt.
Im „Amtlichen Mitteilungsblatt der Großbürgermeisterei Bensheim“ vom 18. April 1946 wird Kissingers Abschied wie folgt verkündet: „Wir wünschen Mr. Henry als dem scheidenden Mann alles Gute für die Zukunft und Mr. Samuels begrüßen wir als neuen Leiter der C.I.C. in der Hoffnung auf ein gedeihliches gegenseitiges Verstehen.“[1]
Im Mai 2005 besuchte Kissinger, anlässlich des 60. Jahrestages des Kriegsendes, zusammen mit dem Hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch Heppenheim seine ehemalige Wohnung im „Amerikahaus“[2].
Im Jahr 1947 kehrte Henry Kissinger in die USA zurück und studierte am Harvard College, wo er 1950 seinen Bachelor erhielt. 1952 schloss er seinen Master ab und zwei Jahre später seine Promotion, beide an der Harvard University. Seine Promotionsschrift wurde später unter dem Titel „A World Restored: Metternich, Castlereagh and the Problems of Peace 1812-1822“ veröffentlicht und wurde ein erfolgreiches Standardwerk der Geschichtsschreibung. Von 1954 bis 1971 war er Mitglied des Lehrkörpers der Harvard University sowie Mitarbeiter im Department of Government. 1954 bearbeitete er die Frage nach der militärischen Herausforderung der USA durch die Sowjetunion für sein Werk „Nuclear Weapons and Foreign Policy“. Von 1957 bis 1960 war Kissinger Direktor des Harvard Center for International Affairs und von 1958 bis 1969 Direktor des Harvard Defense Studies Program. Von 1950 bis 1960 war er außerdem Berater der Behörde für Waffenentwicklung beim Vereinigten Generalstab und von 1961 bis 1968 Berater der US-Agentur für Waffenkontrolle und Abrüstungsfragen. Im Jahr 1977, nach seinem Ausscheiden aus der Politik, nahm er eine Professur für Internationale Diplomatie an der Georgetown University in Washington (D.C.) an.
Erste politische Erfahrung sammelte Henry Kissinger als Berater des Gouverneurs Nelson A. Rockefeller ab 1957. In der Folge wurde er auch von den US-Präsidenten John F. Kennedy, Lyndon B. Johnson und Richard Nixon geschätzt. Mit der Wahl Richard Nixons zum Präsidenten 1968 wurde Kissinger offizieller Berater für Außen- und Sicherheitspolitik (National Security Advisor). Die USA hatten zu dem Zeitpunkt vor allem aufgrund des Vietnamkrieges im außenpolitischen Bereich deutliche Probleme, zugleich hatte die Sowjetunion im Nahen Osten die politische Oberhand gewonnen.
Im Juli und November 1971 unternahm er zwei geheime Reisen in die Volksrepublik China, um in Gesprächen mit dem damaligen Premierminister Zhou Enlai den Weg für Nixons Besuch und eine Normalisierung der Beziehungen zwischen China und den USA zu bereiten. Diese Verhandlungen führten dazu, dass Kissinger heutzutage von chinesischen Politikern häufig als „der alte Freund des chinesischen Volkes“ bezeichnet wird.
Im gleichen Jahr bereiste er auch die Sowjetunion, wo er in Moskau das erste Abkommen zur Rüstungsbegrenzung zwischen den USA und der Sowjetunion vorbereitete. Er etablierte eine Politik der Entspannung zwischen beiden Staaten und war der amerikanische Unterhändler in den Strategischen Rüstungsbegrenzungsgesprächen, die im SALT I Vertrag gipfelten, sowie für den ABM-Vertrag zur Begrenzung strategischer Raketen (Anti Ballistic Missiles).
Auch mit dem nordvietnamesischen Lê Ðức Thọ traf er sich im Geheimen und bereitete mit ihm Friedensgespräche vor, die 1973 zu einem Friedensvertrag im Vietnamkrieg führten. Der Krieg selber ging jedoch noch bis 1975, da Lê Ðức Thọ die weitere Einmischung und Waffenlieferung der USA an die südvietnamesischen Truppen mit weiteren Kriegshandlungen beantwortete. Trotzdem erhielten beide Politiker 1973 für den Vertrag den Friedensnobelpreis, den Lê Ðức Thọ im Gegensatz zu Kissinger jedoch ablehnte, da der Krieg zu dieser Zeit noch andauerte.
Im September 1973 übernahm er unter Richard Nixon das Amt des Außenministers, das er auch im Kabinett von Gerald Ford bis Januar 1977 innehatte. Während der Ford-Jahre arbeitete er sehr eng und vertrauensvoll mit der Regierung Schmidt/Genscher zusammen. Nicht zuletzt seiner Rückendeckung war es zu verdanken, dass Bonns Interesse an „unverletzlichen“ aber nicht „unveränderlichen“ Grenzen in Europa Eingang in die KSZE-Schlussakte fand. Durch die ausdrückliche Anerkennung der Möglichkeit friedlichen Wandels blieb somit die Option auf eine Wiedervereinigung Deutschlands gewahrt.
Von 1973 bis 1974 spielte Kissinger eine große Rolle in den Friedensbemühungen zwischen Israel und den arabischen Ländern, vor allem Syrien. Er handelte das Ende des Jom-Kippur-Krieges aus, der mit Ägyptens und Syriens Versuch der Rückeroberung des im Sechstagekrieg an Israel verlorenen Sinai bzw. der annektierten Golanhöhen begonnen hatte. Kissigers intensive Reisetätigkeit zwischen den Konfliktparteien führte zur Entstehung des damals viel gebrauchten Begriffes Pendeldiplomatie (Shuttle Diplomacy).
Aufgrund seiner Politik gegenüber kleineren Dritte-Welt-Staaten gehört Kissinger dennoch zu den umstrittensten Außenpolitikern der Ära des Kalten Krieges. So unterstützten er und die CIA den blutigen Putsch des Generals Augusto Pinochet 1973 gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende in Chile, da dessen sozialistische Ausrichtung als Bedrohung der US-amerikanischen Interessen in Lateinamerika verstanden wurde (Domino-Theorie). Wegen der Verstrickungen Kissingers in diesen Fall sowie seiner vermuteten Beteiligung an der Operation Condor Mitte der 1970er Jahre ergingen bis heute mehrere gerichtliche Vorladungen in verschiedenen Ländern, denen Kissinger allerdings nie nachgekommen ist. 2001 machte die brasilianische Regierung die Einladung für eine Rede in São Paulo rückgängig, weil sie die Immunität Kissingers nicht garantieren konnte.
Mittlerweile offengelegte Geheimdokumente belegen ebenfalls, dass Kissinger zusammen mit dem damaligen US-Präsident Gerald Ford die völkerrechtswidrige indonesische Invasion Osttimors autorisierte, die von Dezember 1975 bis Februar 1976 ca. 60.000 Opfer kostete. Kissinger bestritt, überhaupt von den Plänen für die Invasion gewusst zu haben, bis inzwischen freigegebene Dokumente das Gegenteil bewiesen.
Von dem US-amerikanischen Star-Journalisten Seymour Hersh wird Kissinger u. a. 1983 in dessen Buch The Price of Power: Kissinger in the Nixon White House massiv angegriffen. Hersh kommentiert Kissingers Verantwortung für die Bombardierung von Zivilisten in Vietnam und Kambodscha folgendermaßen: „When the rest of us can't sleep we count sheep, and this guy [Kissinger] has to count burned and maimed Cambodian and Vietnamese babies until the end of his life.“ (Übersetzung: Wenn man nicht einschlafen kann, zählt man Schafe, doch er [Kissinger] muss bis ans Ende seiner Tage verbrannte und verstümmelte kambodschanische und vietnamesische Säuglinge zählen.)
Mit der Amtsübernahme des US-Präsidenten Jimmy Carter schied Henry Kissinger aus dem Amt und zog sich weitestgehend aus dem politischen Wirken zurück. Die Globalisierung kennzeichnete er wie folgt: „Globalisierung ist nur ein anderes Wort für US-Herrschaft.“[3] Er unterstützte die Präsidentschaftskandidatur Ronald Reagans 1981 und wurde nach dessen Wahl auch in dessen Beraterstab aufgenommen. Er blieb aber in der Folgezeit politisch weitgehend einflusslos. Im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen von 2000 trat er als Unterstützer von John McCain auf. Später beriet er George W. Bush.[4]
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Kissinger gründete 1982 die Beratungsfirma Kissinger Associates, deren Präsident er ist. Die Liste der Geschäftskunden wird nicht offenbart, durchgesickert ist die Arbeit für American Express, American International Group, Atlantic Richfield Company, Chase Manhattan Bank, Coca-Cola, Fiat, Freeport-McMoRan, Heinz, Merck & Co. und Volvo. Er ist Mitglied im Aufsichtsrat des Flugzeugherstellers Gulfstream Aerospace und der Chicagoer Zeitungsgruppe Sun-Times Media Group.
Nachdem er 1994 für die Kupfer- und Gold-Bergbaufirma Freeport-McMoRan bei der Klage gegen die Overseas Private Investment Corporation wegen der aus Umweltschutzgründen zurückgenommen Garantie von 100 Millionen Dollar engagiert war, wurde er von 1995 bis 2001 Mitglied im Freeport-Aufsichtsrat. 2000 ernannte ihn der damalige indonesische Präsident Abdurrahman Wahid zum politischen Berater.
1987 erhielt er den Karlspreis der Stadt Aachen. 2005 wurde ein von Aachener gesellschaftlichen und politischen Kräften unterstützter und bisher nicht beschiedener Bürgerantrag gestellt, Kissinger wegen seiner maßgeblichen Beteiligung an Kriegsverbrechen den Karlspreis abzuerkennen. Kissinger ist seit 1998 Ehrenbürger seiner Heimatstadt Fürth. Sein Leben lang ist er treuer Anhänger des Fußballclubs SpVgg Greuther Fürth. Zuletzt weilte er 2004 in Fürth. Seit 1996 ist Kissinger Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der bundesunmittelbaren Otto-von-Bismarck-Stiftung.
Kissinger schaffte es wie kein US-Außenminister vor ihm oder nach ihm, Star-Status zu erlangen. Man sah ihn auf vielen gesellschaftlichen Ereignissen mit Showstars wie Frank Sinatra, außerdem wurde ihm ein Verhältnis mit der US-Schauspielerin Jill St. John nachgesagt, das er nie dementierte. Kissinger avancierte zum Medienstar, indem er geschickten Umgang mit Journalisten pflegte. Als Nixon durch die Watergate-Affäre unter Druck geriet und sich stärker aus der Öffentlichkeit zurückzog, besetzte Kissinger den freigewordenen Leerraum und avancierte zum „Ersatzpräsidenten“. Der für seine Bescheidenheit bekannte Ford wiederum gestattete es dem – nicht zuletzt durch den Nobelpreis – prominent gewordenen Kissinger, seine Starrolle weiterzuspielen, auch wenn er ihn schließlich vom Posten des Sicherheitsberaters entband.
Kissinger ist außerdem Mitglied im Council on Foreign Relations und regelmäßiger Teilnehmer der Bilderberg-Konferenzen.
Kissinger ist einer der geistigen Väter der Roadmap, der Übereinkunft zwischen den Präsidenten Arafat und Rabin im palästinensisch-israelischen Konflikt. Er war es auch, der Mubarak zu der entscheidenden Vermittlerrolle zwischen Israel und der Palästinensische Autonomiebehörde drängte. Hierbei verstand es Kissinger auch die Regierung der Bundesrepublik Deutschland zur Vermittlung im Nahost-Konflikt zu bewegen. Mit der Hilfe der Außenminister Klaus Kinkel und Joschka Fischer gelang es bis zum Beginn der zweiten Intifada die Friedensverhandlungen zwischen Israel und Palästina fast zum Erfolg zu führen.
An einen Vortrag, den er 2007 vor den Mitgliedern der päpstlichen Akademie für Sozialwissenschaften hielt, erklärte er die Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. in ihren Grundaussagen für richtig. Der Heilige Vater fordert einen Dialog zwischen Religionen. Aber er glaubt, dass es für einen solchen Dialog Regeln braucht. Und die liegen für ihn in der hellenistischen Tradition der christlichen Religion, einer Tradition also, die sich auf Vernunft gründet. Das bedeutet, Sie respektieren den Standpunkt der anderen Seite, auch wenn Sie nicht damit einverstanden sind. Das ist Basis, auf der Frieden zwischen Religionen entstehen kann. Nicht auf der Basis, dass eine Religion sagt, sie allein könne bestimmen, was recht für jeden ist.[5]
Kritisiert wird seine undemokratische „Geheimdiplomatie“; ferner auch dass seine „détente“-Politik des Appeasement gegen den Kommunismus indirekt zu den kommunistischen Massakern in Indochina (Laos, Kambodscha-Genozid, Boat People) und später (unter Carter) zur sowjetischen Invasion in Afghanistan führte.
Am 11. September 2001, dem 28. Jahrestag des Pinochet-Putsches, reichten die Anwälte einer chilenischen Menschenrechtsorganisation Klagen gegen die Beteiligten des Putsches Kissinger, Augusto Pinochet, Hugo Banzer, Jorge Rafael Videla, Alfredo Stroessner ein.
Im September 2001 reichte die Familie des 1970 ermordeten chilenischen Generals René Schneider beim Bundesgerichtshof in Washington, D. C. eine Zivilklage gegen Kissinger und Richard Helms ein. Kissinger wird vorgeworfen, den Befehl zur Beseitigung von Schneider gegeben zu haben, da sich der General weigerte, den später von der US-Regierung lancierten Militärputsch zu unterstützen. Das Attentat auf Schneider war Teil der Operation FUBELT, deren Ziel die Beseitigung der demokratischen chilenischen Regierung unter Salvador Allende durch einen Militärputsch war.[6]
Das East Timor Action Network, International Campaign against Impunity und Instituto Cono Sur betreiben seit 2002 das Projekt Kissinger Watch, über welches Informationen zum Stand der Strafverfolgung im Fall Henry Kissinger verbreitet werden.[7]
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