Der Begriff Historischer Materialismus wurde im Rahmen der Systematisierung des Marxismus gebildet und bezeichnet die Geschichtstheorie von Karl Marx. Laut Friedrich Engels konzipierte Marx seine "große Theorie" erstmals keimhaft im Frühjahr 1845 (Thesen über Feuerbach) und etwas prägnanter nach seiner Ablösung von der Philosophie Ludwig Feuerbachs in dem großteils damals unveröffentlichten Textkonvolut Die Deutsche Ideologie. Die Marxforschung hat lange gezögert, den umfangreichsten Teil der Deutschen Ideologie, die Auseinandersetzung mit Max Stirners Buch Der Einzige und sein Eigentum, gebührend zu gewichten. Erst in den letzten Jahrzehnten, u.a. im Zusammenhang mit den ausnehmend schwierigen Arbeiten zur kritischen Edition der Deutschen Ideologie in der MEGA2, kam zunehmend der Einfluss Stirners für Marx' Konzeption des Historischen Materialismus in den Blick (detailliert dazu Essbach: Literatur).
Der Historische Materialismus beschreibt den Verlauf der Geschichte nicht als eine zufällige Abfolge von Ereignissen, sondern als determinierte Entwicklung der menschlichen Gesellschaft auf der Grundlage bestimmter ökonomischer Zusammenhänge. Materielle Triebkräfte der gesellschaftlichen Entwicklung sind die sozialen, primär ökonomischen Widersprüche, die den unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Gesellschaft inne wohnen und den "Kampf und die Einheit der Gegensätze" im Rahmen historisch gegebener Gesellschaftsformationen prägen (siehe Dialektik). Die Lösung systemimmanenter, antagonistischer Widersprüche führt mit Notwendigkeit zu revolutionären, gesellschaftlichen Veränderungen und zur Herausbildung einer qualitativ höher entwickelten Gesellschaftsformation. Das marxistische Geschichtsbild steht damit im Gegensatz zum Idealismus Hegels, der Geist und Ideen als Ursprung der geschichtlichen Veränderungen sieht.
Eine Kernaussage des Historischen Materialismus ist, dass der Mensch, indem er mit seiner Umgebung durch seine Arbeit in Kontakt tritt, sich als gesellschaftliches Wesen konstituiert und mit anderen Menschen bestimmte Beziehungen gesellschaftlicher Natur unterhält. Diese Beziehungen ihrerseits haben einen Einfluss auf ihn als Menschen.
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Durch den Klassenkampf sind die sozialen Beziehungen zwischen den Klassen pausenlos in Bewegung. Marx erklärt diese Bewegung zur Grundlage der menschlichen und zivilisatorischen Entwicklung. Auch in relativ ruhigen Etappen mit mehr oder weniger feststehenden Produktionsverhältnissen und Arbeitsteilung entwickeln sich die Produktivkräfte, die so allmählich in immer größeren Widerspruch mit den Produktionsverhältnissen geraten. Die Produktionsverhältnisse fördern zunächst die Produktivkräfte, werden dann aber zunehmend zu Fesseln der Entwicklung der Produktivkräfte. Es folgt dann jeweils eine kurze, heftige "revolutionäre" Phase des Klassenkampfes, in der die Unterklassen versuchen, die Produktionsverhältnisse zu ihren Gunsten zu verändern. So bilden sich neue Produktionsverhältnisse mit neuen herrschenden Klassen heraus und der Klassenkampf beginnt erneut. Als historische Phasen dieses Klassenkampfes unterscheidet Marx die Zeit der Sklavenhaltergesellschaft, der Feudalen Gesellschaft und die der Kapitalistischen Gesellschaft. Vor diesen von Klassengegensätzen geprägten Gesellschaftsformen bestand dem Historischen Materialismus nach die Stammes- oder Urgesellschaft. Der Klassenkampf kommt erst mit der kommunistischen Revolution zu einem Ende, wenn das Proletariat die Macht ergreift und die klassenlose Gesellschaft geschaffen wird.
Der historische Materialismus unterscheidet verschiedene Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung, die er anhand der Produktionsverhältnisse voneinander unterscheidet. Zu diesen Entwicklungsstufen zählen:
Im Kommunismus ebenso wie in der Urgesellschaft ist die Entfremdung des Menschen von dem Produkt seiner Arbeit sowie von sich selbst nicht vorhanden bzw. beseitigt, während sie in den drei auf die Urgesellschaft folgenden Stufen die Probleme der unterdrückten Klasse entscheidend mitbestimmt.
Die Stammesgesellschaft ist nach Karl Marx die ursprünglichste Form des menschlichen Zusammenlebens. Sie wird charakterisiert durch eine minimale Arbeitsteilung, archaische Techniken und eine geringe Produktivität. Privatbesitz ist selten oder existiert nur in gemeinschaftlicher Form, d. h.: die Produktionsmittel sowie die Produkte befinden sich im kollektiven Besitz der Gemeinschaft. Eine solche "klassenlose" Gesellschaft bezeichnet Marx als "Urform des Kommunismus", sie wird auch als Urkommunismus bezeichnet.
Mit dem technologischen Fortschritt schaffen es die Menschen irgendwann, mehr zu produzieren, als sie zum unmittelbaren Überleben benötigen. Das zum eigenen Überleben Nicht-Benötigte ermöglicht die Herstellung eines Mehrprodukts. Laut Marxismus machte dies dann auch die Klassengesellschaft möglich, da das Mehrprodukt dazu dienen konnte, eine herrschende Klasse, die selbst am unmittelbaren Produktionsprozess nicht beteiligt war, zu ernähren. So wurde das Mehrprodukt für Notzeiten in besonderen Speichern aufbewahrt, die dann aber auch bewacht werden mussten, und gerade wenn eine Notzeit ausbrach, waren Leute notwendig, die gegen die unmittelbaren Ängste der Bevölkerung diese Vorräte verteidigten, damit nicht in der ersten Not gleich alles aufgegessen wurde. Diese Leute mussten also notfalls auch entscheiden, ob welche nicht durchgefüttert werden konnten. Sie mussten mächtig sein, mächtiger als die Masse der Bevölkerung. Die herrschende Klasse und die Klassengesellschaft war geboren.
Folgende Stammgesellschaften werden im Marxismus als Beispiele angeführt:
Sklavenhaltergesellschaft ist ein Begriff, den Karl Marx geprägt hat. Er bezeichnet damit die antiken Gesellschaften auf der Basis ihrer Produktionsweise, die den Reichtum durch die Schaffung und Akkumulation von Mehrwert durch Sklavenarbeit produzierten. Mit diesem Terminus vervollständigt er die Trias Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus und Kapitalismus als Ergebnisse einer Geschichte von Klassenkämpfen. Im Mittelpunkt seiner Untersuchungen standen jedoch die Verhältnisse im 19. Jahrhundert.
Die feudale Gesellschaft ist gleichzeitig städtisch und ländlich und in hohem Maße hierarchisch aufgebaut.
Auf dem Land herrschen die großen Grundbesitzer und Lehnsherren, ihre Ländereien werden von Leibeigenen bearbeitet.
In den Städten wiederum basiert die Hierarchie auf den Gilden und Zünften.
Nach Marx öffnet die feudale Gesellschaft über den Schutz von handwerklichem Besitz und Kapital den Weg für die Entwicklung des Kapitalismus.
Die kapitalistische und bürgerliche Gesellschaft zeichnet sich einerseits durch einen hohen technischen Entwicklungsstand und andererseits durch eine ausgeprägte Arbeitsteilung aus. Die sozialen Klassen sind scharf voneinander abgegrenzt, und mit der Entwicklung des Handels und der Industrialisierung entsteht eine neue Klasse: das aus dem städtischen Handwerk heraus entstandene Bürgertum ("Bourgeoisie").
Neue Märkte, die Entstehung von Manufakturen, die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals und vor allem die Industrialisierung führen zu einer massiven Produktivitätssteigerung. Der Aufschwung des Bürgertums geschieht Marx zufolge auf Kosten der Arbeiterklasse, die selbst über keinerlei Produktionsmittel verfügt. Landflucht, Armut, Krankheit und ein Gefühl der Entfremdung zeichnen die Angehörigen des Proletariats aus.
Der Kapitalismus ist vorerst kommerzieller Natur: Das Bürgertum bereichert sich, entwickelt neue Produkte, erschließt neue Märkte und multipliziert seine Ressourcen. Diese Art des Kapitalismus wird mehr und mehr vom industriellen Kapitalismus ersetzt – Produktivitätssteigerung und Verstädterung sind die Folgen.
Nach Marx' Schlussfolgerung, die auf Analysen seiner Beobachtungen der englischen Hochindustrialisierung zurückgeht, grabe sich die kapitalistische Gesellschaft zwangsläufig ihr eigenes Grab, indem auf der einen Seite jeweils ein großer Kapitalist viele kleine "totschlägt", indem also auf der einen Seite ein Prozess der Kapital-Zentralisation stattfindet, und auf der anderen Seite den großen Kapitaleinheiten eine immer größere Masse von Proletariern gegenübersteht. Der wachsende Konflikt zwischen Bürgertum und Proletariat müsse zum Sturz der Bourgeoisie durch die Arbeiterklasse führen. Damit werde der Weg frei für eine kommunistische, klassenlose Gesellschaft, in der die Produktionsmittel sich in Gemeinschaftsbesitz befänden. Die Expropriateure werden expropriiert (enteignet). Nachdem einst die Klassengesellschaften den Urkommunismus als klassenlose Gesellschaft negiert haben, komme es jetzt zur Negation der Negation im Sinne der Dialektik, indem die letzte Klassengesellschaft, der Kapitalismus, durch die neue klassenlose Gesellschaft, den Kommunismus, negiert werde.
Für die Anhänger des Marxismus-Leninismus ist der Historische Materialismus das "wissenschaftliche und revolutionäre Studium der Gesellschaft und ihrer Entstehung". Durch die Annahme, dass die materiellen Bedingungen der sozialen Existenz die Geschichte vorantreiben, könne man jede Gesellschaft an einem bestimmten Punkt ihrer Entwicklung studieren und verstehen.
Die unbewusste historische Bewegung, die Marx beschreibt, soll nun nach Ansicht seiner Anhänger und Nachfolger den Menschen bewusst gemacht werden, worauf sich die Massen organisieren sollen und die "proletarische Revolution" beginnen kann – der "letzte Klassenkampf", der zur marxschen Idee einer kommunistischen Gesellschaft führt. Nach Marx' Meinung hingegen muss die Entwicklung zum Sozialismus und schließlich zum Kommunismus nicht erzwungen werden. Die Idee der kommunistischen Gesellschaft haben Karl Marx und Friedrich Engels im "Kommunistischen Manifest" (1848) auf den Punkt gebracht: "An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist."
Dass der so genannte "real existierende Sozialismus" dieser Theorie nicht entsprach, zeigt die Geschichte der sozialistischen Staaten. Josef Stalin verband, aufbauend auf die philosophische Vorarbeit Lenins, seine eigentümlichen Interpretationen des theoretischen Werks Karl Marx' mit dem Dialektischen Materialismus. Dies wurde einer der wichtigsten Bestandteile der Sowjetideologie (siehe "Über Dialektischen und Historischen Materialismus (Stalin)").
Wie andere von Marx' Theorien auch wurde die Theorie des Historischen Materialismus von Politikern instrumentalisiert und wird deshalb heute von einigen Menschen prinzipiell abgelehnt. Aus soziologischer Sicht handelt es sich jedoch nur um eine Theorie unter vielen, eine der diversen Möglichkeiten, das Funktionieren der menschlichen Gesellschaft zu erklären.
Positiv sei zu vermerken, dass Karl Marx als einer der ersten Autoren einen interdisziplinären (in eigenen Worten: "globalen, allumfassenden") Ansatz gewählt hat, um das Funktionieren der menschlichen Gesellschaft zu erklären. Seine Theorien und Analysen – sowohl wirtschaftlich, politisch als auch soziologisch – sind in sich selbst kohärent und schlüssig und leicht anzuwenden. Dies geht auf eine bewusste Ausklammerung weiterer Faktoren des menschlichen Zusammenlebens, insbesondere psychologischer, zurück. Diese wurden als "Nebenwidersprüche" eingeordnet und nicht weiter behandelt.
Marx' Analyse der Entwicklung der menschlichen Zivilisation hat heute historischen und methodischen Charakter; Anthropologie, Ethnologie, Archäologie und Geschichtsforschung gewannen seit seiner Lebenszeit neue Erkenntnisse über die frühen Gesellschaftsformen und -strukturen.
Auch gegenwärtige Ereignisse werden weiterhin aus marxistischer Sicht mit dem historischen Materialismus erläutert. Eine geläufige, gegenwärtige Argumentation ist, dass der Irak-Krieg auf ökonomische und militärische Umstände zurückzuführen sei, welche einzig die Ölförderung und die Bedienung der amerikanischen Rüstungsindustrie zum Ziel hätten. Dabei sind weitere Faktoren wie Konjunktur, staatliche Propaganda oder Unterdrückung untergeordnet. So denken einige Vertreter der Linken. Andere hingegen streichen auch die geostrategische Bedeutung heraus.