Homo oeconomicus

Homo oeconomicus bezeichnet in der Wissenschaft das theoretische Modell (den Normaltyp) eines Menschen, der seine Handlungen allein auf der Basis der ihm vorliegenden Informationen rational ausrichtet und seine Entscheidungen nach dem ökonomischen Prinzip zur Maximierung seines persönlichen Nutzens trifft.

Inhaltsverzeichnis

Homo oeconomicus in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Definition: [1]:

Der Homo Oeconomicus bezeichnet einen (fiktiven) Akteur, der

  • eigeninteressiert und
  • rational handelt
  • seinen eigenen Nutzen maximiert
  • auf Restriktionen reagiert
  • feststehende Präferenzen hat
  • und über (vollständige) Information verfügt

Dies wird für viele Fragestellungen, in denen widerstreitende Interessen auftreten, als sachgerechte und praktikable Vereinfachung akzeptiert. Der Sinn des Modells des Homo oeconomicus liegt darin, dass man eine Annahme macht, wie sich bspw. ein Geschäftsmann, ein Kunde oder sonst ein wirtschaftlich handelnder Mensch unter bestimmten wirtschaftlichen Bedingungen (z.B. Marktbegebenheiten) verhalten wird. Damit lassen sich elementare wirtschaftliche Zusammenhänge in der Theorie durchsichtig beschreiben.

Insbesondere die experimentelle Ökonomik und die Evolutions- und Verhaltensökonomik, befassen sich mit beschränkt rationalen Verhaltensmustern des Menschen, deren Gründe unter anderem in der Komplexität der Entscheidungssituationen (Informationsbewertung, Bildung von Zukunftserwartungen etc.) liegen. Ralf Dahrendorf hat analog dazu für seine Rollentheorie den Begriff Homo sociologicus geprägt und verwendet.

Ansätze, die in ihren Grundannahmen auf das Modell des Homo oeconomicus aufbauen, werden als Rational-Choice-Ansätze bezeichnet.

Begriff

Der englische Ausdruck economic man findet sich zuerst 1888 in John Kells Ingrams „A History of Political Economy“; den lateinischen Term homo oeconomicus benutzte wohl zum ersten Mal Vilfredo Pareto in seinem „Manuale d´economia politicá“ (1906).

Kritik und neuere Ansätze

Mit der Etablierung der experimentellen Wirtschaftsforschung wurde das Konzept des Homo oeconomicus in den vergangen Jahren immer häufiger experimentell überprüft. Dabei zeigte sich, dass unter gewissen eng definierten Laborbedingungen dieses Konzept manchmal als eine geeignete Prognose für tatsächliches menschliches Verhalten herangezogen werden kann. In zahlreichen anderen Versuchen konnte diese Verhaltenshypothese jedoch nicht bestätigt werden. Zur Erklärung des beobachten Laborverhaltens wird in diesen Fällen das Homo-oeconomicus-Modell häufig erweitert. Diese Erweiterungen beziehen sich dabei häufig auf die Nutzenfunktion, welche beispielsweise das Verhalten anderer Akteure mit berücksichtigt. Der Homo reciprocans ist eine solche Modellerweiterung.

In der Spieltheorie wird das Modell des homo oeconomicus verändert. Er wird nun zum strategisch handelnden Wirtschaftssubjekt, das auch kurzfristige Verluste in Kauf nimmt, wenn dies der Verfolgung eines langfristigen Ziels dient. (vgl. Soziales Dilemma)

Die Verhaltensökonomik geht davon aus, dass das beobachtete Verhalten in der Regel der Annahme des rationalen Nutzenmaximierers widerspreche, und sucht Erklärungen für irrationales Verhalten.

In der Neuen Institutionenökonomik bzw. der Transaktionskostentheorie werden Faktoren wie asymmetrische Information, beschränkte Rationalität und Opportunismus berücksichtigt, um zu realitätsnäheren Annahmen zu gelangen.

Weitere Modelle

Andere Modelle in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sind z.B. der

Missverständnisse

Das rein theoretische Modell des ausschließlich rationalen Homo oeconomicus wird zuweilen als Menschenbild fehlinterpretiert. Oftmals wird er als unsoziales oder amoralisches Wesen gesehen. Auch Täuschung und Betrug liegen innerhalb des Spektrums rationaler Handlungsweisen zum eigenen Vorteil. Der Ökonom Fritz Machlup hat deshalb vorgeschlagen, ihn „homunculus oeconomicus“ zu nennen, damit begriffen werde, dass der homo oeconomicus keinen realen Menschen darstellen solle, sondern ein Modell [2].

Quellen

  1. Franz, St.; Grundlagen des ökonomischen Ansatzes: Das Erklärungskonzept des Homo Oeconomicus; in: W. Fuhrmann (Hrsg.), Working Paper, International Economics, Heft 2, 2004, Nr. 2004-02, Universität Potsdam
  2. http://www.uni-potsdam.de/u/makrooekonomie/docs/studoc/stud7.pdf Seite 3

Siehe auch

Literatur

  • Alexander Dietz: Der homo oeconomicus. Gütersloh 2005.
  • Gebhard Kirchgässner: Homo oeconomicus - Das ökonomische Modell individuellen Verhaltens und seine Anwendung in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Tübingen 1991.
  • Reiner Manstetten: Das Menschenbild in der Ökonomie - Der homo oeconomicus und die Anthropologie von Adam Smith. Freiburg 2002.
  • J. Persky): Retrospectives: The ethology of Homo economicus, Journal of Economic Perspectives, 9(2), 1995, S. 221-231.
  • Helmut Woll: Menschenbilder in der Ökonomie, München 1994
  • Stefan Zabieglik: The Origins of the Term Homo Oeconomicus, in: Janina Kubka (Hrsgn.), Economics and Values, Danzig 2003, S. 123-131.

Weblinks

Quelle:
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