Als Interkontinentalrakete (englisch: InterContinental Ballistic Missile – ICBM) wird eine ballistische Boden-Boden-Rakete hoher Reichweite bezeichnet, die von einem Kontinent aus ein Ziel auf einem anderen Kontinent erreichen kann.
Nach dem raketengetriebenen Start dringt das Projektil in den Weltraum ein, der weitgehend antriebslos auf einer ballistischen Bahn bis zum Ziel durchflogen wird; die typische Reichweite beträgt 5.500 bis 15.000 km. Im Unterschied dazu fliegen Kurz- und Mittelstreckenraketen in den unteren Bereichen der Erdatmosphäre und erzielen eine geringere Reichweite.
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Während Interkontinentalraketen der ersten Generation durchwegs Raketentriebwerke mit teilweise kryogenem Flüssigtreibstoff hatten, ging man mehr und mehr zu lagerfähigen Flüssigtreibstoffen und Feststoffantrieb über. Raketentriebwerke mit Feststoffantrieb haben zwar eine geringere Effizienz, sind jedoch in der Handhabung einfacher und besitzen eine kürzere Reaktionszeit – das Betanken der Rakete entfällt.
Moderne Interkontinentalraketen haben teilweise in der letzten Antriebsstufe wieder einen Flüssigtreibstoff-Raketenmotor, der allerdings regelbar ist. Diese Raketenstufen sind heute durchweg lagerfähig, der Treibstoff lagert dabei über Jahre in der Rakete und behält seine chemischen Eigenschaften. Durch die Regelmöglichkeit ist der Flug nicht mehr rein ballistisch und der Flugkörper kann bis kurz vor dem Einschlag manövriert werden. Dies verbessert zum einen die Genauigkeit und erschwert zum anderen die Abwehr, da die Flugbahn nicht mehr rein ballistisch verläuft.
Mit einer ballistischen Flugbahn sind Reichweiten bis ca. 15.000 km üblich. Die nicht mehr in Truppendienst befindliche russische SS-9 Rakete hatte dagegen in einer ihrer Varianten einen teilorbitalen Sprengkopf, der von einem stabilen Orbit aus ferngesteuert jeden Punkt der Erde erreichen konnte (FOBS).
Aufgrund der hohen Leistungsfähigkeit der Raketen werden veraltete oder außer Dienst gestellte Interkontinentalraketen auch zum Start von Satelliten eingesetzt, beispielsweise die russischen SS-19 als Rockot-Trägerrakete.
ICBMs sind bisher ausschließlich mit nuklearen Sprengköpfen bestückt. Hier kommen seit der zweiten Generation fast ausschließlich Mehrfachsprengköpfe zum Einsatz (MIRV), d. h. spätestens bei Wiedereintritt in die Atmosphäre teilt sich die Spitze in mehrere Gefechtsköpfe, die auf verschiedene Ziele programmiert werden können. Die Gefechtsköpfe (engl. Warheads) liegen meist bei einer Sprengkraft von einigen hundert Kilotonnen-TNT-Äquivalent. Bei der sowjetischen R-36M (SS-18 Satan) Mod 2 lag die Sprengkraft pro Sprengkopf bei bis zu 1,3 MT.
Neuerdings wird in den USA diskutiert, Internkontinentalraketen mit konventionellen Sprengköpfen zu bestücken, um damit auch weit entfernte Stützpunkte von Terroristen angreifen zu können [1]. Von russischer Seite wird dies sehr kritisch kommentiert, da damit eine Identifizierung von atombestückten Waffen, eine wesentliche Grundlage bisheriger Abrüstungsabkommen, unmöglich würde [2].
Da Interkontinentalraketen durchwegs einen Großteil der Flugbahn im Weltraum zurücklegen, müssen sie zum Erreichen ihres Zieles wieder in die Erdatmosphäre eindringen. Um nicht zu verglühen, benötigen sie eine wärmeresistente Wiedereintrittskörper.
Interkontinentalraketen werden häufig nicht nur mit einem, sondern mit mehreren Sprengköpfen ausgerüstet, damit pro Abschuss ein größeres Zielgebiet angegriffen werden kann. Zudem ist der Start einer Rakete sehr ressourcenintensiv - es ist also effizienter, mehrere Sprengköpfe mit einer Rakete zu transportieren.
Die erste Generation von Mehrfachsprengköpfen konnten noch nicht unabhängig voneinander gesteuert werden (MRV: Multiple Re-Entry Vehicle), so etwa bei der sowjetischen SS-9 Mod 4.
Später konnte man Gefechtsköpfe unabhängig voneinander steuern (MIRV: Multiple Independently targetable Re-entry Vehicle). Dabei werden während der exoatmosphärischen ballistischen Phase die einzelnen Sprengköpfe nacheinander durch ihre gemeinsame Plattform ausgerichtet und abgetrennt. Dadurch können die einzelnen Sprengköpfe innerhalb des Zielgebiets von meist mehreren hundert Kilometern Durchmesser beliebig platziert werden.
Ab den 80er Jahren hat die US Navy das System weiterentwickelt: (MARV: Maneuverable Re-Entry Vehicle)-Sprengköpfe sollten auch in der Endphase des Anflugs begrenzt manövrierfähig sein und so etwa die Raketenabwehr rund um Moskau und Leningrad durchdringen können. Als Trägerrakete sollte die sehr genaue UGM-113 Trident II D-5 (CEP 120 m mit einer Reichweite von 10.000 km) entwickelt werden. Das System wurde ab 1990 dann doch in einer auf MIRV basierenden Version (UGM-93B) auf einigen U-Booten der Ohio-Klasse in Dienst gestellt. Auch die sowjetischen/russischen Streitkräfte haben diese Entwicklungen weitgehend abgeschlossen. Russland hat z.Zt. ca 40 landgestützte (potentiell mobile) Topol-M-Raketen im strategischen Arsenal. Die seegestützte Version Bulawa befindet sich zur Zeit in der Erprobung auf einem U-Boot der Typhoon-Klasse.
Bei dem sowjetischen FOBS-System (Fractional Orbital Bombardment System) wird der Gefechtskopf in eine niedrige Erdumlaufbahn (LEO) gebracht, von wo aus er jeden Punkt der Erde erreichen kann. Dazu muss der Gefechtskopf nach Erreichen des Orbit lediglich zu einem bestimmten Zeitpunkt abgebremst werden.
Die Raketen sollten über den Südpol fliegen und die USA von Süden aus angreifen. Damit umging man das US-Radarnetz, das in Richtung Norden ausgerichtet war. Als Trägerrakete war die sowjetische R-36O (SS-9 Scarp Mod 3) vorgesehen. Das System war ab November 1968 voll einsatzbereit. Es trug einen Gefechtskopf mit einer Sprengkraft von 1-3 MT. Das System war allerdings nur kurze Zeit in Dienst und nie in ausreichenden Zahlen verfügbar. Weiterhin war es sehr ungenau (CEP bis zu 5 km) und dadurch für den Angriff auf gehärtete Ziele (z. B. Raketensilos) ungeeignet.
Da die Zeitspanne zwischen Abbremsung und Aufschlag im Ziel nur wenige Minuten beträgt, wäre die Vorwarnzeit sehr gering. Weiterhin würden die Geschosse in niedrigeren Höhen als bisherige ICBMs fliegen, sodass die Entdeckung durch Radarsysteme erschwert wäre. Beides führte zum späteren Verbot dieser Art von Waffen im Rahmen der START-Verträge.
Folgende Flugphasen werden unterschieden:
Im Allgemeinen wurde in den 1960er und 70er Jahren davon ausgegangen, dass Interkontinentalraketen auf Grund ihrer hohen Geschwindigkeit – circa 20-fache Schallgeschwindigkeit – und Flughöhe nur mit nuklear bestückten Anti-Raketen-Raketen sicher abgewehrt werden können. Die fortschreitende Technik ermöglichte später Systeme, die durch präzise Zielerfassung den anfliegenden Sprengkopf genau treffen und allein durch die kinetische Energie zerstören können (hit-to-kill). Da die amerikanischen und sowjetischen Interkontinentalraketen vielfach für einen Flug über den Nordpol programmiert waren, waren die entsprechenden Abwehranlagen jeweils nach Norden ausgerichtet; in Alaska befanden sich amerikanische Anlagen zur Raketenortung und -abwehr.
Während des Kalten Krieges handelten die USA und die UdSSR ein Abkommen aus, das es jeder Seite erlaubte, genau eine Anlage zur Raketenabwehr einzurichten, das ABM-Abkommen (Anti-Ballistic-Missile). Während die USA ihre Raketenfelder schützten, aber die Anlage bereits nach kurzer Zeit, gerüchteweise nur einem Tag, wieder außer Betrieb nahmen, sind die ABM-Raketen des heutigen Russland nach wie vor rund um Moskau stationiert. Dies wird von Beobachtern auch darauf zurück geführt, dass die wissenschaftliche, wirtschaftliche und politische Struktur des Ostblocks seinerzeit und nun Russlands völlig auf die Zentrale Moskau ausgerichtet ist.
Die US-amerikanischen Bestrebungen zur Abwehr ballistischer Raketen sind nur zur Abwehr einfacher Interkontinentalraketen geeignet, die über keine Köder (en:Decoy), sonstige Gegenmaßnahmen oder MIRVs verfügen – beispielsweise chinesischer (Ausnahme DF-31 CSS-9) oder nordkoreanischer Herkunft.
Die aktuellen US-Entwicklungen werden im THAAD Projekt weitergeführt, dessen Kern das MIM-104 Patriot System ist. Auf russischer Seite ist die technologische und strategische Entsprechung das SA-10 Grumble (S-300) System und dessen Nachfolger SA-20 Gargoyle und S-400.
(Kursiv = nicht in Dienst, entweder obsolet, oder noch in der Entwicklung)
Vor einiger Zeit gab die britische Regierung die Weiterentwicklung der Trident-Interkontinentalraketen in Auftrag. In Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Militär soll aus bereits getesteten Teilen der vorhandenen Raketen und Sprengköpfe eine neue Generation atomarer Waffen entstehen.