Nach offiziellen Angaben (Präsident Putin am 15. August 2003 gegenüber „Gazeta“) sind 20 Millionen der 143 Millionen Einwohner Russlands Muslime, also etwa jeder siebte Staatsbürger (10-15 Prozent). Nach der Volkszählung 2002 ist die Zahl der aktiven Gläubigen jedoch deutlich geringer.
Der prozentuale Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung Russlands ist somit etwa ebenso hoch wie es einst der Anteil der Muslime an der Bevölkerung der größeren Sowjetunion gewesen war (40-50 Millionen von 280-290 Millionen, heute etwa 70 Millionen Muslime in der GUS).
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Politisches und kulturelles Zentrum des Islams in Russland war und ist Kasan. Kasan gilt als die heimliche „islamische Hauptstadt“ neben der „europäischen“ Hauptstadt Moskau. Die Millionenstadt Kasan allein hat genau so viele Einwohner wie die gesamte Republik Tschetschenien.
Die zahlreichste muslimische Volk in Russland sind die Tataren. Mit rund 6 Millionen Angehörigen sind sie das nach den Russen (80%) zweitgrößte Volk (4%) und zugleich auch die größte Minderheit des Vielvölkerstaates. Nur ein Drittel der Tataren lebt in Tatarstan (Kasan), wo sie gut 50% der Bevölkerung stellen, 40% sind Russen. Außerhalb der autonomen Republik erstreckt sich ihr Siedlungsgebiet entlang der Wolga und des Ural, zusammen mit den anderen muslimischen Völkern bis zum Nordkaukasus bzw. bis nach Mittelasien.
Eine unbekannte Anzahl sogenannter "ethnischer Muslime" (kulturell islamisch geprägte Angehörige orientalischer Völker) ist jedoch als Atheisten einzustufen. Bei ihnen überwiegt oft auch die nationale bzw. nationalistische Ausrichtung. Offiziellen Angaben zufolge bekannten sich 2003 nur 14 Millionen der 20 Millionen Muslime als Gläubige. Bis zu 2 Millionen Muslime sollen zur russischen Orthodoxie konvertiert sein. Nach Angaben der russisch-Orthodoxen Kirche sind es 1 Million. Demgegenüber schätzt die Zeitung "Iswestija", dass bis zu 6 Prozent auch der "ethnischen Russen" (114-115 Mio der 143 Mio Einwohner) Muslime bzw. Konvertiten sind (also fast 7 Mio).
Weitere bedeutende muslimische Völker sind die den Tataren verwandten und benachbarten Baschkiren (1,5 Millionen), von denen zwei Drittel in ihrer autonomen Republik leben (Baschkortostan ist die flächenmäßig größte und bevölkerungsreichste der muslimischen Autonomien Russlands), dort aber nur knapp 30% der Bevölkerung ausmachen (gegenüber 40% Russen und 25% Tataren).
Größtenteils aus ihren ehemals sowjetischen Nachbarstaaten in Mittelasien und im Kaukasus nach Russland eingewandert sind Kasachen (1 Millionen) und Aserbaidschaner (fast 300.000, anderen Angaben zufolge sogar 2 Millionen). Hinzu kommen Tschetschenen (1 bis 1,3 Millionen), die auf drei Kaukasusrepubliken verteilten Tscherkessen (700.000 einschließlich Kabardiner und Adygeja), Awaren (600-700.000) bzw. Darginer (350-450.000) in Dagestan, die auch im benachbarten Aserbaidschan lebenden Lesgier (in Dagestan etwa 250-300.000) sowie die den Tschetschenen verwandten und benachbarten Inguschen (250-300.000).
Die indigenen Völker der Kaukasusrepubliken sind weniger bevölkerungsreich, und außer in Tschetschenien (93%), Inguschetien (77%) und Kabardino-Balkarien (67%) bilden muslimische Kaukasier nicht die Bevölkerungsmehrheit in ihren autonomen Republiken. Dennoch sind auch Dagestan (90%) und Karatschai-Tscherkessien (70%) zumindest mehrheitlich muslimisch. Damit stellt der Nordkaukasus das zweitwichtigste, kompakte muslimische Siedlungsgebiet in Russland dar, etwa 10% aller Muslime Russlands leben z.B. in Dagestan.
Die turkstämmigen Tschuwaschen (Tscheboksary an der Wolga) und die iranischstämmigen Osseten (Wladikawkas im Kaukasus) sind zwar mehrheitlich christlich-orthodox, eine Minderheit beider Völker bzw. ihrer beiden Republiken bekennt sich jedoch zum Islam. Zahlreiche Muslime leben auch in den russischen Großstädten Moskau (1,5 bis 2 Millionen, so www.islam.ru), Sankt Petersburg, Iwanowo, Twer, Jaroslawl, Kaliningrad, Astrachan, Orenburg, Nischni Nowgorod und Troizk (Oblast Tscheljabinsk).
In Moskau, Kasan usw. gibt es außerdem zahlreiche russische Konvertiten - besonders in Tatarstan, wo etwa jede dritte Ehe eine Mischehe ist. Im Lauf der Jahrhunderte haben sich vor allem die Wolgatataren mit Slawen (Russen, Ukrainer) und Wolgafinnen (Mari, Udmurten, Mordwinen) vermischt.
Die Tataren, anfangs nomadisierende Viehzüchter, wurden nach der russischen Eroberung (wie die Baschkiren) zu sesshaften Bauern. Vor allem die ländliche Bevölkerung befürwortet eine verstärkte Hinwendung Russlands zum Islam und den orientalischen "Bruderstaaten". Heute lebt allerdings die Mehrheit der Tataren in Kasan, Ufa und anderen Städten, wo Handwerk und Handel (anders als bei den Baschkiren) an lange und erfolgreiche Traditionen anknüpfen.
In letzter Zeit hat aber besonders der Ölreichtum Tatarstan und Baschkortostan großen Wohlstand gebracht, der sich in einem hohen Bildungsniveau (Tataren traditionell als intellektuelle Elite der Muslime Russlands), aber allmählich auch in einer zunehmenden Veralterung der Bevölkerung und geringerer Geburtenrate widerspiegelt. Eine Mehrheit der städtischen Tataren (Muslime und Atheisten) hat hohe Bildungsabschlüsse, ist politisch und sozial emanzipiert und orientiert sich auf Europa bzw. die verwestlichte Türkei (ein Großteil der Baschkiren favorisiert die Anlehnung an Kasachstan und die übrigen ehemaligen Sowjetrepubliken Mittelasiens).
Dennoch ist die Geburtenrate der muslimischen Völker Russlands weiterhin höher als jener der Russen und christlichen Völker. Trotz Krieg soll seit der Unabhängigkeit Russlands die Zahl der Tschetschenen um 50% gestiegen sein, die der Lesgier um 60%, die der Inguschen sogar um 90%. (Diese offiziellen Zahlen werden jedoch von russischen Oppositionspolitikern angezweifelt.) Angesichts des gleichzeitig anhaltenden, beinahe dramatischen Bevölkerungsrückgangs Russlands (1991: 148-149 Millionen Einwohner, 2001: 143-144 Millionen, Tendenz anhaltend) beschwören einige russisch-orthodoxe Nationalisten die Furcht vor einer wesentlichen Verschiebung des Gewichts des muslimischen Bevölkerungsanteils innerhalb einer dann kleineren Gesamtbevölkerung zugunsten einer angeblichen "Islamisierung" Russlands bis zum Ende des 21. Jahrhunderts (von 15 auf 50%).
Die Geschichte des Islams in Russland ist fast 1.300 Jahre alt, vor etwa 1.000 Jahren wurde Kasan als islamische Stadt gegründet.
Schon Mitte des 7. Jahrhunderts erreichte die islamische Expansion des arabischen Kalifats mit der Eroberung Transkaukasiens die Südgrenze des heutigen Russland. Auch die nordkaukasische Stadt Derbent in Dagestan wurde 642 erstmals, 728 endgültig islamisch (und blieb bis zur ersten russischen Eroberung 1722, endgültig 1806, jahrhundertelang aserbaidschanisch bzw. persisch), als erstes Volk Russlands nahmen bereits im 8. Jahrhundert die kaukasischen Darginer (Dagestaner) den Islam an. Rasch folgten die Lesgier. (Keines der slawischen Völker war zu diesem Zeitpunkt bereits christianisiert, ein erster russischer Staat entstand erst im 9. Jahrhundert.) Trotz einer kurzzeitigen Besetzung der Wolgamündung durch muslimische Araber (737) misslang im 9. Jahrhundert die Missionierung der Südrussland und die Ostukraine beherrschenden Chasaren, nur Teile der Unterschichten nahmen den Islam an (die herrschende Elite das Judentum), siehe auch Islam in der Ukraine.
Dafür aber traten im 10. Jahrhundert die Wolgabulgaren (als deren Nachkommen sich die heutigen Tataren und Tschuwaschen sehen) zum Islam über (Mission des Ibn Fadlan 922), ebenso Teile der Kiptschaken. Die Herrscher der Kiewer Rus vernichteten jedoch das Chasaren-Reich und zogen 988 die Annahme des orthodoxen Christentums den muslimischen Missionsversuchen vor. Auch die muslimischen Erfolge an der Wolga schienen mit dem Mongolensturm ab 1237 zerstört (Vernichtung des Bulgarenreiches und der Rus). Doch schon 1262 trat mit Berke Khan auch der erste Mongolenherrscher der Goldenen Horde zum Islam über. Seine Nachfolger stellten sich im Kampf gegen die ebenfalls mongolischen Ilkhane Persiens auf die Seite des Kalifats in Kairo.
Bis 1380 bzw. 1480 stand die Rus bzw. stand Russland unter tataromongolischer Fremdherrschaft. Faktisch aber fand in weiten Bereichen eine russisch-tatarische Symbiose und sogar Verschmelzung statt, die sich auch nach der russischen Eroberung der Khanate Kasan, Astrachan und Sibir im 16. Jahrhundert fortsetzte, da das Zarenreich die Tataren fortan als Mittler, Vorboten und Zwischenhändler zur Einflussnahme auf Mittelasien einsetzte (Beginn der Eroberung 1731). Von Boris Godunow über Turgenjew bis Lenin hatten führende Russen immer wieder auch tatarische Vorfahren, das vermeintlich eurasische bzw. „asiatische Wesen“ der Russen wurde im westlichen Abendland als Vorurteil gepflegt. Im Gegensatz zu den Tataren erhoben sich die Baschkiren in zahlreichen Aufständen (1662/64, 1681/84, 1705/06, 1707/11, 1735/40), zuletzt zusammen mit den Tataren an der Seite Pugatschows (1773/74).
Im 19. Jahrhundert ging jedoch mit der unmittelbaren Eroberung Mittelasiens (1868 Unterwerfung Bucharas, 1873 auch Choresms, 1876 Vernichtung Kokands) und Kaukasiens (1859 Niederlage des Imam Schamil, 1864 Emigration der Tscherkessen, 1878 Angliederung von Kars) der Einfluss der Tataren zurück, bereits seit dem 18. Jahrhundert hatte sich der ideologische Gegensatz zwischen Islam und Orthodoxie durch die russischen Türkenkriege verschärft (seit 1736 russischer Anspruch auf Konstantinopel, 1755 "Heiliger Krieg" der Wolgatataren gegen russische Siedlungspolitik, 1783 Eroberung des Krim-Khanats). Ein nunmehr panslawistisches Russland beanspruchte den Balkan, Armenien und selbst Istanbul sowie Sinkiang, Hunderttausende von Kaukasiern und Turkmenen flohen ins Osmanische Reich. Zeitgleich mit dem Panslawismus entstand die intellektuelle Reformbewegung des Dschadidismus, die von den Tataren ausging und aus der wiederum der türkisch-nationalistische Panturanismus sowie der muslimisch-kommunistische Sultangalijewismus (später als Diffamierung so bezeichnet) hervorgingen.
Nach dem Zusammenbruch des Russischen und des Osmanischen Reiches bestärkten die Februar- und Oktoberrevolution 1917 zunächst das Streben der Muslime Russlands nach Autonomie und Religionsfreiheit noch, die traditionelle islamisch-türkisch-russische Feindschaft nahm ab. Während des anschließenden Bürgerkrieges fanden sich Völker jedoch auf unterschiedlichen Seiten wieder. Wolgatataren und Osseten kämpften für die Sowjets, gegen sie kämpften Baschkiren, Aserbaidschaner, Kasachen und beinahe alle übrigen Kaukasusvölker.
Die stalinistische Nationalitätenpolitik sollte jedwede Einheit oder Verbundenheit zwischen den muslimischen Völkern der Sowjetunion zerstören, Dutzende kleiner Autonomiegebilde (ASSR) wurden geschaffen und gegeneinander ausgespielt. Unter dem Vorwurf der Kollaboration mit Hitlerdeutschland ließ Stalin noch 1944 die Mehrheit der Krimtataren, Tschetschenen, Inguschen, Kumyken, Balkaren und Karatschaier („Bergtataren“) deportieren (nach Mittelasien und Sibirien), erst 1957 wurden diese Völker rehabilitiert (die Krimtataren erst 1967) und erhielten ihre Autonomien zurück (außer die Krimtataren sowie Tscherkessen und Karatschaier nur zusammen).
Dem staatlich verordneten Atheismus fielen Tausende Moscheen zum Opfer, von 25.000 (davon 1.700 in Dagestan) vor der Revolution (1917) existierten 1989 nur noch 500 (davon 27 in Dagestan), muslimische Stiftungen wurden enteignet. Muslimische Geistliche wurden ausschließlich vom kommunistischen Staat ausgebildet und eingesetzt, so. ab 1944 z.B. die Muftis (Großmuftis) von Machatschkala bzw. Buinaksk (verantwortlich für den Nordkaukasus bzw. das europäische Russland) und Ufa (sibirisches Russland).
Erst mit der Perestroika öffnete KP-Chef Gorbatschow seine Partei 1987 auch für Muslime. Für seinen geplanten neuen Unionsvertrag warb er besonders um die Unterstützung Kasachstans, dessen KP-Chef Nasarbajew er bis 1991 vergeblich mit dem Vizepräsidentenamt in einer erneuten UdSSR köderte. Tatarstan wiederum forderte vergeblich den Status einer eigenen Unionsrepublik und verwies auf eine zahlreichere Titularnation als z.B. jene der Baltenrepubliken.
Die islamische Rückbesinnung Ende der 1980er Jahre ging wiederum von den Tataren aus und war während der Perestroika bzw. dem Ende der Sowjetunion zunächst Teil der Demokratiebewegung in Russland.
Heute gibt es wieder 7.000 Moscheen in Russland, davon 5.000 im Nordkaukasus, unter ihnen die (bis 2005) größte Moschee Russlands in Machatschkala (2005 entstand in Kasan die größte Moschee Europas). Der Wettstreit zwischen Kaukasus und Wolga hält an, in Grosny baut der Kadyrow-Clan derzeit an einer noch größeren Moschee.
Bereits 1990 hatte Tatarstan innerhalb der Sowjetunion seine Souveränität erklärt, bis heute ist es die einzige autonome Republik innerhalb der Russischen Föderation, die weder den Föderationsvertrag von 1991 noch dessen spätere Modifizierungen ratifiziert hat. Allerdings hat Kasan (anders als Tschetschenien) auf eine Unabhängigkeitserklärung verzichtet und 1994 in einem Grundlagenvertrag Sonderrechte ausgehandelt (die Sonderregelungen des Vertrages greifen, wenn tatarische Souveränität und russischer Föderalismus/Zentralismus einander widersprechen).
Mit der Zentralregierung in Moskau aber auch mit den baschkirischen Nachbarn in Ufa streitet Kasan seitdem um mindestens drei Punkte
Schon 1989 bzw. 1991 war die "Konföderation der Bergvölker des Kaukasus" gegründet worden, inzwischen "Konföderation der Kaukasusvölker" umbenannt. Ihr gehören nicht nur die muslimischen Völker des Nordkaukasus, sondern auch die südkaukasischen Abchasen und Osseten Georgiens an. Die Konföderation aus 16 Völkern versteht sich als oppositionelle Sammlungsbewegung gegen die in den Kaukasus-Republiken weiterhin etablierten alten Apparatschiks, moskautreuen Bürokraten und postkommunistischen Eliten. Ziel der Organisation war ein gemeinsames Gegengewicht zur Zentralregierung sowie der Zusammenschluss der muslimischen Bergvölker in einer gemeinsamen Republik, wie sie 1920-1921 in Form der "ASSR der Bergvölker" (Kabardiner, Tschetschenen, Inguschen, Tscherkessen, Osseten, Balkaren und Karatschaier) schon einmal kurzzeitig bestanden hatte.
Die Konföderation wurde von Moskau für illegal erklärt, unterstützte aber die Sezessionen Tschetscheniens von Russland und Abchasiens von Georgien, ohne jedoch selbst mit Moskau zu brechen. Ihre Vermittlung in den nach 1991 ausgebrochenen Konflikten im Nordkaukasus lehnt Moskau ab.
Bereits 1990 war von Tataren in Astrachan und Moskau die "Partei der Islamischen Wiedergeburt" (bzw. "Islamische Partei der Wiedergeburt") gegründet worden. Ziel war zunächst noch die politische Gleichberechtigung und Einheit der Muslime in allen Unionsrepubliken, seit dem Untergang der UdSSR gibt bzw. gab es die PIW daher auch in Usbekistan und Tadschikistan (siehe: Tadschikischer Bürgerkrieg) sowie formal auch in Kasachstan, Kirgisistan und Turkmenistan. Sie strebte eine starke muslimische Fraktion in der sowjetischen bzw. russischen Volksvertretung an und breitete sich bald von der Wolga un den Nordkaukasus aus. Doch weitere muslimische Parteien entstanden, von einer Einheit der Muslime konnte bald keine Rede mehr sein. Die PIW hatte niemals eine ausreichend breite Basis, litt unter Finanzsorgen (die sie mit verzweifelten Spekulationen noch verschlimmerte), versäumte die Schaffung eigener Massenmedien und verfügte über zwar prominente Frontgesichter, nicht jedoch über erfahrene Politiker.
Die russische PIW löste sich deshalb 1994 faktisch auf. Der Politologe und Philosoph Gejdar Dschemal, Ko-Vorsitzender und Vordenker des islamistischen PIW-Flügels, gründete später das "Islamische Komitee". Aus dem PIW-Umfeld entstanden aber zwei weitere wichtige Parteien: die Muslimische Bewegung "Nur" (Licht) und die "Union der Muslime Russlands" (SMR). Beide Parteien verfügen über Zellen und Organisationsstrukturen in über der Hälfte aller 89 Regionen Russlands sowie über muslimische Sponsoren im In- und Ausland.
Die Union der Muslime gilt zwar als eher laizistisch bzw. säkulär, ihr Ziel ist die Überwindung der nationalen Spaltung und eine Regierungsbeteilung der Muslime in Moskau, scheint aber fast allein auf dieses Ziel eingefahren zu sein. Sie sieht sich in ihrem Parlamentarismus als Nachfolger der ehemaligen "Union der Muslime" des zaristischen Russland und hat ihre meisten Anhänger im Nordkaukasus und Baschkortostan. Die Bewegung "Nur" ist hingegen weniger politisch und konzentriert sich auf kulturelle sowie erzieherische Probleme wie Menschenrechte, Religionsfreiheit und Traditionspflege. Damit ist sie moderater, weil im gesellschaftlichen Leben auch bei fehlenden Wahlerfolgen präsenter. Hinter "Nur" steht zudem der Großteil der muslimischen Ulama, die Hochburg der Bewegung ist Tatarstan.
Beide Parteien hatten lange Zeit gute Kontakte zur russischen LDPR, da Schirinowskis Nationalisten und die Muslimparteien einander als potientielle Koalitionspartner sahen. Misserfolge sowohl der Union als auch der Bewegung bei den Parlamentswahlen 1995 bis 2003 sowie die Wahlniederlage auch der inzwischen gespaltenen LDPR und ihr Wechsel ins Regierungslager bereiteten solchen Visionen aber ein deutliches Ende. Seit dem Ausscheiden des Konvertiten Nijasow (Eurasische Refah-Partei) sitzt kein Abgeordneter einer muslimischen Partei mehr im russischen Parlament, die beiden anderen Moslem-Parteien sind inaktiv.
Noch kurz vor seinem Tod 1989 soll der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini dem sowjetischen KP-Chef Gorbatschow geraten haben, den Islam in der UdSSR zur Staatsreligion zu machen, wollte er die Sowjetunion vor Zusammenbruch und Auseinanderbrachen bewahren. Zu einer "UdISR" (Union der Islamisch-Sozialistischen Sowjetrepubliken) kam es bekanntlich nicht, und außerdem ist eine Mehrheit von etwa 80% der "ethnischen Muslime" Russlands (60% der Tataren) nicht schiitisch (wie der Iran), sondern sunnitisch. (Nur die Aserbaidschaner sind mehrheitlich schiitisch. Kleine schiitische Minderheiten gibt es dennoch auch unter den Tataren, Lesgiern, Kumyken und Nogaiern.) Die von Moskau gefürchtete Ausbreitung der "Islamischen Revolution" fand nicht statt, bis Ende der 1980er Jahre strahlte das iranische Vorbild kaum nach Mittelasien, Aserbaidschan oder ins Gebiet der "Berg-Tataren" hinein - und auch danach nur unwesentlich und nur bis Anfang der 1990er, als Gejdar Dschemal ebenfalls eine islamische Staatsordnung für Russland bzw. einen autonomen islamischen Staat innerhalb der Föderation angeregt hatte.
Khomeinis einstiges Leitmotiv "Weder Ost noch West" aber ist es, das heute auch bezogen auf Russlands politische Orientierung heftig debattiert wird. Russlands Muslime sind nicht nur Gegenstand, sondern auch Beteiligte an dieser Debatte. Ähnlich wie christliche und atheistische Russen sind auch sie (sogar die Tataren selbst) in dieser Frage gespalten. "Atlantiker" und verwestlichte "Liberale" befürworten eine Annäherung an Europa und die USA nach türkischem Vorbild. "Panmongolisten" und "Eurasier", aber auch Kommunisten, betonen statt dessen ein vom Westen verschiedendes Wesen mit andersartigen moralischen Werten, die zwar auch von sowjetischer Erziehung und kommunistischen Idealen, besonders aber vom islamischen bzw. "tatarischen Erbe" herrührten. Russland müsse sich daher dessen besinnen und, so die Anhänger der Idee Primakows, ein "östliches" Gegengewicht mit China und Indien oder einen "Dritten Weg" an der Seite islamischer Staaten gehen.
Die Vorstellungen von Tataren und Tschetschenen über einen "Dritten Weg" sind zuweilen unterschiedlich, allgemein scheinen Traditionalismus und Religiosität, aber auch der Nationalismus im Kaukasus ausgeprägter als in Kasan. Islamisten z.B. in Tschetschenien befürworten daher eine Anlehnung an Saudi-Arabien statt an die Türkei (die tschetschnische Exilregierung sitzt in Katar). Auch begrüßte 2006 z.B. Dschemal die Einladung Moskaus an die Hamas ausdrücklich (wie auch eine Mehrheit der Russen), während es hingegen Mowladi Udugow bedauerte, dass die palästinensischen Glaubensbrüder dem russischen Präsidenten die Hand schüttelten.
Das Gesprächsangebot an die Palästinenserregierung ist ebenso wie z.B. Moskaus proiranische Haltung im Atomstreit zwischen Teheran und Washington ein Ergebnis muslimischen Drucks, Putin hatte schon 2003 außerdem den Beitritt Russlands zur Organisation der Islamischen Konferenz angekündet. Tatsächlich ist Russland seit 2005 aber nur Beobachter, unterstützt selbst in Mittelasien die USA im sogenannten "Kampf gegen den Terror" und führt im Kaukasus weiterhin Krieg gegen tschetschenische Rebellen.
Entgegen anfänglicher Befürchtungen löste der Tschetschenienkrieg keine wesentliche Solidarisierung oder Polarisierung der Muslime Russlands aus - ebensowenig wie sie die iranische Revolution oder der sowjetische Afghanistankrieg zuvor ausgelöst hatten. In Kasan und an der Wolga leben Muslime, orthodoxe Christen und Atheisten weitgehend konfliktfrei miteinander, was oft als modellhafte Vorbildrolle interpretiert wird. Tatarische Intellektuelle und Geistliche kritisierten sogar, dass kaum 1 Millionen Tschetschenen ihre nationalen Interessen über das Wohl der gesamten muslimischen Gemeinschaft stellten und damit die guten Beziehungen zwischen Russland und der Islamischen Welt vergifteten, die für 1 Milliarde Muslime wichtig seien. Dabei erhielten die Tschetschenen sogar noch Hilfe des christlichen Georgien, so ein tatarischer Vorwurf. (Die den Tschetschenen nahestehenden Inguschen unterstützten zudem als einziges Kaukasusvolk den georgischen Nationalismus gegen die Osseten.) Demgegenüber billigt und fördert die "Konföderation der Kaukasusvölker" den Unabhängigkeitskampf, ohne sich allerdings anzuschließen.
Statt dessen spaltete der Dritte Golfkrieg der USA gegen Irak 2003 die Muslime Russlands. Während Großmufti (und Scheikh-ul-Islam) Talgat Tadschuddin in Ufa Freiwillige für den "Heiligen Krieg" werben wollte, hatte Großmufti Rawil Gajnuddin in Moskau zur Mäßigung aufgerufen und Terroranschläge sowohl in Tschetschenien als auch Selbstmordattentate im Irak verurteilt. In Folge des Karikaturenstreits wurden in Tatarstan und Tschetschenien dänische Produkte boykottiert, die Moskauer Muftis hingegen verteidigten das dänische Recht auf Pressefreiheit, während selbst Putin Freundschaft mit den Muslimen predigte. Die Spaltung zwischen Moskau (bzw. Kasan) und Ufa wird auch durch den traditionellen Gegensatz zwischen Russen (bzw. Tataren) und den Baschkiren gefördert.
Wesentliche Unterschiede gibt es daher auch in der öffentlichen Wahrnehmung der muslimischen Völker seitens der Russen. Seit den Anschlägen im Zusammenhang mit dem Tschetschenienkrieg sehen viele von ihnen pauschal alle Kaukasier als potentielle Terroristen und Mafiosi, die z.B. Menschen entführen, um Lösegeld zu erpressen - die Tschetschenen unter ihnen wiederum als "Könige" des organisierten Verbrechens, die auch Moskaus Unterwelt kontrollierten. Anders als etwa die Tataren gelten in Moskau alle Bergvölker des Kaukasus traditionell als unzivilisiert, aber militant und fanatisch, außerdem Tschetschenen und Inguschen teilweise noch immer als "Faschisten" bzw. deren Kollaborateure. Ein wichtiges Schlagwort ist auch die Brandmarkung der kaukasischen Muslime als vermeintliche "Wahhabiten", auch die rivalisierenden Muftis selbst brandmarken sich gegenseitig so.
| Auch die Ergebnisse einer Umfrage in Russlands "islamischem Herzen", in Kasan, sind beispielhaft für diese Orientierungsfragen und die innere Zerrissenheit: Eine deutliche Mehrheit der (muslimischen) Tataren und (konvertierten Mischlinge) sieht Russland und somit sich selbst zwar als Teil Europas, fürchtet aber eine wirtschaftliche Ausbeutung Russlands durch den Westen mehr als eine aggressive Politik orientalischer Länder. Eine gemeinsame Zukunft mit islamischen Staaten wie Saudi-Arabien sei daher (leider) unwahrscheinlich oder unmöglich, eine Mehrheit der atheistischen Tataren sieht aber eine Zukunft mit der verwestlichten Türkei. Zumindest die meisten Tataren orientieren sich deutlich auf die Türkei bzw. den Westen, auch die Emanzipation der Frau ist (seit der Sowjetzeit und teilweise schon früher) besonders in Kasan sehr weit fortgeschritten, dennoch halten selbst dort auch hochgebildete Frauen oftmals an (traditionellen) orientalischen Familienverhältnissen fest. |