Janusz Korczak, eigentlich: Henryk Goldszmit (* 22. Juli 1878 oder 1879[1] in Warschau; † Anfang August 1942 im Vernichtungslager Treblinka) war ein polnischer Arzt, Kinderbuchautor und bedeutender Pädagoge.
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Henryk Goldszmit wuchs als erstes Kind von Cecilia Głębicka und Józef Goldszmit mit einer jüngeren Schwester, Anna, in Warschau auf. Die wohlhabende Anwaltsfamilie Goldszmit galt als assimiliert und erst in Zeiten des wachsenden Antisemitismus begann Henryk, sich mit seiner jüdischen Abstammung zu beschäftigen. Die Schuljahre absolvierte er in einem Humanistischen Gymnasium in Warschau, wo er Latein, Deutsch, Französisch und Altgriechisch lernte; Unterrichtssprache war Russisch, da Warschau aufgrund der Teilungen Polens des 18. Jahrhunderts Teil des Russischen Reichs war. Mit der Erkrankung und dem Tod seines Vaters 1896 verschlechterte sich die finanzielle Situation der Familie dramatisch, so dass der junge Henryk mit Nachhilfestunden den Lebensunterhalt mitfinanzieren musste.
Er studierte von 1898 bis 1904 Medizin an der Kaiserlichen Universität Warschau. Nach seiner Promotion als Facharzt für Pädiatrie erhielt er eine Anstellung an einer Warschauer Kinderklinik (1904–1911). Seine Tätigkeit dort wurde 1904/1905 unterbrochen, als er im Russisch-Japanischen Krieg als Feldarzt dienen musste, sowie während zweier Auslandsaufenthalte zur Fortbildung (ein Jahr in Berlin sowie ein halbes in Paris).
Parallel zu seiner medizinischen Ausbildung hatte er zu schreiben begonnen. Im Rahmen eines literarischen Wettbewerbs nutzte er Janasz Korczak – nach der Titelfigur von Kraszewskis Roman Janasz Korczak und die schöne Schwertfegerin – als Pseudonym, das in der Preisliste zu Janusz Korczak mutierte, was dieser dann beibehielt. Bereits seine ersten Romane machten ihn so bekannt, dass er zum Modearzt avancierte. Die zusätzlichen Einnahmen kamen seinem ärztlichen und sozialen Engagement für arme und verwahrloste Kinder zugute. Mehrfach fuhr er als unbezahlter Betreuer mit zu den Sommerkolonien – durch Spenden finanzierte Sommerferienlager für Kinder des städtischen Proletariats. Als er dann 1911 die Leitung eines nach seinen Plänen neu errichteten jüdischen Waisenhauses angeboten bekam, gab er den Arztberuf auf und sagte zu.
Dom Sierot wurde sein Lebensinhalt. Getragen von der jüdischen Gesellschaft Hilfe für die Waisen nahm es jüdische Kinder bis zum Alter von 14 Jahren auf. Korczak erhielt den pädagogischen Spielraum, um seine auf prinzipiellen Kinderrechten fußenden Ideen umzusetzen und nach neuen Wegen zu suchen, beispielsweise bei der Umsetzung eines Kinderrepublik-Modells. Als er nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs erneut als Divisionsarzt der russischen Armee einberufen wurde, führte seine Mitarbeiterin Stefania Wilczyńska (genannt Stefa) die Arbeit im Dom Sierot weiter. Aber Korczak blieb weiterhin pädagogisch tätig: Zum einen schrieb er mit Wie man ein Kind lieben soll sein wichtigstes pädagogisches Werk, zum anderen betreute er während seiner Stationierung bei Kiew mehrere Waisenhäuser ärztlich, wobei er Maryna Falska kennenlernte, die dort ein Internat für polnische Kinder leitete.
Der darauffolgende Zeitabschnitt – nach der Rückkehr aus dem Krieg und der Normalisierung des täglichen Lebens im wieder zur Hauptstadt des eigenständigen polnischen Staates gewordenen Warschau – lässt sich als Korczaks Blütezeit bezeichnen. Neben seiner Tätigkeit am Dom Sierot übernahm er 1919, zusammen mit Maryna Falska, auch die Leitung des Waisenhauses Nasz Dom (Unser Haus), das, zuerst in Pruszków bei Warschau untergebracht, 1928 in den Warschauer Villenvorort Bielany umziehen konnte. Diesem war zwei Jahre lang auch eine Alternativschule angegliedert. Außerdem war er am Institut für Sonderpädagogik als Dozent tätig, ab 1926 Sachverständiger für Erziehungsfragen beim Bezirksgericht sowie 1926 bis 1930 Redakteur der Kinderzeitung Mały Przegląd (Kleine Rundschau). Er schrieb zahlreiche Bücher, in denen er – weitaus häufiger in Kinderbüchern und Erzählungen denn in pädagogischen Schriften – seine Erfahrungen und Ideen beschrieb. Schließlich wurde er in den Jahren 1935/36 auch Mitarbeiter des polnischen Rundfunks, als er, allerdings nicht unter seinem Namen, sondern lediglich als „Alter Doktor“, vor dem Mikrofon mit und über Kinder plauderte.
Im Zusammenhang mit dem offenen Antisemitismus, der sich in der Gesellschaft ausbreitete, beschäftigte sich Korczak Mitte der 1930er Jahre mit dem Zionismus, reiste zweimal (1934 und 1936) nach Palästina und erwog die Emigration, die er letztlich aber verwarf.
Im September 1939 begann mit dem Angriff Nazi-Deutschlands auf Polen in Europa der Zweite Weltkrieg. Entsprechend der antisemitischen Ideologie des Nationalsozialismus setzte damit eine massive Unterdrückung, Entrechtung und Verfolgung der Juden ein, die in den Holocaust, den beispiellosen Völkermord an ihnen münden sollte. Nach dem Befehl zur Umsiedlung der gesamten jüdischen Bevölkerung Warschaus in das Warschauer Ghetto im Oktober 1940 musste auch das Dom Sierot umziehen, da das Gebäude knapp außerhalb des vorgegebenen Stadtviertels lag. Trotz der unsäglichen Bedingungen im Ghetto fand Korczak in den letzten Monaten noch die Energie zu schriftlichen Notizen. Sein Pamiętnik, der gerettet werden konnte und 1958 von Igor Newerly erstmals veröffentlicht wurde, ist eine Mischung aus Lebenserinnerung, tagebuchartigen Beschreibungen der Gegenwart im Ghetto sowie Zukunftsvisionen und Traumdeutungen.[2]
Im August 1942 wurden dann im Rahmen der Aktionen zur so genannten „Endlösung der Judenfrage“ die etwa 200 Kinder des Waisenhauses von der SS zum Abtransport in das Vernichtungslager Treblinka abgeholt. Obwohl er wusste, dass dies wahrscheinlich den Tod bedeutete, wollte Korczak die Kinder nicht im Stich lassen und bestand darauf mitzufahren. Vermutlich am 5. August 1942 – dem Tag, an dem sein Tagebuch abbricht – wurde er von den Nationalsozialisten ermordet.
Wie man ein Kind lieben soll (poln. Erstausgabe Jak kochać dziecko 1919), Korczaks wichtigstes pädagogisches Werk, besteht aus vier Teilen. Der erste Teil begleitet das Kind und dessen Erziehung von der Geburt bis zur Pubertät. Korczak beobachtet, beschreibt und formuliert jeweils seine Ansichten.
Der zweite Teil, Das Internat, wendet sich an junge Erzieher: Korczak berichtet über seine Erfahrungen in der Erziehungsarbeit. Auch hier betont er die Beachtung der Individualität und Eigenpersönlichkeit sowohl des Erziehers:
als auch des Kindes:
Im dritten Teil, Sommerkolonien, berichtet Korczak über seine ersten (ernüchternden) erzieherischen Erfahrungen in den Sommerkolonien. Der vierte Teil, Das Waisenhaus, schließlich behandelt im Waisenhaus konkret umgesetzte pädagogische Ideen wie Einrichtungen der Selbstverwaltung.
König Hänschen der Erste (poln. Erstausgabe Król Maciuś Pierwszy 1923) ist das bekannteste Buch Korczaks. Als Hänschen, ein 10-jähriger Junge, nach dem Tod seines Vaters zum König wird, nimmt er den Titel 'König Hänschen-Reformator' an, der Demokratie für das ganze Staatsvolk, also auch für die Kinder, einführt. Die Geschichte spielt dann den Gedanken eines Kinderparlamentes durch. Aufgrund von feindlicher Beeinflussung scheitert das Parlament aber, König Hänschen verliert den Krieg gegen den Feind und wird von den Siegern in die Verbannung geschickt. Die Hauptanklagepunkte gegen ihn sind:
In der Fortsetzung König Hänschen auf der einsamen Insel (poln. Erstausgabe Król Maciuś na wyspie bezludnej 1923) denkt Hänschen viel über das Leben nach und über die Fehler, die er begangen hat. Er flieht von der Insel und kehrt nach einer langen Odyssee in seine Hauptstadt zurück, wo er abdankt, um als Normalsterblicher zu arbeiten und zu lernen.
Wenn ich wieder klein bin (poln. Erstausgabe Kiedy znów będę mały 1925) ist eine Erzählung in Ich-Form. Der Erzähler ist zu Beginn ein Erwachsener, ein Lehrer, der sich in die sorglose, unbeschwerte Kindheit zurückwünscht – unter einer Bedingung:
Dieser Wunsch wird ihm durch einen Zwerg erfüllt und es beginnt die Binnenhandlung. Der Leser begleitet den Jungen durch sein Leben, er erfährt von seinen schönen und schlimmen Erlebnissen und von seinen Sorgen und Problemen, die ihn immer wieder vom Schulstoff ablenken. Man erlebt die Oberflächlichkeit und Ungerechtigkeit der Erwachsenen im Umgang mit Kindern mit.
Das Vorwort an den erwachsenen Leser lautet:
Das Recht des Kindes auf Achtung (poln. Erstausgabe Prawo dziecka do szacunku 1928) ist die Zusammenfassung einer Vortragsreihe Korczaks und lässt sich als Streitschrift charakterisieren, in der er sich zum Anwalt des Kindes macht. Er schildert die Kindheit als eine Phase der Rechtlosigkeit, der Ungerechtigkeiten und der Abhängigkeiten, um dann vehement grundsätzliche Rechte für das Kind einzufordern (ein Gedanke, der bereits in Wie man ein Kind lieben soll auftaucht und hier weiterentwickelt wird). Er formuliert das Recht auf Achtung der Kindheit als vollwertigen Lebensabschnitt und konkretisiert dies in verschiedenen Einzelrechten wie
sowie das Recht des Kindes so zu sein, wie es ist.
Die Regeln des Lebens (poln. Erstausgabe Prawidła życia 1930) hat den Untertitel Eine Anleitung zur Erziehung für junge Menschen und für Erwachsene. Den Grundgedanken des Buches beschreibt Korczak zu Beginn selbst:
Fröhliche Pädagogik (poln. Erstausgabe Pedagogika żartobliwa 1939) sammelt die pädagogischen Radioplaudereien des 'Alten Doktors', die der Polnische Rundfunk Mitte der 30-er Jahre ausgestrahlt hatte. In jedem Kapitel erzählt Korczak Begebenheiten aus dem kindlichen Leben zu einem bestimmten Thema und formuliert zum Schluss eine Art pädagogische Conclusio.