Jazz in den USA

Der Jazz ist eine bedeutende Musikgattung, die in den Vereinigten Staaten entstanden ist.

Inhaltsverzeichnis

Wurzeln

Die Wurzeln des Jazz liegen zum einen im Blues und in den Worksongs, Spirituals und Gospels der afroamerikanischen Sklavenarbeiter in den Südstaaten der USA, zum anderen in den verschiedenen Volksmusiken der europäischen Einwanderer, darunter Tanzmusik und Marschmusik. Aus den europäischen Musikstilen und afroamerikanischen Rhythmen hatte sich der Ragtime entwickelt, der neben dem Blues den direkten Vorgänger des Jazz darstellt. Der Blues hatte während der gesamten Entwicklung bis heute permanenten Einfluss auf den Jazz wie auch auf andere Musikstile, die im Laufe der Zeit neben dem Jazz entstanden sind. Zwischen 1890 und 1915 war der Ragtime die beliebteste Musik in Amerika.

Aus dem Ragtime und dem Blues entstand nach 1900 in der kreolischen Kultur von Louisiana der New Orleans Jazz. Der erste bekannte Bandleader der neuen Jazzmusik war Buddy Bolden mit seiner Blaskapelle. Von ihm gibt es allerdings keine Tonaufnahme, da er 1907 in eine Nervenanstalt eingewiesen wurde, noch vor dem Zeitalter der Schallplattenaufnahmen. Jelly Roll Morton, ein erfolgreicher Barpianist, war ebenfalls ein Mitgestalter des frühen Jazz. Bestimmte Bandleader wie Buddy Bolden waren markante Instrumentalisten mit einer sehr individuellen Tonbildung.

Die Ära des Jazz

The King Carter Jazzing Orchestra 1921 in Houston
The King Carter Jazzing Orchestra 1921 in Houston

Durch die damalige Rassentrennung waren Bands nach Hautfarben getrennt. In New Orleans gab es von Anfang an sowohl afroamerikanische als auch weiße Bands. Letztere spielten den etwas einfacheren Dixieland Jazz. Aus der Begegnung der Musikkulturen entstand eine Reihe neuer musikalischer Ausdrucksformen. Zuerst in New Orleans und entlang des Mississippi River, später in Chicago und anderen Metropolen der USA. Diese Großstädte verbuchten damals eine hohe Zuwanderung, vor allem von Afroamerikanern aus den Südstaaten, was zur Entwicklung des Jazz maßgeblich beitrug.

Bekannt wurde die Musikrichtung durch die erste Jazz-Plattenaufnahme von 1917 mit der Original Dixieland Jazz Band. Die meisten Amerikaner hatten bis dahin noch keinen Jazz gehört, der allerdings schon längst vielerorts gespielt wurde. Nach dieser ersten Aufnahme nahm der Jazz bald die Rolle der Alles dominierenden Musikrichtung ein, die er bis Mitte der 50er Jahre behielt. Der Jazz und seine Tänze - zunächst der Shimmy - wurden bald populär.

Es folgten schon bald viele weitere Aufnahmen. Die meisten, besser gesagt fast alle Aufnahmen des New Orleans Jazz bzw. des Dixieland, wurden nicht in New Orleans gemacht, sondern in Chicago, einige auch in New York. Viele Musikprofis aus dem Süden, allen voran Joe King Oliver und sein jüngerer Bandpartner Louis Armstrong gingen nach Norden. Die damalige Prohibition prägte die Kneipenszene in Chicago und damit die dortige Jazzkultur.

Armstrong ging 1924 für zwei Jahre nach New York um in Fletcher Hendersons Band zu spielen. Das veränderte den Jazz für immer. In New York schuf Armstrong den Swing. Seine Aufnahme des Songs "Heebie Jeebies" aus dem Jahr 1926 gilt als erste Aufnahme, die den Scatgesang nutzt. Zuvor hatte Armstrong die instrumentalen Soli zur Kunstform gemacht.

Die Swing-Ära von Ende der 20er Jahre bis Anfang der 40er Jahre ist die beim Publikum erfolgreichste Zeit des Jazz. Der Jazz hatte sich als Tanzmusik etabliert. Seine Tänze (zunächst der Lindy Hop und der schnelle Jitterbug) waren sehr populär. In den späten 30ern entstand eine weitere Form des Swing; langsamer, romantischer und mit Gesang. Der Entwickler und erfolgreichste Bandleader dieses Stils war Glenn Miller. Er schaffte es, mit der veränderten Stilrichtung ein Publikum zu erreichen das mit der vorherrschenden Variante noch nichts anfangen konnte. Die Arrangements waren relativ festgelegt. Daher wurde viel diskutiert, ob der Swing den Namen Jazz überhaupt verdient. Auch während des Krieges, sogar an der Front, war diese Musik beliebt. Viele der damaligen Bandleader gingen damals zum Militär und gründeten dort Militärbands.

Mit dem Stomp wurde noch eine Variante des ursprünglichen Swing populär. Er wurde durch Count Basie aus Kansas City bekannt. Im Kansas City Jazz wurde das Saxophon, nach seinem Einsatz im Chicago Jazz, ein zweites Mal zum wichtigen Instrument. Mit Count Basie kam noch eine weitere neue Stilrichtung auf, die damals aber im Schatten der Trends stand. Sie hieß Mitternachtsjazz und ist die Vorläuferin des Bar Jazz. Es war eine sehr langsame und ruhige Musik mit Saxophon und Klavier als wichtige Instrumente.

Einschnitte

Charlie „Bird“ Parker
Charlie „Bird“ Parker

Anfang der 40er Jahre, als der Swing noch dominierte, hatten Charlie Parker, Thelonius Monk, Dizzy Gillespie und weitere Musiker eine neue Richtung des Jazz entwickelt, die bald Bebop genannt wurde. Aufgrund von Differenzen mit der Plattenindustrie, welche der damaligen Unterbezahlung von Musikern geschuldet war, blieb der Bebop zunächst ungehört. Ab 1943 wurde Bebop bekannt und spaltete die Jazzwelt. Es war ein noch schneller gespielter Stil mit noch wesentlich mehr Noten. Bandensembles, Zusammenspiel und Arrangements traten in den Hintergrund, Solisten und freie Improvisationen dominierten. Dieser Modern Jazz beruhte insbesondere auf gegenüber der bisherigen Harmonik „erweiterten“ Harmonien. Kritiker bemängelten unter Anderem die fehlende Tanzbarkeit.

Insbesondere mit Miles Davis' Aufnahmen zu Birth of the Cool aus dem Jahre 1949 begann eine Gegenbewegung zum hektischen Bebop; der langsame und verträumt wirkende Cool Jazz entstand. Eine eher auf Unterhaltung setzende Variante des Cool Jazz ist der West Coast Jazz. In der Abgrenzung zum West Coast Jazz entwickelten afroamerikanische Musiker Mitte der 50er Jahre den Hardbop.

Der größte Einschnitt in der Geschichte des Jazz kam von außen. Während der 50er Jahre hatte sich aus dem Rhythm and Blues eine weitere Musikform entwickelt und wurde beim weißen Teil des Publikums immer beliebter; der Rock and Roll. Damit war Jazz nicht mehr die alleinige Populärmusik, er ging in der Öffentlichkeit langsam unter. Dies begünstigte, dass insbesondere für afroamerikanische Musiker die Auftrittsmöglichkeiten in den Vereinten Staaten immer schlechter wurden. Auch angesichts der weiter bestehenden Rassentrennung ließen sich zahlreichen amerikanische Jazzmusiker wie beispielsweise Bud Powell in Europa, insbesondere in Paris, nieder.

Musiker des Hardbop entwickelten den Soul Jazz, mit dem versucht wurde, wieder eine Nähe zur Musik der afroamerikanischen Jugendlichen herzustellen. 1964 hatten die Beatles auch in den Vereinigten Staaten ihren Aufstieg; mit der Etablierung der Rockmusik war die Erfolgsära des Jazz endgültig beendet. In diesem Jahr landete einzig Louis Armstrong noch einen Hit mit dem Song "Hello Dolly", der vor den Beatles auf Platz Eins in den Charts stand. Im Laufe der 60er Jahre schlossen alle legendären Jazzhallen. In den späten 30er Jahren machten Jazz und Swing 70% aller verkauften Schallplatten aus, Mitte der 70er waren es weniger als 3%. 1975 erklärte Miles Davis den Jazz für tot und bezeichnete ihn darüber hinaus als "Museumsmusik".

Neue Wege

Aus dem Cool Jazz entwickelten bestimmte Kreise der Jazz-Musiker in Verbindung mit dem Hardbop eine freiere experimentelle Spielrichtung. Sie wird als Avantgarde bezeichnet, ihre Schaffer als Avantgardisten. Ende der 1950er Jahre entstand der Free Jazz. Ornette Coleman war hier der bedeutendste Entwickler und neben John Coltrane der bekannteste Vertreter in den 1960ern. 1961 brachte Coleman die Platte "Free Jazz" auf den Markt. Beide Plattenseiten bestanden aus einem einzigen Titel. Dieser Musikstil hob alle musikalischen Gesetzmäßigkeiten auf und erlaubte den Musikern alles. Das löste in der Jazzwelt Diskussionen aus, da Jazz ja ohnehin schon als Inbegriff der Freiheit gesehen wurde. Beim breiten Publikum hatte Free Jazz nur teilweise Erfolg.

Miles Davis stand der Avantgarde zunächst skeptisch gegenüber, näherte sich ihr aber schließlich an. Seit Mitte der 1960er verschmolzen Davis und andere Musiker wie Larry Coryell, John Klemmer, Tony Williams und Herbie Hancock die Riffs und Rhythmen der Rockmusik mit Jazzimprovisationen. In diesem Rockjazz wurden vorranging elektrisch verstärkte Instrumente wie E-Gitarren und Synthesizer verwendet und auch die Blasinstrumente entsprechend verstärkt. Verglichen mit anderen Jazz-Aufnahmen dieser Zeit war der Rockjazz kommerziell sehr erfolgreich und erreichte noch einmal ein Massenpublikum - auch in der Jugendkultur. Beispielhaft hierfür steht nicht nur Davis, der im Fillmore East ebenso wie Rockgruppen auftrat, sondern auch die Gruppe Weather Report, die vor großem Publikum auftrat und entsprechende Plattenverkäufe erzielen konnte.

Comeback des Jazz

1976 kehrte der relativ bekannte Jazz-Musiker Dexter Gordon nach 15 Jahren Aufenthalt in Europa zurück in die USA. Er spielte traditionellen Jazz mit Schwerpunkt auf Swing und mit Blues-Feeling. Bei seinen Auftritten hatte er großen Erfolg. Sein Album "Homecomming" von 1977 wurde ein Renner. Daraufhin fanden sich in den US-amerikanischen Geschäften wieder Platten von Jazzgrößen wie Duke Ellington und vielen Anderen, die zuvor dort kaum noch erhältlich waren. Das gab der Jazzszene in den USA wieder Auftrieb. Seit dieser Zeit existiert der Jazz als eine zeitlose Musikrichtung neben anderen.

Die gegenwärtige stilistische Bandbreite ist so groß wie nie zuvor. So spielen Veteranen wie Sonny Rollins und Keith Jarrett nach wie vor auf hohem Niveau. David Murray führt die Errungenschaften des Jazz der späten 60er weiter. Der Gitarrist Pat Metheny ist nicht nur bei Jazzhörern erfolgreich. Der sehr der Tradition verbundene Trompeter Wynton Marsalis erlangte in den 80er Jahren bedeutenden Einfluss, große Talente wie die Sängerin Cassandra Wilson und der Saxophonist James Carter geben dem Jazz neue Impulse. Gerade aber auch die zahlreichen Seitenarme der gegenwärtigen Jazzentwicklung, wie etwa die Downtown-Szene um Musiker wie John Zorn und Dave Douglas oder der Saxophonist Steve Coleman tragen zur Lebendigkeit des aktuellen Jazz bei.

Den größten Erfolg der jüngeren Jazzgeschichte hatte die Komponistin, Sängerin und Pianistin Norah Jones. Mit ihrem individuellen Pop-Jazz-Stil, erhielt sie 2003 acht Grammys für ihr Album "Come Away With Me". Daneben wurde der Jazz über die Jahrzehnte mit verschiedenen Stilrichtungen kombiniert, zum Beispiel mit Hip Hop. Ebenso wurde er in andere Stilrichtungen wie Pop und House integriert und trug zu deren Vielfalt bei.

Eine Begleiterscheinung dieser starken Diversifizierung ist jedoch auch, dass viele aktuelle Entwicklungen sowohl bei Kritik als auch Hörern teils heftig umstritten sind. So wird manchen Musikern sturer Traditionalismus vorgeworfen, während anderen vorgehalten wird, sich von den afro-amerikanischen Wurzeln des Jazz entfernt und damit wesentliche Elemente des Jazz aufgegeben zu haben. Diese Kontroversen führten dazu, dass die Gattungs-Bezeichnung Jazz äußerst unscharf geworden ist und entsprechend verschieden ausgelegt wird.

Literatur

  • Joachim-Ernst Berendt, Günther Huesmann (Bearb.): Das Jazzbuch. 7. Auflage. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3100038029
  • Christian Broecking, Der Marsalis-Faktor. Oreos, Gauting 1995, ISBN 3-923657-48-X
  • Ken Burns, Geoffrey C. Ward: Jazz – eine Musik und ihre Geschichte. Econ, München 2001, ISBN 3430116090. (Nach einer Dokumentarfilm-Reihe von Ken Burns mit Beiträgen von Wynton Marsalis)
  • Geoff Dyer: But Beautiful: Ein Buch über Jazz. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2003, ISBN 359615314X
  • John Fordham: Das grosse Buch vom Jazz : Geschichte, Instrumente, Musiker, Aufnahmen. Christian, München 1998, ISBN 3884723952
  • Ekkehard Jost: Sozialgeschichte des Jazz. 2. Auflage. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-86150-472-3
  • Studs Terkel: Giganten des Jazz. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-86150-723-4
  • Klaus Wolbert (Hrsg.): That's Jazz: der Sound des 20. Jahrhunderts; eine Musik-, Personen-, Kultur-, Sozial- und Mediengeschichte des Jazz von den Anfängen bis zur Gegenwart. Bochinsky, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3923639872
  • Peter Niklas Wilson (Hrsg.): Jazz-Klassiker. Reclam, Stuttgart 2005, ISBN 978-3-15-030030-5

Weblinks

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