Jazzmusiker in Deutschland spielen häufig nicht nur Jazz, aber der Jazz stellt für ihr Wirken eine wichtige Grundlage dar. Jazzmusiker spielen im gesellschaftlichen Kulturleben Deutschlands nur eine marginale, untergeordnete Rolle. Anerkennung finden sie heute eher als Lehrer für Nachwuchsmusiker als auf der Bühne.
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Bereits in den zwanziger Jahren spielten neben besuchenden Jazzgruppen aus den USA und aus England die Bands von Eric Borchard oder Julian Fuhs wie Stefan Weintraubs Syncopators Jazz. Zu den Syncopators gehörten Franz Waxman, später in Hollywood Karriere machen sollte, ebenso wie Friedrich Hollaender als Pianist. Ende der 1920er lassen sich Jazzmusiker in Deutschland erstmals in größerem Umfang feststellen. Dies war die Zeit swingender Tanzorchester - auch in Deutschland. Zunächst drehte sich alles um die Metropole Berlin. Doch auch in der Provinz wurden Hot-Jazz-Tänze und Swing in Tanzcafés oder in Varietés gespielt. Für junge, jazzbegeisterte Musiker wie Willy Berking oder Freddie Brocksieper ergab sich daher die Möglichkeit, in den Tanzorchestern Jazzimprovisationen zu spielen.
Mit der Machtergreifung 1933 wird der Jazz zur sog. Entarteten Musik erklärt; jüdische Musiker wie beispielsweise Rudi Anhang werden diskriminiert und verfolgt; die Weintraubs Syncopators können nur noch im Ausland auftreten. Die Jazzklasse des Hoch’schen Konservatoriums in Frankfurt am Main wurde aufgelöst. Ab 1935 sind Jazz-Sendungen im deutschen Rundfunk untersagt. Die durch die Ächtung der "entarteten Nigger-Musik“ entstandene Lücke in der populären Musik wussten etliche Bands insbesondere in den Großstädten Berlin und Hamburg gewitzt zu nutzen, in dem sie, wie etwa Teddy Stauffer, die Stücke mit deutschen Titeln versahen und so die Streifen in einem Versteckspiel zu überlisten versuchten. Nur in wenigen Bands wurden noch Jazzprogramme gespielt, etwa in der Goldenen Sieben und im Orchester von Kurt Widmann. Damit wurden die Arbeitsmöglichkeiten für Jazzer immer schwerer; sie waren abgeschnitten von den neuesten Entwicklungen einerseits, andererseits mussten sie jederzeit Zensur und Gestapo befürchten oder sich zu Propagandazwecken (Charlie and His Orchestra) mißbrauchen lassen. Nur wenige Musiker gingen jedoch bewusst ins Ausland wie etwa Ernst Höllerhagen. Jugendliche Spieler wurden ebenso wie Fans als sog. Swingjugend in den Untergrund abgedrängt (wie beispielhaft das Schicksal von Emil Mangelsdorff verdeutlicht).
Nach der Befreiung von der NS-Diktatur bringen die westlichen „Besatzungsmächte“, insbesondere die US-Amerikaner Swing und Rhythmn & Blues mit. Der Frankfurter Hot-Club um Carlo Bohländer, Horst Lippmann und Emil Mangelsdorff gehört genauso wie etwa der blinde Pianist und Sänger Wolfgang Sauer aus Wuppertal oder Kurt Widmann in Berlin zu den Jazzern der Stunde Null. Ihnen und weiteren Jazzmusikern boten sich ab 1945 in Deutschland zahlreiche Arbeitsmöglichkeiten in den Clubs der US-Armee, aber auch der britischen Soldaten. Auch das deutsche Publikum zeigte sich nun teilweise wieder an Jazzmusik interessiert. Besonders in der amerikanischen Besatzungszone (mit Frankfurt am Main und München als Zentren) war es nun für einen Teil der Musiker möglich, ausschließlich von Jazz zu leben. Bei einem Teil der Radiosender waren zudem Bigbands unter Vertrag (beispielsweise die von Kurt Edelhagen in Baden-Baden bzw. Köln oder die von Erwin Lehn in Stuttgart), die ebenfalls für Musiker Beschäftigung boten; allerdings konnte hier in der Regel keineswegs nur Jazz gespielt werden, sondern die Bands hatten die Funktion von Tanz- und Unterhaltungsorchestern und spielten daher auch Schlager und ähnliches. Ein Teil der in solchen Bands beschäftigten Jazzmusiker entschloss sich daher seit den späten 1950ern, vorrangig aus ökonomischen Gründen, wie etwa der als Jazzbassist mehrfach ausgezeichnete Hans bzw. James Last erfolgreich Easy Listening-Musik zu spielen oder wechselte wie der Posaunist Ernst Mosch sogar ins sog. Volksmusiklager. Andere (wie Johannes Rediske) verlegten sich auf die Arbeit als Filmmusiker.
Bereits zu dieser Zeit begann eine Internationalisierung der (westdeutschen) Szene. Deutsche und Amerikaner kamen regelmäßig zu Jamsessions zusammen; hierbei hatten Jazzkeller (wie der von Carlo Bohländer in Frankfurt oder das u.a. von Fritz Rau in Heidelberg gegründete "Cave 54") eine wichtige Funktion. Allerdings entstanden in dieser Zeit kaum dauerhaft Gruppen, in denen Amerikaner und Deutsche zusammen spielten. Es kam aber zu einem Transfer, wobei die meisten Musiker damals das Spiel der US-Amerikaner als vorbildlich ansahen und z. T. nachahmten. Der in Ungarn geborene Attila Zoller und der Österreicher Hans Koller haben damals prägende Jahre in Deutschland, insbesondere in Frankfurt, erlebt. Auch der in Bosnien geborene Dusko Goykovich hat sich nach Gesellenjahren in den USA dauerhaft in Deutschland niedergelassen.
Seit den 1960ern haben Musiker wie Herb Geller, Don Menza, Leo Wright, Rick Kiefer, Wilton Gaynair, Dick Spencer, Jimmy Woode und Ack van Rooyen langfristig in Deutschland gearbeitet.
Zu dieser Zeit begannen die Europäer auch selbstbewusster zu werden und aufbauend auf einer Rückbesinnung auf eigene Traditionen eigenständiger zu spielen. Hier ist aus der alten Bundesrepublik zuallererst das zunächst noch dem Hardbop verpflichtete Albert Mangelsdorff-Quintett zu nennen. Um Gunter Hampel, Manfred Schoof und Alexander von Schlippenbach entstanden Gruppen von Musikern, die erstmals überwiegend eine Hochschulausbildung in Musik hatten und z.T. auch serielle Kompositionstechniken beherrschten. Es entstand so ein eigenständiger Zugang zum Free Jazz. Obwohl bis Mitte der 1960er Jahre Gastspiele interessanter Gruppen wie dem Gunter Hampel Ensemble - in Jazzclubs auch mittlerer Städte wie z.B. Wuppertal - manchmal noch eine Woche dauerten , konnten viele Musiker aber z.T. nicht alleine von dieser Musik leben, sondern mussten auch in kommerzielleren Bands arbeiten, wie z.B. Schoof in der Kenny Clarke-Francy Boland-Band. Selbst die Musiker des Mangelsdorff-Quintetts, der damals neben dem Klaus Doldinger-Quartett, erfolgreichsten deutschen Jazzcombo, waren auf den Zusatzverdienst als Musiker des Jazzensembles des Hessischen Rundfunks angewiesen. Andere Musiker, wie der seit Mitte der 1960er (u.a. bei Wolfgang Dauner) gutbeschäftigte Bassist Eberhard Weber war bis 1972 nur ein „Halb-Profi“ und auf Jobs in anderen Branchen angewiesen. Seit 1973 hat sich die quasi-gewerkschaftliche Union Deutscher Jazzmusiker um verbesserte Arbeitsbedingungen gekümmert. Erst in den 80er Jahren entwickelte sich eine akzeptable Infrastruktur, so dass damals vermehrt Jazzmusiker von ihrer Musik leben konnten.
Unmittelbar nach Ende des zweiten Weltkrieges hatte es in der sowjetischen Besatzungszone ebenso wie in den Westzonen einen kleinen Jazz-Boom gegeben. Als eine von den Nazis diffamierte und unterdrückte Musik stand der Jazz zunächst für die positive Tendenz musikalischer Entwicklung. Die Schallplattenfirma Amiga veröffentlichte ab 1947 eine Vielzahl von jazzigen und swingorientierten Tanzmusikproduktionen. An ihnen waren Musiker aus allen Besatzungszonen beteiligt. Das Radio Berlin-Tanzorchester (RBT) , zunächst unter Leitung seines Gründers Michael Jary, später unter der von Horst Kudritzky, spielte im Stil der führenden Big Bands. Rolf Kühn, damals noch Mitglied des Rundfunkorchesters Leipzig (unter Leitung von Kurt Henkels), gehörte zu den Ersten, die sich ohne direkten Einfluss amerikanischer Musiker mit dem Bebop auseinander setzten.
Die Ausweitung des Kalten Krieges und der Stalinismus brachten allerdings die Jazzaktivitäten der Musiker in der DDR weitgehend zum Erliegen; dies besserte sich in der Tauwetter-Periode, wo - wenn auch nicht in der gleichen Ausprägung wie in Polen oder der Tschechoslowakei - Jazzclubs gegründet und Konzertmöglichkeiten geschaffen wurden.
Anders als im Westen waren die professionellen Musiker seit den 1960ern akademisch ausgebildet; nach der „Anordnung über die Ausübung von Tanz- und Unterhaltungsmusik“ von 1964 mussten die Musiker alle im Besitz eines Berufsausweises sein. Voraussetzung für dessen Erwerb war in der Regel ein erfolgreich abgeschlossenes Studium an Konservatorien oder Musikhochschulen, an denen teilweise - anders als in der Bundesrepublik - Tanzmusik-Klassen eingerichtet wurden. Für den Musikwissenschaftler Ekkehard Jost war „der vergleichsweise hohe instrumentaltechnische und musiktheoretische Standard der Jazzmusiker in der DDR“ ein auffälliges Ergebnis dieser Formalausbildung[1]. Das Manfred Ludwig Sextett war in den frühen 1960ern die einzige Gruppe des Modern Jazz in der DDR; diese Combo musste nach 1966, wo sich die Kulturpolitik wieder veränderte und vereinzelt sogar Auftrittsverbote erteilt wurden (z.B. für Ruth Hohmann), allerdings zunehmend Tanzmusik spielen. Sonst abgesehen vom Joachim Kühn-Trio gab es bis in die frühen 1970er keine Musiker, die sich ihren Lebensunterhalt ausschließlich oder überwiegend durch Jazzaktivitäten verdienen konnten. Jazzpraxis vollzog sich vereinfachend gesagt, entweder nebenbei in Bands, die als Tanzmusikbands dienten, oder aber als Freizeit-Aktivität (so spielte der klassische Orchestermusiker Dietrich Unkrodt nebenbei als Tubist in Oldtime Jazzbands). Einer konsequenten Durchdringung des Jazz und einer eigenständigen Weiterentwicklung stand diese „vorherrschende Amateur-Jazztätigkeit“ nach einer Analyse des Jazzjournalisten Rolf Reichelt „einer Qualitätssteigerung des Jazz in der DDR lange im Wege. Die Gründung von kontinuierlich probenden und auftretenden Ensembles war nicht möglich, da die Terminplanungen von beruflich in unterschiedlichen Gruppen tätigen Musikern nur schwer abzustimmen waren“[2].
Eine Ausnahme stellte das Trio von Friedhelm Schönfeld dar, das ebenso wie Manfred Schulze Ende der 1960er den Weg in den freien Jazz fand. Einzelne Musiker der Modern Soul Band gelangten etwas später über den Jazzrock zum freien Spiel und schlossen sich 1973 mit Ernst-Ludwig Petrowsky und dem von Schönfeld kommenden Günter „Baby“ Sommer zur Gruppe Synopsis und zur Gumpert Workshop Band zusammen. Sie zeigten, dass eine eigenständige Annäherung an die jazzhistorische Entwicklung möglich war. Gefördert durch die DDR-Kulturpolitik spielten diese Musiker ab den 1970ern auch auf Betriebsfeiern. Sie konnten ab 1978 unter bestimmten Bedingungen auch zu Tourneen ins „westliche Ausland“ reisen und in gemischten Gruppen mit Musikern aus anderen Ländern zusammenspielen.
Gegenüber diesen Jahren haben sich aktuell die Hör- und Konzertbedingungen stark verändert: Event-Kultur heißt das Stichwort, welches die Arbeitsmöglichkeiten für Jazzmusiker gegenwärtig stark einschränkt. Ein Großteil des Geldes, das früher in die ständige Konzertreihen floß, kommt heute den Großereignissen und Festivals zugute. Auch bleibt das in die Jahre gekommene Publikum der 70er immer häufiger den kleinen Veranstaltungen fern. Die Möglichkeit, sich die Musik per Mouse-Click aus dem Internet herabzuladen, führt insbesondere bei der jüngeren Hörergeneration zu einer gänzlich neuen Rezeptionskultur, zu welcher sich Jazzmusiker nur sehr bedingt kompatibel verhalten können. Wer als Musiker nicht spektakulär erscheint, wird nicht wahrgenommen. Insbesondere den Musikern der mittleren Generation fehlt es an wirksamen Vermarktungstrategien. „Konzerte werden nicht mehr per se als Ereignis gesehen, die CD-Regale der Jazzliebhaber sind derart prall gefüllt, dass der Hang zur Auffüllung zuletzt bedrohlich abgenommen hat. Vor allem aber besteht ein schleichend wachsendes Informationsdefizit“ [3], dem am besten die Marketing-affin ausgebildeten Musiker der jüngeren Generation nachkommen können. Diese besetzen auch kurzfristig trendfähige Nischen und switchen entsprechend zwischen Musikstilen hin und her (wie sich das beispielhaft an den unterschiedlichen Alben von Till Brönner festmachen lässt, der damit einen Weg beschreitet, den in der Vergangenheit in Deutschland schon Musiker wie Helmut Zacharias, Bill Ramsey und andere gingen). Die mehr als 60jähren sind in einer vergleichsweise guten Position; wer sich ein halbes Leben lang eine internationale Reputation als Jazzmusiker aufgebaut hat, kann auch in Zeiten der Transformation meistens noch relativ sicher vom eigenen Image zehren und tut sich auch leichter damit, mit neuen Projekten wahrgenommen und auf die Club- oder Festivalbühne eingeladen zu werden. Dagegen werden die Jazzmusiker der mittleren Generation wie Christoph Spendel oder Michael Sagmeister nur erschwert wahrgenommen und leben überwiegend vom Unterrichten (sei es an einer Hochschule oder als privater Lehrer).
Der Jazz - das wichtigste Kulturgut Amerikas - wird bei uns zwar geachtet und bewundert, konnte aber weder seinen Exoten-Status ablegen, noch sich als gleichberechtigter Partner von Theater, Literatur, Film, Malerei, usw. durchsetzen. Professionelle Jazzmusiker in Deutschland haben einen schweren Stand. Mit dieser komplexen Musik in Deutschland alleine ein einträglich finanzielles Auskommen zu finden, ist eine Aufgabe, an der die meisten Jazzmusiker scheitern müssen.
Die zuvor an dieser Stelle befindliche Liste von Jazzmusikern in Deutschland bildet wichtiges Ausgangsmaterial für diesen Artikel.
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