Jesus von Nazaret

Dieser Artikel behandelt die historische Person; weitere Bedeutungen von Jesus siehe Jesus (Begriffsklärung).
Authentische Jesusbilder existieren nicht: Fiktives Jesus-Christus-Portrait aus der Hagia Sophia (1280)
Authentische Jesusbilder existieren nicht: Fiktives Jesus-Christus-Portrait aus der Hagia Sophia (1280)

Jesus von Nazaret (griechisch Ἰησοῦς Iēsoûs, aramäisch ישוע Jeschua oder Jeschu) wurde wahrscheinlich zwischen 7 und 4 v. Chr. in Betlehem oder Nazaret geboren und starb 30, 31 oder 33 in Jerusalem.

Das Neue Testament (NT) verkündet Jesus als den Christus (Messias, Sohn Gottes): Diese Glaubensaussagen stellen die Artikel Jesus Christus und Jesus Christus im Neuen Testament dar. Das NT ist zugleich die Hauptquelle für historische Informationen über Jesus neben einigen Apokryphen und außerchristlichen Notizen. Aus ihnen rekonstruiert die historische Forschung plausible Grundzüge seines Wirkens.

Danach war Jesus ein Jude aus Galiläa und trat ungefähr ab dem Jahr 28 öffentlich als Wanderprediger im Gebiet des heutigen Israel und im Westjordanland auf. Angesichts des erwarteten Gottesreichs rief er sein Volk zur Umkehr auf. Wenige Jahre später wurde er von den Römern gekreuzigt.

Jesus begrenzte sein Wirken auf das Judentum (Mt 10,5 EU; Mt 15,24 EU), bewirkte aber die Entstehung einer neuen Weltreligion, des Christentums. Auch außerhalb des Christentums hat Jesus religiöse, kulturelle, politische und persönliche Bedeutung.

Inhaltsverzeichnis

Die Quellen und ihre Auswertung

Jesus hat keine schriftlichen Werke hinterlassen. Fast alles Wissen über ihn stammt aus antiken Quellen, die mindestens 20 Jahre nach seinem Tod verfasst wurden. Ihre Prüfung und Auswertung unternimmt die historisch-kritische Erforschung des NT. Die angegebene Literatur führt die hier nur zusammengefassten Forschungsergebnisse näher aus. Bibelstellen werden den Loccumer Richtlinien entsprechend abgekürzt.

Nichtchristliche Zeugnisse

Hauptartikel: Außerchristliche Notizen zu Jesus von Nazaret

Einige jüdische, römische und griechische Geschichtsschreiber der Antike erwähnen Jesus, jedoch fast nur seine Hinrichtung, nicht sein Wirken und seine Lehre. Diese seltenen Notizen sind zudem quellenkritisch umstritten.

Der jüdische Historiker Flavius Josephus berichtet in seinen Antiquitates Judaicae (Ant 20,200) über die Hinrichtung des Jakobus und bezeichnet ihn beiläufig als Bruder Jesu, der Christus genannt wird (Ant. 20,200). Diese Notiz gilt vielen Forschern als erste echte außerchristliche Erwähnung Jesu, während andere bezweifeln, dass ein jüdischer Historiker Jesus als „Christus“ bezeichnet hätte. Auch bestimmte Verse im „Testimonium Flavianum“ (Ant 18,63f), Jesu zweiter Erwähnung bei Josephus, beurteilen sie heute meist als christlichen Einschub. Einen verschieden rekonstruierten Kern halten einige Forscher für authentisch.

Tacitus berichtet um 117 in den Annales (Buch XV,44[1]) von „Chrestianern“, denen Kaiser Nero die Schuld am Brand Roms im Jahr 64 zugeschoben habe. Er fährt fort:

Der Mann, von dem sich dieser Name herleitet, Christus, war unter der Herrschaft des Tiberius auf Veranlassung des Prokurators Pontius Pilatus hingerichtet worden.

Unklar bleibt, ob diese Nachricht sich auf unabhängige römische Quellen oder bereits auf christliche Überlieferung stützt.

Sueton schreibt etwa um 120 in seiner Biografie des Kaisers Claudius (Kap. 25,4[2]), dieser habe die Juden, welche, von einem gewissen Chrestos aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten, aus Rom vertrieben (49). Ob „Chrestos“ sich auf Jesus Christus bezieht, ist ungewiss.

Weitere Notizen stammen von Plinius dem Jüngeren, dem ansonsten unbekannten syrischen Stoiker Mara bar Sarapion sowie aus rabbinischen Quellen. Diese Autoren beziehen sich jedoch nur am Rande oder polemisch auf ihnen bekannt gewordene christliche Überlieferungen.

Christliche Zeugnisse

Informationen über Jesus werden primär aus der Analyse der vier Evangelien, den Paulusbriefen und einigen Apokryphen gewonnen. Diese Schriften stammen von Christen meist jüdischer Herkunft, die von der Auferstehung Jesu Christi überzeugt waren (Mk 16,6 EU) und keine Biografien verfassen, sondern Jesus als den Messias für ihre Gegenwart verkündigen wollten. Die historische Zuverlässigkeit dieser Quellen ist daher seit Beginn der modernen neutestamentlichen Forschung stark umstritten.

Die drei synoptischen Evangelien wurden wahrscheinlich erst nach dem Jüdischen Aufstand (66–70) schriftlich fixiert. Denn sie spielen auf die Zerstörung des Jerusalemer Tempels an (Mk 13,2 EU; Mt 22,7 EU; Lk 19,43 f. EU). Demnach kannte wohl keiner ihrer Autoren Jesus persönlich.

Den Verfassern des Matthäus- und Lukasevangeliums lag nach der weithin akzeptierten Zweiquellentheorie bereits das Markusevangelium oder eine Vorform davon vor. Von diesem übernahmen sie die Komposition und die meisten Texte, wobei sie diese ihren theologischen Aussageabsichten gemäß veränderten. Sie verarbeiteten außerdem eine Logienquelle, in der Reden und Sprüche Jesu gesammelt wurden. Sie sei wahrscheinlich schriftlich vor dem jüdischen Krieg (70 nach Chr.) fixiert worden.[3] Ähnliche Sprüche Jesu wurden auch von syrischen Gemeinden gesammelt und später im Thomasevangelium fixiert. Alle diese Stoffe wurden seit Jesu Tod jahrzehntelang von Angehörigen der ersten Christengeneration (Lk 1,2 EU) überliefert. Ihre frühesten Bestandteile können von Jüngern Jesu stammen und daher originale Redestoffe von ihm enthalten.

Viele NT-Historiker nehmen an, dass Markus ein früher Passionsbericht aus der Jerusalemer Urgemeinde als Quelle vorlag, dem er weitere Überlieferungen, Sprüche und Glaubensaussagen voranstellte. Dieser Bericht begann ursprünglich wahrscheinlich mit dem Verrat des Judas Iskariot (Mk 14,10 EU) und endete mit der Entdeckung des leeren Grabes Jesu; er wurde später vorn und hinten erweitert. Nach Ulrich Wilckens führte der Bericht Credoformeln, die die letzten Lebensstationen Jesu aufzählten, erzählend aus. Dass alle Evangelien vom Einzug Jesu in Jerusalem dem selben fest gefügten Ablauf folgen, gilt als starkes Indiz für Alter und Zuverlässigkeit der Passionsüberlieferung.

Das Johannesevangelium enthält nach Meinung heutiger Forscher trotz seiner späteren Entstehung (ca. 100–130) unabhängig überlieferte historische Stoffe. Da die Evangelisten ihre Quellen auf je eigene Weise theologisch gestalteten und in ihre Missions- und Lehrabsichten einordneten, lassen ihre Gemeinsamkeiten umso mehr auf einen realen, historischen Kern schließen.

Die Leben-Jesu-Forschung

Seit etwa 1750 entstand eine akademische Leben-Jesu-Forschung, die sich von kirchlicher Bevormundung zu lösen begann. Sie versuchte, historische Informationen von theologischen Deutungen des NT nach wissenschaftlichen Kriterien methodisch zuverlässig zu unterscheiden. Seitdem erwägen NT-Forscher jede denkbare Hypothese. Manche bezweifelten Jesu Existenz oder ergänzten spekulativ fehlendes Wissen. Viele der so entstandenen „Jesusbiografien“ gelten seit Albert Schweitzers Geschichte der Leben-Jesu-Forschung von 1899 als überholt.

Seit dem frühen 20. Jahrhundert werden zunehmend außerbiblische Quellen herangezogen, um die historische Glaubwürdigkeit der NT-Überlieferung zu überprüfen. Wegen gewachsener Kenntnisse der Archäologie, Sozialgeschichte und Orientalistik und dank immer differenzierterer historisch-kritischer Methoden gehen heute auch nichtchristliche Historiker in der Regel davon aus, dass Jesus tatsächlich gelebt hat und sich einige Grundzüge - Lebens- und Todesumstände, Verkündigung, Verhältnis zu anderen jüdischen Gruppen, Selbstverständnis - relativ sicher ermitteln lassen, obwohl die Quellen über viele Daten keine genauen Angaben zulassen.

So bieten u. a. die Schriftrollen vom Toten Meer der Judaistik heute ein differenzierteres Bild des palästinischen Judentums zur Zeit Jesu. Danach haben sich manche, von theologischen Vorurteilen bestimmte Sichtweisen – etwa Jesu angebliche „Aufhebung“ der Tora und sein Gegensatz zu den Pharisäern – als unhaltbar erwiesen. Auch apokalyptische und weisheitliche Elemente seiner Predigten werden nicht mehr vom Judentum abgerückt. Andererseits hält man auch einen Messiasanspruch und bewusste Leidensannahme Jesu (Mk 10,45 EU; 14,25 EU) heute eher für möglich.[4]

Herkunft

Name

Jesus ist die latinisierte Form des griechischen Ἰησοῦς, das seinerseits das hebräisch-aramäische Jeschua (Kurzform: Jeschu, Langform: Jehoschua) übersetzt. Dieser männliche Vorname blieb auch in gräzisierter Form im damaligen Judentum geläufig und wurde nicht wie sonst üblich mit einem griechischen oder lateinischen Doppelnamen ergänzt oder von ähnlich klingenden Neunamen ersetzt.[5] Er setzt sich aus dem Gottesnamen JHWH - Kurzform Je- - und entweder dem hebräischen Verb schua („edel sein“, „um Hilfe rufen“) oder dem Verb yascha („retten, helfen“) zusammen. Letzteres ergibt das Substantiv jeschu`ah: „[Gottes] Rettung“. Demgemäß deuten NT-Stellen wie Mt 1,21 EU; Apg 4,12 EU u. a. den Namen wie ähnliche hebräische Namen - Hoschea, Jesaja - als Aussage: „Gott ist die Rettung“ bzw. „der Herr hilft“.[6] Der deutsche Genitiv „Jesu“ folgt der altgriechischen Flexion von Kontrakta der ο-Deklination.

In den Evangelien wird Jesus einige Male „Josefs Sohn“ (Lk 3,23 EU, 4,22 EU), „Jesus, Josefs Sohn aus Nazaret“ (Joh 1,45 EU) oder „Sohn der Maria“ (Mk 6,3 EU; Mt 13,55 EU) genannt. Meist jedoch erhält er den Zusatz Nazarenos oder Nazoraios, den die Evangelisten auf seine Herkunft aus Nazaret bezogen (Mk 1,9 EU). Mt 2,23 EU erklärt dies mit einer Weissagung, die wörtlich in der Hebräischen Bibel nicht vorkommt:

(Josef) ließ sich in einer Stadt namens Nazaret nieder. Denn es sollte sich erfüllen, was durch die Propheten gesagt worden ist: Er wird Nazoräer genannt werden.

Die meisten Ausleger finden hier eine Anspielung auf Jes 11,1 EU, wo der Messias „Spross“ (nēṣer, נֵצֶר) Davids genannt wird. Damit könnten die Evangelisten die Fremdbezeichnung Jesu als Nazoraios umzudeuten versucht haben (z. B. in Mt 26,71 EU; Joh 19,19 EU), da diese in ihrem Umfeld wohl herabsetzend gemeint war. Darauf weist etwa Joh 1,46 EU hin: Da sagte Natanaël zu ihm: Aus Nazaret? Kann von dort etwas Gutes kommen?[7] Der Ausdruck wurde auch für Christen im syrischen Raum gebraucht (nasraja) und ging in den Talmud als noṣri ein.

Manche Exegeten vermuten zudem einen Zusammenhang von Nazoraios mit Nasiraios. Ein Nasiräer war ein Asket, der einen Eid schwor, sich die Haare nicht mehr zu scheren, keine gegorenen Traubensäfte zu trinken und sich keiner Leiche zu nähern (Num 6,2-7 EU); sein biblisches Urbild war Simson (Ri 13,5.7 EU, Ri 16,17 EU).[8] Anders als Johannes der Täufer hat Jesus jedoch Wein getrunken (Mk 2,22 EU; Mk 14,23 EU), Tote berührt (z.B. Mk 5,41 EU) und jeden Eid abgelehnt (Mt 5,34 EU).

Geburtsort, Geburts- und Todesjahr

Historiker beurteilen die Geburtsgeschichten des NT weitgehend als Legenden, da sie in der Logienquelle und im ältesten Evangelium fehlen, sich untereinander stark unterscheiden und viele legendarische Züge enthalten.[9] Dies gilt auch für das apokryphe Kindheitsevangelium nach Thomas, das von Wundertaten des Knaben Jesus erzählt.

Mt 1–2 und Lk 1–2 wollen Jesus als Messias verkünden und stellen seine Geburt dazu in den Rahmen biblischer Verheißungen. Der unbelegte Kindermord des Herodes (Mt 2,13 EU) etwa erinnert an den Kindermord des Pharao vor Israels Auszug aus Ägypten (Ex 1,22 EU): So wird Jesus wie Moses als Befreier des Gottesvolks dargestellt. Der Stern von Betlehem, der orientalische Astrologen zu seinem Geburtsort geführt haben soll (Mt 2,2 EU), verkündet Jesus als kosmischen Erlöser. Ob bei seiner Geburt ein besonderes stellares Phänomen zu beobachten war, ist umstritten.

In Betlehem, einer Kleinstadt nahe Jerusalem, sollte nach biblischer Weissagung der Messias geboren werden (Mi 5,1 EU). Damit bezeugen Mt 2,1.6 EU und Lk 2,4 EU Jesu Abstammung vom König David. Die meisten Historiker nehmen eher an, dass Jesus in Nazaret, dem Geburtsort seines Vaters und Wohnort seiner Familie (Mk 6,1ff EU; Mt 13,54 EU), wo er „erzogen“ wurde (Lk 4,16.22 EU), auch geboren wurde.

Geburtstag und -jahr Jesu waren schon den Urchristen unbekannt. Nach Mt 2,1 EU wurde er vor dem Tod Herodes des Großen (4 v. Chr.) geboren, nach Lk 2,2 EU bei einer „ersten“ römischen Volkszählung unter Publius Sulpicius Quirinius. Dieser wurde jedoch erst 6 n. Chr. Statthalter Syriens und Judäas. Eine frühere Steuererhebung dort ist unbekannt, aber auch nicht auszuschließen. Die christliche Zeitrechnung, die das Jahr Eins mit Jesu Geburt beginnen lassen wollte, beruht auf einem Rechenfehler.

Die vier Evangelien berichten zusammenhängend nur aus Jesu letzten Lebensjahren. Nach Lk 3,1 EU – der einzigen exakten Jahresangabe im NT – trat zuvor Johannes der Täufer „im 15. Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius“ auf: Demnach trat Jesus frühestens ab dem Jahr 28 öffentlich auf, offenbar seit der Gefangennahme des Täufers. Damals soll er 30 Jahre alt gewesen sein (Lk 3,20.23 EU).

Jesu Todesjahr ist nicht überliefert; sicher ist, dass es in die Amtszeit des Pontius Pilatus als Statthalter Judäas (26-36) fiel. Nach allen vier Evangelien wurde Jesus am Vortag eines Sabbat, also an einem Freitag gekreuzigt. Für die Synoptiker war es der Hauptfesttag des Pessach nach dem Sederabend: der 15. Nisan im jüdischen Kalender. Für das Johannesevangelium dagegen war es der 14. Nisan. Nach kalendarischen Berechnungen fiel der 15. Nisan in den Jahren 31 und 34 auf einen Freitag, der 14. Nisan dagegen 30 und 33. Die meisten NT-Historiker halten 30 für das wahrscheinlichste Todesjahr, weil Paulus von Tarsus bereits zwischen 32 und 35 bekehrt wurde.[10] Jesus ist demnach mindestens 30, höchstens 40 Jahre alt geworden.

Familie

El Greco – „Die heilige Familie“, 1604
El Greco – „Die heilige Familie“, 1604

Jesus war nach Mk 6,3 EU und Lk 1,27 EU das erste Kind von Maria und galt nach Lk 4,22 EU als Sohn von Josef, beide aus Nazaret. Seine Vorfahrenlisten (Mt 1; Lk 3) betonen seine väterliche Stammlinie und stellen ihn als Nachkommen des Königs David dar (Röm 1,3 EU). Dieselben Texte betonen, Jesus sei vom Heiligen Geist gezeugt worden (Mt 1,18 EU; Lk 1,35 EU). Dies sahen Urchristen jüdischer Herkunft nicht unbedingt als Gegensatz zur natürlichen Zeugung. Sie nannten Maria im NT parthenos, was in der Septuaginta sowohl „junge Frau“ als auch „Jungfrau“ bedeutet.

Matthäus weist auf die Jungfrauengeburt der Maria hin: Nach Mt 1,19f EU glaubte Josef, Jesus sei unehelich gezeugt, bis ein Engel ihm den wahren Sachverhalt erklärt habe. Einige Stellen des jüdischen Talmud stellen einen Jesus als uneheliches Kind dar; ob sie sich auf den Nazarener beziehen, ist jedoch fraglich. Der Historiker Gerd Lüdemann greift diese These auf und vermutet im Anschluss an Celsus, ein Römer habe Maria vergewaltigt. Daraus erklärt er Jesu Benennung als „Sohn der Maria“ anstelle des üblichen „Jeschua ben Josef“ und seine Außenseiterrolle in seiner Heimatstadt. Urchristen hätten dies zur göttlichen Herkunft umgedeutet.

Nach Mk 6,3 EU hatte Jesus vier Brüder – Jakobus, Joses (= Josef, Mt 13,55), Judas, Simon – und einige Schwestern, deren Zahl und Namen nicht überliefert sind. Da „Brüder“ und „Schwestern“ im biblischen Wortgebrauch auch andere Verwandte umfassen kann, ist ungewiss, ob es sich dabei um leibliche Geschwister oder entferntere Verwandte handelte (siehe Geschwister Jesu).

Laut Lk 2,43 EU ging Jesus schon als Junge zur Familie auf Distanz, um im Jerusalemer Tempel mit Schriftgelehrten zu diskutieren. Nach seiner Taufe erwähnen die Evangelien Josef nicht mehr.

Das vierte der Zehn GeboteEhre Vater und Mutter (Ex 20,12 EU) – verlangte damals die Fürsorge des ältesten Erben für seine Sippe. Doch zu Jesu Nachfolge gehörte das Aufgeben der familiären Bindungen (vgl. Mt 10,37 EU, Lk 14,26 EU). Sein Umherziehen, Predigen und Heilen ließ zwar die Schar seiner Anhänger wachsen, provozierte jedoch Konflikte mit seinen Verwandten. Sie versuchten, ihn zurückzuhalten und erklärten ihn für verrückt (Mk 3,21 EU). In diesen Kontext gehören Aussagen wie Mk 3,33–35 EU:

Er erwiderte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?
Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder.
Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.

Er hob damit das 4. Gebot nicht auf (Mk 7,10 f. EU), legte es aber konträr zur jüdischen Tradition aus: Achte nur die als deine Angehörigen, die Gottes Willen tun. In Nazaret sei seine Lehre auf Ablehnung (Mk 6,1–6 EU par.) gestoßen: Daraufhin habe er seine Heimatstadt verlassen und sei auch nicht mehr dorthin zurückgekehrt. Aber Frauen aus Jesu näherer Umgebung sorgten für ihn und die übrigen Männer auf ihrem Weg (Mk 1,31 EU). Sie blieben bis zum Ende bei ihm (Mk 15,41 EU), so nach Joh 19,26 f. EU auch seine Mutter. Er soll noch am Kreuz für ihr Wohlergehen gesorgt haben, indem er sie einem anderen Jünger anvertraute.

Obwohl es in den Evangelien heißt: Seine Brüder glaubten nicht an ihn (Joh 7,5 EU), gehörten einige Verwandte Jesu, auch seine Mutter, nach Ostern zu den ersten Christen (Apg 1,14 EU; 1_Kor 9,5 EU). Paulus lernte Jakobus und andere Verwandte Jesu bei seinem ersten Jerusalembesuch persönlich kennen (Gal 1,19 EU). Später wurde Jakobus aufgrund seiner Auferstehungsvision (1_Kor 15,7 EU) sogar einer der Leiter der Urgemeinde (Gal 2,9 EU).

Sprache, Ausbildung, Beruf

Giotto di Bondone – „Jesus mit den Toralehrern“
Giotto di Bondone – „Jesus mit den Toralehrern“

Als galiläischer Jude sprach Jesus im Alltag die westliche Variante des Aramäischen, der Reichssprache der Assyrer und der Babylonier, die die Perser in Israel eingeführt hatten. Das bestätigen einige aramäische Jesuszitate im NT. Ob man griechische Ausdrücke und Redewendungen ins Aramäische zurück übersetzen kann, ist ein wichtiges Kriterium für die Suche nach „echten“, anfangs mündlich tradierten Jesusworten (Joachim Jeremias). So versucht man, seine eigene Verkündigung von urchristlicher Deutung zu unterscheiden.

Hebräisch, die Sprache der Heiligen Schrift Israels, wurde in Palästina zur Zeit Jesu kaum noch gesprochen. Griechische, nicht jedoch hebräische oder aramäische Namen wurden damals in andere Sprachen übersetzt. Jesus kann dennoch Hebräisch beherrscht haben, da er die Bibel gut kannte und in den Synagogen Galiläas vorlas und auslegte. Er kann Bibeltexte auch über aramäische Übertragungen (Targunim) kennengelernt haben.[11] Ob er zudem Griechisch beherrschte, die damalige Verkehrssprache im Osten des Römischen Reichs, ist unbelegt.

Bis auf Lukas machen die Evangelien keine Angaben zu Jesu Jugendzeit. Nach Lk 2,46 f EU beeindruckte er die Toralehrer schon mit zwölf Jahren mit seiner guten Bibelkenntnis. Diese erwarben sich Kinder ärmerer jüdischer Familien, die keine Schriftrollen besaßen, durch regelmäßigen Besuch einer Synagoge. Nur dort konnten Toraschüler auf dem Land damals auch lesen und schreiben lernen. Nach Lk 4,16 EU las Jesus in der Synagoge von Nazaret aus der Tora vor, bevor er sie auslegte. Auch nach Mk 6,2 f. EU predigte Jesus dort; jedoch betont das älteste Evangelium gerade, dass die Hörer Jesus das Predigen nicht zutrauten und dieses sich von der traditionellen Schriftauslegung unterschied. Ähnlich wunderten sich die Hörer in Joh 7,15 EU: Wie kann dieser die Schrift verstehen, obwohl er es nicht gelernt hat?

Doch Jesu häufige Frage an seine Hörer Habt ihr nicht gelesen …? (Mk 2,25 EU; 12,10.26 EU; Mt 12,5 EU; 19,4 EU u. a.) setzt voraus, dass er zumindest lesen konnte. Nach Joh 8,6.8 EU schrieb oder zeichnete er im Verfahren gegen eine Ehebrecherin mit dem Finger auf den Boden; was, wird nicht gesagt.

Jesu Predigt- und Argumentationsstil ist rabbinisch (Halacha und Midraschim). Seine Sabbatheilungen (Mk 2–3) und der Vorrang der Nächstenliebe vor allen übrigen Geboten (Mk 12,28 ff. EU) ähneln den vorherigen Lehren des Hillel, seine Armenfürsorge, seine Heilwunder und die Tateinheit von Beten und Almosengeben dem Auftreten von Chanina Ben Dosa (ca. 40–70), dem berühmtesten Vertreter des galiläischen Chassidismus. Daher ordnen NT-Forscher Jesu Tora-Auslegung heute ganz in das damalige Judentum ein. Jüdische Exegeten wie Pinchas Lapide folgern daraus, er müsse eine Toraschule besucht haben.[12]

Seine ersten Jünger nannten Jesus „Rabbi“ (Mk 9,5 EU; 11,21 EU; 14,45 EU; Joh 1,38.49 EU; 3,2 EU; 4,31 EU u. a.) oder „Rabbuni“ (Mk 10,51 EU; Joh 20,16 EU). Die aramäische Anrede bedeutet „mein Meister“ und entsprach dem griechischen διδασκαλος für „Lehrer“. Sie drückte Ehrerbietung aus und gab Jesus denselben Rang wie den Pharisäern, die sich ebenso bezeichneten (Mt 13,52 EU; Mt 23,2.7 f. EU) und für die Deutung mosaischer Gebote zuständig waren. Ein Rabbi lebte von einem gewöhnlichen Handwerk, nicht vom Lehren.

Als erster Sohn einer frommen jüdischen Familie lernte Jesus den Beruf seines Vaters (Mk 6,3 EU; Mt 13,55 EU). Josef war Bauhandwerker (griech. τεκτων; früher oft irreführend als „Zimmermann“ übersetzt), also wohl im Haus- und Schiffbau tätig. Als Junge musste Jesus vermutlich beim Broterwerb für die Familie helfen (Lk 2,51 EU). Dass er selbst dieses Handwerk ausübte, ist jedoch unbelegt.

Der Theologe Willibald Bösen nahm an, dass Jesus mit Josef im etwa acht Kilometer entfernten Sepphoris arbeitete, da das Dorf Nazaret einer mindestens siebenköpfigen Familie nicht genug Lebensunterhalt geboten hätte.[13] Dem hielt Sean Freyne entgegen, dass Jesus die von Herodes Antipas erbauten und beherrschten Städte bewusst mied, da sie frommen Juden als unrein galten und die Herodianer ihn später als Anhänger des Täufers Johannes verfolgten (Mt 14,13 EU).[14]

Wirken

Johannes und die Taufe im Jordan

Andrea del Verrocchio – „Taufe Christi“, 1475
Andrea del Verrocchio – „Taufe Christi“, 1475

Nach allen Evangelien begann Jesus nach seiner Begegnung mit dem Täufer Johannes öffentlich aufzutreten. Er ließ sich von ihm taufen; dieses Ereignis deuten die Synoptiker als Gottes Berufung Jesu zu seinem geistbegabten „Sohn“ (Mk 1,11 EU).

Johannes wird in den Evangelien als Bußprediger und Prophet des nahen Endgerichts dargestellt (Mt 3,7–12 EU; Lk 3,7–9 EU). Nach dem Lukasevangelium stammte er aus einer Priesterfamilie (Lk 1,5 EU) und lebte abseits bewohnter Gegenden als Wüstenasket (Lk 1,80 EU). Die von ihm vollzogene Taufe bot die Vergebung an und setzte ein Sündenbekenntnis voraus (Mk 1,4–5 EU). Flavius Josephus (Ant. 18,116–119) stellt Johannes dagegen wie einen hellenistischen Philosophen und die Taufe als Ritual zur Reinigung des Körpers dar.[15]

Nach Mk 1,7 EU und Lk 3,16 EU kündigte Johannes einen „Stärkeren“ und eine Geist- bzw. Feuertaufe an. Nach Mt 11,2 ff. EU (Bist du der Kommende?) erwartete der bereits inhaftierte Täufer offenbar einen irdischen Messias. Alle Evangelien betonen seine Vorläuferrolle gegenüber Jesus. Sie sehen in ihm den letzten Propheten des Alten Bundes vor der Ankunft des geistbegabten Messias. Sie heben den Zeugnischarakter seiner Botschaft (Joh 1,7 f. EU) gegenüber dem ihm überlegenen endgültigen Heilsbringer hervor (Mt 3,11 EU; Joh 3,28 ff. EU u. a.).

Joh 3,22 ff. EU zufolge taufte Jesus eine Weile parallel zu Johannes. Eventuell folgten einige der Jünger des Täufers Jesus nach: So habe er die Brüder Simon Petrus und Andreas kennen gelernt (Joh 1,35–42 EU). Daraus kann man Nähe und Austausch zwischen beiden Gruppen folgern (Joh 4,1 EU), ohne die Unterschiede zu übersehen: Jesus übernahm den endgültigen Umkehrruf von Johannes, lehnte aber das Fasten, die Askese für seine Jünger ab (Mk 2,16–19 EU) und pflegte die Tischgemeinschaft mit Gruppen, die nach der geltenden Tora-Auslegung als „Unreine“ galten.

Nach Martin Karrer (a.a.O. S. 267) übernahm Jesus von Johannes das Motiv des Gerichtsfeuers und damit den apokalyptischen Grundzug seiner Reich-Gottes-Predigt (Lk 12,49 EU):

Ich bin gekommen, ein Feuer auf Erden anzuzünden; ich wünschte nichts lieber als dass es schon brenne!

Gebiet des Auftretens

Orte, an denen Jesus öffentlich wirkte.
Orte, an denen Jesus öffentlich wirkte.
Ausgrabungsstätte in Kafarnaum
Ausgrabungsstätte in Kafarnaum

Jesus gilt in der neueren Jesusforschung als „Wandercharismatiker“, der von einem „charismatischen Milieu“ im damaligen Galiläa beeinflusst und dessen Lebensstil im Urchristentum weitergeführt wurde.[16] Er sah sich nur zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“ gesandt (Mt 10,5 EU, Mt 15,24 EU).

Seine Reisewege lassen sich nicht mehr genau rekonstruieren. Viele Ortsangaben der Evangelien sind redaktionell und spiegeln bereits die Ausbreitung des Christentums zu ihrer Abfassungszeit (Karl Ludwig Schmidt). Doch Jesus wanderte den ersten öfter erwähnten Ortsnamen zufolge zunächst am Nordufer des Sees Genezareth zwischen Kafarnaum, Magdala, Bethsaida und Chorazim. Weiter südlich wirkte er in Nazaret, Kana und Nain. Er wirkte auch im heutigen Westjordanland westlich des Sees Genezareth (Gerasa, Mk 5,1 EU) sowie im heutigen Südlibanon (Tyros und Sidon, Mk 7,24 EU). Eventuell streifte er auch durch Samaria (Joh 4,5 EU gegen Mt 10,5 EU). Diese Provinz Palästinas gehörte früher zum Nordreich Israel, das den Jerusalemer Tempelkult im Südreich Juda ablehnte.

Von Römern und Herodianern erbaute Städte wie Sepphoris, Tiberias und Cäsarea Philippi (Mk 8,27 EU) betrat Jesus laut NT nicht, wohl weil fromme Juden die Besatzer ablehnten und die Herodianer ihn verfolgten (Mk 3,6 EU). Daher wundert es nicht, dass damalige römische Quellen ihn nicht erwähnen.

In Kafarnaum soll Jesus nach Mk 1,21 ff EU und Lk 4,23 EU zuerst aufgetreten sein. Nach Mt 4,12 f EU zog er zu Beginn seines Auftretens dorthin um; Petrus besaß dort ein Haus, in das Jesus aufgenommen wurde (Mk 1,29 EU). Dorthin kehrte er wiederholt von seinen Reisen zurück (Mk 2,1 EU; Mk 9,33 EU; Lk 7,1 EU). Mt 9,1 EU nennt den Ort daher „seine Stadt“. Dieses Fischerdorf lag damals genau an der Grenze zwischen dem Gebiet des Herodes Antipas und des Philippus. Vielleicht wählte Jesus hier sein Hauptquartier, weil er vor herodianischer Verfolgung über die Grenze fliehen konnte (Lk 13,31 ff EU).

Archäologen (V. Corbo, H. Charlesworth) haben in Resten ärmlicher Häuser aus dem 1. Jahrhundert Kalkinschriften gefunden, die Jesus mit verschiedenen Hoheitstiteln und Petrus nennen und Spuren kultischer Zusammenkünfte zeigen. Man nimmt an, dass hier eine frühchristliche Kultstätte, eventuell über dem Haus des Petrus, erbaut wurde.[17]

Verkündigung des Gottesreichs

Reichenauer Schule – „Christus spricht zu den Jüngern“, 1010
Reichenauer Schule – „Christus spricht zu den Jüngern“, 1010

Hauptartikel: Reich Gottes

Jesu Botschaft vom Reich Gottes stand im Zentrum seiner Verkündigung (Mk 1,16 EU) und knüpfte an die biblische Prophetie und Apokalyptik besonders Deuterojesajas und Daniels an. Sie wird seit den Forschungen von Johannes Weiß, Albert Schweitzer, Charles Harold Dodd, Werner Georg Kümmel, Ernst Käsemann u.a. als radikale von Gott, nicht Menschen herbeizuführende Wende gedeutet.

Dass die Evangelien den Begriff „Reich Gottes“ nicht näher erläutern, sondern durch konkrete Handlungen, Gleichnisse und Lehrgespräche veranschaulichen, gilt als Indiz dafür, dass er Jesu Hörern vertraut war.[18] Dass an Nichtjuden adressierte NT-Texte selten vom Reich Gottes reden, kann dies bestätigen.

In Jesu Verkündigung stehen Aussagen, die den unmittelbar bevorstehenden Anbruch des Reiches Gottes ankündigen, neben Aussagen, die dieses Reich als schon angebrochen zusagen oder voraussetzen. Dies war früher Anlass für Forschungsgegensätze darüber, ob eher die „futurische“ (vertreten u.a. von A. Schweitzer) oder „präsentische“ Eschatologie (vertreten u.a. von C. H. Dodd) auf Jesus zurückgehe. Seit etwa 1945 lösen Exegeten die Paradoxie des Nebeneinanders nicht mehr literarkritisch durch Trennung von „echten“ und „unechten“ Jesusworten auf, sondern beurteilen beide Aspekte als authentisch.[19] In der matthäischen Version des „Vaterunsers“ (Mt 6,9–13 EU) kommen beide Aspekte vor.

Apokalyptische, den baldigen Weltuntergang andeutende Worte sind die Vision vom Sturz Satans (Lk 10,18ff EU) oder das Streitgespräch darüber, ob Jesus seine Heilkraft von Beelzebub oder Gott empfangen habe (Mt 12,22ff EU par.). Hier erscheint sein eigenes Handeln als Beginn des Reiches Gottes, mit dem das Reich des Bösen bereits entmachtet wird. Texte wie der „Stürmerspruch“ (Mt 11,12 EU) legen nahe, dass dieses Reich mit einem gewaltsamen Konflikt zu tun hat, der seit dem Auftreten des Täufers Johannes bis in Jesu Gegenwart andauert.[20] In Mk 1,15 EU ist die Verhaftung des Täufers der Anlass für das Jesuswort Die Zeit ist erfüllt, das den Beginn seines Wirkens markiert.

In den der Logienquelle zugewiesenen „Seligpreisungen“ (Lk 6,20ff EU, Mt 5,3ff EU) wird Gottes Reich den aktuell Armen, Trauernden, Machtlosen, Verfolgten als schon gegenwärtiger Heilsbesitz und gewiss kommende gerechte Wende zur Aufhebung ihrer Not zugesagt. Sozialhistorische Untersuchungen von Gerd Theißen (Soziologie der Jesusbewegung), Norbert Perrin, John G. Gager, John Dominic Crossan u. a.[21] erklären solche Texte auch aus damaligen Lebensumständen: Juden litten unter Ausbeutung, steuerlichen Abgaben für Rom und den Tempel, täglicher römischer Militärgewalt, Schuldversklavung, Hunger, Epidemien und sozialer Entwurzelung.[22]

Indem die Evangelien Jesu Auftreten als Erfüllung prophetischer Heilsverheißungen darstellen, greifen sie eine im Tanach vorgeformte Armentheologie auf. Diese lässt sich für Martin Karrer (a.a.O. S. 266) nicht aus einem Einfluss etwa der kynischen Wanderphilosophen erklären, sondern aus Jesu bewusst provozierender charismatischer Außenseiterrolle, die eine „subversive“ Bewegung der Abweichler von religiösen und gesellschaftlichen Normen bewirkt habe. Dies geht stets mit Hinweisen auf die Armen und Bedürftigen einher: So weist auch Jesu Antwort auf die Frage des Täufers „Bist du der Kommende?“ in Mt 11,4–6 EU auf die für die damaligen Armen schon erfahrbare Veränderung hin, in der sich die biblische Verheißung eines „Jahres des Herrn“ zur Entschuldung und Landumverteilung (Lev 25) erfüllt habe (Lk 4,18–21 EU mit Bezug auf Jes 61,1f EU).

Heiltätigkeit

Juan de Flandes – „Die Auferweckung des Lazarus“, um 1500
Juan de Flandes – „Die Auferweckung des Lazarus“, um 1500

Hauptartikel: Wunder Jesu

Die Evangelien überliefern viele verschiedenartige Wundertaten Jesu: u.a. Heil-, Geschenk-, Rettungs-, Normenwunder und Totenerweckungen. Die bei Markus häufigen Exorzismustexte lassen auf damals unheilbare Krankheiten wie Lepra, Grauen Star, Taubstummheit, Epilepsie und Schizophrenie schließen. Solche Kranke galten als „von unreinen Geistern besessen“ (Mk 1,23 EU). Man vermied Umgang und Berührung mit ihnen, verstieß sie oft aus bewohnten Orten und brachte sie damit in Todesgefahr (Adolf Holl).

Das NT berichtet häufig über Jesu Zuwendung zu Ausgegrenzten, auch Nichtjuden, und sein Heilwirken, das die Ursache der Ausgrenzung beseitigte: etwa durch Nähe und Berührung (Mk 1,31 EU, 1,41 EU), Handauflegen oder Speichel (Mk 7,32 f. EU; Joh 9,6 f. EU). Meistens sind es einfache gesprochene Befehle und Gesten, die die Heilung bewirken und die Dämonen austreiben (Mk 2,11 EU par., 5,41 EU par.; Joh 11,43 f. EU u. a.).

In den Rahmentexten werden Wunder Jesu oft als Einladung und Mahnung zum Glauben und zur Umkehr gedeutet. Nach meist für echt gehaltenen Worten Jesu sind sie Zeichen für den Beginn des Reiches Gottes und das Ende der Herrschaft des Bösen (Mk 3,22 EU ff. par.). Gerade seine Heilerfolge hätten Jesus Misstrauen, Neid und Abwehr eingebracht, die Tötungspläne seiner Gegner ausgelöst (Mk 3,6 EU; Joh 11,53 EU) und Forderungen nach demonstrativen „Zeichen und Wundern“ bewirkt. Diese habe Jesus abgelehnt (Mk 8,11ff. EU par., 9,19ff. EU par.).

Die NT-Forschung geht heute davon aus, dass zumindest Exorzismus- und Therapietexte einen historischen Kern haben, viele Wundertexte aber erst im Urchristentum nach volkstümlichen und nachösterlichen Motiven gestaltet und ergänzt wurden. Wunderberichte waren in der Antike keine Seltenheit. Laut G. Theißen wurden aber nirgends in der Antike von einer Person so viele Wunder berichtet wie von Jesus, und nur er habe die Heilwirkung dem Glauben der Geheilten zugesprochen („Dein Glaube hat dich gerettet“: Mk 5,34 EU; 10,52 EU; Lk 17,19 EU u. a.) und diese als Zeichen einer umfassenden Glaubenshoffnung verstanden. Dies sei nicht ohne sein Eigenwirken zu erklären.[23]

Tora-Auslegung

Die Bergpredigt (Mt 5–7) stellt Matthäus als „Lehre“ Jesu dar (Mt 5,2 EU). Einigen Studien zufolge gehe sie auf judenchristliche Zusammenfassungen der Lehre Jesu zurück, die Matthäus unverändert übernommen habe.[24] Sie erinnert Jesu Nachfolger an Israels Auftrag, als Volk Gottes „Licht der Völker“ zu sein (Mt 5,14–16 EU, vgl. Jes 42,6 EU), indem es die Tora vorbildlich erfüllt. Mt 5,17–20 EU betont demgemäß, dass Jesus alle überlieferten Toragebote bis ins Kleinste erfüllen, nicht aufheben wollte. Ob Jesus selbst das so sah, ist umstritten. Einige Gebote verschärfte er, andere entschärfte er, wieder andere relativierte er so, dass sie im Urchristentum teilweise aufgehoben wurden. Dies wird heute aber nicht mehr als Kontrast zum Judentum, sondern als innerjüdisch mögliche Toradeutung aufgefasst.

Wie andere Rabbiner auch gab Jesus der Nächstenliebe den gleichen Rang wie der Gottesfurcht und ordnete sie damit den übrigen Torageboten über (Mk 12,28–34 EU). Er sah sich zu denen ausgesandt, die wegen der Missachtung der Gebote als Sünder und Unreine galten und daher verachtet wurden:

Nicht die Starken brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten. (Mk 2,17 EU)

Gemeint sind in dem Passus jüdische „Zöllner“, die für die Römer Steuern eintrieben, oft dabei ihre Landsleute übervorteilten und daher gehasst und gemieden wurden. Jesus lud sie zum Teilen mit den Armen ein (Lk 19,8 EU) und verschärfte das 1. Gebot in diesem Sinne: Schon das Anhäufen von Besitz breche es (Mt 6,19.20.24 EU). Erst mit der Besitzaufgabe für die Armen erfülle der gesetzestreue Reiche alle Gebote des Dekalogs so, dass er zur Nachfolge frei werden könne (Mk 10,17–27 EU).

Die „Antithesen“ legen die Zehn Gebote (Ex 20,2–17 EU) und das Vergeltungsrecht (Ex 21,23 f. EU) aus. Jesus bezog sie über den Wortlaut hinaus auf die innere Einstellung als Ursache des Vergehens: Das Tötungsverbot (Ex 20,13 EU) breche schon der, der seinem Nächsten bloß zürnt, ihn beschimpft oder verflucht. Er ziehe damit Gottes Zorngericht auf sich. Darum solle die zwischenmenschliche Aussöhnung dem Opfern im Tempel vorausgehen (Mt 5,21–26 EU). Ehebruch (Ex 20,14 EU) begehe schon, wer als verheirateter Mann eine andere Frau begehrt (Mt 5,27–30 EU). Missbrauch des Gottesnamens (Ex 20,7 EU) und Lüge (Ex 20,16 EU) sei bereits jeder Eid, nicht erst ein Meineid (Mt 5,33–37 EU).

Weil Gottes Schöpfungstreue (Gen 8,22 EU) das Vergeltungsgebot (Gen 9,6 EU) entkräftet, soll Feindesliebe die Nächstenliebe überbieten: Gerade auch die Verfolger Israels und der Nachfolger seien als Nächste zu segnen, nicht zu hassen. Sie sollen übermächtiger Gewalt durch unerwarteten Gewaltverzicht begegnen, Feinde mit Fürsorge und freiwilligem Entgegenkommen überraschen und so „entfeinden“ (Pinchas Lapide). Damit erinnerte Jesus seine Zuhörer an Israels Aufgabe, alle Völker zu segnen (Gen 12,3 EU), um auch sie von Gewaltherrschaft zu befreien (Mt 5,38–48 EU).

In den Beispielen der Bergpredigt spiegelt sich eine Gesellschaft, die von Hunger, Ausbeutung und Gewalt bedroht ist. Für Jesus stellt die Konfrontation zwischen Menschen, die Gewalt und Gegengewalt hervorruft, das Hindernis für das Reich Gottes auf der Erde dar: Nur die Unterbrechung der Gewaltspirale, der Verzicht auf Gegengewalt (Mt 5,39 EU) kann diese Herrschaft des „Bösen“ beenden und das Reich Gottes herbeirufen.[25] Auch Missbilligung und Verurteilung anderer bringe die gleichen Konsequenzen mit sich wie die Ausübung von Gewalt:[26]

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!
Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem ihr meßt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden.
Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?
(Mt 7,1–3 EU)

Demgemäß rettete Jesus eine Ehebrecherin vor der Steinigung (Joh 8,1–11 EU), indem er ihren Anklägern deren eigene Schuld bewusst machte: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein! (8,7 EU). Obwohl manche der ältesten Handschriften diesen Text nicht enthalten, wird er oft für original gehalten: Details wie das Schreiben oder Zeichnen auf dem Boden seien unerfindbar, die Aussage stimme mit echten Jesusworten wie Mt 7,1 EU überein. [27] Dies konnte als Entkräftung der Todesstrafe (Lev 20,10 EU) wirken.

Anhänger

Von Beginn seines Auftretens an gewann Jesus