Josef [nicht Joseph] Matthias Hauer, * 19. März 1883, Wiener Neustadt; † 22. September 1959, Wien, war ein österreichischer Komponist und Musiktheoretiker. Seine Grabstelle befindet sich auf dem Friedhof von Wien-Dornbach.
Hauer entwickelte ab 1912 aus seinem Prinzip der "Bausteintechnik" eine eigene Form von Zwölftonmusik. Sein "Nomos", op.19 (August 1919) gilt als die erste Zwölftonkomposition überhaupt. Ende 1921 entwickelte Hauer die Tropentechnik und im Jahr 1926 das zwölftönige "Kontinuum". In der dritten Schaffensphase von 1940 (bis zu seinem Tod 1959) schrieb Hauer nur noch "Zwölftonspiele", von denen einige hundert bekannt sind. Gegenüber der Schönbergschen "Komposition mit zwölf Tönen" blieben die Theorien von Hauer weitgehend bedeutungslos.
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Das Schaffen Josef Matthias Hauers wird im allgemeinen in drei Phasen eingeteilt:
Die erste Schaffensphase ist atonal, aber nicht konsequent zwölftönig. Zumeist wird innerhalb kürzerer Abschnitte das Tonmaterial von 9, 10, 11 oder 12 Tönen verwendet. Über seine Überlegungen zur "Klangfarbentheorie" (J.M. Hauer: Über die Klangfarbe, 1918), die auf Goethes Farbenlehre aufbaut, gelangt er zur Forderung der Totalität bei der Verwendung des Tonmaterials, die er in seiner Schrift "Vom Wesen des Musikalischen" (1920) formuliert.
In seinem Aufsatz "Die Tropen" (in: Musikblätter des Anbruch, Universal Edition, Jhrg. 6 / 1, Wien 1924, S.18-21) schreibt er:
"Sehr bald hatte ich nun auch erfasst, dass die "Bausteine mit allen zwölf Tönen des Zirkels" die eigentlich formgebenden, die musikalisch ergiebigsten sind. Das Melos ging mir auf in seiner Größe. Viele Hunderte von Melosfällen wurden gelöst, gedeutet, sinngemäß aneinandergebaut, zu immer größeren Formen, und Weihnachten 1921 war ich bereits so weit, alle Melosfälle überschauen, sie in größere und kleinere Gruppen einteilen zu können; ich entdeckte die "Tropen", die nun an Stelle der früheren Tonarten zur praktischen Verwendung kamen. Gleich zu Beginn meiner nun bewussten Arbeit ergab sich von selbst die Regel: gleiche Töne so weit wie möglich auseinander zu rücken, damit die größte Spannung im Melos, die stärkste "Bewegung" erzeugt wird. Das erreichte ich dadurch, dass ich immer je sechs Töne einer gewissen "Konstellation", also zwei Gruppen innerhalb der zwölf Töne, fortwährend abwechselnd in Verwendung brachte. Für alle Melosfälle gibt es 44 Möglichkeiten (Konstellationen) dieser Teilung - daher vierundvierzig Tropen."
Die Tropentechnik basiert darauf, dass man, ausgehend von einer Einteilung des Zwölftonraumes in zwei komplementäre Hexachordgruppen, die hieraus leicht ersichtlichen Intervallverhältnisse und Symmetrien zwischen den zwölf Tönen anwendet. So lassen sich aus einer "Trope" etwa Tonverhältnisse, Klänge und Symmetrien herauslesen, die für die Komposition verwendet werden können. Wesentlich bei der Tropentechnik ist also ein präkompositorischer Konstruktionsakt: Ausgehend von beliebigen erwünschten Eigenschaften (Reihenaufbau, klanglich, melodisch, formal...) können aus den Tropen ganz allgemein Tonstrukturen konstruiert werden, die die entsprechenden Eigenschaften erfüllen. Diese Strukturen bilden dann das Material, aus dem heraus der Kompositionsakt erfolgt - ähnlich wie eine barocke Fuge aus dem harmonischen Band der im voraus konstruierten Generalbass-Harmonien "heraus-komponiert" wird.
Die dritte Schaffensphase Hauers basiert weitestgehend auf dessen philosophisch-weltanschaulichen Ideen, die im Lauf seines Lebens mehr und mehr mit seinem künstlerischen Schaffen verschmelzen, was ihn jedoch mit zunehmendem Alter auch immer mehr in die Isolation trieb. In Hauers Musikdenken fließt in entscheidendem Maße die griechische und die chinesische Philosophie (besonders: Taoismus) ein. Hieraus bildet sich, in Verbindung mit harmonikalen und musiktheoretischen Überlegungen ein Weltbild, um dessen Zentrum - die Musik - sich alle Wissenschaften, Philosophien und Religionen, kurz: der gesamte Kosmos herum ordnet. Das real erklingende Abbild dieser philosophischen Idee von absoluter von Musik bildet das "Zwölftonspiel", ein "Glasperlenspiel der zwölf temperierten Töne", mechanisch und von jedem kompositorischem Entscheidungsakt befreit. So wird das Zwölftonspiel für Hauer zu einem ideellen Abbild der Weltordnung. Der gesamte Kosmos, die Natur und der Mensch (vgl. Boethuis' Klassifizierung der Musik in "musica mundana", "musica humana" und "musica instrumentalis") wird durch die strengen Konstruktionsregeln des real erklingenden Zwölftonspiels symbolisch repräsentiert.
Die "Regeln" des Zwölftonspiels sind derart streng, dass es, ausgehend von einer Zwölftonreihe, nur wenige erklingende "Lösungsmöglichkeiten" geben kann. Der "Zwölfton-Spieler" (Das Wort Komponist erscheint für eine derart konstruktive musikalische Form als unpassend, Hauer spricht in diesem Kontext von "deuten") gibt der nach einem strengen Procedere harmonisierten Zwölftonreihe nur leichte Entfaltungs- und Bewegungsimpulse, wodurch die Musik entsteht. Hauer verfasste bis zu seinem Tod 1959 mehrere hundert derartiger Zwölftonspiele.
Hauers Werk wurde insbesondere von Herbert Eimert aber auch von Theodor W. Adorno verächtlich gemacht und als Folge sein Name in weiten Teilen der Musikwelt ignoriert. Selbst Thomas Mann versagte die Erwähnung Hauers als Mitbegründer der Zwölftonmusik in seinem Werk Doktor Faustus, in dem auf Forderung Arnold Schönbergs nur dieser erwähnt war. Auf Bitte des Hauer-Schülers Hermann Heiß – der sich mit Rücksicht auf seine künstlerische Bindung an Arnold Schönberg nicht selbst an Thomas Mann wandte – verfasste die Musikpädagogin Ellie Bommersheim am 15. Februar 1949 einen Brief an Thomas Mann, in dem sie auf die Priorität Hauers bei der Entwicklung der Zwölftontechnik hinwies. Im Antwortschreiben vom 19. Februar 1949 erklärte Thomas Mann, dass er „über die ursprüngliche Autorschaft“ Hauers „am Zwölf-Ton-System ganz gut Bescheid wusste“. Er habe Hauers Name aber „absichtlich unterdrückt, um den leidenden Mann“ (Arnold Schönberg) „nicht noch mehr zu reizen“. Seine Isolierung von der Öffentlichkeit führte dazu, dass sich Hauer in späteren Jahren ganz aus dem Musikleben zurückzog.
Vermehrte Beachtung findet Hauers Musik in neuerer Zeit, da seine Musik im Gegensatz zur Musik Schönbergs, die als Erweiterung und Fortführung der dramatischen Musik von Johannes Brahms betrachtet werden kann, eine zirkuläre und locker gewebte Klangkulisse im Sinne von John Cage und Morton Feldman darstellt. Seine Musik ist daher in mancher Hinsicht - unabhängig vom verwendeten Tonsystem - „moderner“ als die Musik Schönbergs.
Unter Hauers Schülern sind insbesondere zwei, Hermann Heiß und Othmar Steinbauer zu nennen. Das künstlerische und theoretische Erbe Hauers wurde nach seinem Tod von dessen Schüler Viktor Sokolowski weitergeführt.
Ein künstlerisches Denkmal setzte ihm der Bildhauer und Symposionsgründer Karl Prantl auf dem Hügel des St. Margarethener Bildhauersymposions mit der international bekannten Skulptur "Stein für Joseph Matthias Hauer".