Das Konzentrationslager Esterwegen im Emsland war eines der ersten Konzentrationslager unter nationalsozialistischer Herrschaft. Es wurde im Sommer 1933 als Doppellager (Lager II und III) für 2000 politische „Schutzhäftlinge“ eingerichtet und war zeitweilig nach Dachau das zweitgrößte Konzentrationslager. Das KZ Esterwegen wurde im Sommer 1936 aufgelöst. Das Lager wurde bis 1945 als Strafgefangenenlager weitergenutzt, in dem aber auch abgeurteilte politische Häftlinge und Nacht-und-Nebel-Gefangene inhaftiert waren. Danach diente Esterwegen als Internierungslager, als Strafgefängnis und bis 2001 als Bundeswehr-Depot.
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Das KZ Esterwegen gehört zu den Emslandlagern, einem Gesamtkomplex von insgesamt 15 Barackenlagern. In ihnen waren bis 1945 ungefähr 10.000 KZ-Häftlinge, 66.500 deutsche Straf- und Militärstrafgefangene sowie mehr als 100.000 sowjetische oder französische Kriegsgefangene und italienische Militärinternierte inhaftiert.
Am 17. März 1933 erkundigte sich das preußische Innenministerium beim Regierungspräsidenten in Osnabrück nach einem geeigneten Gelände für die Errichtung eines Lagers für 300 Schutzhäftlinge.[1] Langfristig war an eine Unterbringung von bis zu 10.000 politischen Gegnern gedacht. Hermann Göring wollte die „wilden Aktionen“ von Parteiorganisationen zähmen und zugleich den konkurrierenden Machtanspruch der SS und Gestapo von Heinrich Himmler eindämmen.
Bereits am 20. Juni 1933 fiel die Entscheidung, drei Lager in Börgermoor, Esterwegen und Neusustrum zu errichten. Unter Bewachung der Osnabrücker Schutzpolizei und von SS-Männern bauten 90 Gefangene zunächst das KZ Börgermoor auf. Mitte August 1933 war das KZ Esterwegen als Doppellager für 2000 Gefangene fertiggestellt.
Zuständig für Organisation und Verwaltung war in dieser Zeit das Innenministerium, eingewiesen oder entlassen wurden die Häftlinge von der Gestapo, bewacht wurden die Lager zwischen Juli bis Herbst 1933 ausschließlich von SS-Angehörigen, später kamen SA-Männer hinzu. Wie auch in Börgermoor waren die Häftlinge im KZ Esterwegen ihren Wachen ausgeliefert und wurden oftmals von ihnen gedemütigt, misshandelt oder gar ermordet – so im Oktober 1933 Otto Eggerstedt, vormals Polizeipräsident von Altona.
Im November 1933 konnte Himmler seine Zuständigkeit erweitern und unterstellte sich das Lager Esterwegen förmlich am 21. Juni 1934. Die Reichsjustizverwaltung übernahm Börgermoor und Neusustrum sowie andere Emslandlager als Strafgefangenenlager.
Eine beträchtliche Anzahl von politischen Schutzhäftlingen war schon bis Ende 1933 wieder freigekommen. Im Juni 1934 waren noch 812 Gefangene in Esterwegen inhaftiert. Ein Jahr später wurden in allen nationalsozialistischen Konzentrationslagern noch rund 3.500 Menschen festgehalten, davon 322 als Schutzhäftlinge in Esterwegen. Im Juli 1935 befahl Himmler eine präventive Verhaftungsaktion potentieller Staatsfeinde, bei der mehr als 1.000 politische Gegner – oft aus den Reihen der Kommunisten – in Konzentrationslager eingeliefert wurden. Auch Homosexuelle und „Berufsverbrecher“ wurden eingewiesen. Bis Ende 1935 wurden in Esterwegen 476 „Berufsverbrecher“ als „Vorbeugehäftlinge“ eingeliefert.[2]
Die „Inspektion der Konzentrationslager“ von Theodor Eicke führte am 1. August 1934 die im KZ Dachau entwickelte „Lager- und Disziplinarordnung“ auch in Esterwegen ein. Diese ermöglichte den Aufsehern jedoch willkürliche Auslegung und verhinderten nicht, dass Häftlinge bis zur Erschöpfung „geschliffen“ wurden. Eine Häufung von ungeklärten Todesfällen führte 1935 zu einer Beschwerde des Berliner Domprobstes Bernhard Lichtenberg und veranlasste Göring zu einer Intervention.[3] Dieses Eingreifen blieb wirkungslos und hatte für die Häftlinge – unter ihnen zu diesem Zeitpunkt Carl von Ossietzky und Werner Finck – keine spürbaren Erleichterungen zur Folge. Es sind mindestens 71 Sterbefälle unter den KZ-Häftlingen nachweisbar. [4]
Am 1. April 1936 wurde der SS-Sturmbannführer Karl Otto Koch als neuer Lagerkommandant eingesetzt; ein weiterer Ausbau des Lagers war geplant. Doch entschied Himmler kurzfristig anders. Im Spätsommer wurde der Standort als Konzentrationslager aufgegeben. Die grenznahe Lage war ungünstig und das KZ sollte nun durch ein größeres Lager nahe Berlin ersetzt werden.[5] Heinrich Himmler begründete dies jedoch in einem Vortrag anders:
Eine Gruppe von Häftlingen wurde zum Aufbau des geplanten großen Konzentrationslagers abkommandiert. Später wurden wahrscheinlich 1.000 Gefangene von Esterwegen in das neuerrichtete KZ Sachsenhausen bei Oranienburg überführt.
Im Januar 1937 übernahm die Justizverwaltung das Lager und führte es als „Strafgefangenenlager VII“ im Emsland bis kurz vor Kriegsende weiter.
Unter den Wachen waren weiterhin SS-Leute, und während der gesamten NS-Zeit saßen hier politische Häftlinge zusammen mit Kriminellen ein. Die politischen Häftlinge waren meist wegen Hochverrat bzw. Landesverrat oder Wehrkraftzersetzung zu hohen Strafen verurteilt worden; ihr zahlenmäßiger Anteil an den Inhaftierten wird auf 20 Prozent geschätzt.
Ab 1. Nov. 1939 wurden generell alle hochbestraften Militärstrafgefangenen aus dem Reich im Lager Esterwegen konzentriert; sie bildeten hier später die größte Gruppe. Zwischen Mai 1943 und April 1944 wurden 2696 Gefangene, die aufgrund des Nacht-und-Nebel-Erlasses verschleppt und in Zuchthäusern gefangen gehalten worden waren, in das KZ Esterwegen verlegt. Dort wurden die meisten von ihnen im „Block-Süd“ von der Außenwelt isoliert; mehrere hundert wurden aus Platzmangel vorübergehend im Strafgefangenenlager Börgermoor untergebracht. [7] Mitte 1944 wurden alle „NN-Häftlinge“ nach Schlesien abtransportiert.
Während die NN-Gefangenen von der Außenwelt abgeschnitten wurden und das Lager nicht verlassen durften, waren die anderen Häftlinge bis 1941 bei kräftezehrender körperlicher Arbeit zur Moorkultivierung eingesetzt. Danach waren viele bei privaten Unternehmern zur Zwangsarbeit eingesetzt, um kriegswichtige Aufträge für die Luftwaffe zu erfüllen.
Ab 1942 kam es in den Emslandlagern zu einem Anstieg der Sterbefälle um das Zehnfache, für den die mangelhafte Versorgungssituation verantwortlich gemacht wird. Im Strafgefangenenlager VII sind bis 1945 mindestens 1.436 Häftlinge verstorben.[8]
Am 10. April 1945 trieb die Lagerleitung die Gefangenen zusammen mit Häftlingen aus dem Lager Börgermoor auf einen Todesmarsch. Etwa 700 Häftlinge und 400 Untersuchungshäftlinge mussten nach Collinghorst marschieren, nach einer Übernachtung in Voellnerkönigsfehn erreichten die Überlebenden am 11. April 1945 Aschendorfermoor. Über die Zahl der Todesopfer während des Todesmarsches ist nur sehr wenig bekannt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gelände provisorisch für das britische Civil Internment Camp (C.I.C) No. 9 für Kriegsverbrecher benutzt. Alle mutmaßlichen Kriegsverbrecher, vor allem ehemalige KZ-Wachen, wurden aus anderen britischen Internierungslagern wie aus Sandbostel, Westertimke und Fallingbostel hierher verlegt, um hier auf ihr Spruchgerichtsverfahren zu warten. Allein aus Sandhostel kamen mindestens 1.400 ehemalige KZ-Wachmannschaften; mit 2.612 internierten mutmaßlichen Kriegsverbrechern war Ende Juni 1946 der Höchststand erreicht. Am 1. Juli 1946 erhielt „Esterwegen No.101 Prison Camp“ einen deutschen Direktor und einen britischen Kommandanten.
1947 wurde das Lager der deutschen Gefängnisverwaltung übergeben, die es als normales Strafgefängnis benutzte. Außerdem kamen alle von den deutschen Spruchgerichten verurteilten Angehörigen verbrecherischer NS-Organisationen, deren Gefängnisstrafe noch nicht mit der Internierungshaft als verbüßt erklärt wurde, nach Esterwegen. Insgesamt waren das etwa 900 Personen, weil nur ein sehr geringer Teil der Verurteilten (4 Prozent) eine längere Strafe erhalten hatte. Obwohl die von den Spruchgerichten Verurteilten strafrechtlich gewöhnliche Kriminelle waren, wurden sie in Esterwegen weitgehend von den „normalen“ Kriminellen getrennt; ein britischer Major überwachte den Strafvollzug. Die meisten kamen nach wenigen Monaten wieder frei. Im Juli 1950 saßen nur noch 43 von ihnen in Esterwegen ein [9]..
Von 1953 bis 1959 diente Esterwegen als Flüchtlingsdurchgangslager, bevor es Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre abgerissen und das Gelände von der Bundeswehr übernommen wurde.[10] Bis 2001 wurde ein Teil als Bundeswehrdepot weiterverwendet.
Im November 2004 wurde auf der Gedenkstätte Esterwegen (Friedhof) ein Denkmal für die belgische Freimaurerloge Liberté chérie eingeweiht. Sie war die einzige Loge, die sich innerhalb eines Lagers gegründet hat.
Die Geschichte dieses und der anderen 14 Emslandlager wird im Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager in Papenburg dargestellt, u.a. in einer Dauerausstellung. Geplant ist die Einrichtung einer Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Esterwegen.