Die Kanonkritik beschäftigt sich mit der Untersuchung des Prozesses der Zusammenstellung von Texten zu einer autoritativen Schriftensammlung (z.B. biblischer Kanon) sowie deren Funktion für die jeweilige Glaubensgemeinschaft.
Die Reflexion der Kanonfrage ist eine hermeneutische Voraussetzung wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit "heiligen Schriften". Das Verhältnis zum Text als kanonischer Schrift kristallisiert sich in zwei Aspekten
Aus historischer Perspektive konzentriert sich die Frage auf die Umstände unter denen heterogene Texte zu einer verbindlichen Sammlung mit Urkundencharakter zusammengestellt wurden. (Judentum: um 100 n.Chr.; Christentum Synode von Laodicea 367, Katholizismus offiziell Konzil von Trient 1545; Koran verbindliche Fassung durch Kalif Uthman ibn Affan 7. Jh).
Charakteristisch für Schriften, die in einen Kanon aufgenommen werden sind Merkmale, wie
Bei einzelnen Texten ist die Kanonizität zwischen verschiedenen Konfessionen und Religionsgemeinschaften umstritten (Apokryphen, deuterokanonische Schriften). Es gibt aber einen Kernbestand an Schriften der Bibel, deren Kanonizität unumstritten ist.
Zur Kanonkritik gehört schließlich die Frage, in welcher Weise der Kanon in der jeweiligen Glaubensgemeinschaft Autorität beansprucht. Im Judentum wird beispielsweise den Gesetzesvorschriften der Tora eine anderen Texten gegenüber herausragende Geltung zuerkannt. Der Protestantismus formuliert sein Bibelverständnis von ihrer Mitte Jesus Christus her. Im Katholizismus hingegen stehen Lehramt (Papst) und Tradition gleichgewichtig neben dem Zeugnis der Bibel.