Keuschheit (keusch aus lat. conscius, "bewusst") ist die Abstinenz von sexuellem Verhalten. Im Allgemeinen wird darunter der freiwillige Verzicht auf Sexualität verstanden. Das Ideal der Keuschheit geht jedoch weiter als ein bewusster und gewollter Verzicht auf den sexuellen Genuss.
In der Idealvorstellung bezeichnet Keuschheit das Verhalten einer der sinnlichen Inbrunst (Leidenschaft) durchaus fähigen Person, sich vermöge eines erworbenen Schamgefühls oder kraft eines bewussten Grundsatzes vor Sexuellem zu hüten, seien es auch nur Andeutungen anderer oder eigene Anwandlungen. In vielen Kulturen spielt die Keuschheit eine meist religiöse Rolle. Sie wird häufig speziell von jungen Menschen erwartet (siehe auch Jungfrau).
Den Gegensatz zur Keuschheit, also die Unkeuschheit, bildet die Geilheit (Lüsternheit), die als Wollust (luxuria) in der christlichen Religion eine der sieben Todsünden darstellt.
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Wird „Keuschheit“ zu einer moralpolitischen Forderung nach „Sittlichkeit“ erhoben, so kollidiert dies mit der Idealvorstellung einer unwillkürlichen und vorbewussten Keuschheit und sie wird erfolgreichen Falls zu einer gängigen „Sitte“. Diese ist daran erkennbar, dass ganz gewisse Haltungen gegenüber Anderen (z. B. das Augensenken, die Verschleierung) zur Vorschrift gemacht werden. Eine solche Moralpolitik kann auch extreme Formen, wie zum Beispiel die Verstümmelung weiblicher Genitalien, annehmen.
Geraten Sitten sexueller Zurückhaltung ihrerseits in einen Parteienstreit, etwa als symbolische Muster, so wird „Keuschheit“ leicht zu einer bloßen Ideologie, z. B. im gegenwärtigen „Kopftuchstreit“ in Frankreich, Deutschland oder der Türkei seit der Jahrtausendwende.
Obwohl die Forderung nach Keuschheit in vielen Kulturen stark kulturell oder religiös begründet wird, hat diese mehrere sehr profane Vorteile: Der Verzicht auf Sex verhindert eine Schwangerschaft. In vielen Kulturen ist oder war die wirtschaftliche Situation von alleinerziehenden Müttern äußerst schwierig und wird oder wurde durch soziale Ächtung noch verschärft. Heute stehen effektive Verhütungsmittel wie die Antibabypille zur Verfügung, die eine Schwangerschaft zwar nicht vollkommen ausschließen, deren Wahrscheinlichkeit jedoch stark senken. Kondome reduzieren darüber hinaus auch das Risiko einer Infektion (Safer Sex).
Trotz des medizinischen Fortschritts gibt es immer noch unheilbare Infektionskrankheiten (Aids). Keuschheit oder auch die starke Beschränkung der Zahl von Sexualpartnern reduziert das persönliche Risiko zu erkranken und die Ausbreitung dieser Krankheiten.
Uganda ist eines der wenigen afrikanischen Länder, die Erfolge im Kampf gegen AIDS vorweisen können. Diese beruhen auf einem „ABC“-Programm, das Keuschheit (Abstinence), Treue (Be Faithful) mit Safer Sex (use Condoms) kombiniert [1].
Christliche Gruppen, unter anderem die katholische Kirche, lehnen Kondome als Verhütungsmittel ab und propagieren Keuschheit als alleiniges Mittel gegen ungewollte Schwangerschaften und sexuell übertragbare Krankheiten,. Eine Studie der Universitäten Columbia und Yale zeigte jedoch, dass eine solche Strategie gegen sexuell übertragbare Krankheiten nicht wirkt.[2]
Die christlichen Kirchen verstehen unter "Keuschheit" den bewussten freiwilligen Verzicht auf sexuelle Handlungen bei unverheirateten Partnern, und beim Ehepaar den Verzicht auf sexuelle Handlungen mit jemand anderem als dem Ehepartner. Sie wurde traditionell als christliche Tugend und moralische Anforderung aus dem 6. Gebot (Du sollst nicht ehebrechen) abgeleitet.
Die christliche Ehe gilt nach dem Apostel Paulus als brauchbare Gemeinschaft für die Menschen, die dem sexuellen Drang nicht standhalten können.
Der Katechismus der Katholischen Kirche sagt zum Begriff der Keuschheit (Absatz 2337. "Keuschheit bedeutet die geglückte Integration der Geschlechtlichkeit in die Person und folglich die innere Einheit des Menschen in seinem leiblichen und geistigen Sein. Die Geschlechtlichkeit, in der sich zeigt, daß der Mensch auch der körperlichen und biologischen Welt angehört, wird persönlich und wahrhaft menschlich, wenn sie in die Beziehung von Person zu Person, in die vollständige und zeitlich unbegrenzte wechselseitige Hingabe von Mann und Frau eingegliedert ist. Die Tugend der Keuschheit wahrt somit zugleich die Unversehrtheit der Person und die Ganzheit der Hingabe." Demnach ist Keuschheit nicht zwangsläufig der Verzicht auf Geschlechtverkehr, sondern primär ein ethischer Umgang mit der eigenen Sexualität. Das Ausleben der Sexualität im Rahmen einer ehelichen Bindung ist folglich keineswegs mit der Unkeuschheit zu verwechseln.
Im kirchlichen Zölibat (der Verpflichtung zur Ehelosigkeit von Klerikern) und im Ordensleben nach den Evangelischen Räten (Versprechen der Ehelosigkeit durch Gelübde) bedeutet Keuschheit nicht nur den Verzicht auf die Ehe, sondern auch auf alle sexuellen Handlungen, und streng genommen auch die Unterdrückung sexueller Fantasien (Keuschheit der Gedanken, vgl. dazu Jesu Aussagen über den Ehebruch in der Bergpredigt (Wer eine Frau anschaut, ihrer zu begehren, ...)).
Anfang der 1990er Jahre entstand in den USA in evangelikalen Kreisen die Jugendbewegung "True Love Waits", die für Enthaltsamkeit bis zur Ehe eintritt. Daraus entwickelte sich eine internationale Jugendbewegung, die auch im deutschen Sprachraum unter dem Namen „Wahre Liebe Wartet“ vertreten ist.
Eine wichtige Aussage des Koran findet sich in Sure 17:32: Und nahet nicht dem Ehebruch .... Darüber hinaus empfiehlt der Islam, jeden unnötigen Kontakt zwischen den Geschlechtern zu vermeiden. Männer werden dazu aufgefordert, ihre Blicke zu Boden zu schlagen (Sure 24:30). Sie sollen sich ebenso keusch wie die Frauen verhalten (Sure 33:35).
Lebenslange Enthaltsamkeit wird im Islam aber abgelehnt, da (nach einem Hadith) die Ehe der halbe Glauben ist und der Koran das Mönchstum ablehnt (Sure 57:27).
Im Islam ist unter anderem das Kopftuch (oder auch der Schleier) ein symbolisches äußeres Zeichen für den freiwilligen Verzicht auf sexuelle Handlungen zwischen unverheirateten Partnern/Verlobten und beim Ehepaar für den Verzicht auf sexuelle Handlungen mit jemand anderem als dem Ehepartner (s. a. Treue). Sozialer Hintergrund ist, dass das entblößte Haupthaar in diesen (wie auch in vielen anderen historischen und gegenwärtigen) Gesellschaften als sinnlicher (sexueller) Reiz empfunden wird. (Vgl. dazu den Habit christlicher Nonnen.)
Im Islam besteht hingegen insofern keine Keuschheit, da ein islamischer Mann mehrere Frauen haben darf (Harem und Polygamie]).
In den vergangenen Jahrzehnten hat das Thema „Keuschheit“ die BDSM-Szene beschäftigt. Ein moderner Keuschheitsgürtel gibt dem dominanten Partner die (fast absolute) Kontrolle über das Geschlecht und das Sexualverhalten des submissiven Partners. Die Keuschheit dient als Teil des einvernehmlichen Spiels dazu, Macht auszuüben oder zu verspüren. Damit kann eine einzelne Session sehr einfach im Verborgenen auf den Alltag zu einer 24/7 SM-Beziehung ausgedehnt werden, ohne Verwandte und Bekannte durch ein Coming-out vor den Kopf zu stoßen. In diesem Zusammenhang wird die Idealvorstellung der „Keuschheit“ ad absurdum geführt, denn es soll die sexuelle Spannung gesteigert werden, um sie beim Aufschließen des Gürtels desto unkeuscher zu entladen.
Enthaltsamkeit, Jungfrau, Jüngling, Nacktheit, Scham, Scheu, Weiblichkeit.
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