Legenda aurea

Die Legenda aurea, die Goldene Legende, ist eine von Jacobus de Voragine (um 1230-1298, Dominikanermönch, von 1292 bis zu seinem Tod 1298 Erzbischof von Genua) verfasste Sammlung von Legenden, Lebensgeschichten Heiliger in volkstümlicher, lateinischer Sprache. Er schuf damit das populärste und am weitesten verbreitete religiöse Volksbuch des Mittelalters.

Jacobus de Voragine ordnete den Stoff in seinem Werk nach dem Kirchenjahr. Den großen Festen - Weihnachten, Epiphanie, Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten - widmete er ausführliche eigene Darstellungen und erklärte dazu die Bedeutung der kirchlichen Jahreszeiten und liturgischer Bräuche. So konnte dieses Buch ebenso als Anleitung zur Besinnung an Festtagen wie als tägliche erbauliche Lektüre dienen.

Gleich nach ihrem Erscheinen trat diese Legendensammlung einen einzigartigen Siegeszug durch das ganze Abendland an. Schon 1282 ist eine Handschrift in Deutschland nachweisbar. Jacobus' Sammlung wurde in vielen Ländern übersetzt und oft durch lokale Legenden erweitert, womit sie fast auf das Doppelte ihres ursprünglichen Umfangs anwuchs. Wahrscheinlich war das Werk zu seiner Zeit weiter verbreitet als die Bibel.

Für seine Sammlung hat Jacobus eine Fülle von Material zusammengetragen. An vielen Stellen seines Werkes nennt er seine Quellen. Dazu gehören berühmte Namen wie die Kirchenväter Augustinus und Hieronymus. Diese Legenden sind mehr als nur unterhaltende Geschichten: Dadurch dass sie in den Rahmen eines religiösen Kalenders eingefügt werden, werden sie in die Sphäre des Dauernd-Gültigen, zu exempla, erhoben und dokumentieren die Lehre von der communio sanctorum ("Gemeinschaft mit den Heiligen").

Die Geschichten erheben keinen historischen Anspruch. Manchmal werden zwar verschiedene Versionen desselben Geschehens mitgeteilt, manchmal aber gibt der Autor auch zu erkennen, dass er seine Quellen nicht für glaubwürdig hält. Er bemüht sich auch, Unstimmigkeiten und Widersprüche zu bereinigen, oder äußert Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner eigenen Darstellung. Doch trotz alledem täte man Jacobus unrecht, wenn man ihn nach historiographischen Kriterien beurteilte. Jacobus hat in seinem Werk vielmehr eine tausendjährige christliche Mythologie zusammengefasst. Seine Legenden sind sozusagen die Nachfahren der heidnischen Sagen: Wie diese erklären auch sie oft Bräuche und religiöse Vorstellungen auf eine allgemeinverständliche Art. Die Darstellung des Übernatürlichen gibt der Überzeugung Ausdruck, dass der Mensch nicht Herr der Welt und seines Lebens ist, und dass die Welt und das Leben ihren Grund und ihre Grenze in einer Macht haben, die außerhalb dessen ist, was der Mensch berechnen und kontrollieren kann. Die christliche Legende will also erklären, belehren und erziehen. Sie will den Glauben an Christus festigen und die Verehrung der Heiligen (als "Nothelfer") fördern. Dabei spielt natürlich die Frage nach der geschichtlichen Wirklichkeit des Berichteten keine vorrangige Rolle. Die Erwähnung von Namen, Orten und Daten bildet in erster Linie den erzählerischen Rahmen, in den die religiöse Thematik eingebettet ist.

Die Legenda aurea enthält freilich auch Beispiele von ungezügelter Fabulierkunst und Sensationshascherei, die dem gewöhnlichen Unterhaltungsbedürfnis diente. Das gilt z.B. für die Texte, in denen Folterungen und andere Grausamkeiten in allen Einzelheiten beschrieben wurden.

Die Texte können allerdings auch unter einem kritischen Gesichtspunkt gelesen und betrachtet werden. So schüren diese Legenden ohne Zweifel die Angst vor dem Teufel in seinen vielfältigen Erscheinungsformen, z.B. als Verführer in der Gestalt einer schönen Frau; sie fordern die Unterwerfung unter die Institutionen christlicher Verkündigung; sie vertiefen das Schuld- und Sündenbewusstsein des Einzelnen; sie verteufeln die Leiblichkeit des Menschen und alle sozialen Beziehungen, die sich dem unmittelbaren Zugriff kirchlicher Machtträger entziehen; sie wecken das Bedürfnis nach religiös motivierter Askese, ja sogar Selbstzerstörung; sie vertiefen den Glauben an die Lösung menschlicher Probleme durch den Beistand der Heiligen; sie lassen die Versuche zu rationaler Problembewältigung als aussichtslos erscheinen und sie bauen irrationale Feindbilder auf, z.B. die Heiden, die Juden und die (weltlichen) Reichen und Mächtigen.

Textausgaben

  • Jacobus de Voragine: Legenda aurea, hrsg. von Th. Graesse 1890, Neudruck Osnabrück 1969
  • Die Legenda Aurea des Jacobus de Voragine, aus dem Lat. übers. von Richard Benz. Heidelberg, Schneider 1925 (vollständig, danach zahlreiche Neuauflagen)
  • Jacobus de Voragine: Legenda Aurea. Lateinisch-Deutsch. Hrsg. und übersetzt von Rainer Nickel. 2. Aufl. Stuttgart 1988 ISBN 3-15-008464-4 (Auswahl)

Weblinks

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