Marienverehrung bezeichnet die Verehrung von Maria, der Mutter des Jesus von Nazaret im Christentum, die in den unterschiedlichen Konfessionen eine höchst unterschiedliche Stellung einnimmt.
Inhaltsverzeichnis |
Die Marienverehrung hat ihre Wurzeln lange vor dem Leben Marias, nämlich zur Zeit des Alten Testaments in Babylon, als die Menschen die „Himmelskönigin“ (Jeremia 7,18) verehrt haben. Von dort aus beeinflusste dieser Kult die ganze Welt. Viele Eigenschaften dieser „Himmelskönigin“ sind von anderen Kulturen übernommen und auf viele verschiedene göttliche Figuren aufgeteilt und später wieder zu einer Person zusammengenommen worden. So wechseln von Zeit zu Zeit und von Kulturraum zu Kulturraum die Art und Anzahl der Namen für die Göttin, aber nicht die Wesenzüge und deren Verehrung. Als Beispiel kann man hier die Göttin Isis oder die Göttinnen Artemis, Demeter und Athene anführen. Als das Christentum 391 n. Chr. im Römischen Reich zur Staatsreligion ernannt wurde, begann eine Verehrung der Märtyrer und auch Marias. Vierzig Jahre später wird Maria durch das Konzil von Ephesus zur „Theotokos“ bzw. „Dei Genetrix“ im ernannt. Nach diesem Konzil entsteht eine neue, unbiblische Verehrung Marias, die der Verehrung der „Himmelskönigin“ aus dem Alten Testament ähnelt. Im fünften und sechsten Jahrhundert versucht man versteckte Hinweise auf Maria in der Bibel zu finden, und ein Jahrhundert später entstehen die ersten Marienfeste und Mariengebete, wie das „Ave Maria“. Auch im Volk, genauso wie unter den Gelehrten, vertritt man zu dieser Zeit die Meinung, dass das Beten zu Maria eher eine Erhörung findet, als das Beten zu Jesus. Nach der Reformation beginnt in der katholischen Kirche die Gegenreformation, bei der versucht wird, möglichst viele unbiblische Texte zu verbieten. Doch das Volk pflegt den Glauben an Maria weiter. In der Romantik blüht der Glaube an Maria wieder auf.
Maria ist die Mutter von Jesus von Nazaret, der im Christentum als der Sohn Gottes angesehen wird. Das dritte Ökumenische Konzil in Ephesos 431 A.D. erklärte, nach einem Streit mit Bischof Nestorius, Maria zur theotokos, zur Gottesgebärerin. Laut Lukas 11,27–28 ist es nicht allein die körperliche Mutterschaft, die Maria auszeichnet, sondern ihr vollkommener Gehorsam gegenüber Gott.
Die Jungfräulichkeit wird in zwei Ausprägungen gesehen:
Bezüglich der immerwährenden Jungfrauenschaft Mariens urteilen die Kirchen der Reformation in ihren Bekenntnisschriften unterschiedlich - die meisten haben jedoch eine ablehnende Haltung eingenommen. Die lutherischen Bekenntnisschriften (BSLK) als verbindliche Lehrgrundlage der lutherischen Kirchen sprechen beispielsweise in der Konkordienformel Artikel 8 (Von der Person Christi S. 1024) wie folgt: „Darum sie (Maria) wahrhaftig Gottesmutter und gleichwohl eine Jungfrau geblieben ist.“ Jedoch ist die Konkordienformel nicht Bestandteil aller lutherischen Kirchen.
Andere reformatorische Kirchen sind der Auffassung, die neutestamentliche Erwähnung von vier Brüdern und wenigstens zwei Schwestern Jesu bedeute, dass Josef und Maria nach der Geburt Jesu Geschlechtsgemeinschaft gehabt und noch gemeinsame Kinder bekommen hätten. (u.a. ((Matthäus 12, 46), (Matthäus 1, 24)). Argumentationsgrundlage ist dabei das Prinzip Sola scriptura. Die Reformatoren selbst waren allerdings teilweise von der Jungfräulichkeit Marias überzeugt, wobei dies größtenteils auf ihren theologischen Hintergrund bzw. die Vorprägung in der damaligen Zeit zurückzuführen sein dürfte.
Die orthodoxen Kirchen verehren Maria als die Mutter Gottes und als Jungfrau. Sie sehen sie als heilig und sündlos, aber durch ihre von den Westkirchen unterschiedliche Auffassung von Erbsünde ist die unbefleckte Empfängnis für sie kein Thema. Die Himmelfahrt Marias wird unter dem Namen „Maria Entschlafung“ gefeiert. Grundsätzlich ist die Marienverehrung in der Orthodoxen Kirche immer auf Christus bezogen; beispielsweise wird auf Ikonen Maria fast ausschließlich mit Kind dargestellt.
Die katholische Kirche lehrt, dass der Mensch bei der Taufe von der Erbsünde und bei der zweiten Auferstehung am Ende seines Lebens von den Folgen dieser Erbsünde befreit wird und so zu einer vollkommenen Gemeinschaft mit Gott gelangen kann (biblisch: Himmel). Bei Maria habe Gott schon im Moment ihrer eigenen Empfängnis im Leib ihrer Mutter Anna (hebr. Hannah) die Befreiung von der Erbsünde vollzogen. Das heißt, Maria, die Frau, die Gott als Mensch geboren hat, habe zu Lebzeiten an der Erbsünde keinen Anteil gehabt. (sog. Unbefleckte Empfängnis, vgl. das Hochfest am 8. Dezember).
Verwechselt wird diese Thematik fälschlicherweise oft mit der Art und Weise der Zeugung Mariens selbst: Sie hatte einen gewöhnlichen menschlichen Vater, nach der Tradition hieß er Joachim (hebr. Jehojakim). Auch ihre Jungfräulichkeit bei der Geburt Jesu wird manchmal fälschlich mit dem Begriff „Unbefleckte Empfängnis“ in Verbindung gebracht.
In der katholischen Kirche nimmt die Verehrung Mariens eine wichtige Rolle ein, die Dogmen der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel und der unbefleckten Empfängnis gibt es ausschließlich in der römisch-katholischen Kirche, auch wenn orthodoxe und syrische Kirchen ähnliche Auffassungen vertreten.
Die Kirche vertritt den Standpunkt, die Mariendogmen seien in ihrem Kern Aussagen zu Jesus Christus. Sie erklärt damit, dass Maria bereits bei Gott vollendet ist, so wie alle Menschen bei Gott vollendet werden sollen. Maria ist somit der „Prototyp“ des durch Jesus Christus erlösten Menschen.
Maria hat seit dem Konzil von Ephesus 431 deshalb eine Sonderrolle, weil sie Jesus Christus geboren hat („Gottesgebärerin“). Die Verkündigungszene wird häufig auf dem Tabernakel abgebildet: Im Tabernakel ist Jesus Christus, nach katholischer Auffassung, in den Gestalten von Brot und Wein gegenwärtig. Durch die Jungfrau Maria wird Gott in der Gestalt eines Menschen, Jesus Christus, gegenwärtig. Maria wird deshalb in einigen Marienliedern und in der Lauretanischen Litanei als „der Gottheit Tabernakel“ bezeichnet.
Innerhalb der katholischen Kirche, insbesondere in Deutschland, divergieren die Ansichten über dieses Thema zum Teil erheblich: In der Volksfrömmigkeit ist Maria stark präsent, während sich in Intellektuellenkreisen viele mit diesem Thema schwer tun. Zeitgenössische Betrachtungen betonen gern Marias Stärke, wie sie sich vor allem in ihrem Jubellied, dem Magnificat (Lukas 1,46-55), widerspiegelt.
Manche Gruppen tendieren dahin, Maria auf eine Stufe mit Jesus Christus zu stellen, so z.B. die „Marienkinder“. Die katholische Kirche hat solche Tendenzen immer abgelehnt. Im Gebet- und Gesangbuch „Gotteslob“ wird Maria als Mutter und Schwester der Glaubenden bezeichnet, die den Weg des Menschen zu Gott bereits gegangen ist. Deshalb kann sie, nach katholischer Auffassung, auch Vorbild sein und um Hilfe auf dem Weg zu Gott angerufen werden. Dem entgegen steht die neutestamentliche Aussage, „dass nur ein Mittler zwischen Gott und den Menschen sei, der Mensch Christus Jesus“ (1. Timotheus 2, 5; auch: „Hebräer-Brief“ in den jeweiligen Kapiteln 8, 9, 12). Maria ist daher nach katholischer Auffassung keine Mittlerin zwischen Gott und Mensch, sondern kann (näher) zu Jesus Christus führen. Papst Benedikt XVI. bezeichnet Maria jedoch als Mittlerin und Dolmetscherin, die den Menschen, insbesondere den Katholischen Christen, die Evangelien sowie die Heilsgeschichte näher bringen und verständlicher machen kann.
Katholische Ausdrucksformen der Marienverehrung sind Marien-Wallfahrtsorte, wie Lourdes, Fátima, Tschenstochau, Kevelaer, ihre Verehrung als Schutzheiliger wie in der Patrona Bavariae, zahlreiche Marienfeste, die Maiandachten, Litaneien, (v.a. die lauretanische Litanei und als zentraler Punkt das Rosenkranzgebet.
Berichte von Marienerscheinungen, auch dort, wo sie von der Kirche nach kritischer Prüfung als echt anerkannt sind, sind nicht Bestandteil des katholischen Glaubens, da nach katholischer Auffassung die Offenbarung mit den Aposteln abgeschlossen ist und solche Privatoffenbarungen der Lehre der Kirche nichts hinzufügen. Jeder Katholik ist darum frei, an Marienerscheinungen zu glauben oder nicht.
In jüngerer Zeit gibt es in der (konzils-)katholischen Kirche vermehrt Bestrebungen, weitere Mariendogmen zu konstituieren, mit denen die heilsgeschichtliche Rolle Marias stärker hervorgehoben werden soll: Maria als Miterlöserin (Coredemptrix) oder Gnadenvermittlerin (Mediatrix (omnium) gratiarum). Das Lehramt hat sich zu diesen Wünschen noch nicht ausdrücklich positioniert, allerdings hat Papst Benedikt XVI. zu seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation sich privat eher ablehnend geäußert.
Die Marienverehrung hat in den letzten Jahrzehnten eine Neubelebung erfahren, insbesondere durch die Neuen Geistlichen Gemeinschaften, aber auch durch Papst Johannes Paul II., der ein großer Marienverehrer war und bei seinen Auslandsreisen zahlreiche Marienwallfahrtsorte besucht hat.
In der christlichen Kunst wird Maria oft - in Anlehnung an Offb 12 - als die "apokalyptische Frau" bzw. Herrscherin mit Sternenkranz, Krone, Zepter und/oder auf dem Mond (oder einer Mondsichel) stehend - mit dem (meist ebenfalls mit Krone und Zepter ausgestatteten) Kind auf dem Arm - dargestellt. Maria wird als die "Königin des Himmels und der Erde" (s. oben: vollendeter Mensch bei Gott) angesehen, die durch ihre Fürbittmacht den zu ihr Betenden helfen kann. In vielen überwiegend katholischen Gegenden sind an vielen Orten - oft in der Ortsmitte - sogenannte Mariensäulen aufgestellt. Schön zu sehen in München auf dem Marienplatz, wo Maria mit diesen Insignien und komplett in Gold zur Verehrung dargestellt ist.
In den lutherischen Kirchen spielt die Marienverehrung in der Praxis kaum eine Rolle. Luther wandte sich entschieden gegen die römisch-katholische Vorstellung von Maria als „Himmelskönigin“ sowie gegen landläufige Vorstellungen von Maria als Mittlerin, die Christus erst gnädig stimmen müsse. Hiergegen betonte Luther, dass durch den Opfertod Christi das Erlösungswerk vollkommen ist und keiner Ergänzung bedürfe. Dabei berief er sich auf die Bibel. Christen bräuchten keinerlei Fürsprache und Vermittlung durch Menschen, sei es Maria oder seien es Heilige. Aber Luther hielt auch Marienpredigten und schätzte in seinen Auslegungen (etwa des Magnificats) Maria als Beispiel menschlicher Demut und Reinheit. Darum wird eine gewisse Form von Marienverehrung in manchen lutherischen Kirchen geübt. Maria gilt als Vorbild des Glaubens.
Die Lutherische Kirche kennt traditionell drei Marienfeste (dies gilt zumindest für die SELK), die aber genau genommen Christusfeste sind:
In der Reformierten Kirche akzeptierte Zwingli die Marienverehrung, so weit sie biblisch begründet ist. Calvin lehnte dann jegliche evangelische Marienverehrung ab, da sie immer in der Gefahr sei, zum Götzendienst zu werden. Mit ihm stimmen auch die Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden überein. Maria ist zwar - wie viele andere biblische Personen auch - ein Vorbild des Glaubens und der Hingabe, kann und darf aber nicht im Gebet angerufen werden. Sie wartet (1. Thessalonicher 4,16f) mit allen in Christus Entschlafenen auf den Tag der sichtbaren Wiederkunft Jesu, an dem die verstorbenen und die zu diesem Zeitpunkt lebenden Christen gemeinsam Jesus Christus „entgegen geführt“ werden. Außerdem ist aus freikirchlicher Sicht nach Deuteronomium 18, 10f die Kontaktaufnahme zu Verstorbenen verboten. Das gilt auch im Blick auf Verstorbene, die im Glauben Außergewöhnliches geleistet haben (siehe dazu 1. Samuel 28)
Sowohl die Zeugen Jehovas als auch die Siebenten-Tags-Adventisten üben scharfe Kritik an allen Formen der Marienverehrung, lehnen sie als unbiblisch ab und sehen ihre Praktizierung als Götzendienst an.
Ein Beispiel für die Unterschiede in der Haltung zur Marienverehrung in katholischer und evangelischer Tradition bietet die zweite Strophe des Weihnachtsliedes „Es ist ein Ros entsprungen“. Das Lied, dessen Ursprung vermutlich in einem Eifeler Kartäuserorden im 15./16. Jahrhundert liegen und dessen erste beide Strophen erstmals bei Frater Conradus, der von 1582-1588 Prokurator der Mainzer Kartause war, bezeugt sind, findet sich heute im katholischen Gesangbuch „Gotteslob“ und im „Evangelischen Gesangbuch“ in zwei Versionen.
Die ursprüngliche Fassung lautet:
In Bezug auf Maria klingt in der im Gotteslob gebotenen Version die gleiche Tendenz an:
Deutlich anders hingegen ist der Text im Evangelischen Gesangbuch, der Michael Praetorius’ im Jahr 1609 veröffentlichter Textfassung im Wesentlichen folgt:
Maria wird in der ursprünglichen Textfassung mit dem Rosenstock (lat.: virga) verglichen, aus dem das Blümlein Jesus hervor ging. Das Besondere dieser Geburt ist, dass die Mutter „reine Magd“ war und auch jungfräulich blieb (lat. für Jungfrau: virgo). Dem Theologen und Musiker Michael Praetorius ist dieser Gedanke ob seines lutherischen Schriftverständnisses fremd, er lehnt ihn ab. Er sieht die Gefahr, dass hier Marienverehrung einziehen könnte. Und so steht das „Röslein“ – im Original statt „Blümlein“ – nicht für Maria, sondern Jesus wird, wenn es auch profanem Denken unlogisch ist, mit Rosenstock und Blume zugleich verglichen. Die Arbeitsgemeinschaft für ökumenisches Liedgut fand für dieses Lied einen Kompromiss, der vielleicht die Richtung für eine akzeptable Mittelposition zur Wertschätzung Mariens für zumindest alle westkirchlichen Konfessionen weist:
Auch im Islam wird Maria vielfach als Mutter des Propheten Jesus verehrt, die im Koran äußerst positiv beschrieben wird. So pilgern beispielsweise zum angeblichen Haus der Maria in der Nähe von Ephesos weitaus mehr Muslime als Christen.