Medikalisierung

Medikalisierung bedeutet, dass in der modernen Gesellschaft in steigendem Maß medizinische Dienstleistungen von den Ärzten verordnet und von den Patienten angefordert werden.
Medikalisierung hat seit Ende des 18. Jahrhunderts, seitdem die Pockenimpfung verbindlich durchgeführt wurde, auch einen gesundheitspolitischen Aspekt. Der Staat steuert durch Gesundheitspolitik die medizinische Versorgung der Bevölkerung. Sie hat auch einen wissenschaftshistorischen Aspekt, denn sie ist eng mit der Vorstellung von wissenschaftlichem Fortschritt und allgemeiner Machbarkeit verknüpft. Der antike Grundsatz "Medicus curat, natura sanat" (übersetzt sinngemäß: der Arzt behandelt nur, die Natur aber heilt) wird durch die Medikalisierung schrittweise außer Kraft gesetzt.
Durch ein Überangebot an medizinischen Leistungen werden fallweise Krankheiten nicht nur kuriert, sondern auch erst produziert. Was früher nicht als therapiebedürftig galt, wird heute therapiert. Beispiele hierzu sind das Schnarchen, die Zahnarztangst oder Kinderlosigkeit. Heute wird vieles in einer professionellen Behandlung abgeklärt, was früher in der Familie, Privatsphäre oder außerhalb des Gesundheitswesens behandelt wurde. Natürliche Prozesse wie Schwangerschaft oder Alterung werden mehr und mehr zu krankhaften Zuständen, die eine genauere medizinische Beobachtung oder gar Behandlung erfordern. Allgemein bekannte Lebensprobleme werden psychiatrisch diagnostiziert und behandelt. Neben Anti-Aging-Medizin zählt auch die Kosmetische Chirurgie zu den boomenden Medizindienstleistungen. In der Fachsprache wird das gesamte Phänomen als "therapeutical enhancement" beschrieben.
In Regionen der Welt, in denen Gesundheitspolitik und Pharmaindustrie die finanziellen Ressourcen nicht in dem Maße steuern wie in der westlichen Welt, ist die Medikalisierung ein geringeres Problem. Als gegenläufige Tendenz sind in Ländern ohne funktionierendes Gesundheitssystem volksheilkundliche Praktiken (bis hin zur Geistheilung) wieder auf dem Vormarsch bzw. immer noch in Gebrauch.

Inhaltsverzeichnis

Ursachen der Medikalisierung

Erstens finden wir diese innerhalb des Gesundheitswesens selbst. Durch die Professionalisierung wie auch die hochtechnologisierte Medizin werden neue Möglichkeiten angeboten, aber ebenso viele neue Leiden aufgezeigt. Doch auch außerhalb des Gesundheitswesens müssen die Ursachen gesucht werden. Patienten sind heute krankheitssensitiver und sind sich vieler Symptomer mehr bewusst als vor wenigen Jahren. Die Medien aber auch staatliche Präventionsimformationen haben sicherlich dazu beigetragen. Viele Patientenorganisationen verlangen und suchen die Anerkennung von zum Teil diffusen Problemen. Dabei ist zu beachten, dass erst durch die Anerkennung des Gesundheitswesens die Patienten Anspruch auf ökonomische Unterstützung oder Anrecht auf öffentliche Behandlung haben. Im Weiteren ist die Medikalisierung auch durch ökonomische Interessen verursacht. Die Pharmaindustrie und Medizinproduktehersteller sind ihrerseits interessiert an einer Ausweitung ihres Marktes.

Statt einer so weiten medizin-soziologischen Betrachtung kann auch im engeren Sinn sich die Medikalisierung nur auf Medikamente beziehen, zum Beispiel auf die "überflüssige" Gabe oder Einnahme von Medikamenten, die in weiterer Folge der Gesundheit abträglich ist. Ein Beispiel hierzu ist die explosive Erhöhung der Medikamentenbehandlung von hyperaktiven Kindern und Erwachsenen, wobei es fraglich ist, ob dies in jedem Fall gut ist für die allgemeine Gesundheit.

Deutungsversuche des Medikalisierungsbegriffs

  • Medikalisierung kennzeichnet einen Prozess, in dessen Verlauf eine mehrheitlich sich traditioneller Heilverfahren bedienende Bevölkerung unter den zunehmenden Einfluss einer akademisch begründeten Schulmedizin gerät. Für die Menschen des 19. Jahrhunderts war die Schulmedizin die eigentliche „Alternativmedizin“ und Laienmedizin alltägliche Selbstverständlichkeit.
  • Medikalisierung kann bedeuten, dass aus „Kranken“, die sich vormals überwiegend Laienbehandlern anvertrauten, mit zunehmendem Einfluss einer sich profilierenden professionellen Medizin „Patienten“ werden, die der Weisung ihres Arztes gehorchen.
  • Medikalisierung wurde als ein Vorgang interpretiert, der zur Mitte des 18. Jahrhunderts begann: Der Staat entdeckte im Zuge der Aufklärung die Gesundheit seiner Bürger als gesellschaftliche Aufgabe. Staatliche Gesundheitspolitik, ärztliche Professionalisierung und soziale Disziplinierung haben dieser Interpretation zufolge im Verlauf von etwa 200 Jahren zur Verdrängung von Laienbehandlern und niederärztlichem Personal, zur Verdrängung des traditionellen Heilmittelschatzes und zum disziplinierten der Wissenschaftsmedizin hörigen Patienten geführt.
  • Im Rahmen der Medikalisierungsthese kann die Wechselbeziehung von Kranken und Heilpersonal, die Akzeptanz und Nachfrage nach medizinischen Dienstleistungen sowie die Wechselbeziehung und der Austausch zwischen den Heilsystemen „Schulmedizin“ und „Volksmedizin“ näher betrachtet werden.

Kritik am Medikalisierungsbegriff

Die Medikalisierung hat keine eindeutigen Tendenzen: So zeigt das Beispiel der Homosexualität, dass sie von der Psychiatrie heute kaum noch als abnormaler Zustand angesehen wird, sondern als eine Form der Sexualität anerkannt ist. Aber auch gesellschaftliche Versuche, die Kostenexplosion im Gesundheitswesen zu dämpfen, sprechen dafür, dass es Versuche gibt, den Prozess der Medikalisierung einzudämmen. Auch sind unbestritten viele ethische und moralische Fragen indirekt mit der Medikalisierung verknüpft.

Siehe auch

Literatur

  • Ivan Illich: Die Nemesis der Medizin. Die Kritik der Medikalisierung des Lebens. Beck, München 1995, ISBN 3-406-39204-0
  • R. Porter: The patient’s view. Doing medical history from below. Theory and Society 14 (1985) 175–198
  • M. Stolberg: Heilkunde zwischen Staat und Bevölkerung. Angebot und Annahme medizinischer Versorgung in Oberfranken im frühen 19. Jahrhundert. Diss. med. TU-München 1986
  • F. Loetz: Vom Kranken zum Patienten – „Medikalisierung“ und medizinische Vergesellschaftung am Beispiel Badens 1750–1850. Stuttgart 1993

Weblinks

Quelle:
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