Unter Neoklassik versteht man in der Wirtschaftswissenschaft eine Familie von Theorien, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Ausgang nahmen und die durch Adam Smith begründete klassische Nationalökonomie (wichtigste Autoren neben Smith: David Ricardo, John Stuart Mill, Thomas Robert Malthus und Jean-Baptiste Say) ablösten. Die Neoklassik dominierte das ökonomische Denken bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts, als der Keynesianismus für einige Jahrzehnte eine dominierende Rolle übernahm. Nachdem dieser in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts seinerseits in eine Glaubwürdigkeitskrise geriet, erlebte neoklassisches Denken eine Renaissance.
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Die zentrale Annahme der neoklassischen Theorie ist das Prinzip des homo oeconomicus, der mit zwei Gleichungen beschrieben wird: Indifferenzkurve und Einkommensgerade. Die Optimierung der Lösung dieser mathematischen Aufgabe wird ökonomisch so interpretiert, dass jedes Individuum in der Hinsicht rational handelt, dass es unter den ihm zur Verfügung stehenden Alternativen die beste wählt. Dieses Prinzip ist auf zwei Institutionen übertragen worden:
Im Laufe der Entwicklung wurde dieses Grundprinzip verfeinert, indem auch das Verhalten innerhalb des Haushaltes (Ökonomische Theorie der Familie von Gary Becker) und innerhalb des Unternehmens (Prinzipal-Agenten-Theorie) als Optimierung betrachtet wurde. Außerdem wird der Ansatz auf weitere Bereiche (Politik z.B. von Anthony Downs, Rechtssystem) ausgedehnt.
Ausgehend von diesem von Leon Walras entwickelten Grundprinzip, verwendet die neoklassische Theorie mathematische Methoden, die ökonomisch Marginalismus genannt werden. Der Marginalismus ist also keine ökonomische Theorie, sondern ein mathematischer Instrumentenkasten.
Aus diesem Grundprinzip ergibt sich, dass die neoklassische Theorie grundsätzlich als ein System von Optimierungsbedingungen unter Nebenbedingungen aufgestellt und mit den mathematischen Methoden der Maximierung (z.B. der Lagrangemethode) analysiert werden kann. Dadurch ergeben sich Optimierungsbedingungen, wie das Zweite Gossensche Gesetz oder die Wertgrenzproduktregel.
Für spezielle Fragestellungen wie etwa die Analyse von institutionellen Gegebenheiten wie Verträgen, Privateigentum, Unternehmen, Wahlsystemen und Verfassungen im Rahmen der Neuen Institutionenökonomik werden einige der Zusatzannahmen zum Teil aufgehoben.
Keine konstituierenden Annahmen bestehen in der neoklassischen Theorie bezüglich der Marktform.
Viele Modelle der neoklassischen Theorie gehen von vollkommenen Märkten aus, und zwar sowohl zur Untersuchung realer Märkte als auch als Referenz im Vergleich zu Modellen unvollständiger Konkurrenz. Dabei wird angenommen, dass der Markt die Preise vorgibt und der Unternehmer als Mengenanpasser reagiert.
Es werden jedoch auch Modelle unvollständiger Konkurrenz analysiert:
Die Neoklassische Theorie analysiert ihr Beobachtungsobjekt - die Ökonomie - durch zwei grundsätzlich unterschiedliche Methoden, die Positive Theorie und die Normative Theorie.
Die Positive Theorie geht davon aus, dass die Ökonomie durch die gemachten Grundannahmen hinreichend gut modelliert ist, leitet aus diesen Annahmen mit der Mathematik Schlussfolgerungen ab und überprüft die Gültigkeit der Ergebnisse mit ökonometrischen Methoden. Bei der Analyse stehen dabei Gleichgewichtskonzepte eindeutig im Vordergrund, Anpassungsprozesse, wenn überhaupt untersucht (z.B. Tâtonnement-Prozesse), dienen mehr als Gedankenexperiment. In dieser Weise arbeiten z.B. die Gleichgewichtstheorie und die Spieltheorie.
Die Normative Theorie versucht einen optimalen Zustand für eine neoklassisch modellierte Gesellschaft zu bestimmen. Dabei entsteht sofort das Problem, dass entsprechend der Grundannahme des homo oeconomicus sehr viele Optimierungsbedinungen zu betrachten sind, nämlich für jedes Individuum eine, die in aller Regel nicht deckungsgleich sind, da z.B. die Haushalte um die gleichen Güter und Unternehmen um die gleichen Faktoren konkurrieren. Um dieses Problem zu lösen gibt es grundsätzlich zwei Vorgehensweisen, zu einem monokriteriellem Problem zu kommen:
Für den Fall der vollständigen Konkurrenz stellen die Hauptsätze der Wohlfahrtstheorie eine Verknüpfung von Gleichgewichten und Pareto-Optima her.
Von der klassischen Nationalökonomie hob sich die Neoklassik unter anderem durch die verschobene Fragestellung ab:
Die Entstehung der Neoklassik ist engstens mit der so genannten marginalistischen Revolution verbunden: zunächst die Übertragung der marginalen Analyse auf die Nachfrageentscheidungen von Haushalten. Die resultierende Grenznutzentheorie der Konsumnachfrage und des Wertes wurde ungefähr gleichzeitig und unabhängig voneinander um 1870 von William Stanley Jevons in England, Carl Menger in Österreich und Léon Walras in der Schweiz entwickelt. Damit wurde die klassische Wert- und Preistheorie (letztlich eine reine Produktionskostentheorie) durch eine subjektive Werttheorie abgelöst bzw. ergänzt.
Weiteres zentrales Element der Neoklassik ist die Gleichgewichtsanalyse. Ökonomische Analyse wird wesentlich als die Analyse von Märkten im Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage verstanden: Sei es (bei Léon Walras) im Sinne eines instantanen allgemeinen Gleichgewichts auf allen Märkten (bestimmt durch die Lösung eines Systems von Gleichungen), oder sei es (bei Alfred Marshall) im Sinne von partiellen Gleichgewichten auf den jeweils betrachteten Märkten in verschiedenen Zeithorizonten (etwa sehr kurzfristig zur Bestimmung von Marktpreisen, oder langfristig zur Bestimmung von normalen Preisen).
Zusammengenommen führt die Neoklassik mit Hilfe der Marginalanalyse alles wirtschaftliche Geschehen auf individuelle Optimierungsentscheidungen zurück: Unternehmen maximieren ihren Profit, woraus sich die Faktornachfragekurven und Güterangebotskurven ergeben. Haushalte maximieren ihren Nutzen, woraus sich die Faktorangebotskurven und Konsumgüternachfragekurven ergeben. Auf allen Märkten herrscht ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, wodurch bei geeigneten Annahmen auch die Preise aller Konsumgüter und Produktionsfaktoren bestimmt sind.
Eine Konsequenz aus dieser Kombination von individueller Optimierung und Gleichgewichtsdenken ist die Unmöglichkeit von unfreiwilliger Arbeitslosigkeit und Überproduktion, solange kompetitive Märkte nicht durch staatliche Intervention oder andere Verzerrungen (z.B. von Gewerkschaften erzwungene überhöhte Löhne) in ihrer Funktion behindert werden. Die Neoklassik sieht damit das saysche Theorem immer erfüllt, das allgemeine (gesamtwirtschaftliche) und längerfristigere Ungleichgewichte ausschließt, da sich jedes (gesamtwirtschaftliche) Angebot auch seine Nachfrage schaffe. Im Blick auf den Kapitalmarkt setzt dies voraus, dass über den Zins als Preis des Kapitals auch Sparen und Investition sich im Gleichgewicht befinden.
In der Neoklassik gibt es eine scharfe Trennung zwischen dem realen Sektor einer Wirtschaft, in dem die relativen Preise aller Güter und Produktionsfaktoren, die Produktionsmengen der verschiedenen Konsumgüter und die Verteilung (Allokation) der Produktionsfaktoren auf die Produktion verschiedener Güter bestimmt wird, und dem monetären Sektor, in dem letztlich nur die Geldpreise bestimmt werden, und von dem keine (längerfristigen) Wirkungen auf den realen Sektor ausgehen. Diese realwirtschaftliche „Neutralität“ des Geldes findet ihre theoretische Erklärung in der Quantitätstheorie des Geldes.
Mit der Weltwirtschaftskrise geriet die Neoklassik in eine Glaubwürdigkeitskrise, da ihre Hauptströmung weder eine zufriedenstellende Erklärung für eine so schwerwiegende Krise zu geben schien, in der die Selbstheilungskräfte des Marktes zu versagen schienen, noch auch erfolgversprechende wirtschaftspolitische Empfehlungen nahelegte. Diese Lücken füllten zunächst John Maynard Keynes mit seiner Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes und der darauf aufbauende Keynesianismus, die sowohl eine systematische Erklärung der Möglichkeit von längerfristigen Unterbeschäftigungsgleichgewichten als auch Hinweise auf wirtschaftspolitische Wege aus solchen Krisen versprachen.
Dies bedeutete jedoch keineswegs ein Ende der Neoklassik: Zum einen überlebte neoklassisches Denken in der Mikroökonomie, die man in ihrem Kern als die formal immer vollkommenere Entwicklung und Ausweitung auf neue Fragestellungen der Grundintuitionen der Neoklassik verstehen kann, zum anderen erlebte neoklassisches Denken eine Renaissance auch in der Makroökonomie nachdem in der Folge der siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts der Keynesianismus seinerseits in eine Glaubwürdigkeitskrise geriet.
Die Weltwirtschaftskrise der 1930er konnte die Neoklassik weder erklären noch prognostizieren. Im Gegenteil: Ihre Ratschläge zur Reduzierung der Staatsausgaben ("Der Staat muss sparen") führten zu einer Verstärkung der abwärtsgerichteten wirtschaftlichen Entwicklung. Das Stichwort dazu ist "Brüningsche Politik". Auch die von der Neoklassik in deren Folge angeratene kontraktive Geldpolitik führte in allen Industrieländern zu langanhaltender Massenarbeitslosigkeit.
Auch die rein formale Vorgehensweise der Neoklassik führte zu einer Entfernung der Volkswirtschaftslehre von Bürger und Politik, die sie nicht mehr verstehen konnten. Streng angewendet würde die Neoklassik häufig zu Marktversagen führen. Erst Ökonomen wie Joan Robinson und Edward Hastings Chamberlin entwarfen mit dem Modell der unvollständigen Konkurrenz ein zutreffenderes Bild der Realität.
Joseph Schumpeter, wie auch keynesiansche Kritiker, zeigten auf, dass die Neoklassik die Dynamik der marktwirtschaftlichen Produktionsweise nur unzureichend erklären kann. Vertreter der Österreichischen Schule (Friedrich Hayek) und der Chicagoer Schule stimmten dieser Auffassung zu.
Alternativen sehen einige in der Neuen Institutionenökonomik.
Vereinzelt werden auch sämtliche von der Neoklassik getroffene Annahmen in Frage gestellt. Bedeutsam hierfür ist die Schrift Piero Sraffas „The Law of Returns under Competitive Conditions“ (1926), in der Sraffa vor allem die Annahme eines fallenden Grenzprodukts der Arbeit kritisiert, was weitreichende Konsequenzen für alle weiteren Annahmen der Neoklassik mit sich bringt.
In 1960er Jahren kritisierten Sraffa und weitere Forscher auch die neoklassische Annahme eines einheitlichen Kapitals ohne die sich nicht die Deckung des Zinssatzes mit einem angenommenen Grenzprodukt des Kapitals behaupten lässt. Diese Diskussion ist unter der Bezeichnung Kapitalkontroverse bekannt. Der theoretische Ansatz der damaligen Kritiker wird auch als Neoricardianische Theorie bezeichnet.
Auf diesen Kritiken aufbauend und weit darüber hinausgehend übt Steve Keen Kritik, indem er die Voraussetzungen der Neoklassik ausführlich betrachtet, deren Grundannahmen ablehnt und die Inkonsistenz ihrer Modelle behauptet.
Keen kritisiert dabei u.a. auch den mangelnden Realismus der neoklassischen Annahmen. So sei z.B. die Annahme eines bei fallendem Lohn fallenden Arbeitsangebotes extrem unrealistisch, da bei sehr niedrigen Löhnen die Arbeiter viel arbeiten müssten, um einen Lohn zu erwirtschaften, der ihnen das Überleben sichert.
Einige Mathematiker kritisieren zudem die unsachgerechte Anwendung mathematischer Modelle durch die neoklassische Wirtschaftswissenschaft. Kritisiert wird insbesondere die Anwendung mathematischer Modelle auf Sachverhalte, in denen die Voraussetzungen des angewendeten Modells nicht vorliegen.
Die Neoklassische Theorie will die ökonomische Realität mit möglichst einfachen mathematischen Modellen erklären, die deren wichtigste Bestandteile abbilden. Ob die Annahmen der Neoklassik in der Realität vorliegen, sollte bei jeder Anwendung solcher mathematischer Modelle erneut überprüft werden. Für spezielle Fälle ist die Neue Institutionenökonomik eine anerkannte und an die Realität angepasste Erweiterung.
Eine weitere Möglichkeit, ein komplexes menschliches System wie die Wirtschaft, ohne die Vereinfachungen mathematischer Theorien zu studieren, sind Computersimulationen. Diese sind in anderen Wissenschaftsgebieten (Physik, Ingenieurwesen, nichtlineare Dynamik, etc.) lange üblich. Allerdings sind Computersimulationen nur so aussagefähig, wie das - der Simulation zugrundeliegende - mathematische Modell die Realität abbildet. Wenn die Abbildung gut ist, wird die Simulation nur deshalb gebraucht, weil viele Rechnungen notwendig sind. In der Physik etc. sind die Gesetze gut verstanden.