Nordgermanische Religion

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

Man muss die Mythologie von der eigentlichen Religion trennen, da die Mythologie als Dichtung nicht unbedingt den tatsächlichen Glauben widerspiegelt. Hinzu kommt, dass eine Barriere der Überlieferung im 9. und 10. Jahrhundert und die Grenze zwischen Christentum und Heidentum nur scheinbar überschritten werden kann. Denn die Überlieferung setzt erst in der christlichen Zeit ein. So kann man in den Dichtungen nicht zwischen der alten Überlieferung und den Zutaten des Verfassers unterscheiden. Die Edda-Geschichten sind literarisch gestaltete Episoden mit Göttern in der Hauptrolle. Sie sind, wie der niederländischer Germanist und Religionswissenschaftler Jan de Vries sagt, "Spekulation und dichterische Phantasie". Sie sind nicht notwendigerweise repräsentativ für das kollektive Bewusstsein.

Die Götterwelt der Germanen

Siehe Hauptartikel Germanische Mythologie

Dies vorausgeschickt lässt sich folgendes für die Wikinger-Zeit ausmachen:

Man wird diese unter Nordische Mythologie referierten Mythen nur mit Vorbehalt als Grundlage der nordgermanischen Religion ansehen dürfen. Denn auf der einen Seite sind die Namen zweifellos sehr alt, auf der anderen Seite handelt es sich aber auf weiten Strecken um intellektuelle Dichtung einer königlichen Kriegerkaste, so z.B. die Institution des Walhall. Auch dass Odin um des Gewinns der Weisheit willen ein Auge verpfändete, dürfte der ursprünglichen bäuerlichen Gesellschaft der Bronzezeit ferngelegen haben. Auch das pessimistische Weltbild des Ragnarök ist sicher keine ursprüngliche Auffassung einer bäuerlichen Gesellschaft. Man kann anhand der Votivtexte von einem ausgeglichenen und zuversichtlichen Verhältnis zu den schicksalbestimmenden Mächten bei der bäuerlichen Bevölkerung ausgehen.

Jenseits

Die Grabbeigaben zeugen von einem Glauben an ein Weiterleben nach dem Tode. In den Quellen tritt vor allem Hel als Göttin der Unterwelt in Erscheinung. Ihr Gesicht war zur Hälfte blauschwarz, zur Hälfte hatte es normale Hautfarbe. Sie war gierig und gnadenlos; wen sie einmal hatte, den ließ sie nicht mehr los. Diese Personifikation des Todesreiches ist in der Religion des Nordens wahrscheinlich nicht sehr alt, sondern stammt wohl erst aus der Wikingerzeit, wenn auch das Wort "hel" älter ist und wahrscheinlich mit dem Verb hylja = verbergen zusammenhängt. Man dürfte sich das Totenreich so konkret vorgestellt haben wie das Hügelgrab, in dem der Tote lag. Im 10. Jh. begegnet uns in den Skaldengedichten auch ein anderes Totenreich, Odins "Walhall". Dorthin kamen die, die im Kampfe fielen. Sie vergnügten sich jeden Tag miteinander und schlugen sich. Wer fiel, stand am Abend wieder auf. Wie tief dieser Glaube ging, ist schwer zu sagen. Es handelt sich um ein literarisches Produkt und scheint eher die ideale Welt einer Kriegerkaste widerzuspiegeln, als ein Ausdruck von Religiosität zu sein. Dafür spricht, dass Frauen in dieser Vorstellung keinen Platz haben.

Die Ortsnamenkunde gibt weitere Aufschlüsse: Die Götter Ullr und Njörðr kommen als Namensbestandteile relativ häufig vor, insbesondere in der Vorwikingerzeit. In der Wikingerzeit ist der Bestandteil Thor weit verbreitet. Aber sehr selten wird der Name Odin verwendet, was darauf schließen lässt, dass er in der Bevölkerung nicht tief verwurzelt war.

Religiöse Praxis

Die Archäologie hat bislang keine Anzeichen für religiöse Spezialisten, wie eine Priesterschaft gefunden. Auch ist die Existenz von speziellen Kultbauten zweifelhaft.[1] Allerdings wurden neuerdings in Uppåkra fünf Kilometer südlich von Lund in den Jahren zwischen 2000 und 2004 Fundamente ausgegraben, die von den Archäologen als zu einem Kultbau gehörend gedeutet und in die Zeit um 200 datiert werden. Sie stützen dies auf mehrere Indizien: Der umfangreiche Rattenkot deutet auf nur sporadische Benutzung des Gebäudes. Gleichwohl wurde das Gebäude offensichtlich häufiger umgebaut, als andere Gebäude in der Umgebung. Erst um 800 wurde es abgerissen. Die Dimensionierung der Eckstolpen weist auf eine ungewöhnliche Höhe hin. In unmittelbarer Nähe des Herdes war ein Metallbecher (von ungefähr 500 n. Chr.) und eine zweifarbige Glasschale absichtlich vergraben worden. Die Glasschale wurde um 500 am Schwarzen Meer gefertigt. In den Wandfundamenten und den Pfostenlöchern wurden sehr viele geprägte Goldblechstücke gefunden. Bei dem Gebäude wurden viele absichtlich verbogene Schwerter ausgegraben.[2]

Die vielerorts gefundenen Boot- und Schiffssetzungen finden in der mythologischen Dichtung der damaligen Zeit keine Entsprechung. Auch lassen sich aus der Mythologie keine Hinweise auf die übrigen Steinsetzungen entnehmen. Auch fällt auf, dass unter den Grabbeigaben überraschend wenig religiöse Symbole zu finden sind. Nur hie und da findet man Thorshammer-Amulette,[3] möglicherweise von bewussten Traditionalisten in der Missionszeit.

Auffallend ist, dass in der Älteren Eisenzeit in den norwegischen und schwedischen Gräberfeldern die Frauengräber deutlich überwiegen, während in der Wikingerzeit die Männergräber in der Mehrzahl sind.[4] Viele reiche Frauengräber wurden in Sogn gefunden. Manche Forschrinnen nehmen an, dass es sich um Gräber von Frauen mit kultischen Funktionen im Zusammenhang mit Fruchtbarkeitskulten handelt.[5]

Dem wirklichen religiösen Bewusstsein kommt man näher, wenn man das älteste schriftliche Christenrecht aus dem Gulathingslov, heranzieht: "(Heiden)opfer ("blot") sind uns verboten, so dass wir nicht heidnischen Göttern, Hügeln und Steinen ("Horge") opfern dürfen." Nicht nur namentlich zu benennende Götter waren Gegenstand des Kultes, sondern auch Hügel und Horge.

"Horg" bedeutet im alten Norwegen ein vorchristliches Heiligtum, ein Altar unter freiem Himmel. Er muss nicht einem bestimmten Gott geweiht sein. Diese Altäre hatten eine große Bedeutung im täglichen Leben, was u.a. aus dem Beinamen Olavs des Hl. "horgbjótr" (= Altarzertrümmerer) hervorgeht. Das Gulathingslov verbietet auch, eine Stelle als "Horg" zu bezeichnen. Die Horge waren offenbar Bestandteil eines unter den Bauern weit verbreiteten Fruchtbarkeitskultes. Während der Asenkult scheinbar im 1. Jahrtausend n. Chr. aus dem Ausland, vielleicht aus Deutschland eingedrungen ist, so ist dieser Fruchtbarkeitskult sicher sehr alt und autochthon. Die Felszeichnungen aus der Bronzezeit und die überall in Skandinavien zu findenden Phallus-Steine bezeugen dies.

Bei den Hügeln, die im Gulathingslov genannt werden, handelt es sich sicher um die Hügelgräber. Das deutet auf eine Art Ahnenkult hin, von dem es aber sonst keine weiteren Zeugnisse gibt. Es könnte sich auch um eine nekromantische oder spiritistische Praxis gehandelt haben. Im Borgarthingslov findet sich eine Bestimmung, dass der friedlos sein soll, der sich ins Freie setzt (d. h. ans Hügelgrab) und Trolle aufweckt. Das Wort "blot" für Opfer hat nichts mit "Blut" zu tun. Die wahrscheinlichste Grundbedeutung des Verbs blota ist "stärken" oder "mit magischer Kraft füllen". Man stärkte den Gott mit seinem Opfer, damit dieser einem zu Hilfe komme. Es gibt keine zeitgenössischen Quellen, wie ein solches Opfer vor sich ging. Es gibt nur aus christlicher Zeit eine Schilderung Snorris, in der die Bewohner von Tröndelag Håkon den Guten, der in England Christ geworden war, zwangen, an einem solchen Opfer teilzunehmen: Die Bauern brachten allerlei Tiere, Schafe und vor allem Pferde, und schlachteten diese. Ihr Blut ("laut") wurde in Gefäßen aufgefangen, und mit ihm wurden die Altäre mit Büscheln bespritzt. Snorri setzt diese Büschel gleich den christlichen, mit denen das Volk mit Weihwasser bespritzt wird. Möglicherweise sind christliche Zeremonien bereits Grundlage dieser Schilderung. Das gleiche gilt für die Zeremonie der Namensgebung in den Sagas, in welcher die Kinder mit Wasser besprengt wurden. Ob es Menschenopfer gegeben hat, ist ebenso unsicher, wenn auch Adam von Bremen davon beim großen "blot" in Uppsala berichtet. Dort wurden neun männliche Individuen von allem Lebenden, auch Menschen, geopfert und in einem Hain, der den Tempel umgab, aufgehängt. Auf einem Bildteppich aus dem Osebergfund ist ein großer Baum mit daran hängenden Menschen abgebildet. Es dürfte sich um ein Odinsopfer gehandelt haben, da Odin auch an einem Baum hing und Odin ein Hauptgott in Uppsala war. Opfer waren aber nicht nur an Gott gerichtet, es waren auch soziale Ereignisse, in der die sogenannte „Trinkgemeinschaft“ eine besondere Rolle spielte. Das Wort "Øl" bedeutete im Norwegischen nicht nur Bier, sondern auch "religiöses Gelage". Der Beginn des Lebens bildete das "Barnsøl" (Kindsbier), dann kamen "Brudeøl" (Brautbier) und am Ende "Gravøl" oder "Arveøl"[6] (Begräbnisbier, Erbenbier), dazwischen oft auch "Festensøl" (Festbier). Die Kulthandlungen hatten vorwiegend die Funktion, den Zusammenhalt der Kultgemeinde zu erneuern. Man geht auch davon aus, dass die Riten der Kulthandlungen in Skandinavien genauso wie die Begräbnissitten sehr unterschiedlich waren.[7]

Feste

Die christlichen Sagaverfasser gingen davon aus, dass es heidnische Gemeinden gegeben habe, die an einen Tempel gebunden waren, und dass der Häuptling am Tempel so etwas wie eine Tempelsteuer erhoben habe. Dass es Tempel gegeben hat, bezeugen die Ortsnamen auf -hov (= Tempel). Und die Gemarkungen liegen im allgemeinen ziemlich zentral im besiedelten Gebiet. Aber es sieht auf sprachlicher Grundlage so aus, als ob sie nicht sehr alt und erst in der Wikinger-Zeit entstanden seien. Es ist auch unwahrscheinlich, dass es sich dabei um ein Gebäude gehandelt hat, wie die Bezeichnung "templum" in lateinischen Quellen, z.B. bei Adam von Bremen nahelegt. Genauere Untersuchungen bei Ausgrabungen von Kirchen haben ergeben, dass diese auf den Resten älterer Kirchen, nicht aber von heidnischen Tempeln erbaut wurden. Daher ist der Schluss gerechtfertigt, dass die heidnischen Kulte in der Regel im Freien abgehalten wurden. Da die Häuptlinge reich waren, kann es natürlich sein, dass die Versammlungen auch in ihrem Langhaus stattfanden, aber nicht in besonderen Gebäuden.[8] Nach allem, was man weiß dürfte der Tempel in Uppåkra eine Ausnahme gewesen sein.

Es gibt keinerlei Anzeichen für eine Frömmigkeit im heutigen Sinne. Die religiösen Feiern dienten mehr der Stärkung des sozialen Zusammenhalts, als den Göttern. Neben solchen, die sich um die Rituale bemühten, gab es viele, die an nichts glaubten. Als sich eine Gruppe von Wikingern König Olav auf seinem allerletzten Heereszug anschließen wollten, fragte dieser er ihren Anführer Gauka-Þórir, ob sie Christen seien. Er antwortete, sie seien weder Christ noch Heide:

„Höfum vér félagar engan annan átrúnað en trúum á okkur og afl okkað og sigursæli og vinnst okkur það að gnógu.“

„Wir Gesellen hier haben keinen anderen Glauben, als dass wir auf unsere eigene Macht und Kraft uns verlassen und unser gutes Siegesglück. Das ist für uns genug.“

– Heimskringla. Olafs saga helga Kap 201. Übersetzt von Felix Niedner

Ähnliche Äußerungen sind noch andernorts überliefert.[9] Zu den Göttern gab es keine persönliche Beziehung, wie es für eine Frömmigkeit Voraussetzung ist.

Sicher ist, dass es rituelle Feste gab. Jedes Fest benötigt so etwas wie einen „maître de plaisir“. Aber schon die Frage, ob über das Gesamtgebiet die Feste gleichartig waren, oder nicht vielmehr lokalen Traditionen folgten, läßt sich nur näherungsweise beantworten, da sich bei den Festbeschreibungen tatsächliche Abläufe von christlich eingefärbten Schilderungen nur schwer trennen lassen. Jedenfalls unterscheidet sich die Schilderung des Festes in Uppsala bei Adam von Bremen[10] erheblich vom Opferfest von Lade, das Snorri Sturluson schildert.[11] Adam berichtet von Priestern, Snorri nicht. Es ist nicht sinnvoll, an den Schilderungen zu zweifeln, da es keine Gegeninformationen gibt. Wenn gegen Adam die Vielzahl christlicher Gräber aus dem 11. Jahrhundert in Uppsala ins Feld geführt wird, so weiß man aus der Geschichte der Christianisierung des Römischen Reiches im 3. bis 5. Jahrhundert, dass dies kein Gegenbeweis für einen gleichzeitigen heidnischen Tempel am gleichen Ort ist. Wenn man bei Snorris Schilderung der Rituale christlich anmutende Elemente feststellt, so ist zu berücksichtigen, dass es bestimmte Archetypen von Weihehandlungen (Besprengen mit Blut) gibt, die nicht unbedingt in einem Filiationsverhältnis stehen müssen. Dass in Uppsala bestimmte Funktionen einem besonders Kundigen, den man als Priester bezeichnen kann, übertragen wurden, liegt nahe, da man davon ausgehen kann, dass ein Ritus, der nur alle 9 Jhare ausgeführt wird, einen erhöhten Komplexitätsgrad der Feierlichkeiten aufweist.

Die Feste hießen „blót“. Davon sind einige überliefert:[12]

  • Herbstblót: Es wurde um die Mitte des Oktobers gefeiert. Hauptperson war Frøya.
  • Winterblót: Das wurde irgendwann im Winter gefeiert und hatte die besondere Bezeichnung jól. Auch hier war Fryøya die Hauptperson.
  • Sommerblót wurde um die Mitte des April gefeiert. Dieses Fest war Odin gewidmet. Mit diesem Fest begann die Saison für die Ausfahrt und den Kriegszug.

Fußnoten

  1. Svanberg S. 48.
  2. Kulthaus von Uppåkra
  3. Svanberg S. 49.
  4. Dommasnes S. 57.
  5. Dommasnes S. 57 mit weiterer Literatur.
  6. Auf dem Skadeberg-Stein (Stavanger-Museum) der Wikingerzeit aus Sola in Rogaland steht: Die Teilnehmer der Trinkgemeinschaft (Ølhúsmenn) errichteten diesen Stein nach Skarðe, als sie sein arveøl tranken.
  7. Svanberg S. 48.
  8. Svanberg S. 48.
  9. So antwortet Arnljot Gellini auf eine entsprechende Frage König Olavs des Heiligen „nur so viel von seinem Glauben, dass er auf seine eigene Macht und Kraft baue. ‚Und dieser Glaube hat mir bisher gute Dienste geleistet. Aber jetzt bin ich noch geneigter, an dich zu glauben, König‘.“ Heimskringla. Ólafs saga helga. Kap. 215.
  10. Bischofsgeschichte der Hamburgischen Kirche IV, 26 ff.
  11. Heimskringla, Die Geschichte von Hakon dem Guten. Kap. 14–16.
  12. Das folgende ist aus Steinsland/Sørensen S. 71 ff. entnommen.

Literatur

  • Liv Helga Dommasnes: Arkeologi og religion. In: Nordisk Hedendom. Et symposium. Odense 1991. S. 47–64.
  • Géza von Neményi: Götter, Mythen, Jahresfeste - Heidnische Naturreligion. Holdenstedt 2004.
  • Fredrik Svanberg: Vikingatiden i Skåne. Lund 2000.

Siehe auch

Quelle:
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