Die Postmoderne bezeichnet eine geistig-kulturelle Bewegung, die sich in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts als Gegenbewegung gegen eine zunehmend als steril und totalitär empfundene Moderne manifestiert hat. Jean-François Lyotard bezeichnete sie in einem vielbeachteten Aufsatz als Ende der großen Erzählungen.[1] Zeitlich gibt es verschiedene Einordnungen, von ersten Anfängen in den 1960er Jahren, bis hin zum Beginn der 1980er Jahre, wo sich die Postmoderne in allen möglichen Alltagsphänomenen (z. B. Mode, Popkultur, Kunst, postmoderne Architektur) offen zu zeigen begann.
Die im Anschluss an Lyotard geführte Diskussion um die Epochendiagnose der Postmoderne, die in den 1980er Jahren sehr intensiv und mit großer Aufmerksamkeit der intellektuellen Öffentlichkeit geführt wurde, ist seit 1989 erlahmt bzw. wurde zeitweilig auf andere Gebiete wie den Streit um Francis Fukuyamas These vom Ende der Geschichte[2] verlagert.
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Mit dem Begriff Postmoderne, um 1870 erstmals verwendet, wurde von verschiedenen Autoren versucht, sehr heterogene gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen normativ zu fassen oder auch nur zu beschreiben.[3] [4]
Um 1870 schlug der englische Salonmaler John Watkins Chapman vor, einen „postmodern style of painting“ zu entwickeln, der moderner sein sollte, als der der französischen Impressionisten.[5]
Im Jahre 1917 gebraucht Rudolf Pannwitz den Begriff bereits als philosophisch geprägten „Kulturbegriff“.[6] Pannwitz lehnt sich mit seinem Gedankengang zur Postmoderne an Nietzsches Analyse der Moderne in ihren prognostizierten Endpunkten der Dekadenz und des Nihilismus an. Die Überwindung der Moderne bringt demnach den neuen „postmodernen Menschen“ hervor, eine Wiederaufnahme des Nietzscheschen „Übermenschen“. Pannwitz' Konzeption beinhaltet nationalistische und mythische Elemente, die auf der einen Seite sicherlich einen Rückbezug auf Nietzsche reflektieren, auf der anderen Seite mit der folgenden Begriffsentwicklung nicht zu vereinbaren sind.
Wenige Jahre später, im Jahre 1926, beschreibt der amerikanische Theologe Bernard Iddings Bell als „Postmodernismus“ eine neue religiöse Spiritualität, die sich im Rahmen des christlichen Bekenntnisses neuen Forschungserkenntnissen öffnen sollte.[7]
Ausschließlich literarisch nutzt der Literaturwissenschaftler Federico de Oniz den Begriff im Jahre 1934. Er bezeichnet als „Postmodernismo“ eine Zwischenperiode der hispanisch-amerikanischen Dichtung in den Jahren zwischen 1905 bis 1914, die geprägt sei von einer kurzzeitigen rückwärtsgewandten Abwendung von der Moderne als Zwischenphase vor einer erneuten Hinwendung zu einer diesmal gesteigerten Moderne.[8]
1947 beschreibt Arnold J. Toynbee eine Phase der Kultur als „post-modern“, die er beginnend mit dem Jahr 1875 erkennt: die Postmoderne ist in diesem Sinne durch eine frühe Politik des Denkens in globalen Zusammenhängen gekennzeichnet und unterscheidet sich von dem vorherigen Politikverständnis in der Überwindung der nur nationalen Perspektive. Nach Toynbee wird mit der Postmoderne die Spätphase der abendländischen Kultur eingeleitet.[9]
In dem nordamerikanischen Literaturdiskurs des Jahres 1959 bezeichnet Irving Howe die Gegenwartsliteratur der Postmoderne als Verfallsphänomen der Moderne und geprägt durch mangelnden Neuerungswillen. Howe verwendet den Begriff „Postmoderne“ hier erstmals im heutigen Sinne.[10] Eine Umwertung erfolgte in den 1960er Jahren schon durch Irving Howe selbst und durch Harry Levin, vor allem aber auch durch Susan Sontag und Leslie Fiedler.[11]
Allen diesen Ansätzen in Kunst, Kulturgeschichte, Philosophie, Theologie und Literatur ist gemeinsam, dass sie ein jeweils spezifisches Unbehagen mit der Moderne und ihren Entwicklungen diagnostizieren, und teilweise normativ, teilweise deskriptiv Konsequenzen aus diesem Unbehagen entwickeln. Ihren Abschluss fand diese erste Formationsphase mit Howe, dessen Konzeption als Grundlage für die weiteren Entwicklungen gesehen werden kann. Die zweite Formationsphase ist gekennzeichnet durch Prozesse der Theoriebildung und Methodenfindung. Hierunter fallen unter anderem Arbeiten von Michel Foucault, Jacques Derrida, Roland Barthes, die Dekonstruktivismus, Poststrukturalismus und Diskursanalyse als analytische Methoden andachten und entwickelten, wie auch von Luce Irigaray, die auf Basis der Arbeiten des Psychoanalytikers Jacques Lacan die feministische Theoriebildung vorantrieb.
Bahnbrechend für die Postmoderne als geistig-kulturelle Bewegung war schließlich Jean-François Lyotard mit seiner Schrift Das Postmoderne Wissen, die 1979 zuerst veröffentlicht wurde. Mit dieser Schrift machte er den Begriff „Postmoderne“ allgemein bekannt. Ursprünglich als Studie über die Rolle des Wissens in postindustriellen Gesellschaften für die kanadische Regierung geschrieben, bereitete er mit seiner These des Endes der großen Erzählungen die Basis für viele Entwicklungen in Philosophie, Kunst, Kultur, sowie den Gesellschaftswissenschaften.
Nach Lyotard gibt es drei große Meta-Erzählungen:
Diese bilden in der Postmoderne keine vereinheitlichende Legitimation und Zielorientierung mehr. Die Emanzipation des Individuums, das Selbstbewusstsein des Geistes, das im Sinne Hegels in eine Ganzheitsideologie mündet, und die Idee eines sinnhaften Fortschritts der Geschichte hin zu einer Utopie sind die großen Erzählungen, denen man nicht mehr glauben kann. Folglich kann es auch kein Projekt der Moderne mehr geben, keine große Idee von Freiheit und Sozialismus, der allgemeine Geltung zu verschaffen ist und der sich alles gesellschaftliche Handeln unterzuordnen hat.
Es gibt keine übergeordnete Sprache, keine allgemeinverbindliche Wahrheit, die widerspruchsfrei das Ganze eines formalen Systems legitimiert. Wissenschaftliche Rationalität, sittliches Handeln und politische Gerechtigkeitsvorstellungen spielen je ihr eigenes Spiel und können nicht zur Deckung gebracht werden.
„In äußerster Vereinfachung kann man sagen: 'Postmoderne' bedeutet, dass man den Meta-Erzählungen keinen Glauben mehr schenkt.“[12]
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In systematischer Hinsicht stellt Lyotard heraus, dass theoretische und praktische Vollzugsformen von "Vernunft" unvermittelbar seien. In seinem systematischen Hauptwerk, "Der Widerstreit", bezieht Lyotard dies besonders auf Weisen sprachlicher Verknüpfungsoperationen. Weder theoretische noch praktische Vernunft jedenfalls könnten für eine Brückenbildung aufkommen, allenfalls ein kunstvolles Interchangieren sei möglich und müsse sich einer "ästhetischen" Urteilskraft bedienen, für die wesentlich sei, fortwährend auf Regelsuche für ihre eigene Operationsweise zu sein. Bekannt unter anderem dafür wurde das Bild der Kreuzfahrt in einem zerklüfteten Archipel. Lyotard selbst und auch andere meinen, hier an Ideen Wittgensteins bezüglich spezifischer Eigenregeln in spezifischen "Sprachspielen" anknüpfen zu können, welche, jedenfalls dieser Akzentuierung zufolge, Kommunikation über deren Sprachspielgrenzen hinaus prinzipiell ausschlössen (dass dieser etwas assoziative Anschluss mit Wittgensteins Texten verträglich wäre, wird jedoch von den vielen Experten bezweifelt). In ähnlichem Sinne wird, teils im Anschluss an Thomas Samuel Kuhn (der sich jedoch auf die Dynamik wissenschaftlicher Theorien bezogen hatte), auch für unterschiedliche Sprachspiele, Kulturen und kleinteiligere "Diskurse" von "Inkommensurabilität" (Fehlen eines gemeinsamen Maßes) gesprochen. In der Diagnose der Zerklüftetheit "der" Vernunft jedenfalls spitzt Lyotard Brüche und Antinomien weiter zu, die er selbst beispielsweise in der Konfiguration des kantischen Denkens ausmacht, welchem er teils recht detaillierte Studien widmete. Denn schon Kant sah eine Vermittlung zwischen den Reichen der Notwendigkeit (in der theoretisch erfassten Natur) und der (praktischen) Freiheit allenfalls über die Urteilskraft, hatte aber beispielsweise betont, zumindest das ästhetisch Schöne gebe dem Subjekt eine Einheitsversprechen. Dieses Versprechen wird für Lyotard allerdings durch die im "Erhabenen" erscheinende Kluft unterminiert. Lyotards diesbezügliche Interpretationen von Kants Kritik der Urteilskraft und ihre Anwendung etwa auf die Werke Barnett Newmans erzielten zeitweise hohe Aufmerksamkeitswerte.
In der Postmoderne steht nicht die Innovation im Mittelpunkt des (künstlerischen) Interesses, sondern eine Rekombination oder neue Anwendung vorhandener Ideen. Die Welt wird nicht auf ein Fortschrittsziel hin betrachtet, sondern vielmehr als pluralistisch, zufällig, chaotisch und in ihren hinfälligen Momenten angesehen. Ebenso gilt die menschliche Identität als instabil und durch viele, teils disparate, kulturelle Faktoren geprägt. Medien und Technik spielen eine wichtige Rolle als Träger wie Vermittler von Kultur (siehe auch Medientheorie).
Die postmoderne Kunst zeichnet sich u.a. aus durch den erweiterten Kunstbegriff und zitathafte Verweise auf vergangene Stile, die teils ironisch in Szene gesetzt werden. Wo die Ironie misslingt oder nicht vorliegt, lässt sich die ganze Richtung mit dem Eklektizismus vergleichen.[13]
Elemente postmodernen Denkens und Urteilens sind:
In der postmodernen Geisteswissenschaft sind die vorherrschenden Methoden der Poststrukturalismus und der Dekonstruktivismus.
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Die Postmoderne wendet sich gegen Festschreibungen insbesondere ideologischer, aber auch kultureller Art. Postmoderne Philosophen wie Derrida sahen sich nicht zuletzt gerade deswegen heftigen Angriffen ausgesetzt.
Empirisch arbeitende Wissenschaftler kritisieren die an Teilen der postmodernen Debatte einen Hang zum Irrationalismus und Leugnung der Realität. Berühmt ist die so genannte Sokal-Affäre, in der ein absichtlich unsinniger Artikel, der sprachlich an die Arbeiten Baudrillards anlehnte, in Social Text als wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht wurde. Laut Alan Sokal sehe man daran die mangelhaften intellektuellen Standards und den Missbrauch mathematisch-naturwissenschaftlicher Metaphern in der sich postmodern verstehenden geistes-/sozialwissenschaftlichen Szene. Allerdings kann dieser Vorfall aus einer gewissen postmodernen Sicht auch als Beleg für einige der eigenen Thesen über die Beliebigkeit, Zufälligkeit und chaotische Natur des Zustandekommens von Sinnhaftigkeit gesehen werden.
Klassische politische Ideologien - Konservativismus, Liberalismus, wie auch Teile der politischen Linken - lasten dem postmodernen Denken als Defizit eine Beliebigkeit zu wichtigen Fragen in Kultur und Gesellschaft an. Seyla Benhabib kritisiert beispielsweise, dass „postmoderne Positionen nicht nur das Spezifische der feministischen Theorie auslöschen, sondern sogar das Emanzipationsideal der Frauenbewegung schlechthin in Frage stellen [könnten]“.[14] [15] Dagegen werden gerade von Teilen der Neuen Linken und in anderen feministischen Debatten[16] postmoderne Ideen als produktiv für das Verständnis aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen begriffen.
Bereits im 19. Jahrhundert entwickelt sich eine Form der Sinfonie, die nicht mehr den Entwicklungsprozess originärer Themen erforscht, sondern bereits vorhandene musikalische Zeichen und Sphären kombiniert. Als logische Folge treten dekonstruktivistische Techniken hinzu. Als Meilenstein bezeichnete Gustav Mahler die Sinfonie in E-Dur (1878) des Bruckner-Schülers Hans Rott. Mahlers Sinfonien entwickeln ein eigenes Universum aus zitathaften Bausteinen aus der Militär-, Volks- und Kirchenmusik, sowie Rückgriffen auf vergangene Stile. Zeitgleich entwickelt der Amerikaner Charles Ives eine Collagetechnik, die vornehmlich amerikanische Volksmelodien verwendet. Weitere wichtige postmoderne Komponisten waren Bernd Alois Zimmermann und Luciano Berio. Als typische Vertreter einer musikalischen Postmoderne der Gegenwart werden trotz sehr unterschiedlicher Stile unter anderem John Zorn, Amon Tobin, The Cinematic Orchestra, Philip Glass, Arvo Pärt, Gia Kantscheli, Wolfgang Rihm und Sofia Gubaidulina genannt.