Reimprosa sadsch' / سجع / saǧʿ hat mit der Poesie die Verwendung des Reims gemeinsam, ist aber den strengen Kriterien des Versmaßes der arabischen Poesie nicht unterworfen. Die Sprache des Korans ist - wenn auch nicht durchgehend - Reimprosa. Bereits zu Beginn des 9. Jahrhunderts war die Reimprosa ein beliebter literarischer Stil bei der Abfassung von Briefen, Predigten (chutba), Ansprachen und in den Vorworten literarischer Werke. Sie war auch in der persischen als auch in der osmanischen Literatur beliebt.
Vor allem der in der mekkanischen Periode Mohammeds entstandene Korantext mit seinen kurzen Versen zeichnet sich durch diese Sprachform aus. Aber insgesamt sind alle Suren und Teilstücke von Suren in Reimprosa abgefaßt. Die Klangwirkung der koranischen Reimprosa veranschaulicht die Koranübersetzung von Friedrich Rückert. Sure 90, Vers 1-16 lautet:
Die Verse der Sure 96, die in der islamischen Tradition als der Rahmen zum ersten Offenbarungserlebnis Mohammeds verstanden werden, lauten in der Übersetzung des Orientalisten H. Grimme wie folgt:
Nach den neuen Erkenntissen der Koranforschung nimmt der Korantext eine „Mittelstellung zwischen Poesie und Prosa“ ein, denn die Suren werden einerseits als Versreihen, andererseits als Satzreihen verstanden.[2]
Der deutsche Orientalist Theodor Nöldeke hat in seiner heute noch wegweisenden Studie Zur Sprache des Korāns. I. Der Korān und die 'Arabija [3] die stilistischen Eigentümlichkeiten der koranischen Redekunst und die Mängel in der Handhabung der Reimprosa anhand von zahlreichen Beispielen dargestellt und darauf hingewiesen, daß Mohammeds Umgang mit dem Saǧʿ - der (koranischen) Reimprosa - in vieler Hinsicht unter der Ebene der zeitgenössischen oder frühislamischen Dichter zurückbleibt. Die oft beobachteten Wiederholungen von Reimwörtern, die Schlußsätze der Verse dienen „oft nur zur Ausfüllung des Reims oder wenigstens zu einer gewissen Abrundung“. Und: „Des,wenn auch noch so unvollkommenen, Reimes wegen mußte der Rede viel Zwang angetan werden (...) Muhammed hat gewiß viel über den Inhalt seiner Offenbarung meditiert, ehe er sie ans Licht gab, aber wenig über ihre Form.“[4]