Safer Sex

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Der Begriff Safer Sex (deutsch: sichererer Sex) ist im Zuge der Diskussion um HIV bzw. AIDS aufgekommen. Diese Wortwahl soll darauf aufmerksam machen, dass zwar keine "sicheren" (safe), wohl aber "sicherere" Sexualkontakte möglich sind und somit die Risiken einer Verbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten vermindert werden können. Im deutschen Sprachraum ist auch die Bezeichnung geschützter Sex üblich.

Verbreitung fand "Safer Sex" vor allem, nachdem die Immunschwächekrankheit AIDS in das Bewusstsein der Öffentlichkeit trat. Groß angelegte Werbeaktionen soll(t)en die Menschen insbesondere zum regelmäßigen und selbstverständlichen Gebrauch von Kondomen bewegen und damit der Ausbreitung von AIDS, aber auch der wesentlich ansteckenderen Hepatitis B Einhalt gebieten. Auch Infektionen mit Hepatitis C können damit erschwert werden.

Inhaltsverzeichnis

Aufklärung und Desinformation

Zur Zeit erlebt das Thema Safer Sex eine Renaissance und gewinnt wieder an Wichtigkeit, da aufgrund neuer Erfolge bei der Entwicklung von AIDS-Medikamenten (die das Leben der Erkrankten deutlich verlängern können) die öffentlichen Förderungen für die Sexualaufklärung reduziert wurden, inzwischen die Zahl der Neuinfektionen aber wieder wächst. Besonders beliebt sind folgende Trugschlüsse:

  • „Es gibt inzwischen wirksame Mittel gegen AIDS“
    Bei einigen Leuten besteht die Wunschvorstellung, es gäbe ein wirksames Mittel gegen HIV, was dazu führt, dass Verhütungsmittel bewusst weggelassen werden (siehe Barebacking). Insbesondere in den Werbeanzeigen der Pharmahersteller wird gern verschwiegen, dass die Nebenwirkungen der heutigen AIDS-Medikamente, die Lebensqualität der Patienten sehr stark einschränken. (Durchfälle, Kopfschmerzen, Erbrechen ...)
    Gleiches gilt für Hepatitis, in deren Krankheitsverlauf die Lebensqualität des Infizierten durch starke Medikamente und später im Endstadium durch den täglichen Gang zur Dialyse stark eingeschränkt ist.
  • „Jetzt ist es ja auch egal“ – Ungeschützter Sex trotz bekannter Infektion
    Ein weiterer gefährlicher Trugschluss ist der ungeschützte sexuelle Umgang nach einer Infektion mit HIV. Betreiben Betroffene weiterhin ungeschützten Verkehr mit anderen HIV-Infizierten, so riskieren sie, die Wirksamkeit ihrer AIDS-Medikamente weiter zu dämpfen. Dabei kann es dazu kommen, das sie sich mit einem bereits gegen ihr Präparat immunisierten Virenstamm ihres Sexualpartners anstecken (derzeit sind 3 verschiedene HIV-Stämme bekannt), wodurch sich die Lebenserwartung deutlich verkürzen und der Krankheitsverlauf verschlimmern kann.
    Auch bei anderen Sexualkrankheiten (wie zum Beispiel Herpes) steigt die Wahrscheinlichkeit bei Infektion sich mit weiteren Viren oder bakteriellen Krankheiten anzustecken, da das Gewebe durch die bestehende Infektion abgegriffen ist und leichter befallen werden kann.

Regeln zur Vermeidung von HIV-Infektionen

Zur Vermeidung einer HIV-Infektion sollte man vermeiden, dass eine der infektiösen Körperflüssigkeiten (Blut, Sperma, Vaginalsekret) mit Schleimhäuten (Vagina, Anus, Eichel, Mund, Augen, Nase) oder Wunden in Berührung kommt. Zu diesem Zweck sollten Kondome sowohl beim Analverkehr als auch beim Vaginalverkehr verwendet werden. Beim Oralverkehr wird der Gebrauch von Kondomen, Femidomen oder Lecktüchern empfohlen. Insbesondere sollte der Samenerguss in den Mund vermieden werden. Generell gilt, je stärker die Beanspruchung des Gewebes (Harter Sex) desto einfacher ist es für die Viren in das Gewebe einzudringen. Generell sollte bei der Benutzung von Kondomen auch auf ausreichende Befeuchtung (Gleitgel) geachtet werden, um das Risiko eines Defektes zu verringern und die Beanspruchung des Gewebes zu begrenzen.

Sollte es doch einmal zu einem solchen Kontakt kommen, empfiehlt es sich, die betroffene Stelle umgehend gründlich zu waschen, idealerweise unter Verwendung eines geeigneten Desinfektionsmittels, beispielsweise hochprozentiger Alkohol, Iodtinktur oder 3%ige Wasserstoffperoxidlösung.

Gehört der Partner zu einer Hochrisikogruppe oder ist bekannt positiv, sollte man idealerweise binnen 2, maximal jedoch 48 Stunden einen Arzt aufsuchen. Mit einem Schnelltest kann, das Einverständnis des Partners vorausgesetzt, binnen ca. 30 Minuten dessen Serostatus ermittelt und gegebenenfalls einen sogenannte Postexpositions-Prophylaxe eingeleitet werden. Diese vermindert das Ansteckungsrisiko um etwa 80%.

Empfängnisverhütung

Die Vermeidung unerwünschter Schwangerschaften wird zum Safer Sex hinzugerechnet. Wichtig ist, dass Verhütungsmethoden nur dann einigermaßen sicher funktionieren, wenn sie sehr konsistent angewandt werden. Besonders wichtig ist eine solide Empfängnisverhütung, wenn z. B. in einer Phase erster Verliebtheit zwischen den Partnern keine Übereinstimmung über einen Kinderwunsch besteht oder der Partner nicht sehr vertraut ist. Gängige Methoden wie z. B. Kondome haben bei typischer Benutzung einen Pearl-Index von 12. Das heißt, dass es bei etwa zwölf von einhundert Paaren, die ausschließlich mit Kondomen verhüten, im Verlauf eines Jahres zu einer Schwangerschaft kommt. Daher ist eine Kombination von mehreren Verhütungsmethoden sinnvoll.

Hepatitis

Für Menschen, die durch ihre sexuellen Praktiken erhöhte Risiken eingehen, z. B. BDSM-Praktizierende, Besucher von Darkrooms, oder Personen mit einer nicht streng monogamen Lebensweise (z. B. polyamoren Beziehungen), ist eine HIV-Infektion nicht das einzige Risiko, das abgewägt werden muss. Beispielsweise wird Hepatitis B erheblich leichter übertragen als HIV, und kommt in der breiten Bevölkerung relativ häufig vor (Rate einer chronischen Infektion in Deutschland 0,6%). Bei Menschen aus vielen Regionen (Asien, Afrika, Lateinamerika, Osteuropa) oder Angehörigen bestimmter Subkulturen ist die Infektion weit verbreitet - in einigen Ländern sind bis zu 30% der Bevölkerung chronisch infiziert.

Eine akute Infektion mit Hepatitis B nimmt, je nach Alter, in 0,5% bis 1% der Fälle einen fulminanten Verlauf, der zu Leberversagen und Tod führt, falls keine Transplantation vorgenommen werden kann. Eine Infektion wird bei gesunden Erwachsenen mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 5-10% chronisch, was langfristig mit etwa 25-prozentiger Wahrscheinlichkeit wiederum zu tödlichen Folgeerkrankungen wie Leberzirrhose oder Leberkrebs führt. Somit können ungeschützte Sexualkontakte in Bezug auf Hepatitis ein um ein vielfaches höheres langfristiges Risiko darstellen als zum Beispiel das Fahren eines Motorrads.

Hepatitis hat, im Vergleich zu HIV, ein wesentlich höheres Risiko, durch z. B. orale Praktiken wie Cunnilingus oder Fellatio übertragen zu werden. Die Gefahr einer Infektion kann drastisch verringert werden durch Verwendung von Barrieremethoden (Kondom, Lecktuch), sowie durch eine Impfung, die in vielen Fällen von den Krankenkassen übernommen wird. Auch gemeinsame Benutzung z. B. von Sexspielzeug oder Zahnbürsten kann das Virus übertragen, und muss daher vermieden werden.

Weitere Risiken

Weitere Risiken sind beispielsweise Gonorrhoe, Syphilis, Chlamydien, Papillomaviren sowie die genitale Form von Herpes. Mit einer Prävalenz von 5 bis 10 % sehr häufig ist in Deutschland eine Infektion mit Chlamydien, die in bis zu 75 % der Fälle unerkannt bleibt, jedoch unter anderem zu Unfruchtbarkeit von Frauen führen kann und hoch ansteckend ist.

Es ist, wie auch bei anderen Lebensbereichen auch, nicht möglich, alle Risiken vollständig zu eliminieren. Jedoch kann das persönliche Risiko durch eine informierte Abwägung und konsequentes Verhalten, die auf sachlichen Informationen und Orientierung an den persönlichen Werten beruhen, drastisch reduziert werden. Konsequenz ist deswegen wichtig, weil beim Umgang mit Risiken der Grundsatz gilt, daß eine Kette nur so stark ist wie ihr schwächstes Glied - bildlich gesprochen, ist eine Kette mit Gliedern gleichmäßiger mittlerer Stärke viel widerstandsfähiger als eine mit vielen sehr starken und einigen schwachen Gliedern. Um konsequentes Verhalten zu verwirklichen, ist es daher nicht hilfreich, das eigene sexuelle Verlangen völlig zu unterdrücken oder sich unrealistische Regeln aufzuerlegen - Studien zeigen, dass dies lediglich riskantes Verhalten fördert.

Enthaltsamkeit und Treue als Ersatz

Immer wieder wird diskutiert, dass z. B. Kondome wegen ihrer wissenschaftlich untersuchten Versagerquote keinen hundertprozentigen Schutz vor Infektionen geben können. So wird von manchen (vor allem durch das Lehramt der Katholischen Kirche) die Beschränkung von Sex auf die Institution der Ehe oder Enthaltsamkeit und Keuschheit als absoluter Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten empfohlen.

Demgegenüber wird von der EKD in Deutschland zur Solidarität mit Aids-Kranken aufgerufen und für den Gebrauch von Kondomen zur Bekämpfung der Immunschwächekrankheit geworben. Die EKD-Kammer für nachhaltige Entwicklung äußert im Juli 2007 in einer Studie "Für ein Leben in Würde", dass zur Bekämpfung von HIV "die Verwendung von Kondomen sowie der Verzicht auf Promiskuität" gehöre. Im 58-seitigen Text wird 22 Mal das Wort "Kondom" verwendet.[1]

Der Vatikan hat im Dezember 2003 seine Kritik an den staatlichen Safer-Sex-Kampagnen u.a. in Form einer Abhandlung mit dem Titel „Family Values Versus Safe Sex” (Familienwerte versus sicheren Geschlechtsverkehr) veröffentlicht [2]. In dem Text kritisiert Kardinal Alfonso López Trujillo die vorbehaltlose Empfehlung von Kondomen, da sie noch weniger vor Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten als vor ungewollten Schwangerschaften schützten (mind. 10% ungewollte Schwangerschaften trotz Kondom). Die Gefahr für die Übertragung von Geschlechtskrankheiten sei u.a. deshalb größer, da Viren auch zu Zeiten übertragen werden können, in welchen die Frau für Spermien nicht empfängnisbereit ist. Da nach seiner Ansicht solche Safer-Sex-Kampagnen das promiske Verhalten förderten, erhöhe sich durch die Kondombenutzung das Risiko einer Erkrankung eher, als dass es gesenkt würde. Zumindest verschleierten solche Kampagnen die trotz Kondom immer vorhandenen Gefahren des Geschlechtsverkehrs mit wechselnden Partnern. In Uganda habe dagegen eine Kampagne für eheliche Treue bzw. gegen Promiskuität zur deutlichen Abnahme der HIV-Neuinfektionen geführt [3].

Echte Treue oder völlige Enthaltsamkeit schließen das Risiko der Ansteckung aus. Dies bleibt jedoch in vielen Fällen Theorie. Trotz des Vorsatzes zur Keuschheit kann es zum Geschlechtsverkehr kommen, was dann meist ungeschützt geschieht. Eine Studie der Universitäten Columbia und Yale zeigte, dass ein Keuschheitsgelübde nicht gegen sexuell übertragbare Krankheiten hilft [4][5].

Der Erfolg in Uganda beruhte auf einem ABC-Programm. Es setzte zwar auch auf Keuschheit (Abstinenz) und Treue (Be faithful), aber Safer Sex (Condoms) war integraler Bestandteil [6]. Die Abkehr von Safer Sex geschah erst in jüngster Zeit und droht das bisher Erreichte zunichte zu machen [7].

Rechtliche Aspekte

Wer HIV-positiv ist und nicht auf Safer Sex achtet (beispielsweise beim Barebacking), bedroht das Leben seines Sexualpartners und begeht damit eine Straftat. Das gilt auch dann, wenn dieser ebenfalls HIV-positiv ist, denn das HI-Virus kann in sehr unterschiedlichen Versionen vorliegen, wodurch das Risiko eines Ausbruchs oder eines verfrühten Ausbruchs der Aidserkrankung erhöht wird.

Literatur

Virus-Hepatitis - Eine Orientierunghshilfe. Herausgegeben von der Deutschen AIDS-Hilfe, Bestellnummer 020070.

Siehe auch

Quellen

  1. EKD:Für ein Leben in Würde -Die globale Bedrohung durch HIV/Aids und die Handlungsmöglichkeiten der Kirche
  2. Kardinal A.L.Trujillo: Family Values Versus Safe Sex"
  3. Stoneburner R. und Low-Beer,D.: Population-level HIV declines and behaviour risk avoidance in Uganda. Science 2004 Apr 30; 304:714-8"
  4. Hannah Brückner and Peter Bearman: After the promise: The STD consequences of adolescent virginity pledges Journal of Adolescent Health, Band 36, Ausgabe 4, April 2005, Seiten 271-278 (englisch)
  5. Tagesspiegel Online: Wer dem Sex abschwört Bushs Keuschheitskampagne hilft nicht gegen Aids
  6. Uganda AIDS Commission: Frequently Asked Questions
  7. Praxis Psychosoziale Beratung Frankfurt am Main: Abkehr vom Kondom

Weblinks

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