Schwanensee

Schwanensee (russ. Лебединое Озеро, Lebedinoje osero) ist eines der berühmtesten Ballette, zur Musik Pjotr Iljitsch Tschaikowskis. Es ist ein fester Bestandteil des Repertoires aller klassischen Ballettkompanien.

Inhaltsverzeichnis

Handlung und Libretto

Das Libretto stammt von Begitschew und Geltzer und entsprach ganz der Vorstellung des Komponisten Tschaikowsky. Inzwischen wurde das Libretto jedoch schon häufig umgeschrieben und verändert, so dass es verschiedene Versionen mit zum Teil sehr unterschiedlichen Enden gibt. Die Sage von der verzauberten Schwanenprinzessin, die nur durch wahre Liebe aus dem Bann des bösen Zauberers erlöst werden kann, ist bei vielen Völkern bekannt.

In Schwanensee lassen sich häufige Motive zahlreicher Märchen nachweisen: Insbesondere die unglücklich verzauberte Prinzessin, die durch die Liebe eines Prinzen erlöst wird. Allerdings ist das unglückliche Ende des ursprünglichen Librettos eine Innovation, die so kaum in Märchen vorkommt.

Szene aus dem 3. Akt: die Königin und Prinz Siegfried
Szene aus dem 3. Akt: die Königin und Prinz Siegfried
Szene aus dem 3. Akt: Odile und Prinz Siegfried
Szene aus dem 3. Akt: Odile und Prinz Siegfried
Szene aus dem 4. Akt: Odette inmitten der Schwäne
Szene aus dem 4. Akt: Odette inmitten der Schwäne

Handlung

1. Akt

Prinz Siegfried feiert am Vorabend seines Geburtstags ein Fest. Seine Mutter erklärt ihm, dass es Zeit sei, erwachsen zu werden und er am nächsten Tag eine Braut wählen müsse. Der Abend endet mit dem Aufbruch zu einer Schwanenjagd.

2. Akt

Siegfried trifft Odette, eine Prinzessin, die von dem Zauberer Rotbart mit einem Fluch belegt wurde. Nun ist sie bei Tag ein Schwan und bei Nacht ein Mensch. Nur wenn jemand sie ehrlich liebt und ihr treu ist, kann sie erlöst werden. Siegfried lädt sie zum Ball am nächsten Abend ein, um sie seiner Mutter als Braut vorzustellen.

3. Akt

An Siegfrieds Geburtstagsfeier nehmen Abgesandte aus verschiedenen Ländern teil und stellen jeweils eine Heiratskandidatin vor. Als Rotbarts Tochter Odile in der Gestalt Odettes, wenn auch ganz in schwarz, erscheint, macht Siegfried ihr einen Heiratsantrag. Als er seinen Irrtum erkennt, ist der Prinz entsetzt und eilt zum See.

4. Akt

Der Prinz bittet Odette um Verzeihung und sie vergibt ihm. Eine große von Rotbart geschickte Welle droht Siegfried zu ertränken. Odette stürzt sich in die Flut, um Siegfried zu retten. Abhängig von der Inszenierung stirbt entweder Siegfried oder beide leben glücklich bis an ihr Lebensende.

Rollen

Neben den technischen Anforderungen stellt das Ballett auch hohe Ansprüche an die schauspielerischen Fähigkeiten der Darsteller. Prägende Rolle des Stücks ist die Doppelrolle der Odette/Odile, die neben den tänzerischen Anforderungen die Tänzerin zwingt, zum einen einen lyrischen, guten Charakter zu verkörpern, zum anderen einen dämonischen. Nach Legnani tanzten unter anderem auch Anna Pawlowa, Tamara Karsawina, Maria Danilowa oder Margot Fonteyn berühmte Interpretationen der Rolle.

Siegfried muss in dem Moment, in dem er den Betrug entdeckt, vom etwas arglosen und glücklichen Verliebten in den wütenden und zornigen Betrogenen wechseln. John Figg beschreibt eine starke dramatische Wirkung des Stücks dadurch, „dass der Prinz zu einem lebenden Wesen gemacht wurde, der die Tragödie durchlebt, anstatt ein menschlicher Kran zu sein, der lediglich die Ballerina aufhebt.

Tanz und Musik

Die Rollen von Odette und Odile werden meist von ein und derselben Tänzerin getanzt. Es ist eine der anspruchsvollsten und anstrengendsten Rollen des klassischen Balletts. Es werden nicht nur zwei völlig unterschiedliche Charaktere dargestellt, auch die Choreographie stellt höchste Ansprüche an die Tänzerin. Unter anderem verlangt die Rolle, in einer der bekanntesten Szenen im 3. Akt, 32 Fouettés. Dieses Kunststück wurde in die Choreographie eingebaut, weil es die Spezialität von Pierina Legnani war, der ersten Prima Ballerina Assoluta des Mariinski-Theaters.

Geschichte

Inszenierungen

Seine Uraufführung erlebte Schwanensee am 20. Februar (bzw. nach gregorianischer Zeitrechnung am 4. März) 1877 im Moskauer Bolschoi-Theater in einer Inszenierung von Wenzel Julius Reisinger mit der Primaballerina Pelagaja Karpakowa - die Aufführung war von einer ungenügenden Vorbereitung und technisch mangelhaften Darstellern sowie einer ebensolchen Ausstattung gekennzeichnet. Das Bolshoi-Ballett hatte zu dieser Zeit jedoch nicht das erforderliche Niveau um dieses Stück zu tanzen und so wurden die zu schwierigen Stellen in der Musik einfach gestrichen und durch leichtere Nummern anderer Komponisten ersetzt. Die Aufführung wurde dadurch unbeliebt und schnell wieder abgesetzt.Sie litt ebensosehr unter den damaligen Umständen des Balletts, die John Cranko in seinem Stuttgarter Programmheft beschreibt: „... geschichtliche Ereignisse wurden völlig geändert, Nationaltänze wurden in ganz falschen Ländern und total unpassenden Kostümen getanzt... Danach wurde vom Komponisten verlangt, eine Anzahl allgemein beliebter Rhythmen wie Polka, Galopp, Walzer oder Mazurka zu liefern. ... das ganze wurde von einem Ballettmeister auf einer Diskant-Violine geprobt, so daß der Tanz mit dem Orchester zusammengebracht manchmal einen sonderbaren Gegensatz zur Musik darstellte. Auch mußte die Primaballerina von den 'Nummern' befriedigt sein, und war sie es nicht, war es leicht die Stücke zu streichen, unbekümmert darum, ob die musikalische Sequenz unterbrochen wurde oder nicht.“ Unter diesen Umständen floppte Schwanensee bei seiner Erstaufführung wenig überraschend.

Die Inszenierungen ab 1880, Tschaikowskis Ruhm begann langsam auch außerhalb Russlands zu wachsen, hatten nur mäßigen Erfolg, vor allem aber entstellen sie das Ballett immer weiter. Nikolai D. Kaschkin, Musikkritiker und Leiter des Konservatoriums in Moskau, schrieb in seinen Memoiren von 1896: „Der Ersatz der ursprünglichen Nummern durch eingeschobene wurde in immer höherem Grade praktiziert, und schließlich war fast ein ganzes Drittel der Musik von Schwanensee durch Einschübe aus andere Balletten ersetzt, zudem meist nur durchschnittlichen.

Die bis heute maßgebliche Inszenierung wurde am 17. Februar/15. Januar 1895 am Mariinski-Theater in Sankt Petersburg aufgeführt. Die Choreographie war von Marius Petipa und Lew Iwanow. Spätere Inszenierungen lehnen sich meist sehr eng an diese Fassung an. Die Petersburger kamen wahrscheinlich durch konzertante Aufführungen des zweiten Akts im Mariinski-Theater 1894 auf die Idee, das Ballett wiederzubeleben. Auf Auftrag des Petersburger Theaterdirektors Iwan Wsewoloschski überarbeitete Tschaikowskis Bruder Modest die Partitur grundlegend. Die Inszenierung war ebenfalls nur ein mäßiger Erfolg, sie ist unautorisiert, da es keinerlei Anzeichen gibt, dass Tschaikowski selbst je eine Umarbeitung in Betracht zog, aber sie beeinflusste die gesamte weitere Aufführungspraxis zutiefst.

Petipa selbst rechnete nicht mit dem Erfolg und traf auch keine Vorkehrungen für die weitere Aufführungspraxis: weder ließ er die Choreographie Schritt für Schritt notieren, noch traf er Verfügungen über den Umgang mit der Choreographie nach seinem Tod. Erst 1934 gelang mit dem London-Emigranten Nikolai Sergejew überhaupt eine einigermaßen vollständige Aufzeichnung der Version in den Westen. Die erste Aufführung des Kirow-Balletts im Westen musste bis 1969 warten.

Alternative Interpretationen

Bekannte Inszenierungen stammen von George Balanchine (New York), Bourmeister (Moskau), Orlikowski (Basel) und John Cranko (Stuttgart 1972/73).

Zu den bekanntesten Neuinterpretationen von Schwanensee gehört John Neumeiers „Illusions like swan lake“, das 2002 in Hamburg uraufgeführt wurde.

Noch erfolgreicher war „Matthew Bourne's Swan Lake“, in dem die Schwäne ausschließlich von Männern getanzt werden. Diese Choreografie wurde 1995 in London am Sadler's Wells Theatre uraufgeführt. Sie feierte ebenso Erfolge bei Tourneen durch Europa, Nordamerika und Japan.

Weblinks

Bilder (JPEG-Format):

Noten:

Literatur

  • Thomas Kohlhase: Schwanensee in: Einführung in ausgewählte Werke Petr Il'ič Čajkovskijs, Mainz u. a., Schott 1996, S. 13-31.
Quelle:
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